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II. Nachbarn, Gegner, Freunde?

Zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen

In der Geschichte hat Polen als Nachbar mehrerer deutscher Staaten die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht. Im Mittelalter gab es einige Kriege, vor allem gegen den Deutschen Orden, dessen Gebiete später als Herzogtum Preußen polnisches Lehensgebiet wurden. Die Grenze zum Kaiserreich gehörte hingegen über Jahrhunderte zu den stabilsten und friedlichsten in Europa, und im 18. Jahrhundert herrschten in Warschau jahrzehntelang die sächsischen Wettiner - insgesamt gab es also ein wechselvolles, jedoch durchaus normaleuropäisches Nebeneinander der Adelsrepublik Polen-Litauen mit Preußen, Sachsen und dem Haus Habsburg.

Dieser Abschnitt der polnisch-deutschen Beziehungsgeschichte endete mit der Teilnahme Preußens und Österreichs am schlimmsten politischen Skandal des 18. Jahrhunderts: den Teilungen Polens. Zwar erhielt Rußland den größten Teil der Ländereien der Adelsrepublik, die Tatsache jedoch, daß zwei deutsche Staaten von den Teilungen profitiert hatten - besonders wichtig waren die neuerworbenen polnischen Provinzen für Preußen -, sollte von nun an das Verhältnis der Polen zu ihren deutschen Nachbarn prägen. In dem 1797 geschlossenen Vertrag einigten sich dann die drei Teilungsmächte, daß der Name "Königreich Polen" für immer ausgelöscht sei.

Zeitgenössische Karikatur auf Polens erste Teilung 1772. Die Szene ist erfunden: Katharina II. von Rußland (links), der Deutsche Kaiser Joseph II. (3. von links) und Friedrich II. von Preußen (ganz rechts) zeigen auf der Landkarte die von ihnen beanspruchten Gebiete Polens. 2. von links der polnische König Stanislaus II. August.
(Kupferstich N. Lemire, 1773)

Das gemeinsame Ziel der Unterdrückung aller polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen zementierte von nun an die Allianz zwischen Berlin und Wien und brachte deren polnische Untertanen immer wieder in Konflikt mit preußischen und österreichischen Behörden. Noch gab es freilich Aussichten auf eine andere Entwicklung: Im Vormärz schien sich eine feste Zusammenarbeit zwischen polnischer und deutscher Nationalbewegung im Kampf gegen die gemeinsame reaktionäre Obrigkeit anzubahnen. Aber im Frankfurter Parlament 1848 erwies sich diese Hoffnung als falsch: Ein polnischer Nationalstaat ohne das Großherzogtum Posen schien den Polen ebenso unmöglich wie den Deutschen ein deutscher Nationalstaat ohne dieses Gebiet. Damit weitete sich der ursprüngliche Gegensatz zwischen polnischen Untertanen und preußischen Behörden nach und nach zu einem nationalen Konflikt zwischen Polen und Deutschen aus. 1867 gewährte Wien im Zuge der Umgestaltung der Monarchie "seinen" Polen eine weitgehende Autonomie; das Erbe der Teilungen belastete seither nur noch die polnisch-russischen und polnisch-deutschen Beziehungen. 1871, nach Lösung der deutschen Frage in Gestalt eines weit nach Osten ausgreifenden Kaiserreiches, schien eine Lösung der polnischen Frage nur noch im Kampf gegen Deutschland möglich.

In ständiger Konfrontation mit dem Staat und ihren deutschen Mitbürgern entwickelten sich die Polen im preußischen Teilungsgebiet zu einer modernen Agrargesellschaft mit viel Sinn für "typisch deutsche" Tugenden: Fleiß, Sparsamkeit und nüchternes Denken. Nach 1918 sollte sie oft verständnislos auf ihre Landsleute aus dem Osten herabschauen, denen wiederum die mentale "Germanisierung" der westlichen Polen bestenfalls skurril vorkam. Die polnisch-preußische Erfahrung des legalen - und insgesamt erfolgreichen - Abwehrkampfes gegen die Entnationalisierung hob sich deutlich von den durch Gewalt geprägten Erfahrungen der polnischen Gesellschaft im russischen Teilungsgebiet ab. In einem Punkt aber waren sich beide Erbteile sehr ähnlich: Die tiefe gegenseitige Abneigung zwischen Polen und Deutschen war dem haßgeprägten Verhältnis zwischen Polen und Russen vergleichbar. Die langjährige Zusammenarbeit zwischen dem Polenclub im Reichstag und dem Zentrum sowie zwischen Sozialdemokraten beider Nationen spielte vor diesem dominierenden Hintergrund im Bewußtsein der Polen und Deutschen kaum eine Rolle.

