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Ausgabe 1/97: Wales


III. Europäisches Wales - europäische Brücken

2. Wirtschaftliche Brücken: Wales - Baden-Württemberg


Nach dem Niedergang der traditionellen Kohle- und Eisenindustrie in Wales setzen Wirtschaft, Handel, Politik und Presse der Region einhellig auf die Modernisierung des Landes durch wirtschaftlichen Aufschwung. Dies um so mehr, als der Abbau der Handelsbarrieren innerhalb der Europäischen Union diese Wirtschaftspolitik begünstigt. Politiker, Wirtschaftsmanager und Medienvertreter haben sich gemeinsam das Ziel gesetzt, die mit dem Niedergang der einheimischen Kohleindustrie "verlorene Arbeit" wiederzugewinnen. Denn Wales ist die zweitärmste Region Großbritanniens. In der internationalen englischsprachigen Presse - so z. B. in Newsweek 1994 und in der Financial Times 1995 - lief eine Werbekampagne der Welsh Development Agency (WDA), einer dem Welsh Office, der sog. "walisischen 'Regierung'" unterstehenden Behörde. Neben britischen, japanischen und amerikanischen Konzernen - u. a. British Airways, Toyota und Sony - erscheint auch der Name der baden-württembergischen Weltfirma Bosch.


Anzeige der Welsh Development Agency
Aus: Newsweek March 1994

Zu dem in Wales seit den neunziger Jahren verstärkten Werben für internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet von Wirtschaft und Handel gehören auch die seit 1991 jährlich stattfindende "Europäische Woche" und die "Europäische Geschäftsmesse" in Cardiff, die mit dem "Focus on our European link" veranstaltet wird, wie der Lord Mayor von Cardiff formuliert1.

Die Bemühungen um weitergehende Kooperation mit europäischen Partnerregionen zeitigten kurz zuvor einen Erfolg auf staatlicher Ebene: Seit 1990 besteht eine offizielle regionale Partnerschaft zwischen Wales und Baden-Württemberg auf den Gebieten Wirtschaft, Technologietransfer, Forschung, Design, Bildung, Jugendaustausch, Stadtentwicklung.

Beispielhaft für das privatwirtschaftliche Engagement baden-württembergischer Firmen sind die Aktivitäten der Bosch-Gruppe. Bereits im Januar 1991 lief im neuen Werk Cardiff der erste Compact-Generator vom Band. Bei der Produktion dieser neuen Generatoren wird auf höchste Qualitätssicherung Wert gelegt. Praktiziert wird das Management-Konzept der eigenverantwortlichen "Minicompanies", getragen von einem hohen Maß an Motivation, von Teamarbeit und von der Identifikation der Beschäftigten mit dem Unternehmen. Dazu gehört z. B. die Uniform mit dem Bosch-Logo, der Verzicht der Unternehmensführung auf Privilegien, der Versuch, zwischen Angestellten und Arbeitern nicht zu unterscheiden. Die Produktion des Bosch-Werkes geht an Autohersteller im Vereinigten Königreich und in den Export. Deutsche, italienische und japanische Firmen sind die Abnehmer. Bei dem in Rekordzeit erbauten Werk wurde übrigens ein kleiner keltischer Hügel erhalten - eine Geste an das keltische Erbe der Waliser.

Was macht Wales und speziell den walisischen Süden für ausländische Firmen so attraktiv? Zu nennen sind in erster Linie die sehr guten Standortbedingungen:

  • gut erschlossenes Land wird billig zur Verfügung gestellt;
  • günstige Verkehrsanbindung: Seehafen, Flughafen, Autobahnanschluß, Eisenbahnnähe;
  • Zulieferbetriebe sind in der Nähe angesiedelt;
  • gut ausgebildete und motivierte Fach- und Führungskräfte: für die bis 1992 bei Bosch neu geschaffenen 700 Arbeitsplätze konnte ein Mitarbeiterstamm unter 60 000 Bewerbungen ausgewählt werden2;
  • niedrige Löhne und Nebenkosten: so sind nach einer Studie des Deutschen Wirtschafts-Instituts in Köln die Kosten für eine Arbeitsstunde in der britischen verarbeitenden Industrie nur etwa halb so hoch wie in Deutschland3;
  • in Großbritannien ist die Arbeitswoche länger und die Produktivität in den Tochterfirmen nicht geringer als in Deutschland (im Bosch-Werk kann 7 mal 24 Stunden pro Woche in 4 Schichten bei 39 Wochenstunden gearbeitet werden, vgl. Bosch-Zünder 8/1991, S. 9);
  • vergleichsweise niedrige Steuerabgaben: Gesellschaften mit einem Gewinn bis 250000 Pfund im Jahr müssen in Großbritannien nur 25 %, diejenigen mit mehr als 1.25 Millionen Pfund höchstens 33 % Körperschaftsteuer bezahlen; die Besteuerung von Unternehmensgewinnen liegt bei 33 %, der Durchschnittslohn ist geringer als z. B. in Korea;
  • die Britische Regierung und die EU gewähren Subventionen;
  • guter Zugang zu internationalen Märkten (z. B. zu den in Großbritannien produzierenden japanischen Autofirmen).

