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Ausgabe 1/97: Wales


IV. Wales und die Waliser

1. Welshness



Den Oktober 1969 in Oxford werde ich nie vergessen. Ich stellte mich, klein und pummelig, "fresh from the valleys" für das Deutsch- und Französischstudium am Somerville College for Women vor. Mit meinem Abiturzeugnis, der bestandenen schriftlichen Aufnahmeprüfung und dem walisischen Arbeitsethos, der "get-out-of-the-pits"-Mentalität, versuchte ich, eine Hochburg des englischen Establishments zu stürmen.

Schon der erste Abend brachte einen Kulturschock. Beim Dinner im mittelalterlichen Saal von Somerville saßen die Kandidatinnen zusammen an einem Tisch. Meine Nachbarin, eine hochbeinige, blonde Südengländerin fragte mich in Queen's English1, woher ich käme. Auf meine Antwort - "Ystalyfera Comprehensive" - erwiderte sie gelangweilt, sie sei aus Rodean.2 Wir unterschieden uns in Sprache ("Every healthy Welshman keeps his vowels open"), Aussehen, Temperament und Auftreten. Ich war heilfroh, zum Interview fliehen zu können, wo vorwiegend deutsch oder französisch gesprochen wurde.

Allerdings kam da die nächste Klippe: Ich war um sechs Uhr zu Dame3 Park bestellt. Sie bot mir zur Begrüßung einen Sherry an. Wo ich herkam, galt "Bad girls did (drink) and good girls didn't". Ich verzichtete auf den angebotenen Drink, ein faux pas, und wir gingen zum Tagesthema über: "And what do you think of the Comprehensive System?" Schon wieder Ystalyfera versus Rodean. Endlich ging es um Baudelaire, Camus und dergleichen, und ich konnte aufatmen.

Man mag sagen, das seien einfach Kulturtechniken - Sprache, Weinkennerschaft, "polished behaviour" und die daraus entstehende "relaxation through strength", die man sich im Laufe der Zeit aneignen könne. Auf der Insel jedoch bilden diese Verhaltensweisen einen Code, der für die Nichteingeweihten schwer zu entschlüsseln ist und ihnen den Eintritt in den Club des Establishments erschwert. Erst durch das Prisma Deutschland ist es mir möglich, das alles zu relativieren.

Als Ergebnis dieser Tage wurde mir klar, daß es doch so etwas wie Walisertum gibt, eine tiefgehende Bindung, die durch gemeinsame Sprache, Geschichte, Religion, Temperament, Humor und die Abgrenzung zum Nachbarn, "Y Sais" (walisisch: "die Engländer"), geschaffen wird.

"Ihr Geist ihre Sprache, ihre Sprache ihr Geist", behauptete Wilhelm von Humboldt im 19. Jahrhundert. Wenn das stimmt, steht es schlecht um den Waliser. Seit der englisch-walisischen Vereinigung 1536/1543 ("Acts of Union") wird Wales von London aus regiert. Die anglisierte Oberschicht ging nach England. Wales war ohne Führungsschicht, und walisisch wurde nur vom "gwerin" (Volk) gesprochen. Vom 17. Jahrhundert an war die walisische Sprache verpönt und gehaßt - von den Engländern und von der anglisierten herrschenden Schicht, den Bergwerkbesitzern und den "local squires", den Landbesitzern in Wales. Sogar noch am Ende des 19. Jahrhunderts mußten walisische Kinder ein "Not", ein Holzbrett, um den Hals tragen, wenn sie beim Walisischsprechen erwischt wurden. Das "Not" durfte das Kind dem Klassenkameraden weitergeben, der als nächster walisisch sprach. Der letzte, der es am Ende des Tages trug, bekam eine Tracht Prügel vom Lehrer.

Es ist aufschlußreich, welche Bedeutungen das Stammwort "Welsh" in der englischen Sprache bekommen hat:

a Welsh cricket (Grille): a louse
a Welsh ambassador: a cuckoo
to welsh: to swindle a person
              out of money laid as a bet
(Oxford New Dictionary Vol. 10 Part 2, p. 308-310)

Ein anti-walisisches Kinderlied, entstanden ca.1780, lautet:

"Taffy4 was a Welshman,
Taffy was a thief,
Taffy came to my house and stole a piece of beef."

Im Laufe der Jahrhunderte entstand so die "fringe mentality", der Minderwertigkeitskomplex des "Celtic Underdog".

