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1. Literatur an der Oder

Das Land östlich von Oder und Neiße ist jetzt polnischer Kulturraum. Jahrhunderte aber war diese Region von deutscher Kultur geprägt. Wer sich heute auf den Weg macht, um Leben und Werk deutscher Schriftsteller und Dichter östlich der Oder vor 1945 zu erkunden, wird nur noch auf wenige Spuren stoßen. Wege lassen sich zwar manchmal noch nachgehen, aber Orte sind nicht mehr in jedem Fall auffindbar. Was bleibt, ist der Versuch einer erdachten literarischen Landkarte vom 17. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im Umfeld des Flusses. Ein literarisches Zentrum an der Oder bildete seit dem 17. Jahrhundert Schlesien. Bis 1945 galt es als ein "Land der 666 Dichter (Rochus von Liliencron): "Bin ich ein Schlesier, bin ich ein Poet", hieß es schon in einem geflügelten Wort am Ende des 16. Jahrhundert. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts lag hier die wichtigste Landschaft des deutschen Literaturbarocks. Da es für die überwiegend protestantischen Bewohner des zu dieser Zeit von den katholischen Habsburgern beherrschten Territoriums keine Universität gab, mußte, wer studieren wollte, ins Ausland gehen. Der aus Glogau stammende Andreas Gryphius zum Beispiel studierte Anatomie und Jura in Amsterdam, Paris, Florenz, Rom, Venedig und Straßburg. An der Universität Leyden, die im Laufe der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zum geistigen Mittelpunkt Europas wurde, hielt er selbst einige Vorlesungen über Mathematik, Poetik und Geschichte. So erlebte das protestantische Schlesien "Luther durch Muttergebet und Schule [...], Rom durch Straße, Kloster- und Kirchennähe und durch katholisches Denken im gesamten öffentlichen Leben, erlebte Genf durch Leyden" (Herbert Schöffler). Die Koexistenz verschiedener religiöser Strömungen führte auch zu einer entscheidenden Förderung des literarischen Schaffens. In Breslau wurden die Barockdichter Christian Hofmann von Hofmannswaldau und Quirinus Kuhlmann geboren. Hier veröffentlichte Johannes Scheffler, der sich nach seinem Übertritt zum Katholizismus Angelus Silesius nannte, seine epigrammatischen "geistreichen Sinn- und Schlußreime" (1657), in der zweiten Auflage mit dem Titel "Cherubinischer Wandersmann": "Mensch, werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht,/ So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht." Auf ihn, wie vor allem auch auf andere schlesische Dichter und Schriftsteller, wirkten die visionären Erfahrungen und die prophetische Redegabe des Mystikers und Theosophen Jacob Böhme (1575-1624), an den noch heute ein Denkmal am Görlitzer Stadtpark erinnert und von dessen Erstlingswerk "Aurora oder die Morgenröte im Aufgang", der Philosoph Ernst Bloch meinte: "Dergleichen ward seit Heraklit nicht mehr gehört!"

In Breslau, der Stadt an der Oder, wirkte als Kanzleivorsteher des Kaiserlichen Burggrafen von Dohna der in Bunzlau geborene Barockdichter Martin Opitz (1597-1639), "Vater der deutschen Dichtkunst". Sein "Buch von der Deutschen Poeterey", 1624 hier erschienen, gibt dichtungstheoretische Anweisungen für den deutsch schreibenden Schriftsteller, "der europäisches Literaturniveau einhalten will" (Erich Trunz). Es diente beispielsweise Georg Rudolf Weckherlin, Sekretär und Hofpoet des Herzogs von Württemberg, und dem Heidelberger Julius Wilhelm Zincgref als Lehrbuch des poetischen Handwerks. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Opitz als polnischer Hofhistoriograph in Danzig. Eine Grabplatte in der dortigen Marienkirche ist die letzte auffindbare Spur, die noch an ihn erinnert.

Aus der näheren und weiteren Umgebung Breslaus stammten der erst von Lessing wiederentdeckte Epigrammatiker Friedrich von Logau (geb. 1604) und der Tragödiendichter Daniel Caspar von Lohenstein (geb. 1635). Johann Christian Günther, Arztsohn aus Striegau (geb.1695), den die Dichter des Sturm und Drang als einen ihrer gleichgesinnten genialen Vorläufer ehrten, gab einer seiner autobiographischen Elegien den Titel "Breslau, den 25. Dezember 1719". In einigen seiner Gedichte erkennt man moderne Erlebnislyrik im barocken Gewand: "Ich, Schöpfer, deine Creatur,/ Bekenne, daß ich auf der Spur/Der Sünder diesen Tag gewandelt".

