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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


Einleitung: 

Europäische Dimensionen der deutschen Revolution von 1848/49


»... daß Deutschland nicht eher Geltung in dem Bunde europäischer Völker gewinnen könne, als bis es ein freies Volk geworden« - diese Vision beschwor der Abgeordnete der Demokraten Robert Blum am 22. Juli 1848 in der Frankfurter Nationalversammlung. Und er fügte hinzu: »Der Gedanke der Befreiung und Erlösung der Völker [...], der Gedanke der neuen Französischen Revolution soll und wird ebenfalls Propaganda machen in der ganzen Welt, und ich hoffe, er wird sie ausdehnen über Moskau hinaus und das Licht der Freiheit auch in jene Länder tragen, die jetzt noch schlummern in der tiefsten Knechtschaft [...]. Das Ziel einer Verbrüderung des freigewordenen oder freiwerdenden Westens, das ist es, dem ich meine Stimme leihe«.

Diese Vision leiht auch dem vorliegenden Heft den Titel. Sie trägt utopische Züge und ist gefärbt durch religiöse Anspielungen. Sie zeigt, wie anziehend und befremdlich zugleich das historische Erbe dieser ersten deutschen Revolution ist: Sie bietet Anknüpfungspunkte, die außerordentlich modern und zeitgemäß klingen: ein freies Volk in einer parlamentarischen Demokratie, orientiert an den Verfassungskonzepten Westeuropas, friedlich mit den benachbarten Nationen zusammenlebend. Doch zugleich klingt eine Bedenkenlosigkeit an, die Revolution voranzutreiben und mit einem großen europäischen, bis nach Moskau reichenden Krieg zu verknüpfen, um das alte System der östlichen Vormächte - Rußland, Österreich und Preußen - zu brechen. Blum schrieb an seine Frau Jenny: »Hoffentlich bricht der Krieg in einigen Tagen aus. [...] Hoffentlich wird Friedrich Wilhelm IV. das Schicksal Ludwigs XVI. haben.« Hier offenbart das damals gefeierte nationale Prinzip seine gewalttätige Seite, deren Sprengkraft den damaligen Zeitgenossen noch nicht bewußt war, welche nach den Erfahrungen dieses Jahrhunderts aber keine unbefangene Identifikation mehr mit den Worten Blums erlaubt. Nähe und Distanz: dazu verpflichtet der Umgang mit dem Erbe, das sich nicht einfach in konkrete Anweisungen für den heutigen politischen Alltag ummünzen läßt, das aber doch aus der historischen Erfahrung heraus langfristig wirkendes Orientierungswissen vermitteln kann.

Die Worte Blums dokumentieren zugleich, daß bereits den tieferblickenden Beobachtern von 1848 jener europäische Wirkungszusammenhang bewußt war, in dessen Dynamik, Ausbruch, Verlauf, Scheitern und langfristige Folgen auch die deutsche Revolution eingebettet war. Dieses Heft schenkt jener europäischen Dimension besondere Aufmerksamkeit - zu Recht; auch die neueste historische Forschung betont, wie wichtig gerade die - lange vernachlässigten - europäischen Perspektiven in diesem Zeitalter der entstehenden Nationalstaaten waren. Mit der Einigung des europäischen Kontinents seit 1989 greifen Historikerinnen und Forscher aus Ost und West diese alten Fäden des Zusammenhangs verstärkt wieder auf.

Es sind insgesamt acht Aspekte, welche den Ereignissen von 1848 europäische Dimensionen zu verleihen imstande waren. In einem knappen Überblick soll deshalb vorab

skizziert werden, was das Thema Die deutsche Revolu-tion von 1848/49 und Europa alles umfaßt. Es werden

die strukturellen Gemeinsamkeiten herausgestellt, welche mehrere europäische Staaten zugleich tangierten und dort revolutionäre Kräfte begünstigten oder freisetzten.