Der südwalisische Akzent im Englischen galt und gilt als "working-class accent", was auch Neil Kinnocks5 politische Karriere erschwerte und seine Wahlchancen beeinträchtigte! Dialekt als Soziolekt - muß das denn sein? Aber das ist nicht nur das Los der Waliser. Wie ein Dichter aus der Karibik in Kilroy Silk's Morning Chat-Show bemerkte: "The only people who speak Queen's English are the Queen and her friends."

Historisch gesehen gab es in Wales seit den "Acts of Unio"·kein organisch gewachsenes Gesellschaftssystem mehr wie in England. Die herrschende Schicht in Wales sprach Received Pronunciation (RP), eine standardisierte Form des Englischen, die von gebildeten Südengländern gesprochen wird. Sie gehörte der anglikanischen Kirche an und trug die "englische Maske"6. Dann gab es das "Gwerin"7. Es sprach walisisch und bestand aus "Chapel goers"8. Wie Roger Thomas aus Cardiff, bis 1994 Britischer Konsul in Stuttgart, von sich sagte: "Although my parents were both Welsh-speaking and my father was expected to speak Welsh with his patients (y Gwerin: my addition), I was not encouraged to use the language and was sent to England for my schooling."

Schon in dem walisischen Begriff "Gwerin" steckt der Sinn für Gemeinschaft, der aus dieser eher klassenlosen Gesellschaft entstand. Dieser "sense of community" ist auch heute noch besonders sichtbar bei den Männerchören, Rugbyspielen, bei den working-men's clubs und in der Bergarbeiter-Gemeinde. Es gibt kaum noch Gruben, aber der Geist ist geblieben.

Auf den ersten Blick könnte es nun scheinen, als ob die Frauen eine eher sekundäre Rolle in der Gesellschaft spielten. Das sehe ich nicht so. Schon in der walisischen Sprache werden Naturereignisse auf eine weibliche Gottheit9 zurückgeführt:

"Y mae hi yn bwrw glaw" - sie regnet
"Y mae hi yn eira" - sie schneit.

Sogar die Gesetze von Hywel Dda (siehe Zeittafel 916-950) waren frauenfreundlich - der gesetzlich bezifferte Wert einer Frau war sechsmal höher als in England zur selben Zeit. Als 1865 walisische Siedler in Patagonien (Südargentinien) eine neue Existenz gründeten, war ihre Gesellschaft die erste, die der Frau das Stimmrecht gab.

Wales gab Europa durch die Artus-Sage die ritterliche Idealisierung der Frau. In Wales selber jedoch war die Frau selten Gegenstand überhöhender ritterlicher Minne. Sie mußte sich im Alltag bewähren und selbst auf sich aufpassen. Bis spät in das 17. Jahrhundert hinein verzichteten Waliserinnen darauf, den Namen ihres Ehemannes zu übernehmen.

Für mich ist meine Großmutter eine typische Waliserin - klein, dunkel, mit ihren feurig-funkelnden Augen erinnert sie mich an die Spanierinnen. Ihre gute Stube war sakrosankt, und selbstverständlich galt "Chapel on Sundays". 1984 ging sie noch mit 80 Jahren militant mit auf die Barrikaden, als der Gewerkschaftsführer Arthur Scargill10 die Bergarbeiter zum Streik aufrief - sie hatte 30 Jahre davor ihren Mann durch eine Staublunge verloren.

"Spontaneity, the sudden bursting into song, the Welsh temper is for me essentially the Welsh response to living", behauptet der in Stuttgart lebende Südwaliser Derrick Jenkins.

Die walisischen Begriffe "hwyl" (eine Art Hochgefühl, Inspiration) und "hiraeth" (Sehnsucht und Heimweh) lassen sich tatsächlich schwer ins Englische übersetzen, weil dieser affektive Bereich etwas urwüchsig Walisisches an sich hat. Man braucht nur in Cardiff Arms Park (Zentralstadion für Rugby-Spiele) dabei zu sein, wenn Wales gegen "the old enemy" spielt, um diese Eruption der walisischen Urseele mitzubekommen -

Some sixty thousand Welshmen
sing natural 3-part harmony unrehearsed....
These men were never English
The language changes but the heart does not.
(Alun Rees, Cardiff Arms Park)