Der polnische Germanist Marian Syrocki (1928-1992) hat sich nach 1945 des deutschen Kulturerbes angenommen und den Lehrstuhl für Deutsche Literaturgeschichte in Breslau (Wroclaw) zu einem Zentrum der literarischen Forschung ausgebaut. Daß die Stadt heute über die größten Buchbestände zur deutschen Barockliteratur verfügt, ist nicht zuletzt sein Verdienst.

In Frankfurt an der Oder wurde 1777 Heinrich von Kleist geboren. Sein Elternhaus (Große Oderstraße 25) ist nicht erhalten, Erinnerungstafeln am Nachfolgebau weisen darauf hin. Die "Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte" in der früheren Garnisonschule (Faberstraße 7) dokumentiert Leben und Werk des Dichters. Eine Skulptur von Wieland Förster an der südlichen Chorseite der Marienkirche und ein Denkmal von Gottlieb Elster in einem ehemaligen Friedhof sind ihm gewidmet: Ein jugendlicher Heros mit Lorbeer und Leier schaut vom steinernen Sockel hinüber zum Denkmal seines Großonkels, des Rokokodichters Ewald von Kleist. Dieser starb 1759 an seinen in der Schlacht bei Kunersdorf erlittenen schweren Verwundungen in Frankfurt an der Oder. Tellheim in Lessings Lustspiel "Minna von Barnhelm" (1767) trägt Züge dieses preußischen Offiziers.

Das Frankfurter Königliche Friedrichs-Gymnasium, neben der Oder-Universität (Viadrina) die berühmteste Bildungsstätte, besuchten der Pfarrerssohn Gottfried Benn aus Sellin in der Neumark, "drei Stunden östlich der Oder", und der Apothekerssohn Alfred Henschke, genannt Klabund, aus dem fünfzig Kilometer südöstlich gelegenen Crossen. Entgegen einer weitverbreiteten Legende sind sich die beiden aber hier nie begegnet. Klabund ist erst 1906, drei Jahre nach dem Abitur Gottfried Benns, vom Crossener Realgymnasium nach Frankfurt übergewechselt. Aber Benn zitierte in seiner Totenrede auf Klabund im August 1928 aus dessen "Ode an Crossen": "Oft/ Gedenk ich deiner/Kleinen Stadt am blauen/Rauhen Oderstrom,/Nebelhaft in Tau und Au gebettet/An der Grenze Schlesiens und der Mark,/ Wo der Bober in die Oder,/ Wo die Zeit/ Mündet in die Ewigkeit-".

Östlich von Frankfurt, in der Nähe von Schwiebus, wurde 1772 die Dichterin Anna Louisa Karsch geboren, Tochter eines Bauern und Schankwirts. Wegen ihrer zeitkritischen, antike Formen nachahmenden Gedichte wurde sie von Zeitgenossen als "deutsche Sappho "(Gleim) verehrt.

Die Kleinstadt Beuthen an der Oder, nordwestlich von Glogau, ist der Geburtsort des Schriftstellers Jochen Klepper (1903-1942). In seinem ersten, 1933 veröffentlichten und 1949 verfilmten populären Roman "Der Kahn der fröhlichen Leute" läßt er in einer stimmungsvollen Skizze die Oderlandschaft zwischen Cosel und Stettin lebendig werden:

"Einmal im Jahr ist die Oder mit den Windungen ihres Waldes einem Regenbogen gleich: Wenn die letzten schweren Gewitter des Hochsommers neues, schwellendes blaues Wasser brachten und alle die dunkelstämmigen hohen Bäume den Glanz der Sonne widerstrahlten, die eine Reifezeit und eine Erntezeit der Felder hindurch auf ihnen ruhte! [...] Dann ziehen die Kähne auf der Fahrt stromab ihr schweres Segel auf, der Mast wird gerichtet, der Kreuzsteg oben und unten an ihm festgehämmert, der Herbstwind wirft sich in das graue Tuch, und stolzer und festlicher schwimmen die Schiffe dahin."