Aus den genannten Faktoren resultieren die im Vergleich zu Deutschland günstigen Gesamtproduktionskosten. Zwar sind die in den ausländischen Firmen festgeschriebenen Lohn- und Arbeitsverhältnisse jüngst auch in Großbritannien in Kritik geraten, doch gibt es sicher Vorteile für die Waliser: Diese liegen u. a. auf dem Arbeitsplatzsektor: Bis Ende 1995 konnten z. B. im Bosch-Werk Cardiff 950 Arbeitsplätze geschaffen werden, nicht gerechnet diejenigen in der Zulieferindustrie.

Der für Deutschland zuständige Investitionsexperte der WDA, David Griffiths, stellt dazu fest: "The Bosch project symbolised the advantages to Wales of this bilateral project", und weist in dem Artikel "Germany looks to Wales" ausdrücklich darauf hin, daß die hochentwickelte Technologie und das ausgeklügelte Ausbildungsangebot der Firma die verschiedensten positiven Auswirkungen haben.


Bosch Werksgelände in Cardiff mit Arbeitern, Angestellten, Werksleitung und dem ersten Compact Generator.
Photo: RBGB

Das Bosch Werk in Cardiff
(Stand Nov. 1995)
Mitarbeiterzahl: 950 (davon 25 Auszubildende)
Investitionen: 120 Millionen Pfund Sterling bis 1995 / 140 Millionen Pfund Sterling bis Ende 1996
Produktionszahlen: 1 Million Generatoren (Mai 1992) - 5 Millionen Generatoren (Mai 1994) - 10 Millionen Generatoren (November 1995)
Krankenstand der Beschäftigten: 1,5 - 2,5 Prozent
(Quelle: Vortrag Dr. Hermann Scholl, Robert Bosch GmbH, 1996 in München)

Etwa fünfzig deutsche Tochterunternehmen sind vor allem in der Elektronik- und Automobilbranche in Wales vertreten, u. a. 16 aus Nordrhein-Westfalen, 10 aus Baden-Württemberg und neun aus Bayern. Das sind 14 % der Gesamtzahl der in Wales ansässigen Firmen aus Übersee bzw. ein Achtel der im Vereinigten Königreich ansässigen deutschen Firmen. Über 5000 Menschen sind bei ihnen beschäftigt. Deutschland ist damit der viertgrößte Investor in Wales nach Nordamerika, Japan und Finnland. Nicht vergessen werden sollte bei diesen Zahlenbeispielen, daß etwa der japanische Panasonic-Konzern bereits seit über 20 Jahren in Wales präsent ist.

"Is your business fit for Europe?" wird in einer Anzeige der Welsh Development Agency gefragt, die einheimischen, exportorientierten Firmen Rat und Hilfe für ein Engagement auf dem europäischen Markt und den europäischen Schlüsselregionen anbietet ("Eurolink" - Programm) - grenzüberschreitende wirtschaftliche Zusammenarbeit soll und kann keine Einbahnstraße sein, Wales muß auch eine konkurrenzfähige exportorientierte Wirtschaft aufbauen. Östlich von Cardiff ist ein "Euroterminal" der Eisenbahn (Frachtbahnhof) geplant.10 000 Arbeitsplätze in der Industrie mit Hilfe von Geldern aus einem EU-Fonds erhoffen sich die Planer. Und an die politischen Rahmenbedingungen dieser wechselseitigen wirtschaftlichen Öffnung mit Blick auf Europa erinnert der für South Wales Central ins Europäische Parlament gewählte Abgeordnete des Europäischen Parlaments, MEP Wayne David:

"With an outward looking business community, Cardiff has the opportunity to develop into one of the foremost cities in Europe. But for our capital city to achieve its potential, we have to acknowledge the fact that as well as being Welsh and British, we are also European."4

Sollten diese "europäischen" Voraussetzungen wegfallen, d. h. sollten die Briten sich aus Europa zurückziehen, wie dies von den Euroskeptikern in London gefordert wird, kann dieser wirtschaftliche Brückenbau längerfristig nicht tragen, der politische und menschliche nur schwer gelingen.

Katastrophale Rückwirkungen auf Wales und seine Wirtschaft prophezeit Wayne David für diesen Fall: "Britain's membership of the European Union has brought significant benefits to Wales and should Britain withdraw from Europe the impact on the Welsh economy would be little short of disastrous."5

Anmerkungen:

1. Wales European Business Fair. The Official 1995 Guide. Published by The Western Mail, 11-12 May 1995, p. 3
2. So Gerhard Turner, kaufmännischer Werkleiter, in der S 3 - Sendung "Europa der Regionen: Wales. Grünes Land
    zwischen Kohle, Schiefer und Schafen"·, vom 15.11.1992
3. Vgl. South Wales 2000. Published with The Western Mail, April 1995, Issue 2, p. 23
4. Wales European Business Fair, p.11
5. Ebd. Die euroskeptische Front sah sich jüngst auch in Wales gestärkt: Die BSE-Krise ("Rinderwahnsinn") und der
    Boykott britischen Rindfleisches haben die walisische Landwirtschaft schwer getroffen und heftige anti-europäische
    Reaktionen bei Farmern und Konsumenten ("buy British") ausgelöst.



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