Zeitschrift

 

Berlin

Europäische Metropole

und deutsche Hauptstadt

 


Heft  31 - 1995

Hrsg.: LpB


 

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I. Einführung


Reichstag, Potsdamer Platz, Prenzlauer Berg, »Mauer in den Köpfen« – das sind jedem Deutschen inzwischen vertraute Begriffe. Berlin ist zum Dauerthema der Medien geworden. Nicht lange vor der Maueröffnung, 1987, erschien in dieser Reihe ein Heft über Berlin. Warum nun ein zweites? Die Heftreihe erfuhr seither eine Umbenennung, heißt mittlerweile Deutschland und Europa. Städte können das Spannungsfeld, das der neue Titel umreißt, konkretisieren. Berlin war in seiner neueren Geschichte ein Ort, von dem Impulse für ganz Europa ausgingen. In den zwanziger Jahren zählte die Stadt zu den wichtigsten Kulturzentren der Welt. Zwei Beiträge dieses Heftes werfen Schlaglichter auf Berlin als pulsierendes Laboratorium neuer ästhetischer Richtungen in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg: Dada in Berlin und »Neues Bauen« werden thematisiert. Literarische Blicke auf Berlin zeigen die immer wieder neue Faszination durch die Stadt.

Wer eine Stadt als europäische thematisieren will, muß sich auch mit den Menschen befassen, die von woanders, aus anderen europäischen Ländern und Kulturen kommen. Wie gingen Zuwanderer und Einheimische miteinander um? Es gibt verschiedene Formen: Assimilation, Aufgehen im Fremden, Bewahrung von Eigenständigkeit, aber auch mörderische Ausgrenzung von Menschen, die als nichtzugehörig gebrandmarkt werden durch die, welche sich alleiniges Existenzrecht anmaßen. Die Hugenotten, die Juden und die Türken in Berlin sind Themen dieses Heftes, um Formen des Aufeinandertreffens von Fremden und bereits Ansässigen beispielhaft zu zeigen, in Geschichte und Gegenwart.

Die Welt war jahrzehntelang in zwei sich gegenüberstehende Machtblöcke gespalten. Berlin ist der Ort, an dem die nun Geschichte gewordene Spaltung nach wie vor sichtbar ist. Deutsche und europäische Geschichte verdichten sich in Berlin in bemerkenswerter Konfrontation: preußische Prachtstraßen, Gründerzeitbauten, Relikte nationalsozialistischer Herrschaftsarchitektur, Stalinallee und Kudamm. Das Heft, das hier vorgelegt wird, zeichnet die Geschichte der Stadt seit der Wende nach, die langsam voranschreitende Integration von Ost- und Westberlin. Die Hauptstadtperspektive wird in stadtplanerischen Anstrengungen und neuen Bauten konkret. Exemplarisch soll in einem Beitrag des Heftes der Blick des Lesers auf die sich sichtbar verändernde und neu bildende Stadt gelenkt werden.

Es werden Schlaglichter, Aspekte, Beispiele angeboten.

In der Schule ist doppelte Verwendung möglich: Zum einen im Unterricht, in den Fächern Geschichte, Gemeinschaftskunde, Geographie, Deutsch, Kunst, Religion und Ethik. Auch für fächerverbindenden Unterricht kann das Heft Planungshilfe bieten. So könnte man die Geschichte der Berliner Juden parallel in Geschichte, Religion und Ethik behandeln. Zum anderen kann das neue Berlin-Heft Berlin-Fahrten vorbereiten helfen und Rundgänge in der Stadt anregen. Wer nach Berlin reist, erlebt eine Stadt, in der wie an keinem anderen Ort deutsche Geschichte konkret erfahrbar ist – mit dem, was wir als Fortschritt gutheißen, aber auch mitsamt historischen Irrwegen und Brüchen.

Berlin durchlebt eine tiefgreifende und rasante Wandlung. Der aktuelle Stand der Dinge verändert sich rasch. Historische Kapitel bilden daher einen großen Teil dieses Heftes, das möglichst lange verwendbar sein soll. Und Vergangenes kehrt wieder. »Der Potsdamer Platz sieht aus wie eine große erbärmliche Rißwunde der Stadt, Tag für Tag, Nacht für Nacht wühlen Arbeiter in dieser Wunde. Seit Monaten ist die Verkehrsregelung in Berlin in dem Maße aktuell, daß sie peinlich wird.« Das schrieb Joseph
Roth 1924.