 

Die sozialökonomische Krise

Als erste Gemeinsamkeit ist die sozialökonomische Krise vorindustrieller, handwerklicher Berufe zu nennen; sie beruhte auf der vormärzlichen Übervölkerung ganzer Regionen und begünstigte die beginnende Proletarisierung der Großstädte sowie weiter Teile des flachen Landes. Europäisch daran war der endgültige Zusammenbruch der alten Ständeordnung, die zugleich Rechts-, Lebens- und Sozialordnung war. Pauperismus, Industrialisierung, Marktorientierung von Berufen und Klassen sowie die langanhaltende Krise des Handwerks sind die neuen Begriffe, die den tiefgreifenden Wandel der beiden vorrevolutionären Jahrzehnte fassen. Wo diese Probleme in der Bewegung von 1848/49 gipfelten, äußerte sich diese der Art nach weniger als Akt politischer Befreiung, mehr hingegen als gesellschaftliche Krise, und man kann noch verstärken: Diese Krise orientierte sich vorwiegend nach rückwärts - als Abwehr gegenüber dem Neuen -, äußerte sich in Maschinenstürmen, Judenverfolgungen oder Forderungen nach Zunftschutz des Handwerks vor der Konkurrenz des Kapitals. Die Bewegung von 1848/49 war ihrem Wesen nach zwiespältig: Abwehrkrise und Emanzipationskampf. Das Erbe verweist nicht allein auf unsere Gegenwart, sondern zugleich zurück auf den Niedergang einer uns fremdgewordenen vormodernen Welt.

 

Hungerkrisen

Eine zweite europäische Dimension wird faßbar in den Mißernten - eine Folge der sich über Europa ausbreitenden Kartoffelfäule - und in den nachfolgenden Hunger- und Teuerungskrisen der Jahre 1845 und 1846, gipfelnd 1847. Auch die Reaktionen im Vorfeld der Revolution nahmen europäische Dimensionen an. Sie äußerten sich einesteils in regional zerstreuten, stoßweise sich ausbreitenden Hungertumulten, andernteils in einer vehement ansteigenden Auswanderungswelle in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre, die ja den Namen der »hungry forties« erhalten haben. Hier existierte bereits lebhafter Kontakt nach Übersee, bevor das politische Exil von 1849 ihn verstärkte. Am schlimmsten war die Not vor der Revolution in Irland, aber Hungersnöte in deutschen Regionen - nicht zuletzt in Schlesien - hatten große öffentliche Resonanz gefunden.

 

Internationale Konjunkturkrise

Die neuere Forschung zur Wirtschaftsgeschichte hat eine dritte Dimension stärker bewußt gemacht, nämlich die beginnende internationale Verflechtung der Handels- und Geldströme. Besonders Hans-Ulrich Wehler in seiner Gesellschaftsgeschichte hat für die Jahre zwischen 1845 und 1848 eine - wenn auch abgeschnittene - internationale Konjunkturkrise nachgewiesen, welche die überkommenen Hungerkrise noch überlagerte und im April 1848 zu einer Streikwelle in mehreren deutschen Städten führte. Viele einzelne zusammengetragene Daten bestätigen einen tiefgreifenden Vorgang, der bereits Fried-rich Engels im Rückblick zu dem - gewiß überspitzten - Urteil veranlaßte, »daß die Welthandelskrise von 1847 die eigentliche Mutter der Februar- und Märzrevolutionen« gewesen sei.

 

Kampf um Recht und Verfassung

Eine vierte europäische Dimension liegt in der Systemverwandtheit konstitutioneller Forderungen. Dazu existierten mehrere Anhaltspunkte: in der französischen Charte constitutionnelle von 1814, die Vorbild für alle einzelstaatlichen Verfassungen im vormärzlichen Deutschland wurde, ja sogar in der Deutschen Bundesakte von 1815, die in ihrem berühmten Artikel 13 verhieß: »In allen Bundesstaaten wird eine landständische Verfassung stattfinden«. Sprengkraft erhielt dieses Prinzip durch die unerfüllten bürgerlichen Forderungen nach hinreichender politischer Beteiligung in den Staaten der monarchisch-legitimistischen Restauration seit 1815. Überall entwickelten sich innere politische Kämpfe zum Kampf um eine neue Ordnung auf der Basis einer geschriebenen Verfassungsurkunde. Der revolutionäre Kampf äußerte sich auf diese Weise europaweit als Kampf um Recht und Verfassung - um Bürgerrechte und Konstitution. Das war bereits in der Julirevolution von 1830 so, noch stärker geschah das aber in der Anlaufphase der Revolution von 1848, die ihren Ausgangsimpuls ja nicht aus Frankreich, sondern aus der Schweiz und aus Italien erhielt. Stets ging es um Revision oder Erlaß einer neuen Verfassung: Nach dem Sonderbundskrieg im November 1847 konstituierte sich die ehedem staatenbündlerische Schweiz als Bundesstaat mit fester Zentralgewalt und einer Bundeshauptstadt in Bern. Die Revolution errang am 16. Februar 1848 einen weiteren Sieg in Palermo, als König Ferdinand II. von Neapel-Sizilien eine Verfassung erließ. Der Zusammenbruch der Julimonarchie in Frankreich entzündete sich am 22. Februar 1848 an Demonstrationen für die Wahlreform und veranlaßte einen Systemwechsel hin