Andreas Gryphius ist der berühmteste Dichter des schlesischen literarischen Barock. Er wurde 1616 in Glogau geboren. Schon als Gymnasiast im nahen Fraustadt hatte er zu schreiben begonnen und einige preziöse Lobreden und Theaterstücke verfaßt. Im November 1637 erschien sein erstes Sonett-Buch: Gedichte in deutscher Sprache in einer Zeit, in der Latein noch immer als vorbildliche und vor allem der Lyrik angemessene Literatursprache galt. Seine "Kling-Gedichte", Oden und Epigramme sind bis heute der bekannteste Teil seines Werkes. Die Gedichte "Tränen des Vaterlandes, anno 1636",
"Es ist alles eitel" und "Menschliches Elende" sind Schullektüre. Aber nur wenige seiner Lieder fanden Aufnahme ins evangelische Kirchengesangbuch, was angeblich an ihrem pessimistischen Grundton gelegen haben soll. Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, die Pest und die Auswirkungen der konfessionellen Spaltung haben seine Kindheit und Jugend entscheidend geprägt: "Mir zwang die scharfe Not/die Federn in die Faust". Neben seiner Lyrik, seinen Übersetzungen, waren seine Theaterstücke zur damaligen Zeit hochgeschätzt.


Andreas Gryphius (1616-1664)
Zeitgenössischer Kupferstich von Philipp Kilian (1628-1693).

Zu den interessantesten Prosa-Arbeiten von Gryphius zählen die "Dissertationes funebres", "Leich-Abdankungen" oder Trauerreden, die der Dichter "bei unterschiedlich hoch ansehnlichen Leichbegängnissen gehalten" hat. Eine der bekanntesten dieser vierzehn überlieferten Reden sprach er am 31. Oktober 1649 auf den schwedischen Oberkriegskommissar des Herzogtums Schlesien, Sigismund Müller: "Schlesiens Stern in der Nacht". Die einzige Spur, die heute noch an Andreas Gryphius in seiner Heimatstadt Glogau (Glogów) erinnert, ist eine beschädigte Büste über dem Portal der Ruine des Stadttheaters.

Südöstlich von Breslau (Wroclaw), in Neisse (Nysa), einer der ältesten Städte Schlesiens, ehemaliger Besitz der Breslauer Bischöfe und wichtiges religiöses und kulturelles Zentrum, findet man auf dem heutigen Städtischen Friedhof (Cmentarz Komunalny) neben der kleinen Begräbniskapelle das Doppelgrab des spätromantischen Dichters Joseph Freiherr von Eichendorff und seiner Ehefrau Luise.

Vom Geburtsort des Dichters, Schloß Lubowitz (Lubowice) bei Ratibor (Racibórz) an der Oder, sind nur noch einige Ruinen erhalten. Seit 1990 ist in Lubowitz (Lubowice) eine Eichendorff-Gedenkstube eingerichtet. Auf dem Alten Friedhof wird die Ruhestätte des "edlen und freiherrlichen Geschlechts von Eichendorff" erhalten.

Der Nachruhm Eichendorffs gründet sich vor allem auf seine lyrischen Gedichte mit ihrer scheinbar naiven Musikalität. Nur wenige lyrische Formeln werden ständig variiert: "O Täler weit, o Höhen", "Laue Luft kommt blau geflossen", "Wer hat dich du schöner Wald", "Durch Feld und Buchenhallen", "Denkst du des Schlosses noch auf stiller Höh?". Schon 1823 aber hatte das väterliche Schloß in Lubowitz zwangsversteigert werden müssen.

Das unstete Hin und Her zwischen der Lubowitzer Heimat und der Fremde in Halle, Heidelberg, Wien, Hamburg, Paris oder Berlin ist kennzeichnend für diesen Dichter auf ewiger Wanderschaft. In seiner Studienzeit in Heidelberg, wo er sich bald, nach seinen eigenen Worten, zu jener "ganz besonderen Sekte" der "literarischen Romantiker" zählen darf, hat er sein eigentliches Erweckungserlebnis als Dichter, wie es in dem berühmten Vierzeiler zu Ausdruck kommt:

"Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort."


Joseph von Eichendorff (1788-1857).
Gemälde, 1832, von Franz Kugler (1808-1858). Öl auf Leinwand, 75 x 40 cm.

