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Ausgabe 1/97: Wales

IV. Wales und die Waliser

2. Wales und seine Chöre


Wales - ein Land des Liedes, eine Nation von Sängern. Um zu verstehen, warum dieses malerische Land so viele berühmte Chöre hervorgebracht hat, muß man weit in dessen Geschichte zurückgehen. Die keltischen Barden galten als Dichter in vorrömischer Zeit. Als Unterhalter an den Höfen der Fürsten hatten die frühesten walisischen Sänger ein hohes Amt inne.

Nach dem Verlust der walisischen Unabhängigkeit im Jahre 1282 mußten die Barden adlige Gönner suchen, die sie mit Gesang zur Oboe und Leier unterhielten. Fahrende Musikanten griffen zur kleinen keltischen Harfe, um den reichen Patronen originelle Lieder zu singen und Neuigkeiten musikalisch zu überbringen. Auf diese Weise wuchs die traditionelle Musik in Wales bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts gewaltig an.

Mit dem durch die Reformation aufkommenden Puritanismus und Dissidententum ging viel von dieser ursprünglichen Musik verloren. Als im 18. Jahrhundert die Anglikanische Kirche weithin geistlich daniederlag, führte die große Erweckungsbewegung der Brüder Wesley zur Gründung der Methodistischen Kirche. Zwar wurden fröhliches Tanzen und Musizieren beschränkt, doch ergriffen Predigten und Lieder die Gefühle der einfachen Leute. Sie sangen begeistert die neuen Kirchenlieder, die den ganzen Reichtum kirchlicher Lehre enthielten und der emotionalen Hinwendung zu Gott Ausdruck verliehen. Charles Wesley, William Williams, Joseph Parry und Daniel Protheroe gelten als die berühmten Schöpfer von Kirchenliedern, wie "Guide me, O thou Great Jehovah" und "Jesus, Lover of my Soul".

In den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts führte John Curwen die Solmisation1 ein. Durch die Verwendung von Tonsilben und Handzeichen wurden die Bezüge der Töne zueinander leicht erfaßbar und eine große Sicherheit im Hören und Vom-Blatt-Singen erreicht. Ihre überwältigende Akzeptanz setzte Wales vom Rest Britanniens ab. Solmisationsklassen wurden in Schulen und Gotteshäusern eingerichtet; der Amateur konnte auf ein Niveau gehoben werden, das man früher für unerreichbar gehalten hatte. So wurden Händels "Messias" und Haydns "Schöpfung" von Chorvereinigungen in ganz Wales zur Aufführung gebracht. Man führte das "Cymanfa Ganu" (Fest des Kirchenliedersingens) ein, und neue Lieder für Wettbewerbe wurden geschrieben.

Eine leidenschaftliche Erneuerungsbewegung im 19. Jahrhundert verstärkte diese Inbrunst, als Evangelisten durch Wales zogen, um die Sünder wieder auf den rechten Weg zu bringen. Der Nonkonformismus wurde zu einer für soziale Probleme aufgeschlossenen Kirchenbewegung, zum Bekenntnis der niederen Klasse, der einheimischen Mittelschicht und der Walisischsprachigen.

Von historischer Bedeutung für die Chorentwicklung war jedoch die Industrielle Revolution. Familien aus dem Norden und Westen von Wales, aus Somerset und Cornwall strömten in die Täler und bauten hier ihre Chapels. Es waren Versammlungsräume für den Prediger und seine Gemeinde, entstanden aus Not und Armut, in denen sich die schlichte Frömmigkeit der frühen Dissenters widerspiegelte. Aus einem Ort des Gottesdienstes, Unterrichts und Gesangs entwickelten sie sich zu Zentren kultureller und sozialer Aktivität. Jede Chapel hatte ihren eigenen gemischten Chor, kaum ein Ort hatte weniger als vier Chapels. So entstanden Dorfchöre mit durchschnittlich bis zu 200 Sängern.

