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Ausgabe 1/97: Wales


III. Europäisches Wales - europäische Brücken

1. Städte- und Schulpartnerschaften


Von deutscher Seite aus würden sich gern viel mehr Austauschgruppen auf den Weg nach Wales machen und dann eine Gegeneinladung aussprechen, wenn es die dortige wirtschaftliche Lage erlaubte. So aber gibt es z. Z. in Baden-Württemberg von 100 geförderten Austauschmaßnahmen mit Großbritannien nur 9 Verbindungen mit Wales.1 Und dies, obwohl die Beziehungen zwischen Baden-Württemberg und Wales besonders eng sind.

Am 11. Februar 1955 überreichte der Britische Generalkonsul in Stuttgart dem damaligen Oberbürgermeister Dr. Klett ein Schreiben des britischen Außenministeriums. Damit wünschte das britische Außenministerium, partnerschaftliche Kontakte zwischen Baden-Württemberg und Wales und zwischen den beiden Hauptstädten Stuttgart und Cardiff herzustellen. Eine weitere Städteverbindung wurde zwischen Swansea und Mannheim angeregt. Den Kern der Städtepartnerschaft zwischen Stuttgart und Cardiff bildet seit 1955 der Schüler- und Jugendaustausch, der über viele Jahre hinweg bis heute neben kulturellen und politischen Begegnungen die wichtigste Aktivität im Rahmen der Partnerschaft darstellt.


Kommunale Brücken:
Begegnungen mit Cardiff
Links with Stuttgart

11.2.1955
Erste Kontakte: Schreiben des britischen Außenministeriums.

1955
Schüleraustausch mit Cardiff; Beteiligung der Stadt Stuttgart an den Weihnachtsfeierlichkeiten der Stadt Cardiff;
Stuttgarter Jugendleiter nach Cardiff, Cardiffer Jugendleiter nach Stuttgart.

August 1956
37 Jugendliche aus Cardiff besuchen Stuttgart für 1 Woche. Unterkunft bei Stuttgarter Familien.

1979
Internationaler Sprachkurs des Oberschulamts mit Schülern aus Cardiff; Jugendgruppe aus Cardiff bei der Arbeiterwohlfahrt in Stuttgart; Verwaltungsausschuß des Gemeinderats und OB Rommel in Großbritannien und Cardiff; Europäisches Jugendtreffen in Stuttgart mit Teilnehmern aus Cardiff; South Glamorgan Youth Brass und Chor der Walisischen Gesamtschule Glantaf; Studienreise des Stadtjugendrings nach Cardiff, Jugendfreizeit in Cardiff; Jugendleiterbegegnung der Arbeiterwohltahrt in Cardiff; Sonderschullehrer aus Cardiff in Stuttgart.

1995
Wirtemberg-Gymnasium zum Vortragswettbewerb in Cardiff/ World Schools Debating Championships. Internationales Musikfestival in Stuttgart mit Bands aus Straßburg und Cardiff. Drucktechniker-Schüler aus Cardiff/Cardiff School of 2-D Design zu Gast bei der Johannes-Gutenberg-Schule (Formal partnership set up in September).
Concert by Stuttgart Philharmonic Orchestra at St David's Hall.
l0th anniversary of Stuttgart Stained Glass.

OB Rommel und weitere Vertreter der Stadt in Cardiff zur Ausstellungseröffnung "Wales - Business Gateway to Europe" anläßlich des 40jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft.

Studienfahrt der Werner-Siemens-Schule nach Cardiff und Swansea. Schülerinnen und Lehrerinnen aus Caerleon zu Gast beim Königin-Charlotte-Gymnasium Möhringen. Visit to Cardiff by pupils from Moehringen, Stuttgart, on Exchange with Caerleon Comprehensive School.

Fortführung des Internationalen Jugendaustausches Stammheim - North-Ely und Jugendzentrum Etzelstraße - Glandaf.

Weitere Begegnungen in Stuttgart und Cardiff:

Rockbands, Sozialpädagogen, Stadtjugendring, Jugendhaus Untertürkheim - Jugendhaus Cardiff, alleinerziehende Mütter/ Young Mothers-Exchange, Jugendhaus Neugereut - Cardiffer Youth Club, Jugendhaus Obertürkheim-Uhlbach - Villa jo and Heol Hir Youth Centre, Cardiff, Chor der Kirchengemeinde Eglwys Dewi Sant, Cardiff, in Stuttgart.

Treffen "4 europäische Städte gegen alltägliche Diskriminierung"· (Cardiff, Straßburg, Rotterdam, Stuttgart).

