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Einführung von Monika Beutter:

Elsaß - Europäische Region in Geschichte und Gegenwart

Ein Heft über das Elsaß auf deutscher Seite herauszugeben, ist immer eine Gratwanderung, reagieren doch viele Elsässer zu Recht äußerst sensibel auf alles, was im Elsaß mit der deutschen Vergangenheit zusammenhängt. Auch das Verhältnis zu Paris ist ambivalent, und die Elsässer fühlten sich lange Jahre von der Pariser Regierung vernachlässigt. Vieles, was mit der deutschen Kultur in Verbindung stand, versuchte man im Elsaß nach 1945 zu unterdrücken, bis hin zum elsässischen Dialekt. Aber nicht nur von offizieller französischer Seite stand man nach 1945 den deutschen Spuren aus der Geschichte eher ablehnend gegenüber. Daß damit auch das spezifisch Elsässische, die Zugehörigkeit zur 'Doppelkultur', die elsässische Identität in Frage gestellt wurde, das zu erkennen bzw. anzuerkennen brauchte nach 1945 Zeit.

Dies galt auch für Spuren aus den Jahren 1870 -1919, der Zeit, in der das Elsaß - zusammen mit einem Teil Lothringens - Reichsland gewesen war. Die Diskussion um die Untertitelung der Straßennamen in Straßburg am Ende der 80iger Jahre legte Zeugnis davon ab, wie stark die Vorbehalte der Straßburger noch immer waren. Der Sprachenstreit wurde gelöst, indem man sich für den Dialekt, das spezifisch Elsässische also, entschied. Auch die wilhelminische Architektur ist, wie Daniel Keller in seinem Beitrag schreibt, inzwischen weniger umstritten. Die Gebäude in der Neustadt im "wilhelminischen Stil" werden angenommen, die Fresken im Universitätshauptgebäude werden zur Zeit freigelegt und restauriert.

Die europäischen Komponenten des "wilhelminischen Stils", Historismus und Jugenstil, werden in Erinnerung gerufen und die rege Bautätigkeit dieser Zeit, die aus Straßburg eine moderne Provinzhauptstadt machte, wird positiv bewertet.

Wenn in diesem Heft, das in erster Linie als Exkursionsheft gedacht ist, die "Annees noires", die Schwarzen Jahre unseres Jahrhunderts, nur ganz am Rande anklingen, so nicht deswegen, weil diese Zeit ausgespart werden soll, sondern weil zu dieser Zeit bereits Materialien zum Einsatz im Unterricht vorliegen (s. unten Kapitel IX und X) und weil der Akzent des Heftes auf der europäischen Komponente liegt.

In dem Heft sollen möglichst viele Elsässer selbst zu Wort kommen. Sie zu gewinnen, war meine Aufgabe, und ich möchte die Gelegenheit nützen, um M. Daul zu danken, der damals noch am CRDP (Centre régional de documentation pédagogique) in Straßburg tätig war und mir bei der Kontaktaufnahme zu den elsässischen Kollegen half. Wie vehement die elsässische Identität noch in jüngster Zeit vertreten werden mußte und vertreten wurde, geht z. B. aus den zwei kurzen Beiträgen von André Weckmann hervor, der als einziger Autor die beiden Beiträge nicht für dieses Elsaßheft speziell geschrieben hat.

Bei der Auswahl der Beiträge haben wir darauf geachtet, daß möglichst viele Fächer vertreten sind: Geschichte, Gemeinschaftskunde, Geographie, Deutsch, Französisch, Kunstgeschichte, um nur die wichtigsten zu nennen. Gerade beim Thema Elsaß erweist sich der fächerverbindende Ansatz als besonders fruchtbar, nicht nur weil die Doppelkultur zur elsässischen Identität gehört, sondern weil es sich auch in der Geschichte des Elsaß immer wieder zeigte, daß die Blüte dieser europäischen Region dadurch hervorgerufen wurde, daß sich dort verschiedene Strömungen aufgrund der geographischen und geschichtlichen Bedingungen mischten. Dies gilt insbesondere für den Humanismus, das goldene Zeitalter des Elsaß.

Das Elsaß war seit jeher eine große europäische Landschaft, un espace rhénan: der Rhein bildet historisch gesehen erst seit dem letzten Jahrhundert eine Grenze, geschichtlich gesehen war er viel länger eine Achse der Kommunikation von Süden nach Norden, von Westen nach Osten und umgekehrt. Diese europäische Komponente gilt es in Geschichte und Gegenwart zu beleuchten und für die Zukunft zu stärken.

Angesichts der Fülle des Materials war Beschränkung in vielfacher Hinsicht geboten. Wir haben uns letztlich dafür entschieden, uns im wesentlichen auf das nördliche Elsaß zu konzentrieren und bei den verschiedenen Beiträgen die Schwerpunkte auf die europäische Komponente auch der Gegenwart zu legen.



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