Die männliche Dominanz in den Kohle, Eisen und Schiefer produzierenden Gegenden in Verbindung mit der christlichen Ethik führte zur Herausbildung reiner Männerchöre. Es war durchaus üblich, in jedem Dorf drei bis vier solcher Chöre zu finden. Der eine vertrat die Kohlengrube, der andere die Methodistenbewegung, der dritte unterstützte einen örtlichen Musiker. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die "Eisteddfodau" auf, bei denen spezielle Stücke im Chorwettstreit aufgeführt wurden. Diese Chortradition gedieh bis zum Ersten Weltkrieg: Man las Musik mit den Augen, Harmonie entstand ohne instrumentale Begleitung, und man lebte in der Erwartung, daß die Söhne den Vätern folgen würden. Schwere Arbeit und kirchliche Gemeindekultur bildeten die Basis des Familienlebens und der Gemeinschaft. Mit der Jahrhundertwende verschwanden die riesigen Chöre, sie waren nicht mehr mobil genug und zu teuer. Jedoch reisten während der großen Streiks von 1921 und 1926 Männerchöre in ganz Großbritannien umher und versuchten, durch ihre Auftritte Geldmittel für die in Not geratenen Bergarbeiter aufzubringen. Hieraus entwickelte sich eine erfolgreiche zweite Generation von Chören, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg einen starken Mitgliederschwund zu beklagen hatte. Seit den fünfziger Jahren geht der Gottesdienstbesuch in Wales ständig zurück, zugleich ist ein nachlassendes Interesse an Chormusik festzustellen. Die Voraussetzungen der Solmisation fehlen, das Verhältnis der Jugend zum Singen hat sich gewandelt, so daß es zunehmend schwieriger wird, junge Menschen als Nachwuchs für die Chöre zu gewinnen.


Eröffnung der Ebenezer Chapel, 1912
National Museum of Wales. Museum of Welsh Life, St. Fagans, Cardiff

Noch gibt es eine Reihe von außergewöhnlichen Männerchören in Wales. Bis auf zwei Ausnahmen (Welsh Opera Company, BBC Singers) sind alle Amateure, die vornehmlich für Wohltätigkeitszwecke singen. Ihre Mitglieder kommen aus allen Berufen. Die meisten Chöre treten in Konzerten auf, um ihr Können zu zeigen, weniger in Wettbewerben. Sie finanzieren sich selbst durch Mitgliedsbeiträge. Ein Vorsingen beim Chorleiter ist Voraussetzung für die Aufnahme. Ein walisischer Chor probt bis zu dreimal in der Woche. Sein Liedgut umfaßt Musik aus Opern, klassische Musik von Händel, Haydn, Schubert, Mendelssohn und Bach, Lieder von eigenen Komponisten, walisische Lieder, Spirituals und Melodien aus Musicals. Die Chöre gelten als Botschafter ihres Landes. Es wurden Partnerschaften mit anderen Chören in Wales und im Ausland gegründet, u. a. besteht eine über 30jährige Freundschaft zwischen dem Aber Valley Male Voice Choir von Rhymney Valley und der Chorvereinigung Ludwigsburg.


Aber Valley Male Voice Choir im Forum Ludwigsburg:
Feier der 25jährigen Partnerschaft mit der Chorvereinigung Ludwigsburg 1990
Photo: Ludwigsburger Kreiszeitung

Seit 25 Jahren besteht Vereins-Partnerschaft
Gäste aus Rhymney Valley von Oberbürgermeister im neuen Bärensaal empfangen
Mit "Liebe Gäste, liebe Freunde" begann Oberbürgermeister Hans Jochen Henke gestern vormittag im Bärensaal seine Grußadresse an die 98 Besucher, darunter 42 aktive Sänger aus dem walisischen Distrikt Rhymney Valley, die eine Woche lang mit ihren Freunden von der Chorvereinigung das 25jährige Bestehen der Sänger-Partnerschaft feiern. Mit zwei Bussen sind sie nach Ludwigsburg gekommen, wo sie privat bei Mitgliedern der Chorvereinigung untergebracht sind. 25 Jahre Partnerschaft, das heißt 25 Jahre enge freundliche Beziehungen, die auch gegenseitige Patenschaften über Kinder mit einbezieht.
Ludwigsburger Kreiszeitung, 29. Mai 1990

1962 kam es zur Gründung der "Cymdeithas Corau Meibion Cymru", einer walisischen Vereinigung von Männerchören unter der Schirmherrschaft von Prinz Charles mit einer Mitgliedschaft von über 200 Chören - vergleichbar dem Deutschen Allgemeinen Sängerbund e. V mit Sitz in Dortmund. Sie organisiert Massenveranstaltungen, wie das jährliche "Fest der 1000 Stimmen" in der Londoner Royal Albert Hall und Wohltätigkeitskonzerte in verschiedenen großen Städten Großbritanniens.

Anmerkung

1. Solmisation: ist ein Tonsystem, bei dem die Töne der Tonleiter anstatt mit c, d, e usw. mit den Tonsilben ut (später: do),
    re, mi, fa, sol, la, si bezeichnet werden. Das System wurde von Guido von Arezzo im 11. Jh. ausgebildet.




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