Die erste grundsätzliche Wende im deutsch-polnischen Verhältnis kam mit der gleichzeitigen Niederlage aller drei Teilungsmächte im Ersten Weltkrieg und der Wiedergründung der Republik Polen 1918. Geburts- und Staatsfeiertag des neuentstandenen Polen wurde dabei jener 11. November, der im Gedächtnis der Deutschen als Sinnbild des "Dolchstoßes" seinen Platz fand. Dies war Zufall, zugleich aber auch Symbol für die unheilvolle Verkettung der polnischen und der deutschen Frage: Bis 1989 sollte als Grundkonstante europäischer Politik die Gleichung gelten, derzufolge die eine Frage nur auf Kosten der anderen gelöst werden könne; folglich mußte jedes große Ereignis - ob 1871, 1918, oder 1945 -, das beide Nationen betraf, mit umgekehrtem Vorzeichen in die jeweilige Nationaltradition eingehen.

Die von 1918 bis 1921 vollzogene Grenzziehung mit der Weimarer Republik bedeutete für die Polen einen akzeptablen Kompromiß; vielen Deutschen galt sie als Zumutung. Indessen hätte der Grenzverlauf, der über eine Million Deutsche auf polnischer Seite beließ, kaum "besser" sein können. Historische Argumente waren in den umstrittenen Grenzgebieten, die mehrmals ihre Zugehörigkeit gewechselt hatten, völlig unproduktiv; vom ökonomischen Standpunkt bedeutete jede Teilung, die das Wirtschaftsgefüge des 19. Jahrhunderts auseinanderreißen mußte, eine Katastrophe; die Siedlungsgeschichte machte wiederum jede "saubere" Trennung von Polen und Deutschen ohne große Bevölkerungsumsiedlungen unmöglich. Übrig blieb angesichts dieser Umstände eigentlich nur die Kardinalfrage, wie beide Nachbarn mit dem neuen Grenzverlauf und seinen gravierenden Folgen umgehen würden.

Die Deutschen in Polen wählten mehrheitlich den Weg der Verweigerung. Als Minderheit fühlten sie sich bedroht und benachteiligt - eine Empfindung, die in der Polonisierungspolitik Warschaus ihre Bestätigung und Verstärkung fand. Polnische Staatsbürger deutscher Nationalität hatten unter diesen Umständen denkbar wenig Chancen, den 1918 vollzogenen Rollenwechsel zu verkraften; ihre Ablehnung der neuen Realität hatte oft demonstrativen Charakter.

Für die Weimarer Republik bildete die Lage der Deutschen östlich der Reichsgrenze den Ansatzpunkt für die offizielle Revisionspolitik. Keine der die Weimarer Republik tragenden Parteien war bereit, die Ostgrenze zu akzeptieren; mehr noch, die Aussonderung der Freien Stadt Danzig und die Trennung Ostpreußens verselbständigten sich in der deutschen Öffentlichkeit zu integrationsstiftenden Themen, deren emotionale Brisanz jedem Nachdenken den Weg verstellte.

Paradoxerweise bewirkte erst die Machtergreifung durch die NSDAP einen Abbau der zwischenstaatlichen Spannungen. Hitlers Neuordnungskonzept ging bekanntlich weit über die Weimarer Revisionspolitik hinaus: Ob Polen bei der Gewinnung von "Lebensraum" im Osten als Satellit eingespannt oder als Hindernis beseitigt werden müsse, würde erst die Zukunft zeigen. 1934 nahm Warschau das Entspannungsangebot in Form einer bilateralen Nichtangriffserklärung an. Im Winter 1938/39, als Berlin die alten Revisionsforderungen als Grundlage einer "Globallösung" aufgriff, erwies sich die bisherige Kooperation mit dem "Dritten Reich" als selbstmörderisch. Dennoch fiel die Entscheidung der polnischen Staatsführung eindeutig aus: Polen würde auch massivem deutschen Druck nicht weichen und sich notfalls militärisch zur Wehr setzen; Souveränität und territoriale Integrität der Republik seien keine Verhandlungsgegenstände. Damit setzte Polen als erster Staat der Aggression des Nationalsozialismus ein bedingungsloses "Nein" entgegen.