zur Republik. Im Zentrum der in Deutschland umlaufenden sogenannten »Märzforderungen« standen verfassungspolitische Forderungen: Grundrechte, besonders Presse- und Versammlungsfreiheit, Geschworenengerichte, Volksbewaffnung - was immer Unterschiedliches man auch darunter verstand - und Wahlen zu einem nationalen Parlament.

 

Die Krise des internationalen Systems von 1815

Eine fünfte europäische Dimension liegt im Charakter der traditionellen internationalen Politik, gestützt auf völkerrechtliche Verträge und Beziehungen. Den zeitgenössischen Politikern, voran Metternich, war sogleich klar, daß im Frühjahr 1848 zugleich das auf dem Wiener Kongreß begründete internationale System auf dem Spiel stand. Hier handelte es sich um die Politik zwischen europäischen Staaten, und als ein solcher zählte auch der Deutsche Bund, der 1815 als völkerrechtliches Subjekt aus der Taufe gehoben worden war. 1848 stand er zur Disposition; schließlich übertrug er der revolutionären Provisorischen Zentralgewalt in Frankfurt alle Kompetenzen. Die Initiative dazu war von der Frankfurter Nationalversammlung ausgegangen. Ihre eigentliche Bestimmung war, eine Reichsverfassung für ganz Deutschland zu entwerfen. Mit ihrer ersten großen Tat griff die Nationalversammlung weit darüber hinaus, indem sie eine nationale Regierung etab-lierte. Das war ein revolutionärer Akt. Am 28. Juni 1848 begründete die Nationalversammlung eine Reichsregierung, bestehend aus einem Reichsverweser, einem Ministerpräsidenten und Reichsministern für das Äußere, Innere, die Finanzen, Justiz, den Handel und Krieg. Damit bürdete sich die Nationalversammlung in mehrfacher Hinsicht eine Hypothek auf. Sie bemühte sich gegenüber dem Ausland um völkerrechtliche Anerkennung. Mit Frankreich tauschte man lediglich offiziöse Vertreter aus; dort erkannte man die neue Zentralgewalt nicht an. Die englische Königin Victoria und ihr deutscher Prinzgemahl Albert hegten anfangs Sympathien für das Einigungswerk. Diese verkehrten sich jedoch beim englischen Kabinett ins Gegenteil, als sich die Zentralgewalt, getragen von einer Woge der Begeisterung in der Öffentlichkeit, in den Krieg um Schleswig-Holstein einschaltete. Als einzige Großmacht erkannten die Vereinigten Staaten die Reichsgewalt sofort an. Unter den kleineren Staaten folgten Schweden, die Niederlande, Belgien, Sardinien, Neapel, Griechenland und die Schweiz. In der Gesamtbewertung ist sich die Forschung heute einig, daß die Revolution und auch das Einigungswerk nicht an einem apriorischen Widerstand der europäischen Mächte gegen die deutsche Einheit gescheitert seien. Wie die Rede Robert Blums bereits erkennen ließ, stieß die Revolution von 1848/49 an den Rand eines möglichen großen europä-ischen Kriegs, welcher den Durchbruch des Nationalitätenprinzips hätte entfesseln und eine spätere Entwicklung im 19. Jahrhundert hätte vorwegnehmen können. Die europäischen Mächte, voran England und Rußland, hatten dem entgegen gewirkt. Im Zentrum dieses Konflikts stand der Streit um Schleswig.