"In Wales you have the highest incidence of manic depression in the UK", lautet ein englischer Witz. Eine wörtliche Übersetzung würde den Sinn dieses Satzes wohl verfälschen. Wenn damit die Liebe der Waliser zum Theatralischen, der Hang zum Extremen angedeutet sein soll, würde ich zustimmen. Wales ist bekannt für seine Schauspieler, Opernsänger, Lehrer, Politiker - extrovertierte Berufe, in denen das Histrionisch (d. h. schauspielerhaft)-Hysterische positiv eingesetzt werden kann. Man denke nur an den Berufswaliser Richard Burton (alias Richard Jenkins). Auch die Vorliebe für die "tall story" (das Fabulieren) und "the Celtic overstatement" sind für mich charakteristisch - Übertreibungen aus reinem Spaß am (Wort- oder Gedanken-) Spiel und am Klang der Sprache (dies erinnert an den walisischen Dichter Taliesin11). Vielleicht stammt dies von der tiefen Erkenntnis, daß Schein und Sein, die im Leben so weit auseinanderklaffen, letztlich austauschbar sind. Man erinnere sich an die Mabinogion12, wo Figuren ohne Vorwarnung ihre Gestalt ändern und magische und Alltagsbereiche nicht auseinanderzuhalten sind. "The curved truth of a Welshman" ist für mich lediglich dieser Überschuß an Phantasie, Träumerei, welche die dichterische Wahrheit im Leben sucht. Der Waliser, wie ich ihn kenne, ist kein Macher, kein Technokrat. Er erkennt aber, daß man als Kelte über ein großes und fremdes Rollenrepertoire verfügen und oft dem eigenen Temperament ein Korsett anlegen muß, um weiterzukommen.

Aus dieser Rollendistanz entspringt auch der Humor. Man kann sich selber einfach nicht so ernst nehmen. Als Richard Burton und Stanley Baker (ein berühmter walisischer Schauspieler) 1970 für BBC von David Frost interviewt wurden, erzählte Burton genüßlich eine Anekdote aus dem Leben seines Großvaters:

Baker: "Rich, but that's my grandfather not yours.
Burton: "What the hell! He was somebody's Grandfather, wasn't he.

Mein Lieblingswaliser heißt Jolo Morgannwg, geboren als Edward Williams (1747-1826) in Hemingston, Glamorgan. Er war Poet, Komponist, Menschenrechtler, Tierfreund, Gelehrter und Fälscher, der kraft seiner Leidenschaft für "all things Welsh" die walisische Kultur wiederbelebte und das walisische Gelehrtentum mit seinem Wirken in größte Konfusion stürzte (ähnlich wie Macpherson mit seinem "Ossian").

Jolo erkannte, lange vor seinen Landsleuten, daß die Kontinuität von Wales vor allem in seinen literarischen Traditionen lag. Aber genial wie er war, ging die Phantasie mit ihm durch. Er war überzeugt, daß die Druiden (keltische Priester) in Glamorgan überlebt hätten und er ihr Oberdruide wäre. Dementsprechend bemühte er sich, dieses Erbe in ganz Wales zu verbreiten. Er gründete das "Gorsedd"13 und erfand großzügig 'altertümliche' Rituale. Aus seiner Sicht war er kein Plagiator. Er glaubte, eine Berufung zu haben, die "Taliesan Tradition" weiterzugeben. Er wußte mehr über klassische walisische Tradition als irgendein anderer und schrieb "mittelalterliche" Gedichte, die zum Teil schöner waren als das überlieferte Erbe. Man kann fast an ein "literary shapechanging" glauben.

So elastisch und schillernd die Seele Jolos, um so disziplinierter und regelhafter die Kunstform, die er propagierte. Die Druiden hatten strenge Konventionen, die beim Dichten eingehalten werden mußten. Der Beruf des Dichters war institutionalisiert und geschützt, und jeder mußte eine strenge Ausbildung absolvieren. Die Dichter mußten die "Twentyfour strict metres of the classical Welsh Tradition" einhalten. Das System heißt "cynghanedd" und beruht vorwiegend auf Alliteration, End- und Binnenreim. Ein betontes Wort muß sich mit einem unbetonten reimen und vieles mehr. Das "Englyn" ist wahrscheinlich die charakteristischste Versform: es besteht aus vier Zeilen mit Alliterationen und vorgegebenem Betonungsmuster. Robert Graves hat versucht, ein englisches Englyn zu schreiben:

See a gleam in the gloaming-out yonder
It wandreth bright flaming;
It's force, that is a fierce thing!
It draweth men to drowning.

Ein walisisches Beispiel vom zeitgenössischen Meister Alan Wwyd lautet:

Fy ing enfawr, fy ngwynfed, - fy mhryder,
Fy mhradwys hyfred;
Ei charu'r wyf yn chwerw hefyd,
A'i chasau'n serchus o hyd.
[My great agony, my bliss - my anxiety,
My lovely paradise;
I love her bitterly too,
And hate her affectionately always.]