Der 1. September 1939 eröffnete das düsterste Kapitel in der polnischen Geschichte. Der nationalsozialistische Terror verfolgte bekanntlich das Ziel der "Ausrottung" der polnischen Oberschicht; der Rest der Bevölkerung sollte entweder germanisiert, liquidiert, zwangsausgesiedelt oder als moderne Sklaven in den Dienst der deutschen Wirtschaft gestellt werden. Auch die sowjetische Polenpolitik in der östlichen Hälfte des besetzten Landes verfolgte das Ziel der Eliminierung der polnischen Oberschicht; beides brachte die Polen an den Rand des Abgrunds.

Das Bild änderte sich erst am 22. Juni 1941, als die polenpolitische Solidarität zwischen Deutschland und der Sowjetunion den Lebensraumplänen Hitlers zum Opfer fiel. Deutschland setzte seine Vernichtungspolitik in Polen fort. Moskau aber willigte in einen provisorischen Ausgleich mit der polnischen Exilregierung in London ein; als diese sich weigerte, der Abtretung der polnischen Ostgebiete an die Sowjetunion zuzustimmen, brach Stalin 1943 die Beziehungen ab und begann die Etablierung eines kommunistischen Regimes in Warschau vorzubereiten.

Infolge der Abmachungen der alliierten Kriegskonferenzen schrumpfte das Staatsgebiet Polens von 388 000 auf
312 000 Quadratkilometer. Als Entschädigung für die verlorenen Ostgebiete hatte Polen ehemals preußische Gebiete im Nordosten und Westen erhalten, die nun ein Drittel des neuen Territoriums ausmachten. Der Staat, der im Osten fast die Hälfte des Territoriums von 1939 verloren hatte, wurde damit um Hunderte von Kilometern in Richtung Westen verschoben.


Deutsche und Polen: der lange Weg zur Versöhnung

           

1. Bild v. links: Aufstand im Warschauer Ghetto. Der Kampf 1943, mit dem sich schlecht bewaffnete Juden gegen die Übermacht deutscher Besatzer wehrten, dauerte etwa vier Wochen. Das Foto zeigt eine Gruppe von Juden, die von SS und SD abgeführt werden.

2. Bild v. links: Deutsche Vertriebene 1945.

3. Bild v. links: Bundeskanzler Willy Brandt am Ehrenmal für die jüdischen Opfer im Warschauer Ghetto (sog. "Kniefall von Warschau"),
8.12.1970, um im Namen Deutschlands um Vergebung zu bitten.

4. Bild v. links: Höhepunkt der Staatsvisite von Bundeskanzler Kohl in Polen war Kohls Besuch am 12.11.1989 auf dem ehemaligen Moltke-Gut im niederschlesischen Kreisau (Krzyzowa). Hier umarmen sich Kohl und der damalige polnische Ministerpräsident Mazowiecki unter der Statue der Heiligen Hedwig.



Die Republik von 1945 war nicht nur hinsichtlich ihrer Grenzen und ihres politischen Systems ein neues Gebilde. Auch die dezimierte und total verarmte Bevölkerung (von den ca. 35 Millionen Staatsbürgern von 1939 waren 1946 gerade 24 Millionen übriggeblieben; die Zahl der direkten Kriegs- und Besatzungsopfer wird auf knapp 6 Millionen Menschen geschätzt) hatte eine völlig neue Struktur: Ein Großteil der bisherigen Eliten waren ermordet worden, gefallen oder im Exil geblieben. Tot waren nach sechs Jahren Krieg und Besatzung 30% der Wissenschaftler, 57% der Rechtsanwälte, fast 22% der Richter und Staatsanwälte, 39% der Ärzte - insgesamt mehr als ein Drittel der polnischen Akademiker der Vorkriegszeit. Der neue Staat - bald sollte er "Volkspolen" genannt werden - unterschied sich von seinen Vorgängern in noch einer Hinsicht radikal: Nahezu völlig verschwunden waren die Minderheiten, die 1939 noch ein Drittel der Staatsbürger ausgemacht hatten. Etwa 90% der polnischen Juden waren im Holocaust ermordet worden, die Mehrheit der Ukrainer und Bjelorussen fand sich 1944/45 jenseits der neuen Ostgrenze, und die Deutschen - die gemäß den Potsdamer Abmachungen ausgesiedelt werden sollten - betrachtete man nicht als polnische Staatsbürger.