(Nach: Wissenswertes über die Städtepartnerschaft Stuttgart - Cardiff Hrsg. vom Kulturamt der Stadt Stuttgart. Links with Stuttgart. Working Document City ofCardiff/Dinas Caerdydd, 1994, 1996)


Stuttgarter Straße in Cardiff
Photo: K. Kircher


Auch an unserer Schule, dem Gymnasium am Hoptbühl in Villingen-Schwenningen, war der seit den siebziger Jahren bis vor einiger Zeit regelmäßig stattfindende Schüleraustausch mit Wales sehr beliebt. Er konnte nicht mehr fortgeführt werden, weil unsere Partner wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage der Region die finanziellen Mittel für den Austausch nicht mehr aufbringen konnten. Unsere Partnerschule und die Stadt Pen-y-groes, südwestlich von Caernarfon, waren zwar klein, der Austausch aber äußerst erlebnisreich.

In den zwei Wochen erkundeten die deutschen Schüler die reizvolle Landschaft von Nordwales mit den interessanten und malerischen Städten Caernarfon, Porthmadoc, Criccieth und Bangor und die Halbinsel Anglesey mit ihren steilen Klippen. Einen Höhepunkt bedeutete die Besteigung des 1085 m hohen Snowdon, dem Wahrzeichen des Snowdonia-Nationalparks. Besonders erlebnisreich war auch stets die Einfahrt mit einer Bahn in ein Schieferbergwerk. Hier erfuhren die Schüler, daß die Schieferbrüche und die Schafzucht für Jahrzehnte dort die einzige Erwerbsquelle gewesen waren.

Schon am ersten Tag nahmen die Gäste wahr, daß sie sich in einer Hochburg des Walisischen befanden, weil in der Schule nur walisisch gesprochen wurde. Nach dem Unterricht wurde dann mit den baden-württembergischen Gästen im Familienkreis völlig selbstverständlich englisch gesprochen.


Exkurs:
Schulen, Lehrpläne und Qualifikationen in Wales

Während die Bildungssysteme in England und Wales einander sehr ähnlich sind, unterscheiden sie sich in wesentlichen Punkten von denen der meisten europäischen Länder.

Eine Besonderheit, die das walisische Schulwesen charakterisiert, besteht darin, daß sowohl die walisische als auch die englische Sprache in einer Reihe von Schulen gebraucht werden. Die meisten dieser Schulen befinden sich in den traditionell walisisch-sprachigen und hauptsächlich ländlichen Gebieten im Norden. Jedoch wurden ausdrücklich zweisprachige Schulen auch in den anglisierten, industriellen Gebieten im Süden von Wales errichtet. Kinder, deren Eltern dies wünschen, sollen durch das Medium beider Sprachen ausgebildet werden können.

Die Statistik, die sich auf die Volkszählung von 1991 bezieht, zeigt, daß der Prozentsatz der walisisch sprechenden Bevölkerung in der Altersgruppe unter 25 Jahren im letzten Jahrzehnt merklich angestiegen ist. Natürlich ist es ein Irrtum anzunehmen, daß Walisisch die Muttersprache dieser Kinder ist. Vielmehr beweisen andere Aufstellungen, daß sich hier der Einfluß der Vorschulerziehung zeigt.

Seit Einführung des "National Curriculum" im Schuljahr 1990/91 hat sich der Prozentsatz der Schulkinder, die zumindest etwas walisisch sprechen, drastisch erhöht.

Nach den Angaben der "Welsh Social Survey" lernten 1994 in der Sekundarstufe I von den 11- bis l5jährigen Schülern
12,1 % Walisisch als erste, 67,9 % als zweite Sprache, und nur 20 % der Schüler lernten kein Walisisch.

Immerhin sprechen knapp 50 % der Grundschüler fließend bis wenig walisisch. Dabei nimmt der Norden von Wales eine wesentlich stärkere Rolle ein als der Süden und die größeren Städte. Die Gesamtzahl der Schüler in Klassen, wo kein Walisisch unterrichtet wird, ist inzwischen von 63 000 (1991 ) auf 28 000 (1997) gesunken, von 23 % auf 10 %.

Eine Anzahl von Grund- und weiterführenden Schulen in Wales sind als "Welsh speaking" zu bezeichnen, d.h. Walisisch wird hauptsächlich gesprochen. Auch hier ist die Mehrzahl dieser Schulen im Norden des Landes zu suchen.

Die volle Verantwortung für die Bildung in Wales (außer für Universitätsangelegenheiten) liegt beim Welsh Office (siehe IV.6: Die walisische "Regierung") und wird von acht örtlichen Schulbehörden ausgeübt.