Wandern und Reisen sind für ihn aber auch immer Symbole für die Sehnsucht des Menschen nach einer anderen, transzendenten und himmlischen Heimat: "Im Grund geht alle Poesie auf nichts Geringeres als auf das Ewige, das Unvergängliche und absolut Schöne." Der "Taugenichts" in Eichendorffs bekanntester Novelle könnte von Schlesien in die Welt hinaus nach Wien und Rom gezogen sein, von wo er nach vielen abenteuerlichen und geheimnisvollen Verwechslungen und Liebeleien mit der "viel schönen, gnäd'gen Frau" über Prag wieder in die Heimat zurückkehrt: "Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig". Vielleicht handelt es sich bei jener Mühle um die nur wenige Kilometer nördlich von Lubowitz in Eichendorffs Tagebüchern erwähnte "Slawikauer Mühle", die auch mit dem berühmten Lied "In einem kühlen Grunde" in Verbindung gebracht wurde.

Eichendorffs Ruf als Poet litt zwar später unter dem Klischee, "deutschester aller deutschen Dichter" oder
"Sänger des deutschen Waldes" zu sein. Er selbst aber hat von aller "Vaterländerei" und von solchem "Anfall von Patriotismus" nicht viel gehalten. Preuße und Katholik aus dem einst österreichisch-böhmischen Schlesien, fühlte er sich zeitlebens als Deutscher und Bürger "eines hauptsächlich in seiner Kultur existierenden Landes "(Gerhard Schulz). Zu seinen Grunderfahrungen in Oberschlesien gehörte von Jugend an das Erlebnis der Mehrsprachigkeit. Deutsch und Polnisch zu sprechen war hier sprachlicher Alltag, bevor nationalistisches Denken die beiden Sprachen gegeneinander ausspielte. Als Regierungsrat und Referent für katholische Angelegenheiten in der Kultusabteilung des preußischen Innenministeriums in Berlin hatte Eichendorff in einem Sprachenstreit zu vermitteln versucht. Zu der von der preußischen Regierung in Westpreußen praktizierten "Eindeutschungspolitik" schreibt er: "Auch scheint es mir Selbsttäuschung, wenn die Regierung die Schuld mangelnder Anhänglichkeit an den preußischen Staat der polnischen Sprache der Bewohner zuschreibt. Nicht an der Sprache liegt es, denn die polnisch redenden Oberschlesier sind so gute Patrioten wie die Deutschen. Es liegt in Westpreußen ohne Zweifel an der Geschichte dieses Landes". Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Eichendorff in Danzig, Dresden und Berlin und siedelte 1855 nach Neisse über. Hier ist er 1857 gestorben.

"Schade, daß du nicht hier bist", schreibt Gerhart Hauptmann 1903, zwei Jahre nach dem Bezug seines Hauses am "Wiesenstein", bei Agnetendorf (Jagniatków) im Riesengebirge: "Ich habe einen so unsäglich großartigen Eindruck, wie heut, noch nie hier oben gehabt, Böhmen ein Südmeer, Schlesien eine blasse, leuchtende See, die Berge, ein Stück Böhmen, das Hirschberger Tal und Falkenberge, alles eine wunderbare Halbinsel mit Landzungen (und Seezungen). Ich kenne meine Gebirge nicht wieder". Mittelpunkt des Hauses war die sich über zwei Stockwerke erstreckende sogenannte
"Paradieshalle", deren fensterlose Hauptwand der schlesische Jugendstilmaler Johannes M. Avenarius 1922 mit Motiven aus Hauptmanns Werken ausgeschmückt hat (siehe auch Kap.Vl. 3.). An ihrer Schmalseite führte eine Treppe zur Galerie mit einer Goethe-Büste von Pierre Jean David d'Angers.

 
Gerhart Hauptmanns Haus in Agnetendorf (Jagniatków) Gedenktafel am Haus in Agnetendorf. Text (polnisch):

Hier lebte und wirkte im Schatten des Riesengebirges  Gerhart Hauptmann, ein fortschrittlicher Schriftsteller
deutscher Herkunft, Träger des Nobelpreises."