In den ersten Nachkriegsjahren sind - offiziellen polnischen Angaben zufolge - ca. 3,5 Millionen Deutsche zwangsausgesiedelt ("vertrieben") worden. Nach den Greueln der NS-Besatzungsherrschaft und dem millionenfach erlittenen Verlust der eigenen Heimat erhob sich in der damaligen polnischen Öffentlichkeit keine Stimme des Protests - weder gegen das Prinzip der Zwangsaussiedlung noch gegen die Art ihrer Durchführung. Im Bewußtsein der gerade noch Davongekommenen war das Unrecht ein Recht des Opfers gegenüber dem vormaligen Täter. Heute, nachdem in der polnischen Öffentlichkeit die Vertreibung der Polen aus dem Osten ein Thema geworden ist, beschäftigt man sich intensiv auch mit der Vertreibung der Deutschen, einem Vorgang, der nicht nur faktisch als Konsequenz der Zerstörung Europas durch den Nationalsozialismus, sondern immer öfter auch in moralischen Kategorien als ein Unrecht begriffen wird, das unzählige Leiden Unschuldiger nach sich gezogen hat.

Die Neuordnung von 1945 schuf gänzlich neue Grundlagen für das deutsch-polnische Verhältnis. Die Aufteilung Ostpreußens zwischen Polen und der Sowjetunion, die Verschiebung der polnischen Westgrenze an Oder und Neiße - 70 Kilometer von Berlin - schufen eine neue geopolitische Lage, die vorerst jedoch durch den Kalten Krieg völlig überdeckt wurde.

Der Eiserne Vorhang teilte auch die deutsch-polnischen Beziehungen, 1950 erkannte die DDR die Oder-Neiße-Grenze an. Die Kommuniques über die Begegnungen polnischer und ostdeutscher Kommunisten waren voller optimistischer Schlagworte; in den individuellen Begegnungen fanden sie indessen wenig Entsprechung. Nach zwei Jahrzehnten eines de facto stummen Nebeneinanders entschieden sich jedoch die Parteiführungen in Warschau und Ostberlin im Zeichen der Entspannung 1971 zu einer Art "großem Sprung nach vorn": der Grenzöffnung. Einige Jahre lang konnten nun die Staatsbürger der Volksrepublik Polen und der DDR die Oder und Neiße frei überqueren - individuell, ohne Visa, Mindestumtausch oder Quoten. Seit Mitte der 70er Jahre folgten jedoch Zusatzregelungen und Erschwernisse; im Herbst 1980 schloß die DDR die Grenze.

Die Grenzöffnung hatte anfangs einen Anflug von Normalität in die realsozialistische Tristesse gebracht. Sie wurde aber auch von Erscheinungen begleitet, die das ganze Elend des Systems an den Tag brachten: Beiderseits der Grenzen deckten sich die Touristen mit Waren ein, die zu Hause kaum vorhanden oder erheblich teurer waren. Im Ergebnis verknappte sich das ohnehin schmale Warenangebot in den Grenzregionen, aber nicht nur dort; auch in Ostberlin hörte man ein anfangs leises, später immer lauter werdendes Protestgemurmel gegen tatsächliche und vermeintliche "polnische Händler"; der Weg zum Wiederaufleben des alten Stereotyps von der "polnischen Wirtschaft" war nicht mehr weit. Die Grenzöffnung produzierte somit Ergebnisse, die zwar ausschließlich aus der systemimmanenten Ineffizienz zu erklären sind, jedoch mit traditionellen, mentalen Erklärungsmustern gedeutet wurden - statt einer Annäherung kam es in den 70er Jahren letztlich wohl eher zu einer Bestätigung der Entfremdung zwischen Polen und Ostdeutschen. Bald wurde diese Entfremdung durch die Ungleichzeitigkeit der politischen Ereignisse gesteigert: 1976 entstand in Polen die erste organisierte Oppositionsbewegung gegen den Sozialismus, 1978 kam die Wahl eines polnischen Papstes hinzu, 1980 "Solidarnosc".

