Zeitschrift

 

Berlin

Europäische Metropole

und deutsche Hauptstadt

 


Heft  31 - 1995

Hrsg.: LpB


 

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1. Berlin vom Fall der Mauer
am 9. 11. 1989 bis zur Vereinigung
der Stadt am 3. 10. 1990

Mit der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg verlor Berlin de facto seine Hauptstadtfunktion. Mit der Gründung der beiden deutschen Staaten (Bundesrepublik Deutschland Mai 1949, DDR Oktober 1949) wurde auch Berlin geteilt. Ost-Berlin wurde zur Hauptstadt der DDR ausgebaut, die »Insel« West-Berlin inmitten des Territoriums der DDR in das Rechts-, Wirtschafts- und Sozialsystem der Bundesrepublik Deutschland eingegliedert. Die Verantwortung für die Sicherheit der Teilstadt behielten die drei Westmächte. Berlin (West) wurde somit ein Bundesland mit besonderer politischer Prägung.

Berlin am 9. November 1989

Als am Abend des 9. November 1989 die DDR-Führung völlig überraschend die Grenze zu Berlin West öffnete, (siehe Zeittafel), begann faktisch der bis heute anhaltende Prozeß der Wiedervereinigung der Stadt.

Ich saß als Abgeordneter des Charlottenburger Stadtparlaments in der monatlichen Plenarsitzung im Rathaus zu Berlin-Charlottenburg. Gegen 20 Uhr bat plötzlich die Vorsitzende der CDU-Rathausfraktion ums Wort und teilte mit, daß sie eben aus dem Radio erfahren habe, die DDR wolle die Mauer öffnen. Ein Aufschrei ging durch den Saal, die Sitzung wurde abgebrochen, wir eilten so schnell wie möglich zum Brandenburger Tor. Dort angekommen, war alles ruhig, fast menschenleer – mit einer Ausnahme: zwei amerikanische Fernsehgesellschaften hatten ihre Aufnahmegeräte installiert. Wir, d. h. etwa zehn Kollegen aus allen Fraktionen, stiegen auf das Besucherpodest gegenüber dem Brandenburger Tor; hier standen einst schon die amerikanischen Präsidenten Kennedy und Reagan. Wir riefen im Chor »Die Mauer muß weg!« und sangen die dritte Strophe unserer Nationalhymne. Die Posten der Grenztruppen zeigten keine Reaktion, nur hinter dem Tor auf der östlichen Seite standen in einigen 100 Metern Entfernung hinter Absperrbarrieren einige Schaulustige.
Persönlicher Bericht des Verfassers

Die Gefühle der Menschen in den ersten Tagen und Wochen nach dem Mauerfall waren bestimmt durch Freude und Erleichterung. Der »Insulaner« war nun plötzlich keiner mehr, Hunderttausende aus dem Ostteil der Stadt und der übrigen DDR strömten in die Einkaufszentren, umgekehrt nahmen die Westler allmählich wahr, daß ihre Stadt nun plötzlich wieder ein Umland hatte, das ohne Kontrollen jederzeit zu betreten war. Für Bürger beider Stadthälften begann ein Umgewöhnungs- und Umorientierungsprozeß, der auch gegenwärtig noch anhält. In dieser Zeit wurden die bis heute gängigen Begriffe »Ossie« und »Wessie« gebräuchlich, wobei sich mancher Berliner als »Wossie« bezeichnet.

Eine reformierte, demokratische und selbständige DDR war nach dem Fall der Mauer eine Zielsetzung nicht nur der neuen kommunistischen Führungsspitze um Ministerpräsident Modrow, sondern auch mancher DDR-Bürger. Aber Ende 1989 wurde die Forderung der Menschen auf den großen Demonstrationen in Leipzig und Berlin nach einer Vereinigung immer stärker. Die ersten freien Wahlen
zur Volkskammer der DDR am 18. März 1990 legitimierten die aus ihnen hervorgegangene Regierung unter Ministerpräsident de Maizière zu den entscheidenden Vereinigungsgesprächen mit der Bundesregierung, die am 1./2. Juli 1990 zu der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zwischen den beiden deutschen Staaten führten.

Aus der Regierungserklärung von Ministerpräsident Modrow vom 17. 11. 1989
[...] »Wir sind das Volk«, hatten wir am 4. November bei der überwältigenden Protestdemonstration gegen Unterdrückung der Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit in Berlin immer wieder gerufen. Sicher waren dabei die Ansichten ganz und gar nicht einheitlich, was denn mit diesen machtvoll geforderten Freiheiten anzufangen wäre. Wenn ich jedoch diese Demonstration im rechten Licht sehe, dann herrschte darin weitgehende Übereinstimmung, daß wir eine sozialistische Gesellschaft in Angriff nehmen wollen, in der sich eine vom Volk frei gewählte Regierung zuallererst dem Willen der Mehrheit verpflichtet sieht. Und dieser Eindruck hat sich mir in den vergangenen Tagen in vielen Gesprächen mit reisenden oder gereisten DDR-Bürgern bestätigt. Wir sollten uns vor Augen halten, daß die Öffnung der Grenze
Ergebnis von Demonstrationen und damit einer großen Volksbewegung
ist [...]
J. Eckert Berliner Zeitung, Berlin [Ost], vom 18./19. 11. 1989

 


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