Der Schriftsteller Erhart Kästner, 1936 bis 1939 Sekretär des Dichters, erzählt, wie dieser nach oft ausgedehnten Zechgelagen - "am Nachmittag eine Flasche Burgunder und am Abend eine Flasche Burgunder, manchmal auch mit etwas Sekt" (Hermann Kasack) zu nächtlicher Stunde von der Balustrade aus sich von seinen Besuchern und Freunden zu verabschieden pflegte: "Wir gingen durch die große Halle, die Treppe hinauf, langsam absatzweise, unter Rasten und Reden. Ich verabschiedete mich und stieg ins zweite Stockwerk hinauf, als es drunten noch einmal rief. Als ich kam, sah ich den majestätischen Zecher im Rahmen seiner Schlafzimmertür stehen, das Antlitz purpurdurchwellt, von weißen Flammen der Haare umloht."

Gerhart Hauptmann (1862-1946)
Porträtaufnahme 1944.

Die Bedeutung Hauptmanns für die deutsche Literatur wird bis heute vor allem in seinen zahlreichen, im schlesischen Bergleute-, Bauern- und Webermilieu spielenden sozialen Dramen gesehen. Einige von ihnen schrieb er in dem noch heute erhaltenen Landhaus im Schreiberhauer Tal vor den "rein konturierten Massen des Riesengebirges. Den Hintergrund für sein bekanntestes, ursprünglich im schlesischen Dialekt abgefaßtes Drama "De Waber" (1893) bildet der Weberaufstand im Juni 1844 in den Dörfern Peterswaldau und Langenbielau "am Fuße des Eulengebirges". Der Aufstand wurde von preußischem Militär "niederkartätscht".

In dem 1910 publizierten Roman "Der Narr in Christo Emanuel Quint" erzählt Gerhart Hauptmann die um 1890 in Schlesien sich ereignende Geschichte des Tischlersohns und "Giersdorfer Heilands", der "vom Gefühl seiner göttlichen Sendung berauscht", als Bußprediger durch die Lande zieht und um den sich die kleine fanatische Sekte der "Talbrüder" aus der Hirschberger Gegend bildet. Hauptmanns pietistische Beeinflussung in seiner Jugend, besonders durch die Lektüre der Schriften von Jacob Böhme, spiegelt sich im religiösen Sendungsbewußtsein Emanuel Quints. Zugleich kritisiert der Dichter jene für viele "Gebirgsschlesier" charakteristische Anfälligkeit zu himmelhochjauchzender und zu Tode betrübter Gottsuche und zu ekstatischen Wahnvorstellungen.

Gleiwitz (Gliwice) im oberschlesischen Industrierevier wird für den Schriftsteller Horst Bienek (1930-1990) zum Brennpunkt seines Lebens und Werkes: "Ich war dreizehn, als ich die Transporte der Güterzüge, vollgeladen mit Juden, nach dem Osten rollen sah, von der Hindenburgbrücke aus, die mein Spielplatz war. Es waren von hier aus nur noch etwa 60 Kilometer bis zur Endstation Auschwitz-Birkenau [...] Ich war noch nicht 15 Jahre alt, als russische Soldaten meine Heimatstadt Gleiwitz besetzten und anzündeten. Ich ahnte etwas, aber ich verstand nicht. Ich war 16, als ich das Land meiner Kindheit verlassen mußte, für immer: Da ahnte ich bereits, warum."

Gleiwitz ist der Schauplatz seiner ab 1975 veröffentlichten vierteiligen Roman-Chronik: Der letzte Tag des Friedens, der 31. August 1939, der 4. September 1939, Karfreitag 1943 und Februar 1945. Von diesen vier Schlüsseldaten her werden die letzten Jahre eines jaharhundertelangen deutsch-polnischen Nebeneinanders in Oberschlesien beleuchtet. In einer der berühmtesten Szenen des Romans "Die erste Polka" beobachten die beiden Teenager Andreas Pilgrim und Ulla Ossadnik durch den kreisrunden Ausschnitt einer Kanalröhre den von der deutschen SS fingierten "Überfall" auf den Sender Gleiwitz: "So möchte ich das Buch verstanden wissen: nicht als Klage darüber, daß Oberschlesien einmal deutsch war, sondern als Erinnerungen an etwas, was einmal war und nicht mehr ist."

Erinnerungen an die verlorene Heimat, Flucht und Vertreibung, Traumbilder und Utopien, wurden nach 1945 zu Leitmotiven einer Literatur, deren Autoren in der Oderlandschaft geboren wurden und in ihren Erzählungen, Romanen und Gedichten zur Versöhnung zwischen Deutschen und Polen beizutragen versuchen. Für Leonie Ossowski zum Beispiel bildet Röhrsdorf bei Fraustadt, Osowa Sien bei Wschowa, zwischen Warthe und Oder, das landschaftliche Ambiente ihrer Romane.