Als die SED unter dem Eindruck der Macht der polnischen Opposition die Grenze schloß, scheint sie - außer in Kreisen der Intellektuellen, denen der Kontakt zu Polen seit längerer Zeit wichtig geworden war - kaum auf Widerspruch gestoßen zu sein. In den 80er Jahren, als die Abkapselung entlang der Oder ein wenig gelockert wurde (der Transitverkehr der Polen in die Bundesrepublik Deutschland blieb von der Schließung ohnehin ausgenommen), wurden die Beziehungen kaum besser; im Gegenteil, je näher dem Ende, desto frostiger scheint es selbst im hochoffiziellen Bereich der zwischenparteilichen Kontakte zugegangen zu sein.

Das Erbe der volkspolnisch-ostdeutschen Beziehungen belastet die heutigen Kontakte schwer. Man kennt den direkten Nachbarn kaum und ist eigentlich gar nicht so sehr interessiert, ihn kennenzulernen. Polen und Ostdeutsche, Täter, Zeugen und Opfer eines Systems, das sie ähnlich und doch so unterschiedlich erlebt und überlebt haben, lernen erst seit kurzer Zeit, einander in der Rolle von normalen Nachbarn zu begegnen - was z. B. bedeuten kann, daß die einst so kritisierte Handelstouristik, jetzt hauptsächlich von den Ostdeutschen betrieben, ein vernünftiges, für beide Seiten profitables und allgemein akzeptiertes Verhalten sein kann. Ob der wirtschaftliche Aufschwung entlang der Oder diesen radikalen Wandel der Lebenswelten auf beiden Seiten der Grenze fördern und in kooperative Bahnen lenken wird, ist heute eine ebenso offene wie für das künftige polnisch-deutsche Verhältnis grundsätzliche Frage.

Die spiegelverkehrte Entsprechung einer Situation, in der die regierungsamtliche Zusammenarbeit über die Köpfe der betroffenen Gesellschaft hinweg abgewickelt wird, finden wir in den polnisch-westdeutschen Beziehungen. Seit 1945 beharrte Warschau auf dem in Polen voll akzeptierten Prinzip der Unantastbarkeit der Oder-Neiße-Grenze und machte dies zur Voraussetzung für eine Normalisierung der Beziehungen zu Bonn. Gerade die Anerkennung der Grenze wollte aber die westdeutsche Politik vermeiden. Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen hatte zwar den innenpolitischen Zündstoff Oder-Neiße-Grenze nach und nach entschärft, aber erst in den 60er Jahren bahnte sich eine Revision der Ostpolitik den Weg. Der Prozentsatz der Bundesdeutschen, die sich mit der Oder-Neiße-Grenze abfinden wollten, stieg von 26% im Jahre 1962 auf 58% im Jahre 1970. Der Warschauer Vertrag von 1970 ermöglichte eine schleppende, immer wieder von Rückschlägen belastete Normalisierung der zwischenstaatlichen Verhältnisse. Spätestens zu Beginn der 80er Jahre stellte sich aber heraus, daß sich die vielfältigen gesellschaftlichen Kontakte dem Zugriff der Diplomatie entzogen hatten.

In der Bundesrepublik Deutschland waren es Kreise von den Kirchen über die Intellektuellen bis zum alternativen Milieu, die die offizielle Gleichung Polen = Kommunismus nicht nachzuvollziehen vermochten. Für Polen kann man eine vergleichbare Vielfalt an gesellschaftlichen Initiativen in den 60er Jahren nicht konstatieren. Um so mehr fiel der Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder vom November 1965 ins Gewicht, in dem der polnische Episkopat eindeutig einer Aussöhnung und damit einer Normalisierung zwischen Polen und Deutschen das Wort redete ("wir vergeben und bitten um Vergebung"). Die Verleumdungskampagne, mit der die kommunistische Partei auf den kühnen - und, wegen der rückhaltenden Antwort des deutschen Episkopats, zunächst fruchtlosen - Versuch reagierte, zeigte, daß die Warschauer Führung ihr außenpolitisches Monopol um jeden Preis zu erhalten bestrebt war. Mit der Entstehung einer oppositionellen Gegenöffentlichkeit nach 1976 fiel aber auch dieses Monopol.

