"Grenzen verhärten sich und verschließen sich, sobald
man sie
antastet; sie können zu Brücken werden, wenn man sie
bejaht." (Christian Graf von Krockow)
Vorwort des Herausgebers
Dieses Heft über das Odergebiet möchte helfen,
Brücken
zum polnischen Nachbarn zu bauen und der deutsch-polnischen Verständigung
zu dienen. Dies ist vor allem durch bessere Kenntnis der Menschen, der Geschichte
und des Landes beiderseits der Oder Neiße-Grenze zu erreichen. Im Oderraum
begegneten sich Deutsche und Polen seit Jahrhunderten - überwiegend
auf menschlich-praktischer Ebene und friedlich. Leider hat die staatliche
Ebene im Zeichen des Nationalismus viele gute Beziehungen und Gefühle
zwischen den Menschen zerstört. Der Nationalsozialismus führte
durch den grausamen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die slawischen
Völker in direkter Folge für die Deutschen zum Verlust ihrer
Ostprovinzen, die zum größten Teil im Odergebiet lagen. Trotz
der von beiden Völkern erfahrenen Leiden und trotz vieler Vorurteile
sind immer mehr Deutsche und Polen zur Versöhnung bereit. Deshalb ist
der Beitrag des polnischen Historikers Wlodzimierz Borodziej, der die Geschichte
der deutsch-polnischen Beziehungen betrachtet, so besonders wichtig.
Ein Zeichen der geistigen Begegnung beider Völker ist die neue
Europa-Universität Viadrina (= Oder) in Frankfurt/Oder, in der Studierende
aus beiden Ländern zusammenleben, wo im Studienprogramm die Grenzen
der althergebrachten Fächer aufgehoben sind und jeder Student am Ende
drei Sprachen beherrschen muß.
Nicht verschwiegen wird in mehreren Beiträgen, daß die Geschichte
und die Kultur der Oderregionen 700 Jahre lang durch die deutsche
Bevölkerung bestimmt war; seit 1945 aber ist diese Geschichte für
immer polnisch, wie der Beitrag über Bevölkerung und Wirtschaft
anhand der realen Tatsachen untermauert. Dabei wird auch erwähnt, daß
diese Realität in jüngster Zeit erfreuliche Beispiele der
deutsch-polnischen Zusammenarbeit umfaßt. Und die polnischen Restauratoren,
die wegen ihres Geschicks beim Erneuern zerstörter oder beschädigter
historischer Gebäude in ganz Europa gesucht sind - siehe Bruchsaler
Schloß -, haben in Schlesien und Pommern zahllose
Bürgerpaläste, Rathäuser und Schlösser im Auftrag des
polnischen Staates so wiedererstehen lassen, daß die Herkunft aus der
deutschen Kultur nicht zu übersehen ist. Die Bilder im Heft zeigen dies.
Der persönliche Brückenschlag zwischen beiden Völkern ist
nicht zuletzt durch Reisen möglich, weshalb diese Publikation auch als
Exkursionsheft gedacht ist. Die Routenbeschreibungen sollen Lehrern und
Schülern unserer Schulen helfen, das Rathaus von Breslau oder das Stettiner
Schloß genauso unvoreingenommen zu betrachten, wie sie es beim
Straßburger Münster schon lange gewohnt sind, und sich unverkrampft
auch mit deutschsprachigen Schlesiern polnischer Staatsangehörigkeit
zu unterhalten wie mit deutschsprachigen Franzosen im Elsaß.
Die überaus breite Thematik kann in einem Heft, das wegen knapper
Finanzen sich thematisch beschränken muß, nur mit großem
Mut zur Lücke geboten werden. Es sei deshalb auch auf frühere Hefte
dieser Zeitschrift verwiesen, die manche sachlichen oder regionalen Aspekte
weiterführen: Heft 19 "Mecklenburg-Vorpommern", Heft 28 "Zwischen Elbe
und Neiße", Heft 29 "Europäische Friedensschlüsse".
Siegfried Schiele Direktor der Landeszentrale für
politische Bildung
Baden-Württemberg
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