Der 1959 in Breslau (Wroclaw) geborene polnische Schriftsteller Miroslaw Spychalski notiert seine Beobachtungen in dem von den Deutschen einst erbauten, jetzt von seinen Eltern bewohnten Breslauer Mietshaus:

"Das Mietshaus, in dem wir wohnen, haben die Deutschen gebaut, noch vor dem Krieg. Weil sie den Krieg verloren hatten, mußten die flüchten. Die Stadt wurde zuerst von den Russen besetzt, dann kamen die Polen, das heißt, meine Eltern. Leider verkommt unser Haus, so wie alles verkommt, was die Deutschen hinterlassen haben und was nicht ein militärisches oder ein industrielles Objekt ist. Es verkommt, weil es schon so alt ist und weil es die Deutschen hinterlassen haben und weil sich deshalb keiner darum kümmert.

In unserem Haus ist noch vieles, was an die Deutschen erinnert, erhalten geblieben: die wackligen, aus vielen Holzstufen bestehenden Treppen, Tische, Stühle und anderes Mobiliar. An der Decke sind noch die Reste der deutschen Stuckarbeiten zu sehen, die von der früheren bürgerlichen Pracht unseres Hauses zeugen. Die ehemaligen Mieter unserer Wohnungen leben irgendwie noch unter uns. Mit einem bißchen Phantasie kann man die Freudenrufe hören, die sie beim Erwerb der Gegenstände, die wir jetzt benutzen, ausgestoßen haben. Wenn man dem Lärm lauscht, der von der Straße hochdringt, kann man sich auch gut die Geräusche vorstellen, die damals zu hören gewesen sind: den Wochenendputz jeden Sonnabend bei geöffneten Fenstern, das Klirren der Bierkästen, die sie vom Laden an der Ecke herbeischleppten, damit das Bier bis zum Sonntagabend reichte. Ich kann auch die Marschmusik aus dem Radio hören (andere Musik kann ich mir bei den Deutschen nicht vorstellen), die dann und wann durch ein Rufen oder Fluchen übertönt wird. [...]

Aber wir sind Polen. [...]

Wir gehen in die große rote Backsteinschule. Die Deutschen haben immer nur Schulen aus Backstein gebaut. Jetzt ist sie eine polnische Schule, auch wenn die Deutschen sie einst für sich gebaut haben. Vor der Schule befindet sich ein großer, mit Kastanien umsäumter Sportplatz, der früher nur mit Sand bestreut war. Jetzt hat man eine Asphaltdecke darübergegossen, damit es nicht so staubt. Aber an unsere Knie hat keiner gedacht. Dabei war der Sportplatz damals, als wir noch nicht zehn waren, unsere ganze Welt. Er kannte alle unsere Geheimnisse und Streiche, war unser Wald und unser Dschungel, unser Grunwald/Tannenberg und alles, was wir wollten.

In der Schule lernten wir, daß es "gute" Deutsche gibt, die unsere Nachbarn sind und unsere Freunde, denn sie wollen nichts von uns wiederhaben, und "schlechte" Deutsche, mit denen wir keine gemeinsame Grenze haben und die nicht unsere Freunde sind, denn sie wollen uns aus unseren Wohnungen jagen, aus der Schule und überhaupt aus unserer Stadt."


Miroslaw Spychalski, Die Deutschen.
In: Ursula Höntsch (Hrsg.), "Mir bleibt mein Lied". Schlesisches Lesebuch, Verlag Volk und Welt, Berlin 1992, S. 382 f.



Krug und Szczypiorski auf Poetendampfer

Der Schriftsteller Andrzej Szczypiorski und der Gelegenheitsdichter Manfzred Krug sind Teilnehmer der zweiten Fahrt des "deutsch-polnischen Poetendampfers" auf der Oder. An dreizehn Orten in Deutschland und Polen stünden Lesungen mit Autoren von diesseits und jenseits des Flusses auf dem Programm, kündigte der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg als Mitveranstalter an. Das Motto der Fahrt, die am Sonntag beginnt und his zum 26. September dauert, lautet: "... auf dem Weg zum Haus des Nachbarn."

kna
Stuttgarter Zeitung, September 1996


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