IV. Die Geschichte der Regionen 1
2. Geschichte Pommerns
"Pommern" bedeutet "Land am Meer". Den Namen gab dem Lande
das
westslawische Volk der Pomoranen ("Leute am Meer"). Ihr Siedlungsgebiet lag
um 1000 n. Chr. zwischen der Weichsel im Osten, der Netze-Warthe-Niederung
im Süden, der Oder und deren östlichem Mündungsarm, der Dievenow,
im Westen und der Küstenlinie der Ostsee im Norden. Weite Teile des
Landes waren mit Wald bedeckt. In den westlich der Oder liegenden Landschaften,
welche die pommerschen Herzöge sich erst im Laufe des 12. Jahrhunderts
unterwarfen, siedelten Teilstämme der westslawischen Liutizen, auf der
Insel Rügen und dem gegenüberliegenden Festland die Ranen. In der
zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entwickelte sich im westlichen Teil
des pomoranischen Siedlungsgebietes ein Herzogtum, dessen Schwerpunkt
sich
um das Jahr 1000 von Kolberg/Belgard ins Odermündungsgebiet mit den
Herzogsburgen von Cammin und Stettin verlagerte. Die Herzogsdynastie der
Greifen herrschte bis 1637. Ihr erster gesicherter Vertreter war Wartislaw
I. Anfang des 12. Jahrhunderts unterwarf der piastische Polenherzog Boleslaw
III. Schiefmund das gesamte Siedlungsgebiet der Pomoranen. Er leitete die
Christianisierung Pommerns ein.
Die politischen Bindungen an Polen lösten sich schnell wieder auf,
und Pommern geriet in den Strudel der Auseinandersetzungen des Sachsenherzogs
Heinrich des Löwen mit Dänemark um den Einfluß an der
südlichen Ostseeküste und stand ab 1164 unter sächsischer
Oberhoheit. Nach Heinrichs Sturz ließ sich Herzog Bogislaw I. 1181
vor Lübeck von Kaiser Friedrich I. Barbarossa mit Pommern belehnen,
das dadurch zum erstenmal mit dem Reich in eine unmittelbare rechtliche Beziehung
trat. Doch schon 1185 mußte sich Bogislaw dem Dänenkönig
unterwerfen. Bis zum Zusammenbruch der dänischen Großmachtstellung
im Ostseeraum (Schlacht bei Bornhöved 1227) blieb Pommern von
Dänemark
abhängig. Rügen hatten die Dänen sich schon 1168
botmäßig gemacht und es christianisiert. Die aus einem ranischen
Geschlecht stammenden Fürsten von Rügen, zu deren Fürstentum
auch der nordwestlich des Ryck-Flusses gelegene Teil des heutigen Vorpommern
gehörte, waren bis zum Aussterben der Dynastie im Jahre 1325 Lehnsleute
der dänischen Könige.
Die Besiedlung Pommerns mit deutschen Bauern und
Bürgern, die im
13. Jahrhundert einsetzte, veränderte das schwach bevölkerte Land
von Grund auf. Es war ein im wesentlichen von den Herzögen und ihrem
ritterlichen Lehnsadel geleitetes Unternehmen. Einzelne Klöster und
Stifte taten sich ebenfalls hervor. In die neugegründeten oder zu deutschem
Recht umgesetzten slawischen Orte wurden vielfach die ansässigen Slawen
sofort einbezogen und nicht selten der slawische Ortsname übernommen
(z.B. Stargard, Wolgast); oftmals blieben die Slawensiedlungen neben den
deutschen bestehen. Vertreibung der slawischen Bevölkerung kam nirgends
vor. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Deutschen führte
zur sprachlichen Assimilierung der Slawen. Die Eindeutschung Vorpommerns
war noch vor dem Ende des 13. Jahrhunderts abgeschlossen und in den westlich
von Köslin gelegenen Teilen Hinterpommerns weit fortgeschritten. Mit
der bäuerlichen deutschen Siedlung einher ging bis 1350 die Gründung
von etwa 50 deutschrechtlichen Städten, teils mit Magdeburger, teils
mit lübischem Recht. Die deutsche Siedlung hatte nicht allein eine
Vervielfachung der Bevölkerung und die Urbarmachung weiter Landstriche
zur Folge, sie bedeutete auch die Einführung neuer Wirtschaftsweisen
in Landwirtschaft (Dreifelderwirtschaft, Beetpflug mit drei Teilen) und Handwerk,
neuer gesellschaftlicher und rechtlicher Verhältnisse (Stadtbürgertum,
persönliche Freiheit der Bauern) und vollendete die Christianisierung
des Landes.
