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I. Einführung
Reichstag, Potsdamer Platz, Prenzlauer Berg, »Mauer in den Köpfen« – das
sind jedem Deutschen inzwischen vertraute Begriffe. Berlin ist zum
Dauerthema der Medien geworden. Nicht lange vor der Maueröffnung, 1987,
erschien in dieser Reihe ein Heft über Berlin. Warum nun ein zweites?
Die Heftreihe erfuhr seither eine Umbenennung, heißt mittlerweile
Deutschland und Europa. Städte können das Spannungsfeld, das der neue
Titel umreißt, konkretisieren. Berlin war in seiner neueren Geschichte
ein Ort, von dem Impulse für ganz Europa ausgingen. In den zwanziger
Jahren zählte die Stadt zu den wichtigsten Kulturzentren der Welt. Zwei
Beiträge dieses Heftes werfen Schlaglichter auf Berlin als pulsierendes
Laboratorium neuer ästhetischer Richtungen in den Jahren nach dem Ersten
Weltkrieg: Dada in Berlin und »Neues Bauen« werden thematisiert.
Literarische Blicke auf Berlin zeigen die immer wieder neue Faszination
durch die Stadt.
Wer eine Stadt als europäische thematisieren will, muß sich auch mit
den Menschen befassen, die von woanders, aus anderen europäischen
Ländern und Kulturen kommen. Wie gingen Zuwanderer und Einheimische
miteinander um? Es gibt verschiedene Formen: Assimilation, Aufgehen im
Fremden, Bewahrung von Eigenständigkeit, aber auch mörderische
Ausgrenzung von Menschen, die als nichtzugehörig gebrandmarkt werden
durch die, welche sich alleiniges Existenzrecht anmaßen. Die Hugenotten,
die Juden und die Türken in Berlin sind Themen dieses Heftes, um Formen
des Aufeinandertreffens von Fremden und bereits Ansässigen beispielhaft
zu zeigen, in Geschichte und Gegenwart.
Die Welt war jahrzehntelang in zwei sich gegenüberstehende
Machtblöcke gespalten. Berlin ist der Ort, an dem die nun Geschichte
gewordene Spaltung nach wie vor sichtbar ist. Deutsche und europäische
Geschichte verdichten sich in Berlin in bemerkenswerter Konfrontation:
preußische Prachtstraßen, Gründerzeitbauten, Relikte
nationalsozialistischer Herrschaftsarchitektur, Stalinallee und Kudamm.
Das Heft, das hier vorgelegt wird, zeichnet die Geschichte der Stadt
seit der Wende nach, die langsam voranschreitende Integration von Ost-
und Westberlin. Die Hauptstadtperspektive wird in stadtplanerischen
Anstrengungen und neuen Bauten konkret. Exemplarisch soll in einem
Beitrag des Heftes der Blick des Lesers auf die sich sichtbar
verändernde und neu bildende Stadt gelenkt werden.
Es werden Schlaglichter, Aspekte, Beispiele angeboten.
In der Schule ist doppelte Verwendung möglich: Zum einen im Unterricht,
in den Fächern Geschichte, Gemeinschaftskunde, Geographie, Deutsch,
Kunst, Religion und Ethik. Auch für fächerverbindenden Unterricht kann
das Heft Planungshilfe bieten. So könnte man die Geschichte der Berliner
Juden parallel in Geschichte, Religion und Ethik behandeln. Zum anderen
kann das neue Berlin-Heft Berlin-Fahrten vorbereiten helfen und
Rundgänge in der Stadt anregen. Wer nach Berlin reist, erlebt eine
Stadt, in der wie an keinem anderen Ort deutsche Geschichte konkret
erfahrbar ist – mit dem, was wir als Fortschritt gutheißen, aber auch
mitsamt historischen Irrwegen und Brüchen.
Berlin durchlebt eine tiefgreifende und rasante Wandlung. Der
aktuelle Stand der Dinge verändert sich rasch. Historische Kapitel
bilden daher einen großen Teil dieses Heftes, das möglichst lange
verwendbar sein soll. Und Vergangenes kehrt wieder. »Der Potsdamer Platz
sieht aus wie eine große erbärmliche Rißwunde der Stadt, Tag für Tag,
Nacht für Nacht wühlen Arbeiter in dieser Wunde. Seit Monaten ist die
Verkehrsregelung in Berlin in dem Maße aktuell, daß sie peinlich wird.«
Das schrieb Joseph
Roth 1924.
