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Ausgabe 1/97: Wales


I. Croeso i Gymru - Willkommen in Wales


Wales - im Bewußtsein der meisten Deutschen eine Region am Rande Europas, Teil Englands (sic!), interessant allenfalls als nicht alltägliches Urlaubsziel oder Zwischenstation auf dem Weg nach Irland, exotisch (gibt es da nicht den längsten - und auch noch unaussprechlichsten - Bahnhofsnamen der Welt?). Daß das kleine Wales - bis zu 96 km breit und bis zu 256 km lang - einst der Motor der ersten Industriellen Revolution war, daß seine Kohle und sein Eisen und Stahl die Menschheit einen gewaltigen Schritt voranbrachten - ob richtig oder falsch, steht hier nicht zur Debatte -, es ist aus dem allgemeinen Bewußtsein verschwunden. Ein Grund liegt gewiß in der Schnelle des Wandels. In kaum mehr als zweihundert Jahren hat Wales alle Stadien vom Agrar- zum Industrieland durchlaufen und hängt nun zwischen glorreicher Vergangenheit und - noch - ungewisser Zukunft. Das aber gerade macht das Land, im heutigen Europa Partnerregion Baden-Württembergs, so interessant für uns. Ist es nicht vorangegangen auf jenem erst goldenen, dann dornigen Weg, der anderen Teilen des europäischen Kontinents noch bevorsteht?

Die uralte keltische Sprache Walisisch - eine der ältesten lebenden Sprachen Europas - wird in Wales vor allem noch im Norden und in den ländlichen Gegenden gesprochen. Walisisch ist sehr nah mit Bretonisch, Gälisch und der cornischen (cf. Cornwall) Sprache verwandt. Für einen Teil der Waliser und Waliserinnen ist es die Muttersprache, die in Familien, Schulen und in Geschäften gesprochen wird. Alle sprechen jedoch auch englisch. Viele Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen (Welsh Channel S4C) erscheinen in walisischer Sprache. Die Straßenschilder sind zweisprachig.


Zweisprachige Wegweiser im Zentrum Cardiffs  
Photo: W.-S. Kircher

Die Ortsnamen in Wales erklären einiges über den jeweiligen Berg, die jeweilige Stadt oder das jeweilige Dorf: Die Namen beruhen oft auf geographischen Gegebenheiten (Flüssen, Bergen, Brücken, Wäldern usw.). In den folgenden Abbildungen findet sich einiges Wissenswertes zum Land, Begrüßungsformeln, Namen auf Walisisch, Englisch und Deutsch.

SPRACHE

Die walisische Sprache ist seit Jahrhunderten im alltäglichen Gebrauch, aber ÜBERALL in Wales wird Englisch gesprochen.
Die Straßenzeichen sind zweisprachig, und man sieht häufig Ortsnamen in Englisch und Walisisch angegeben.
z.B. Swansea / Abertawe, Cardiff / Caerdydd.


Einige Walisische Grußworte

Bore da                       Guten Morgen
Diolch un fawr iawn       Vielen Dank
Dydd da                      Guten Tag                                   Croeso                        Willkommen
Prynhawn da                Guten Tag (am Nachmittag)
Croeso I Gymru             Willkommen in Wales
Noswaith dda               Guten Abend         
Da                              Gut
Nos da                        Gute Nacht
Da iawn                       Sehr gut
Sut mac?                     Wie geht es Ihnen?
Lechyd da                    Zum Wohl
Hwyl                           Prost
Dymuniadau gorau         Alles Gute
Diolch                          Danke    
Cyfarchion                    Grüße


ORTSNAMEN

ABER
Steht für eine Flußmündung, oder den Zusammenfluß von Flüssen oder Bächen.
Es folgt normalerweise der Name des Flusses. Beispiel: Aberystwyth = Mündung des Flusses Ystwyth
BETWS = Andachtsstätte, oder der Name des Gründers. Beispiel: Betws-y-Coed = Andachtsstätte im Wald
BLAEN = Quelle eines Flusses, oder Talende.
Blaenau Ffestiniog = Ende der Täler im Land des Ffestin.
BACH/FACH = Klein
BRYN = Hügel
Bryncastell = Burghügel
BWLCH = Pass oder Kluft
CAPEL = Kapelle
Capel Dewi = Kapelle des David, Schutzpatron von Wales
CASTELL = Burg, Schloss
Castell Coch = Rote Burg
CAER/GAER = Fort
COED = Wald
FFYNNON = Brunnen oder Quelle
Ffynnon Taf = Quelle des Taf
GLAN = Fluß- oder Bachufer
GLYN = Ein "Glen" oder Tal
HAFOD = Eine Sommer-unterkunft, oder eine Sommerweide
LLAN = Kirche oder Gemeinde
Es folgt normalerweise der Name des Heiligen, dem die Kirche gewidmet ist.
Llandudno = Kirche des Hl. Tudno
Llanddewi = Kirche des Hl. David
LLYN = See oder Teich
MYNYDD = Berg
NANT = Bach
PEN = Spitze oder Ende
PENTRE = Dorf
PONT = Brücke
TRE = Heimstätte oder Stadt
TY = Haus

Diese Übersicht stammt aus: The Isle of Anglesey. North Wales. Llangefni 1993 / Copyright: Wales Tourist Board

Ohne die walisische Sprache ist also Wales heute nicht denkbar. Die walisischsprachigen Schulen sind sogar im Aufwind begriffen.

Seit über vierzig Jahren pflegen baden-württembergische Städte und Schulen Kontakte zu Wales (Kapitel III.l.: Städte- und Schulpartnerschaften).

