
Einleitung
Ein Kosmopolit wie der Europäer Erasmus war Melanchthon nicht.
Reisen nach Italien, Frankreich, England, Dänemark, Ostpreußen
wurden zwar erwogen, aber nie verwirklicht. Zeitlebens blieb er in den Grenzen
des heutigen Deutschland, herangebildet im Südwesten, dann 42 Jahre
Professor in Wittenberg. Dorthin freilich kamen Studenten aus ganz Europa,
von Portugal bis Polen, von Siebenbürgen bis Schottland, von Italien
bis Finnland. Solange Melanchthon an der Universität Wittenberg lehrte,
noch 14 Jahre nach Luthers Tod, blieb sie die meistbesuchte Hochschule
Deutschlands und eines der großen Wissenschaftszentren Europas. Sein
Weltbild war universal, und Weltgeschichte trug er seinen Studenten vor.
Dabei rückte das Deutsche Reich zeitlich an das Ende der Welt, zwar
nicht als Gipfel eines Fortschritts, den Melanchthon nicht kennt, weil nach
seiner Überzeugung schon das biblische Altertum die Maßstäbe
unerreichbar hoch gesetzt hatte, aber doch als das irdische Ziel der Geschichte,
in dem noch einmal die alte Botschaft des Evangeliums neu entdeckt und gesagt
wurde. Das von den Römern durch Karl den Großen auf die Germanen
übertragene Kaisertum, nun verkörpert durch den Habsburger Karl
V., war für Melanchthon wie für die meisten seiner Zeitgenossen
der verehrungswürdige und voll bejahte politische Lebensraum. Wie viele
deutsche Humanisten seit Celtis und Wimpfeling wollte er die von den Italienern
vernachlässigte Geschichte der Deutschen ins rechte Licht gestellt sehen.
Das Kaisertum und jede Obrigkeit - modern gesprochen: der Staat - war für
ihn aber kein Selbstzweck, sondern von Gott eingesetzt, um Religion, Recht
und Frieden zu erhalten. Er mahnt die Fürsten, Uneinigkeit und Zwietracht
zu verhüten, "damit sie nicht Ursach geben, daß dieses Reich zerrissen
und das rechte Haupt der ganzen Weltordnung zerstöret werde, dadurch
hernach Unordnung folgen müßte in ganzer Christenheit". Doch tat
er dies ohne große Hoffnung auf Erfolg. Sein Trost war, "daß
der Jüngste Tag bald kommen soll nach Zerstörung dieses Deutschen
Reichs" (Vorrede zur Carions-Chronik 1532). Melanchthons Leben wurde
geprägt von dem Ringen um die Einheit des Reichs, die für ihn und
seine Zeit durch die Einheit im Glauben begründet war. Pluralität
der Meinungen in politischer Toleranz mußte erst allmählich gelernt
werden. Melanchthon erlebte noch den Augsburger Religionsfrieden 1555. Doch
stärker war die leidvolle Erfahrung dessen, was er schon aus der
Kirchengeschichte wußte, nämlich daß religiöse Wahrheit
und politische Macht sehr oft in
Gegensatz zueinander geraten.
Was bedeutet Melanchthon für die deutsche Geschichte? Die Einheit
einer Nation ist in der gemeinsamen Kultur begründet, einem Konglomerat
von historisch gewachsenen rationalen und emotionalen Gegebenheiten, dem
tragenden Fundament, das auch politische und weltanschauliche Streitigkeiten
und sogar Kriege aushält. Melanchthon hat das Fundament der deutschen
Nation gepflegt. Die Spaltung der verfaßten Kirche zerstörte nicht
die gemeinsame Tradition der Bibel und des christlichen Altertums, und daß
das griechisch-römische Erbe ebenso unaufgebbar ist, hat er gegen
bildungsfeindliche Tendenzen im eigenen Umkreis deutlich gemacht und
durchgesetzt. Mit seinem akademischen Lehramt an zwei Fakultäten, der
philosophischen und theologischen, verkörpert er die Einheit dieser
christlich-abendländischen Tradition. Im Verein mit Luther und manchen
anderen hat er das christlich-humanistische Bildungswesen geschaffen, das
von anderen, auch von den Jesuiten, aufgenommen und weiterentwickelt wurde
und über Aufklärung und Neuhumanismus bis in unsere Tage nachwirkt.
Es wurde bislang durch nichts Besseres ersetzt. Mittel dieser Bildung ist
die Sprache, der reflektierte Umgang mit dem Wort. Dank der intensiven Schulung
in formaler Logik erlangten ganze Generationen die Fähigkeit, sich rational
und verständlich auszudrücken, Gemeinsamkeit und Gegensätze
des Denkens, Fühlens und Wollens auf den Begriff zu bringen. In dem
halben Jahrtausend seither haben sich die Menschen und durch sie ihre Welt
verändert. Wir können von einem Denker der Vergangenheit keine
direkten Lösungen von Gegenwartsproblemen erwarten, sind vielmehr
überrascht, wenn wir dennoch unmittelbar einleuchtende Thesen finden.
Nicht zeitgebunden aber ist die Grundhaltung, die Weise des Umgangs mit
ideologischen und sozialen Gegebenheiten. Melanchthon war bemüht, zu
verstehen und sich verständlich zu machen, und er wußte, daß
der Friede wichtiger ist als das gewaltsame Durchsetzen partikularer Interessen.
Er selbst war für Frieden und Einheit tätig, aber noch mehr galt
ihm die Wahrheit, wie er sie erkannt hatte. Dem politischen Kampf für
Kirche und Reich hat er die Möglichkeit eines beschaulichen Gelehrtenlebens
geopfert. Dennoch schrieb und publizierte er unermüdlich theologische,
philosophische, philologische und literarische Bücher und Schriften,
zum Teil in immer neuen Fassungen.