II. Berlin:
Hauptstadt und
Regierungssitz
des vereinten Deutschlands
Zeittafel: Berlin 1944–1995
| 12. 9. 1944 |
Londoner Protokolle: Einteilung
Deutschlands in Besatzungszonen
und in das Sondergebiet Berlin, das von den
Siegermächten gemeinsam besetzt und verwaltet wird |
| 2. 5. 1945 |
Die Rote Armee erobert Berlin |
| 4. 7. 1945 |
Die Westalliierten besetzen ihre
Sektoren in Berlin |
| 16. 6. 1948 |
Die sowjetischen Vertreter verlassen
die Alliierte Stadtkommandantur |
| 24. 6. 1948 – 12. 5. 1949 |
Berliner Blockade |
| 26. 6. 1948 |
Beginn der Luftbrücke |
| 30. 11. 1948 |
Mit der Ausrufung eines neuen
»demokratischen« Magistrats
durch die SED im Ost-Sektor wird die einheitliche
Stadtverwaltung gespalten |
| 30. 9. 1949 |
Beschluß des Bundestags: Berlin ist die
Hauptstadt
Deutschlands |
| 1. 10. 1950 |
Die »Verfassung von Berlin« wird von
der in West-
Berlin tagenden Stadtverordnetenversammlung verabschiedet. |
| 17. 6. 1953 |
Arbeiteraufstand in Ost-Berlin und der
DDR |
| 27. 11. 1958 |
Die Sowjetunion fordert die Westmächte
ultimativ auf,
innerhalb von sechs Monaten West-Berlin zu verlassen
und es in eine entmilitarisierte »Freie Stadt Westberlin«
umzuwandeln |
| 1960 |
Unter dem Druck zunehmender
Zwangsmaßnahmen
(Zwangskollektivierung) melden sich im Jahr 1960 nahezu
200 000 DDR-Flüchtlinge in den Notaufnahmelagern
West-Berlins |
| 13. 8. 1961 |
Bau der Berliner Mauer |
| 17. 12. 1963 |
Das Passierscheinabkommen ermöglicht
den Westberlinern
erstmals seit dem Mauerbau über Weihnachten und
Neujahr wieder Besuche im Ostteil der Stadt |
| 3. 9. 1971 |
Vier-Mächte-Abkommen im Gebäude des
Alliierten Kontrollrats in West-Berlin unterzeichnet |
| 1971–1989 |
Auf der Basis des Vier-Mächte-Abkommens
praktische
Verbesserungen in den innerstädtischen Beziehungen.
Die Besucherzahlen aus West-Berlin im Ostteil der Stadt
steigen von nahezu Null auf ein Maximum von 3,8 Mio.
(1973), die Durchreisen im Straßen-Transitverkehr von 7,6 auf rund
27 Mio. (1988) |
| 18. 1. 1989 |
Erich Honecker erklärt, die Mauer »wird
in 50 und auch in
100 Jahren bestehen bleiben...« |
| 11. 9. 1989 |
Ungarn öffnet seine Grenzen;
Zehntausende DDRBewohner
verlassen ihr Land |
| 9. 11. 1989 |
Nach Botschaftsbesetzungen in Warschau
und Prag,
Massenfluchten über Ungarn und die Tschechoslowakei,
Großdemonstrationen und Rücktritt der Parteiführung öffnet
die DDR in den Abendstunden überraschend die
Übergänge zu West-Berlin und zur Bundesrepublik
Deutschland |
| 22. 12. 1989 |
Die DDR öffnet das Brandenburger Tor.
Mindestumtausch
und Visumzwang für westliche Besucher werden aufgehoben |
| 31. 8. 1990 |
Im Palais Unter den Linden in
Ost-Berlin, dem ehemaligen
Kronprinzenpalais, wird der Einigungsvertrag zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen
Demokratischen Republik unterzeichnet. Artikel 2
bestimmt Berlin zur Hauptstadt des zukünftigen Deutschlands |
| 3. 10. 1990 |
Um 0.00 Uhr tritt die DDR der
Bundesrepublik Deutschland
bei |
| 4. 10. 1990 |
Das erste gesamtdeutsche Parlament nach
dem II. Weltkrieg
tritt zu seiner konstituierenden Sitzung im Reichstagsgebäude
in Berlin zusammen |
| 21. 6. 1991 |
Beschluß des Deutschen Bundestags:
Berlin wird Sitz der
Bundesregierung und des Deutschen Bundestags |
| Mitte 1994 |
Abzug der letzten alliierten Truppen
aus Berlin auf Grund
des 2+4-Vertrags zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier
Alliierten |
| 22. 6. 1995 |
Die Parlamente der Länder Berlin und
Brandenburg stimmen
mit Zwei-Drittel-Mehrheit dem Entwurf des Staatsvertrags
zur Bildung eines gemeinsamen Bundeslandes
zu (Neugliederungsvertrag) |
| Bis ca. 2001 |
geplanter Abschluß des Umzugs von
Bundestag und
Regierung |
Zusammengestellt nach: Berlin im Überblick, hg. vom
Informationszentrum
Berlin, 1990, mit Ergänzungen
Die Zeittafel »Berlin 1944–1995« gibt in geraffter Form die
historische und politische Entwicklung wider, von der die Stadt seit dem
Kriegsende und in den Nachkriegsjahren bis zum gegenwärtigen Stand
(1995) geprägt worden ist.
Eine zusammenhängende Darstellung der Geschichte der geteilten Stadt
bis in die achtziger Jahre findet sich in Heft 12/1987 der damals noch
»Die deutsche Frage im Unterricht « genannten vorliegenden Reihe
(»Berlin– Hauptstadt und geteilte Stadt«, S. 4–19). Der Schwerpunkt des
folgenden
Beitrags ist die Entwicklung Berlins seit 1989.
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