 

Die Politik der europäischen Verfolgung

Eine repressive Variante dieser internationalen Politik war die konzertierte Aktion der Gegenrevolution. Hier beteiligten sich Österreich, Rußland, seit 1850 in polizeilicher Kooperation auch Frankreich und Belgien. Diese Politik der europäischen Verfolgung - und der Niederringung der europäischen Revolution - stiftete eine sechste Dimension, welche ihrem europäischen Charakter entsprach: das europäische Exil. Die Schweiz und das Elsaß dienten vorübergehend dem Schutz, London entwickelte sich zum zentralen Durchgangsort, die USA zum eigentlichen Fluchtort. England und die Vereinigten Staaten bildeten im Vergleich zu den anderen zufluchtgewährenden Staaten einen Sonderfall, da sie völlige Einwanderungs- und Niederlassungsfreiheit gewährten, also praktisch ein Anrecht auf Asyl. Den Revolutionsflüchtlingen von 1849 wurde im Gegensatz zu ihren Vorgängern der 1830er Jahre das politische Asyl auf Dauer in den westeuropäischen Staaten des Kontinents - anders als in England - weitgehend verweigert. Allerdings erhielten die Flüchtlinge in England keine finanzielle Unterstützung. Fanden sie kein Auskommen, waren sie gezwungen, in die USA weiterzuziehen. Frankreich und die Schweiz verweigerten in der Regel dauerhaftes Asyl, finanzierten aber die Auswanderung der Revolutionsflüchtlinge.

 

Der europäische Charakter des Nationalismus

Eine siebte Dimension hängt mit dem europäischen Charakter des Nationalismus zusammen. Für viele Nationalitäten bildete sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Mythos der »unerlösten« Nation; dazu waren in erster Linie die Griechen, Italiener, die Ungarn, die Polen, darüber hinaus auch die Tschechen und nach dem

Wortlaut mancher oppositioneller Propaganda auch die Deutschen zu rechnen. Die Wurzeln dieses Nationalismus lagen in der Französischen Revolution von 1789, welche das Vorbild für nationale Symbole, Farben und Fahnen stiftete. Im Vormärz entwickelte sich unter dem System der Restauration der weitere Mythos des »Völkerfrühlings«. In den 1820er Jahren äußerte er sich europaweit in der Bewegung des Philhellenismus, in den 1830er Jahren nach dem gescheiterten Warschauer Aufstand vom November 1830 in der gemeineuropäischen Welle der Polenfreundschaft.

Diese vormärzliche Utopie zerbrach an der 1848 nun plötzlich sichtbaren Möglichkeit, die Nationalität in die Staatsnation zu überführen. Hans Rothfels hat einmal treffend die Nationalitäten des 19. Jahrhunderts als »eine Art Nationsanwärter« bezeichnet: als ethnische Minderheiten, die nach mehr Eigenständigkeit strebten und ihre politische Einheit noch suchten. Einschneidend zeigte sich das am Beispiel der deutschen Polenfreundschaft. Am 20. März 1848 waren unter dem Druck Berliner Revolutionäre die polnischen politischen Gefangenen aus preußischer Haft freigelassen worden. Ihr Wortführer, der Offizier Ludwig von Mieroslawski, stellte sich an die Spitze eines polnischen Unabhängigkeitskampfes in Posen und warb dort für eine nationalpolnische Armee mit der Parole: »Laßt uns dem zaristischen Rußland im Bunde mit dem befreiten Deutschland entgegentreten«. Noch im Frankfurter Vorparlament befürworteten die versammelten Landtagsabgeordneten mit überwältigender Mehrheit die Wiederherstellung Polens als Staat. Selbst das preußische Märzministerium hatte die »nationale Reorganisation« Polens verheißen. Anfang Mai 1848 verleugneten preußische Truppen das ursprüngliche Versprechen und intervenierten in Posen. Preußische Soldaten zwangen die polnischen Streitkräfte zur Kapitulation und hatten die erste Probe im Kampf gegen Revolutionäre bestanden. Seit dem 4. Juni 1848 trennte eine Demarkationslinie die Provinz Posen. Die Paulskirche hat sie danach bestätigt. Den wortgleichen Antrag des Vorparlaments, Polen als Staat wiederherzustellen, lehnte sie nun mit Mehrheit ab.