Nach dem Fortfall der dänischen Oberhoheit erhob die erstarkende
Markgrafschaft Brandenburg, von Kaiser Friedrich II. ermächtigt,
Ansprüche auf die Lehnshoheit über Pommern. Diese
Ansprüche
wurden von Pommern nur widerwillig anerkannt, was manche Kämpfe zur
Folge hatte. Erschwert wurde die Stellung Pommerns dadurch, daß es
fast stets in zwei Linien des Herrscherhauses aufgeteilt war. Gebietsverluste
im 13. Jahrhundert an Brandenburg (z. B. Uckermark und spätere Neumark)
wurden durch Erwerbungen im 14. Jahrhundert wieder ausgeglichen (Schlawe,
Stolp, Rügen). Erst 1529 akzeptierte Brandenburg im Vertrag von
Grimnitz
die Reichsunmittelbarkeit Pommerns; es wurde mit der Anwartschaft
auf Pommern
im Falle des Aussterbens des Herzogshauses abgefunden.
In den großen und mittelgroßen Städten Pommerns entstanden
seit dem Ende des 13. Jahrhunderts bedeutende gotische
Kirchenbauten von
teilweise gewaltigen Ausmaßen: so die Marienkirchen in Stralsund,
Greifswald, Stargard, Kolberg, Stolp oder St. Jakobi in Stettin.
Marienkirche
in Stargard
(Stargard Szczecinski). Südseite
Auch nach
der Mitte des 14. Jahrhunderts, in der Zeit der politischen Schwäche,
setzte sich die lebhafte Bautätigkeit fort: aufgrund des Reichtums und
Selbstbewußtseins der Städte, von denen viele zum Bund der
Städtehansa gehörten (z. B. Stralsund, Greifswald, Stettin, Kolberg,
Stolp). Die von dem Greifswalder Bürgermeister Heinrich Rubenow angeregte
Gründung der Universität Greifswald durch Herzog Wartislaw
IX.
im Jahre 1456 war die am weitesten ausstrahlende kulturelle Tat im
Pommern
des 15. Jahrhunderts.
Die Reformation setzte sich in Pommern weitgehend aufgrund des
Wirkens
des aus Wollin stammenden Johannes Bugenhagen durch (er war Luthers "Doctor
Pomeranus"): Die von ihm verfaßte Kirchenordnung nahm ein Landtag 1534
in Treptow an der Rega an.
Der "Croy-Teppich" (6,8 x 4,32 m) wurde 1554 im Auftrag Herzog Philips I. von Pommern-Wolgast vom niederländischen Künstler Peter Heym geschaffen. Er stellt
die Trauung Philipps mit Maria von Sachsen-Wittenberg in Torgau 1536 dar.
Die Trauung vollzog Martin Luther. Zu sehen sind in Lebensgröße
die Angehörigen beider Fürstenfamilien und die Reformatoren Martin
Luther, Philipp Melanchthon und Johannes Burgenhagen. Ernst Bogislaw von
Croy, Neffe des letzten Pommernherzogs, vermachte den Tepptich 1634 der
Universität Greifswald.
Durch die Einziehung der umfangreichen
Ländereien der nun aufgehobenen Feldklöster erweiterten die
Herzöge die Grundlage ihrer landesherrlichen Stellung. Noch kurz vor
dem Dreißigjährigen Krieg kam es zu einer gewissen Kulturblüte,
als u. a. Augsburger Künstler am Hofe wirkten.