Jolos Verdienst war, daß er durch das Wiederbeleben des Eisteddfod (Versammlungen und Wettbewerbe walisischer Barden, erneuert 1860) und durch seine Schriften den Walisern das Gefühl unverwechselbarer Identität wiedergab (ähnlich wie "Roots" den Schwarzen in den USA). Sein Werk war eine zum Teil legitime romantische Schummelei, ein fruchtbarer Irrtum.

Die Geschichte von Wales ist die eines Stehaufmännchens. Wenn die Normannen im 11. Jahrhundert den Zugang zu den Hebeln der geistlichen und weltlichen Macht in Wales bekommen hätten, wie es in England der Fall war, wäre Wales schon längst geistig-kulturell eins mit England geworden. Owain Glyndwr (ca. 1354 - ca. 1410/1416), der letzte einheimische "Prince of Wales", hatte zwar die Unterstützung aller Waliser in Nord und Süd, der Kirche und der Dichter, verlor aber gegen Henry V. Von diesem Zeitpunkt an wurde es zunehmend attraktiv, die englische Identität anzunehmen. Durch die Tudor-Dynastie (1485-1603) wurde dieser Trend zementiert. Die Tudors waren Waliser, die von Owen Tudor abstammten, der im Dienst von Henry V. stand. "Merrie England" florierte aufgrund seiner Seemacht und wurde bekanntlich zur Weltmacht. Im 19. Jahrhundert - wird behauptet - spielte die Liberal Party in Wales im Bürgertum dieselbe Rolle wie die Tudormonarchie in der Aristokratie: man trug die englische Maske.

Trotzdem, die walisische Identität bleibt. Ein Hauptorgan der walisischen Kultur, das Eisteddfod Genedlaethol in Llangollen, floriert heutzutage wie nie zuvor. Am Anfang war das Eisteddfod Ausdrucksmittel und Ventil einer kauzigen "Altertümelei", dann wurde es zu einer Institution, die durch "Chapel"-Gediegenheit geprägt war. Jetzt kann man es als ein buntes kulturelles Ereignis bezeichnen, das durch eine pragmatische Toleranz dem Andersdenkenden gegenüber gekennzeichnet ist. Es ist immer noch ein Hauptorgan der walisischen Kultur.

Anmerkungen

 1. Queen's English: Damit ist das Englisch gemeint, das an englischen Internaten gesprochen wird.
 2. Rodean: Eines der führenden Mädcheninternate Englands
 3. Dame: Englischer Adelstitel
 4. Taffy: Spitzname für die Waliser. Der Name ist abgeleitet von der Aussprache von "Dafydd·- ein häufiger Vorname in
     Wales.
 5. Neil Kinnock (1942-): Führer der Labour Party von 1983 bis 1992. Seit 1995 EU-Kommissar für Verkehr in Brüssel
 6. Englische Maske: "stiff-upper-lip"·- eine Verhaltensform, welche äußerste Zurückhaltung unter allen Umständen gebietet.
 7. Gwerin: "The Gwerin was a cultivated, educated, offen self-educated, responsible ... on the whole poor or
     small-propertied people, straddling groups perceived as classes in other, less fortunate societies. Welshspeaking,
     Non-Conformist, bred on the Bible ... and dedicated to selfimprovement." [When was Wales. Gwyn A. Williams. 1985
     Penguin, p. 237J
 8. Chapel: Die Non-Konformisten unter den Protestanten, welche seit dem 17. Jahrhundert die Orthodoxie und Hierarchie
     der anglikanischen Kirche ablehnten. Sie sind für ihre Frömmigkeit, ihre moralische Strenge und ihren Arbeitseifer
     bekannt.
 9. Keltische Gottheiten: Das weibliche Geschlecht war vorherrschend, z. B. Riannon und Bondicca (eine Königin). Die
     Gottheit des Sieges war weiblich, wie auch die höchste Gottheit, die dreifache Mutter war.
10. Arthur Scargill (1938-): Führer der "National Union of Miners"·seit 1981
11. Taliesin (um 515-590): Einer der ersten walisischen Dichter aus dem 6. Jahrhundert. Als Dichter galt er als "social force"
      der durch Lobgesang auf das Individuum, durch Idealisierung des höfischen Lebens für die Aufrechterhaltung der
      gesellschafflichen Ordnung sorgte. Der Klang war ein wesentliches Merkmal seiner Gedichte.
12. Mabinogion: Walisisches Mythenepos des Mittelalters
13. Gorsedd: Eine Gruppe von Barden und Musikern, die sich ein Jahr im voraus treffen, um das Eisteddfod anzukündigen.



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