Es gilt auf das Prinzipielle zu achten: Immer wenn es darum ging, über die Zugehörigkeit von Territorien zu entscheiden und Grenzen zu ziehen, enthüllte der moderne Nationalismus seine zerstörerische, kriegsträchtige Sprengkraft. Es kennzeichnete die Nationalitätenkonflikte der nachfolgenden Zeit, daß jede Seite sich im Recht fühlte und versuchte, die gesamte Nation zu mobilisieren: die Fraktion der Eiderdänen in der dänischen Ständeversammlung, die deutsche Bevölkerung Schleswigs, die sich auf uraltes historisches Recht berief. Revolution und Krieg verbanden sich auf gefährliche Weise. Gerade die Demokraten, die sonst das Selbstbestimmungsrecht der Nationalitäten und das friedliche Miteinander der Nationen beschworen - eben den »Völkerfrühling« -, erkannten in dem Krieg um Schleswig einen erneuten gewaltigen Impuls für den Fortgang der Revolution. Sie hofften auf einen großen europäischen Befreiungskampf gegen das Zarenreich als die dominierende Macht im noch nicht vollends erschütterten System der »Reaktion«.

Das Interessante an dem Vorgang ist, daß sich auch die Zeitgenossen dieser Entzauberung der Utopie vom Völkerfrühling bewußt wurden. Dieter Langewiesche nennt es den Weg vom Traum des Völkerfrühlings zum Alptraum der Nationalitäten und macht hierfür auf ein hervorragendes Zeugnis aus der Hand des Peter Frank-Döfering, eines Wiener Studenten aus Czernowitz, aufmerksam. Frank-Döfering registrierte die Begeisterung eines Kommilitonen über den Sieg des Generals Graf Radetzky über die Italiener und schrieb dazu in sein Tagebuch:

»Damit ist also die Gefahr aus dem Süden für unser Kaiserreich vorläufig gebannt, allein es bleibt ein seltsames Gefühl in den Herzen zurück, denn erinnert man sich an die Monate zuvor, so weiß ich von Verbrüderungen und Schwüren der ewig währenden Freundschaft. Solche Ewigkeit hatte allerdings ein kurzes Leben gehabt. Jetzt kehrt sich aber alles ins Gegenteil. Es scheint, als ob diese Szenen, welche ich selbst geschaut, ganz im Pulverrauch des Schlachtfeldes aufgegangen wären. Ist es nicht oft so, liebes Väterchen, daß die Freiheit des einen die Unfreiheit des andern bewirken kann, so ist die Sache in Italien ebenso der Italiener Freiheit, aber auch die Bedrohung unseres deutschen Tirols. Es ist also schier zum Verzweifeln an solchen Fragen der Politik und der Philosophie. Was letztere wohlmeinend konstrurierte, kann die rauhe Politik ganz greulich verunstalten.«

»Von der Einheit der Nation zur Zwietracht der Nationalitäten« - auf diese Formel ließe sich das Dilemma bringen. Es gab aber auch Gegenpole, und auf diese ist zu achten, um nicht ein Schwarz-Weiß-Gemälde zu produzieren, wie es der historischen Realität nicht entspricht. Der Prager Historiker und Exponent böhmischer Autonomie, Franz Palacky, schrieb am 17. April 1848, die kleinen Nationen besäßen in dem »Völkerverein« der Donaumonarchie ihren natürlichen Schutz: »Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müßte im Interesse Europas, im Interesse der Humanität selbst sich beeilen, ihn zu schaffen.« Es zeigt die ganze Paradoxie der Situation: Nichtdeutsche Nationalitäten, die später den Bestand der Habsburgermonarchie sprengten, erwiesen sich 1848 noch als deren Stütze, nicht nur die Tschechen und Slowaken, auch die Kroaten; aus ihnen rekrutierten sich die Truppen, welche die Wiener Oktoberrevolution im Herbst 1848 erfolgreich niederzuschlagen halfen. Der europäische, übernationale Charakter Österreichs wurde gewissermaßen als Präfiguration eines Völkerbundes begriffen. Nichtdeutsche Minderheiten waren bestrebt, sich von dem ursprünglichen Staatsverband, dem Deutschen Bund, loszusagen, um ihre nationale Eigenständigkeit bewahren zu können.