In den internen Debatten dieser Gegenöffentlichkeit, die anfangs von Intellektuellen dominiert war, spielte das Thema Deutschland verständlicherweise keine dominierende Rolle. Je radikaler jedoch die Kritik am real existierenden Sozialismus wurde, desto stärker rückte auch seine geopolitische Fundierung in den Mittelpunkt. Bereits 1978 wurde in Dissidentenkreisen diskutiert, ob angesichts der Entwicklung der Bundesrepublik die traditionelle Betrachtungsweise Deutschlands als einer Bedrohung für die territoriale Integrität Polens nicht überholt sei. War es nicht vielmehr so, daß die realsozialistische Diktatur in Polen nur unter dem Schutz der sowjetischen Einflußsphäre - d. h. nicht zuletzt der DDR - existieren konnte, daß also umgekehrt ein demokratisches Polen nur unter der Bedingung der Auflösung der sowjetischen Einflußsphäre - und damit der DDR - denkbar war? Nach Lösung der Oder-Neiße-Frage gab es keine primären Interessengegensätze zwischen Polen und Deutschen mehr, im Gegenteil: Souveränität und Demokratie Polens waren ausschließlich im Zusammenhang mit der Vereinigung eines demokratischen Deutschland erreichbar. "Deutschland wird vereinigt und die Polen bleiben, wo sie sind" hieß es dann in einer aufsehenerregenden Denkschrift eines Untergrundzirkels von 1978: "Wir wollen, daß die Grenzen, auch die polnisch-deutsche, ähnlich transparent und durchlässig werden wie die heutige Grenze Deutschlands mit Frankreich, Belgien und den Niederlanden, die einst - wie unsere - geblutet und gebrannt haben".

Es sollte kaum mehr ein Jahrzehnt dauern, bis dieser Gedankengang den Weg von der Originalität in die Alltäglichkeit passiert hatte. 1980 bis 1982, in der Zeit der "Solidarnosc" und ihrer gewaltsamen Unterdrückung, leisteten die Westdeutschen mehr Hilfe für die Polen als alle anderen Westeuropäer zusammen. Die Auswirkungen dieser "Paketaktion" waren ähnlich wie die Folgen der relativen Reisefreiheit der Polen in den Westen, die von der Mitte der 70er Jahre bis 1981 bestand und nach der kurzen Unterbrechung durch das Kriegsrecht den widerspenstigen Untertanen abermals zugestanden werden mußte. Millionen von Polen konnten sich dadurch persönlich überzeugen, daß die Bundesrepublik Deutschland mit dem geschichtlich geprägten Stereotyp von Pickelhaube und Nationalismus nichts gemeinsam hatte, mehr noch: daß dieser neue deutsche Staat in vielerlei Hinsicht als Vorbild für eine Erneuerung der Verhältnisse in ihrer Heimat taugte.

Die Neuordnung des polnisch-deutschen Verhältnisses zwischen 1989 und 1991 verlief dann, trotz gelegentlicher Irritationen in der Grenzfrage, in einer überraschend zügigen und konstruktiven Art. Der Grenzverlauf wurde in den Verträgen von 1990 definitiv bestätigt. Der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit von 1991 schuf einen bequemen völkerrechtlichen Rahmen für die polnisch-deutsche Interessengemeinschaft, die von der Wirtschaft über die Sicherheitspolitik bis zur Kultur und Ökologie reicht. Es handelt sich um eine Verflechtung von gegenseitigen Abhängigkeiten, die in den letzten Jahrhunderten der polnisch-deutschen Beziehungsgeschichte nahezu ausschließlich als Konfliktstoff begriffen und instrumentalisiert worden waren.


17. Juni 1991: Der polnische Ministerpräsident Bielicki und Bundeskanzler Kohl unterschreiben den historischen Freundschaftsvertrag zwischen Polen und Deutschland.

Die heutige Chance besteht darin, daß in den folgenden Jahrzehnten die Nachbarschaft an Oder und Neiße zum Symbol für ein gänzlich anderes Verständnis von Nebeneinander werden kann.


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