Die Schulen unterscheiden sich nicht nur auf Grund ihrer Typen, sondern auch nach den verschiedenen Finanzierungsmodellen. So gibt es die öffentlichen, schulgeldfreien Schulen -16 an der Zahl (mit 2 % der Schüler) -, die ihre Haushaltsmittel direkt vom Welsh Office erhalten und denen das Recht der eigenen Budgetierung zusteht.

Daneben rangieren die weit zahlreicheren Schulen, die einer örtlichen Schulverwaltung und -finanzierung unterstehen und eine damit verbundene örtliche Autonomie besitzen. Es handelt sich um 1686 Schulen im Primar- und 216 Schulen im Sekundarbereich (mit ca. 96 % der Schüler).

Das Schuljahr 1991/92 markiert einen Meilenstein in der Entwicklung des walisischen Schulwesens. Mit seinem Beginn trat ein Reformgesetz in Kraft, dessen Kernpunkt das bereits erwähnte "National Curriculum" darstellt.

Es schreibt als Kernfächer (core subjects) Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften für alle Schüler öffentlicher Schulen bis zum Abschluß der Schulpflicht (mit 16 Jahren) verbindlich vor - ebenso wie die Grundfächer (foundation subjects) Geschichte, Erdkunde, Technologie, Sport und eine "Fremdsprache". In Wales wird für die 5- bis l4jährigen auch Kunst und Musik erteilt. Zu den Auflagen des Curriculums gehören auch die Einführung und Einhaltung des vorgeschriebenen Lehrplanes und eine einheitliche Leistungsmessung. Damit soll überall das gleiche Leistungsniveau gesichert werden.

Alle Schüler im Alter von 7,11,14 und 16 Jahren müssen in den oben aufgeführten Fächern Prüfungen anhand zentral gestellter Aufgaben ablegen.

Wie in Baden-Württemberg wurde auch in Wales eine "Entrümpelung", und Umstellung der Lehrpläne in Gang gesetzt: Eine vom Erziehungsminister eingesetzte Untersuchungskommission schlug u. a. folgende Veränderungen vor:

  • In allen Altersstufen sollen Informatik und der Umgang mit Computern gelehrt und geübt werden.
  • Für die 14- bis l6jährigen werden berufsbildende Kurse mit zwei unterschiedlichen Abschlüssen: General NationalVocational Qualifications (GNVQs) und National Vocational Qualifications (NVQs) angeboten.

Für die "Comprehensive School", die Gesamtschule im Sekundarbereich I und II, sind für die Schüler ab dem 14. Lebensjahr 3 Zweige vorgesehen:

  • ein allgemeinbildender Zweig, "academic pathway", der nach der zweijährigen Oberstufe zum Abschluß des A-Level (Advanced-Level) führt,
  • der "craft or occupational pathway", ein berufsbezogener Ausbildungsgang, desses Lehrplan das Ziel hat, das Lernen praktisch und auf die Arbeitswelt bezogen zu gestalten.
  • Eine Mischung aus allgemeinbildenden Elementen mit beruflicher Ausbildung, der die dritte Ausbildungsrichtung darstellt, an deren Ende der GNVQ-Abschluß steht.

Die Pflichtschulzeit endet mit dem 16. Lebensjahr. Der größere Teil der Schüler schließt sie mit der Prüfung des "General Certificate of Secondary Education" (GCSE) ab.

Wer später eine Hochschule besuchen will, bereitet sich danach während der zweijährigen Oberstufe in der Regel in 3 fächern auf die "A-Level" Prüfung vor. Dabei muß sich der Schüler praktisch bereits auf die Fachrichtung seines Studiums festlegen, weil in England und Wales keine allgemeine Hochschulreife vergeben wird, sondern die Zulassung zu den Fachstudiengängen vom Nachweis bestimmter A-Levels abhängt.

Schulabgängern im Alter von 16 - 17 Jahren, die nicht weiter zur Schule gehen oder direkt in das Berufsleben eintreten wollen, bietet man Plätze für eine ein- bis zweijährige Ausbildung in der Industrie an. Davon machten zu Beginn der 90er Jahre in Wales etwa 19 000 Junge Leute Gebrauch. Als wöchentliche Vergütung erhalten die am Programm teilnehmenden 16-jährigen 29,50 Pfund und die 17-jährigen 35 Pfund. Die Jugendarbeitslosigkeit in Wales ist besonders groß. Im Frühjahr 1995 gab es hier 40 000 Arbeitslose im Alter von 16 - 24 Jahren, das entspricht einer Arbeitslosenquote von 18 %.2

Anmerkungen

1. Lt. Auskunft des Oberschulamtes Stuttgart, Stand Herbst 1994
2. Zahlenangaben nach Auskunft des Welsh Office, Cardiff, Nov. 1995



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