Das kleine Land besitzt bekanntlich eine große Kultur und ein ungewöhnlich reiches Erbe. Kann es aber wieder zu einem wichtigen Standort in einer zunehmend global orientierten Wirtschaft werden? Dafür gibt es viele Anzeichen. Von der Öffnung Großbritanniens nach Europa hat auch Wales erheblich profitiert ("Gateway to Europe"). Keine andere europäische Region konnte so zahlreich amerikanische, japanische und deutsche Unternehmen zu Firmenniederlassungen gewinnen (Kapitel III.2.). Dies ist um so wichtiger, als Wales mit großen Problemen auf dem Arbeitsmarktsektor zu kämpfen hat und die Industrielle Revolution (Vgl. Kapitel III.3.) nur noch in Mythen und Museen weiter existiert (Vgl. Kapitel V.6. und V.7.). "Industrialization led to anglicization" - dies umreißt die Tatsache, daß mit der technischen und ökonomischen Revolution in Wales die alte keltische Sprache gegenüber Englisch - der Sprache der Kohlebarone und Finanziers - immer mehr an Bedeutung einbüßte, ein Prozeß, der erst jüngst gebremst werden konnte.

Der Beitrag Welshness (Kapitel IV 1.) führt ein in die walisische Lebenswelt und das walisische Selbstverständnis, die aber beide, wie auch die darauf folgenden Beiträge zeigen, nicht zu verstehen sind ohne die Abgrenzung zum übermächtigen englischen Nachbarn und die gleichzeitige Symbiose mit ihm. Weltberühmt sind die walisischen Chöre und die walisische Sangeskultur, die u.a. im Zusammenhang zu sehen sind mit dem Leben während der Industrialisierung und der religiösen Entwicklung des Landes (Kapitel IV.2.).

Wales hat auch einen der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hervorgebracht: Dylan Thomas (Kapitel IV.3.). Seine Sprache ist tief geprägt vom walisischen Erbe, obwohl er ausschließlich Englisch schrieb.

Religiöse, nonkonformistische Bekenntnisse (in Großbritannien Sammelbezeichnung für alle religiösen Gruppen, die nicht zur Church of England/Anglican Church gehören) waren für die walisische Bevölkerung auch immer ein Mittel der Opposition gegen die Zentralregierung in London und gegen die mit der Industrialisierung weiter wachsende, in vielen Bereichen (u.a. Wirtschaft, Sprache, Sport) bereits dominierende Anglisierung des Landes. Auch die führende politische Kraft in Wales, der Liberalismus, war tief vom Nonkonformismus geprägt. Die Biographie einer herausragenden Persönlichkeit wie David Lloyd George, Premierminister von 1916-1922 und einer der "Großen Drei" von Versailles 1919 (Kapitel IV.4.), ist dafür ein Zeugnis.

Leider ist es nicht möglich, den für das 19. Jahrhundert für Wales so charakteristischen Chaples ein eigenes Kapitel zu widmen. Deshalb hier einige Anmerkungen dazu: Parallel zum wirtschaftlichen Wachstum und zur Industrialisierung erfolgte der Aufstieg des in den Chaples zum Ausdruck kommenden, oben erwähnten Nonkonformismus. Die Chaples erinnern uns auch an die große Zeit der Erweckungsbewegung in Wales (1844 bis 1870). 1905 zählte man dann 4526 Chaples, über eine halbe Million der walisischen Bevölkerung (=40 %) gehörten den Nonkonformisten an. Die Nonkonformisten stellten die eigentlichen Repräsentanten von Wales und seinen Werten dar. Die Chaples boten in einer sich radikal wandelnden Gesellschaft ein reichhaltiges religiöses Programm: Gesang, Unterstützung und Gemeinschaft. Jede Chaple besaß einen eigenen Chor (siehe Kapitel IV.2.).

Mit dem 20. Jahrhundert begann parallel zum Niedergang der Chaples auch der Niedergang des Liberalismus. Aus dem liberalen Wales wurde das rote Wales. Labour und Gewerkschaften spielen seither die beherrschende Rolle in der walisischen Politik. Vor allem Süd-Ost-Wales entwickelte sich zu einer Hochburg von Labour. Die wichtigsten Labour-Führer kamen seit 1974 aus Wales: James Callaghan, Michael Foot, Neil Kinnock - erst mit Tony Blair trat ein Schotte an die Spitze der Partei.

Eine Partei, die sich für den Erhalt der walisischen Sprache und Kultur einsetzt, ist die nationalistische Plaid Cymru (Kapitel IV.5.). Wales blieb allerdings bisher ein fester Bestandteil des United Kingdom ohne weiterreichende politische Selbständigkeit. Die "Nationhood debate" hat jedoch seit 1996 wieder stark an Aktualität und öffentlichem Interesse gewonnen. Forderungen nach einem eigenen Parlament (Welsh assembly) werden lauter. Die Parlamentswahlen am 1. Mai 1997 werden hier- nach dem Sieg von New Labour - weitere Bewegung bringen. Bislang (Stand Mai 1997) wird Wales immer noch direkt von London aus regiert, das "Welsh Office", die walisische "Regierung", bedarf in diesem Kontext einer Erläuterung (Kapitel IV.6).

Die Routenbeschreibungen - Wege durch Wales wollen auf einige bekannte Touren und Orte (Caernarfon, Snowdon, Tintern Abbey) nicht verzichten, manche gehen weniger betretene Pfade.

Unser Ausflug nach Wales endet mit "Streifzügen durch Cardiff" (Kapitel V.7.), einer jungen europäischen, eigentlich unterschätzten Hauptstadt (seit 1955). Vieles spricht dafür, in der Reisepraxis auf dem Weg nach Wales mit diesem "Gateway to Europe" zu beginnen, der sich mit seiner kulturellen, städtebaulichen und wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Weg in das 21. Jahrhundert befindet.


Croeso i Gymru



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