Wenn auch die Woge der nationalen Leidenschaften hochging in der Frankfurter Nationalversammlung, fand man doch zu einem vorbildlichen zukunftsweisenden Beschluß in der Nationalitätenfrage im Innern. Der auf den Verfassungsstaat bezogene Nationalismus von 1848/49 bot den Schutz nationaler Minderheiten bei Achtung ihrer heimischen Sprachen und Religiosität. Das hatte die Reichsverfassung von 1849 als Grundrecht in ihrem Paragraphen 188 zugesichert. Ähnlich gelang der Ausgleich im Entwurf, den der Verfassungsausschuß des Wiener Reichstages für den Vielvölkerstaat der Habsburgermonarchie vorlegte. Beide Verfassungen traten in dieser Form nicht ins Leben, wiesen aber doch den Weg eines friedlichen Miteinanders verschiedener Nationalitäten in einem geeinten Staat. Im revolutionären Kampf offenbarte sich die Verbundenheit des ursprünglichen Völkerfrühlings noch einmal im Sommer 1849 in der badischen Revolution, als sich im Großherzogtum und in der Pfalz Revolutionäre aus vielen Nationalitäten zum gemeinsamen Abwehrkampf zusammenfanden.

 

Der »pazifistische Internationalismus«

Eine letzte - achte - europäische Dimension ist erst in jüngster Zeit richtig wahrgenommen worden. Es ist der »pazifistische Internationalismus« (Dieter Langewiesche). Im September 1848 fand in Brüssel ein erster internationaler Friedenskongreß statt, im August 1849 tagte man in Paris und ein Jahr später in der Paulskirche. Die Kongresse forderten die Staaten auf, abzurüsten, die stehenden Heere abzuschaffen, auf Interventionen zu verzichten und keine Kriege dritter Mächte zu finanzieren.

Die in diesem Heft angebotene Auswahl an »Bausteinen« kann nicht alle europäischen Aspekte der deutschen Revolution von 1848/49 berücksichtigen, aber sie bringt doch wichtige in Quellen und Kommentar zur Sprache. Sie stellen handelnde Menschen in den Mittelpunkt: Ludwig Mieroslawski, Robert Blum, Georg und Emma Herwegh, Louise Otto, namenlose Frauen und Exilanten, den Prinzen Wilhelm von Preußen und viele andere. Sie spiegeln etwas von der Dynamik der Revolutionäre und ihrer Widersacher wider; sie dokumentieren die hochfliegenden Hoffnungen und Visionen, aber auch die harte Realität der politischen und militärischen Gewalten. Der »Völkerfrühling« und die Methoden der alten Gewalten, die Sprengkraft der Habsburgermonarchie, ihrer Generäle und Nationalitäten, die Utopie der »Volksbewaffnung« durch Milizen, die Forderung nach rechtlicher und politischer Mündigkeit der Frauen in Frankreich wie in Deutschland, das Fortwirken der Revolution - ungeachtet ihres gewaltsamen Endes - in der demokratischen Tradition der Vereinigten Staaten, die schwierige Balancepolitik einer Reichseinigung, welche das Völkerrecht zu achten bestrebt war - alle diese Mosaiksteine fügen sich zusammen zu einem Kaleidoskop, das einlädt, die Revolution in ihrer Komplexität zu betrachten und etwas mehr von dem zu verstehen, was sie heute ist: Sie ist Teil eines gemeinsamen europäischen Erbes, dessen sich in diesen Tagen unsere europäischen Nachbarn in Dänemark, Polen, Tschechien, Ungarn, Österreich, der Schweiz, Frankreich und England - je auf ihre Weise - gleichfalls erinnern.

Wolfram Siemann

 


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