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I. Einführung

"Die Oder fließt verhaltener als die Moldau, kein musikalisches Wellengeplätscher..."
Ludwig Harig

Dichter haben die "Mutter Oder" als "ein Bauernweib" beschrieben, das mit stillen, sichern Schritten, voller Kalk- und Kohlenstaub auf den Kleidern, für ihre Kinder Kohle, Holz und Getreide schleppend, durch die Lande geht. Theodor Fontane erinnert an Berliner Ausflugsdampfer, die zwischen Schleppkähnen und Flößen auf dem Fluß verkehrten:

"Saßen auf dem Verdecke,
Glocken klangen, alte Zeit,
Und der Himmel wurde blauer
Und die Seele wurde weit."

Zwischen 1945 und 1989 waren es vor allem deutsche und polnische Patrouillenboote, die sich auf dem "Fluß, der von weither kommt" (Günter Eich), mißtrauisch beobachteten. Nach der Öffnung der Grenzen 1990 sind die Regionen an der Oder Brückenlandschaften zum östlichen Europa. Deutsche und Polen haben begonnen, hier Europa zu erproben. Noch im 19. Jahrhundert war Breslau ein Zentrum des "Austausches zwischen der polnischen und deutschen Welt, und der Einfluß von München und Dresden kreuzte sich dort mit dem von Warschau und selbst von Budapest" (Arnold Zweig). Heute liegt Polen "an der Adria", wie Karl Dedecius, Vermittler zwischen den Kulturen beider Länder, eine Verszeile des polnischen Dichters Jan Parandowski gern zitiert. Die Heimkehr Polens nach Europa erklärt er als "metaphysisches Heimweh eines nach Osten verdrängten Volkes nach seiner Wiege im Westen". Der Abschluß des deutsch-polnischen Freundschaftsvertrages (1991) führte zu neuen Ansätzen der Annäherung zwischen den beiden Nachbarn. In seinem "Brief von Breslau nach Wroclaw" schrieb der 1922 in Breslau geborene deutsche Schriftsteller Heinz Winfried Sabais (gest. 1981) an den 1921 in Radomsko geborenen und in Wroclaw lebenden Dichter Tadeusz Rózewicz, der 1996 mit dem Kulturpreis Schlesiens ausgezeichnet wurde:

"Lieber Tadeusz Rózewicz, wir beide sind Cives Wratislaviensis, Gott will es. Die Stadt hat uns beide in ihre Geschichte genommen. Die heraklitische Oder umfriedet Ihre und meine Jahre. Wir müssen uns leiden. Oder wir sterben."

Die in Frankfurt an der Oder neu gegründete Europa-Universität "Viadrina", an der von 1800 Studenten etwa ein Drittel aus Polen kommt, soll ein geistiger Brennpunkt der Begegnung zwischen Deutschen und Polen werden. Der 1995 eröffnete Nationalpark "Unteres Odertal" soll in nicht allzu ferner Zeit durch die Einbeziehung naturnaher Flächen auf polnischer Seite zu einem "Internationalpark Unteres Odertal" erweitert werden. Es wird dann das erste großräumige Naturschutzgebiet in einer der letzten Flußauenlandschaften Mitteleuropas sein, das die Ostgrenze der Europäischen Union überschreitet. Auf beiden Seiten des Flusses hoffen viele, daß diese Versuche eines friedlichen Miteinanders nicht nur symbolisch eine "Brückenfunktion bei der Festigung und Aussöhnung zwischen unseren beiden Völkern" gewinnen (Alfons Nossol, Bischof von Oppeln). Rückbesinnung auf die deutsch-polnische Vergangenheit, Förderung des Verständnisses zwischen Deutschen und Polen sind dabei unverzichtbar. Denn oft noch ist man "sich nach wie vor fremd, lebt auf zwei voneinander weit entfernten Planeten. Ausnahmen bestätigen die Regel", schreibt der polnische Journalist Janusz Tycner. Man könne aber inzwischen "ruhig sagen, die Steine in Breslau sprechen auch deutsch, und sie haben sehr viel auf deutsch zu berichten" (Janusz Reiter). Und die Berliner Journalistin Helga Hirsch meint (1996): "Vielleicht sind fünf Jahre der 'Normalisierung' eine viel zu kurze Zeit, um 'normal' mit dem Ballast der Geschichte umzugehen. Vielleicht sollten wir sogar sagen: die deutsch-polnische Geschichte schließt eine schnelle Normalisierung aus."

Im ersten Teil des vorliegenden Heftes, das eine europäische Region neu entdecken möchte, werden - nach einer Analyse der deutsch-polnischen Beziehungen aus der Sicht des Warschauer Historikers Wlodzimierz Borodziej - das Gewässersystem und die Geschichte der Oderschiffahrt, der Reiz und Reichtum dieser Naturlandschaft, die Bevölkerung und Wirtschaft des Oderraumes beschrieben. Ein Überblick über die Geschichte Schlesiens und Pommerns soll Vergessenes ans Licht bringen und Gegenwärtiges dadurch erhellen: Was ist für den heutigen Besucher der Oderregionen interessant? Was muß er zum Beispiel aus ihrer Geschichte wissen, um Beobachtungen und Eindrücke vor Ort besser verstehen und einordnen zu können? So soll er durch Kenntnis von wichtigen Einzelheiten die Kompetenz erhalten, sich mit dieser europäischen Kulturregion vertraut zu machen. Dem dienen auch das Kapitel über die Literatur an der Oder und die exemplarische Darstellung von zwei Bauwerken.

Der zweite Teil gibt Hinweise zur Reisepraxis, zeigt Spaziergänge durch Breslau (Wroclaw), Frankfurt an der Oder und Stettin (Szczecin) und macht Routenvorschläge von Breslau (Wroclaw) ins Riesengebirge (Karkonosze) und von Berlin nach Hinterpommern (Pomorze Zachodnie).

Nicht alle Probleme konnten erschöpfend dargestellt werden. Die Verfasser der verschiedenen Beiträge sind sich von Anfang an der Schwierigkeiten auf ihrer deutsch-polnischen Gratwanderung bewußt gewesen.


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