Nach dem Aussterben des Greifenhauses 1637 hätte das Land
vertragsgemäß an Brandenburg fallen müssen. Doch standen
bereits seit 1631 die Schweden im Land und dachten gar nicht daran, es aus
der Hand zu geben. Die schrecklichen Kriegsereignisse löschten die
Bevölkerung zu fast zwei Dritteln aus. Am Ende des Krieges war "Pommerland
abgebrannt". Durch den Osnabrücker Friedensvertrag fiel nur
Hinterpommern
an Brandenburg, während ganz Vorpommern und ein Streifen rechts
der
Oder an die Krone Schwedens kam.
"Schwedisch Pommern" war mit Schweden in Personalunion verbunden:
Der
König von Schweden war auch Herzog von Pommern und als solcher deutscher
Reichsfürst; Vorpommern blieb Reichsterritorium.
Die brandenburgischen Herrscher waren bestrebt, die ihnen 1648 vorenthaltenen
Teile Pommerns doch noch zu gewinnen. Dies gelang ihnen schrittweise. So
erhielt Brandenburg im Frieden von Stockholm, der zu den
Friedensverträgen
am Ende des Nordischen Krieges (1700-1721) gehörte, durch Kauf das
südliche Vorpommern bis zur Peene. Die Regierung, welche Brandenburg
für Hinterpommern eingerichtet hatte, siedelte deshalb 1723 von Stargard
nach Stettin über, die Schweden verlegten die Regierung für den
ihnen verbliebenen Anteil von Stettin nach Stralsund. Im übrigen versuchte
Schweden nicht, den Pommern schwedische Sprache und Kultur aufzuzwingen.
Die Verwaltung lag fast ausschließlich in den Händen von
Einheimischen. Doch kamen Schweden als Soldaten oder als Studenten der
Universität Greifswald ins Land. Umgekehrt stand den Pommern auch der
Weg nach Schweden offen, den z.B. der aus Stralsund stammende Chemiker Karl
Wilhelm Scheele, der Entdecker
des Sauerstoffs, ging.
Während die brandenburgisch-preußischen Herrscher Pommern eine
oft als hart empfundene Fürsorge zuwandten, kümmerte sich
Schweden,
selbst arm und unterentwickelt, kaum um das Land, zumal Pommern nach den
Zusammenbruch der Großmachtstellung Schwedens diesem auch machtpolitisch
kaum mehr nützlich sein konnte. Am verhängnisvollsten war die
schwedische Herrschaft in sozialer Hinsicht. Die Lage des Bauernstandes hatte
sich in Pommern bereits seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
verschlechtert. Der Bauer war mehr und mehr in die Leibeigenschaft der adligen
Grundherren herabgedrückt worden. Infolge des "Bauernlegens", d.h. des
Einziehens von Bauernstellen durch den Grundherrn, entstanden große
adlige Güter. Dieser ungünstigen Entwicklung wurde besonders
in
Schwedisch-Pommern freier Lauf gelassen, wohingegen im brandenburgischen,
dann königlich preußischen Pommern Anstrengungen gemacht wurden,
den Bauernstand zu erhalten. Entwässerung von Sümpfen, Ablassung
kleinerer Seen, Senkung größerer Seen ermöglichten die Ansiedlung
von bäuerlichen Kolonisten, die aus anderen Teilen Deutschlands kamen.
Während des Siebenjährigen Krieges (1756-63) war Vorpommern
Ort von Kampfhandlungen zwischen Schweden und Preußen; Hinterpommern
wurde durch russische Truppen schwer in Mitleidenschaft gezogen. In der
Napoleonischen Zeit erlebte Schwedisch-Pommern eine mehrjährige
französische Besetzung. Die Verteidigung der Festung Kolberg durch Gneisenau
im Jahre 1807 hob sich vor dem Hintergrund des fast widerstandslosen
Zusammenbruchs Preußens bewußtseinsprägend ab.
1815 (Wiener Kongreß) fiel der nördlich der Peene liegende
Teil Pommerns mit Stralsund, Greifswald und der Insel Rügen, bisher
schwedisch, an Preußen.
Pommern war nach 170 Jahren wieder vereint, jetzt als preußische
Provinz, die sich in die drei Regierungsbezirke Stralsund, Stettin und
Köslin gliederte. Die brandenburgischen Kreise Dramburg und Schivelbein
wurden Pommern zugeschlagen. Die Provinz zählte 1816 682000 Einwohner.