II. Berlin:

Hauptstadt und
Regierungssitz
des vereinten Deutschlands

Zeittafel: Berlin 1944–1995

12. 9. 1944 Londoner Protokolle: Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen
und in das Sondergebiet Berlin, das von den
Siegermächten gemeinsam besetzt und verwaltet wird
2. 5. 1945 Die Rote Armee erobert Berlin
4. 7. 1945 Die Westalliierten besetzen ihre Sektoren in Berlin
16. 6. 1948 Die sowjetischen Vertreter verlassen die Alliierte Stadtkommandantur
24. 6. 1948 – 12. 5. 1949 Berliner Blockade
26. 6. 1948 Beginn der Luftbrücke
30. 11. 1948 Mit der Ausrufung eines neuen »demokratischen« Magistrats
durch die SED im Ost-Sektor wird die einheitliche
Stadtverwaltung gespalten
30. 9. 1949 Beschluß des Bundestags: Berlin ist die Hauptstadt
Deutschlands
1. 10. 1950 Die »Verfassung von Berlin« wird von der in West-
Berlin tagenden Stadtverordnetenversammlung verabschiedet.
17. 6. 1953 Arbeiteraufstand in Ost-Berlin und der DDR
27. 11. 1958 Die Sowjetunion fordert die Westmächte ultimativ auf,
innerhalb von sechs Monaten West-Berlin zu verlassen
und es in eine entmilitarisierte »Freie Stadt Westberlin«
umzuwandeln
1960 Unter dem Druck zunehmender Zwangsmaßnahmen
(Zwangskollektivierung) melden sich im Jahr 1960 nahezu
200 000 DDR-Flüchtlinge in den Notaufnahmelagern
West-Berlins
13. 8. 1961 Bau der Berliner Mauer
17. 12. 1963 Das Passierscheinabkommen ermöglicht den Westberlinern
erstmals seit dem Mauerbau über Weihnachten und
Neujahr wieder Besuche im Ostteil der Stadt
3. 9. 1971 Vier-Mächte-Abkommen im Gebäude des Alliierten Kontrollrats in West-Berlin unterzeichnet
1971–1989 Auf der Basis des Vier-Mächte-Abkommens praktische
Verbesserungen in den innerstädtischen Beziehungen.
Die Besucherzahlen aus West-Berlin im Ostteil der Stadt
steigen von nahezu Null auf ein Maximum von 3,8 Mio.
(1973), die Durchreisen im Straßen-Transitverkehr von 7,6 auf rund 27 Mio. (1988)
18. 1. 1989 Erich Honecker erklärt, die Mauer »wird in 50 und auch in
100 Jahren bestehen bleiben...«
11. 9. 1989 Ungarn öffnet seine Grenzen; Zehntausende DDRBewohner
verlassen ihr Land
9. 11. 1989 Nach Botschaftsbesetzungen in Warschau und Prag,
Massenfluchten über Ungarn und die Tschechoslowakei,
Großdemonstrationen und Rücktritt der Parteiführung öffnet
die DDR in den Abendstunden überraschend die
Übergänge zu West-Berlin und zur Bundesrepublik
Deutschland
22. 12. 1989 Die DDR öffnet das Brandenburger Tor. Mindestumtausch
und Visumzwang für westliche Besucher werden aufgehoben
31. 8. 1990 Im Palais Unter den Linden in Ost-Berlin, dem ehemaligen
Kronprinzenpalais, wird der Einigungsvertrag zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen
Demokratischen Republik unterzeichnet. Artikel 2
bestimmt Berlin zur Hauptstadt des zukünftigen Deutschlands
3. 10. 1990 Um 0.00 Uhr tritt die DDR der Bundesrepublik Deutschland
bei
4. 10. 1990 Das erste gesamtdeutsche Parlament nach dem II. Weltkrieg
tritt zu seiner konstituierenden Sitzung im Reichstagsgebäude
in Berlin zusammen
21. 6. 1991 Beschluß des Deutschen Bundestags: Berlin wird Sitz der
Bundesregierung und des Deutschen Bundestags
Mitte 1994 Abzug der letzten alliierten Truppen aus Berlin auf Grund
des 2+4-Vertrags zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier Alliierten
22. 6. 1995 Die Parlamente der Länder Berlin und Brandenburg stimmen
mit Zwei-Drittel-Mehrheit dem Entwurf des Staatsvertrags
zur Bildung eines gemeinsamen Bundeslandes
zu (Neugliederungsvertrag)
Bis ca. 2001 geplanter Abschluß des Umzugs von Bundestag und
Regierung

Zusammengestellt nach: Berlin im Überblick, hg. vom Informationszentrum
Berlin, 1990, mit Ergänzungen

Die Zeittafel »Berlin 1944–1995« gibt in geraffter Form die historische und politische Entwicklung wider, von der die Stadt seit dem Kriegsende und in den Nachkriegsjahren bis zum gegenwärtigen Stand (1995) geprägt worden ist.

Eine zusammenhängende Darstellung der Geschichte der geteilten Stadt bis in die achtziger Jahre findet sich in Heft 12/1987 der damals noch »Die deutsche Frage im Unterricht « genannten vorliegenden Reihe (»Berlin– Hauptstadt und geteilte Stadt«, S. 4–19). Der Schwerpunkt des folgenden
Beitrags ist die Entwicklung Berlins seit 1989.

 


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