Die Selbstverwaltung verkörperte sich vor allem im Provinziallandtag.
Der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten war in
Pommern
höher als in den meisten anderen Gebieten Deutschlands (1895: 54%).
Infolge der Stein-Hardenbergschen Reformen errangen die Bauern zwar ihre
Freiheit, doch verminderte sich die Zahl der Bauernhöfe und
vergrößerte sich der Großgrundbesitz. Insgesamt gesehen
vervielfachte sich im 19. Jahrhundert aber die landwirtschaftlich genutzte
Fläche: Pommern wurde zum wichtigsten landwirtschaftlichen
Überschußgebiet Deutschlands.
 Pommern:
Gutshaus vor
1945
Pommern: Bauern bei der Arbeit
Mit seiner langen Küste war Pommern auch das wichtigste deutsche
Fischereiland. Die Industrie diente großteils der
Weiterverarbeitung
landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Bedeutend war in Stettin die Metallindustrie
(Werften, Fahrzeugwerke). Die pommersche Hauptstadt entwickelte sich zum
wichtigsten deutschen Ostseehafen und zu einem Schwerpunkt des europäischen
Handels. Ab 1843 war Stettin durch die Eisenbahn mit Berlin verbunden. Es
war die einzige Großstadt des Landes (1900: 210702 Einwohner).
Lebhaft stieg der Fremdenverkehr in den zahlreichen Ostseebadeorten
an
(z. B. Binz, Heringsdorf, Misdroy, Kolberg); Pommern war das bedeutendste
deutsche Seebäderland.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein bescheidenes, aber
gediegenes kulturelles Leben, vorwiegend in Stettin; hier wirkte der
Komponist
Carl Loewe 46 Jahre als städtischer Musikdirektor, der 400 Musikballaden
komponierte.
Zwischen 1820 und 1850 prägte, vor allem in Hinterpommern, eine teils
aus lutherischer, teils aus pietistischer Wurzel sich nährende
Erweckungsbewegung das religiöse Leben. Das politische Leben
bestimmte
weithin der konservative grundbesitzende Adel, daneben regte sich, besonders
in Stettin, der liberale Freisinn. Doch gaben infolge des in Preußen
herrschenden Wahlrechts die Wahlergebnisse die Stimmung nur verzerrt wieder.
Der Sozialdemokratie gelang es 1893 erstmals in einem pommerschen Wahlkreis,
einen Abgeordneten in den Reichstag zu schicken.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Pommern, weil der größere
Teil
Westpreußens an Polen abgetreten werden mußte, Grenzland.
In
der Weimarer Republik pendelte Pommern zwischen den Deutschnationalen
(Reichstagswahlen Dezember 1924: 49,1 %) und den Linksparteien (1928 SPD
und KPD zusammen 36,6%); doch am Ende der Weimarer Republik war die NSDAP
die wählerstärkste Partei in der Provinz (Reichstagswahlen November
1932: 43,1 %). Im Widerstand gegen das NS-Regime betätigten sich
aus
konservativer und christlicher Gesinnung viele pommersche Adlige (Ewald von
Kleist-Schmelzin, Reinhold von Thadden-Trieglaff, Elisabeth von Thadden).
Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Pommern durch die Sowjetarmee
erobert.
Infolge der Potsdamer Vereinbarungen der Siegermächte wurden
im August
1945 die östlich der Oder und der Swine gelegenen Teile des Landes der
Verwaltung Polens unterstellt. Entgegen den Vereinbarungen unterstellten
die Sowjets im Herbst 1945 auf polnischen Wunsch auch Swinemünde und
Stettin, in dem bereits wieder eine deutsche Stadtverwaltung zu arbeiten
begonnen hatte, samt einem umfangreichen Vorland westlich von Stettin der
polnischen Verwaltung. Die Bevölkerung des Polen unterstellten
Hinterpommerns - 1939 wohnten dort fast 2 Millionen Menschen - wurde aus
ihrer Heimat vertrieben.
Anmerkungen:
1 Zu Vorpommern siehe Heft 19/1990 unserer Reihe
(Mecklenburg-Vorpommern). Zur Mark Brandenburg siehe Heft
28/1994 unserer Reihe (Zwischen Elbe und Neiße).
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