titrev.gif (15527 Byte)

Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


I. Polenbegeisterung in Deutschland 1848/49 ?

1. Erläuterungen


Deutsche und Polen gerieten 1848 wegen der Zukunft Posens, einer preußischen Provinz mit überwiegend polnischer Bevölkerung, in einen sich zunehmend verschärfenden Konflikt. Auf beiden Seiten loderte der Nationalismus heftig auf und bewog die Mehrzahl der deutschen Parlamentarier dazu, ihr Versprechen, ein national unabhängiges Polen zu schaffen, zu brechen. Die internationalistische Polenbegeisterung - im März noch von beiden Seiten in der Tradition des Völkerfrühlings beschworen - wich einer Ernüchterung. Dies kam in Preußen den konservativen Kräften zupaß.

Die Ausgestaltung der Paulskirche im Frühjahr 1848 sollte die Macht des zu schaffenden einigen Deutschlands symbolisch ausdrücken. Hinter dem Präsidentenplatz hing vor rotem Samtvorhang der schwarze deutsche Doppeladler mit roten Zungen auf goldenem Grund. Darüber war als Bekrönung das 1848 von Philipp Veit innerhalb weniger Tage neu geschaffene, mehr als vier Meter hohe Monumentalgemälde angebracht, auf dem Germania dargestellt war, die Allegorie des zu schaffenden geeinten Deutschlands (vgl. Abbildung Titelseite). Mit Doppeladler als Brustschild und Eichenkranz im Haar sollte sie zugleich Macht, Kampfbereitschaft und nationale Ehre verkörpern. Das Schwert in ihrer Rechten ist von Lorbeer umwunden. Zu ihren Füßen liegen zersprengte Fesseln, ein Hinweis darauf, daß die neue Freiheit durch die Revolution erkämpft worden ist. Das Morgenrot erleuchtet den Hintergrund und symbolisiert den von Nationalgefühl getragenen Neubeginn.

Im März 1848 hielten deutsche und polnische Revolutionäre die Verwirklichung des deutschen Nationalstaats M1 (linker Vierzeiler) noch für vereinbar mit dem Gedanken des Völkerfrühlings bzw. Internationalismus M1(rechter Vierzeiler) und damit der Schaffung eines polnischen Nationalstaats M3 . Vorparlament und Nationalversammlung in Frankfurt bekannten sich zu beiden Zielen M1, M5 . Im Sommer 1848 dagegen, nachdem die deutsche Minderheit in Posen M6 ihre Zugehörigkeit zu Deutschland gefordert hatte und im April und Mai 1848 ein polnischer Aufstand von Preußen militärisch unterdrückt worden war M10, beschloß die Mehrheit der Nationalversammlung, die Mandate der im Mai 1848 in Posen gewählten Abgeordneten anzuerkennen und Posen, abgesehen von dem kleinen für polnische Autonomie vorgesehenen Bezirk im Raum Gnesen, als Bestandteil Deutschlands zu akzeptieren M7. Damit sanktionierte sie die Teilung Posens.

Der März 1848 steht noch im Zeichen des vormärzlichen Völkerfrühlings M3. Der König von Preußen muß am 20. März die eben aus dem Moabiter Gefängnis befreiten polnischen Patrioten vom Balkon des Berliner Stadtschlosses aus begrüßen M2 . Sie waren wegen des Aufstandes von 1846 zu langen Haftstrafen verurteilt und wurden nun im Triumphzug durch Berlin geführt. Ihr Anführer Ludwig Mieroslawski (vgl. II.) beschwor voller Pathos die Solidarität des deutschen und polnischen Volkes gegen die Fürsten und einen revolutionären Krieg gegen Rußland zur Befreiung Russisch-Polens M3 . Die Konservativen waren über die Verbrüderung Berliner Revolutionäre mit den Polen empört M4. Indessen ließ das Vorparlament die entscheidende Frage, wie Deutschlands Grenzen gegenüber Polen zu ziehen sind, offen, obwohl es Polens Recht auf einen eigenen Nationalstaat anerkannte M5 . Seit April 1848 M7 wurde auf deutscher Seite immer nachhaltiger gefordert, immer größere Teile Posens abzutrennen und zu Deutschland zu schlagen. Auch wurde immer deutlicher: keine der europäischen Großmächte mochte einen Krieg gegen Rußland zur Befreiung von Russisch-Polen unterstützen M8 . Rußland sah im Erhalt dieser polnischen Gebiete ein nationales Anliegen.

Die Polendebatte der Deutschen Nationalversammlung vom 24. bis 27. Juli 1848 M9 zeigt, daß nur noch eine Minderheit internationalistisch für die Rechte der Polen auf einen eigenen Staat eintrat, während die Mehrheit Posen für den deutschen Nationalstaat beanspruchte. Jordans Rede wurde kontrovers aufgenommen und erregte erhebliches Aufsehen. Die Mehrheit der Abgeordneten empfand sie als patriotisch und zugleich pragmatisch. Die Linken dagegen sahen in ihr opportunistischen Verrat am Gedanken des Völkerfrühlings. Indem sie die Aufteilung Posens anerkannte, setzte sich die Mehrheit der Nationalversammlung in offenen Widerspruch zum Beschluß des Vorparlaments über Polen M5 und kooperierte mit der preußischen Regierung. Kein führender Pole wollte sich fortan an der Verwaltung des für eine polnische Autonomie übrig gelassenen Fürstentums Gnesen beteiligen.

Die gemäßigte bzw. äußerste Linke (Robert Blum bzw. Arnold Ruge) war in der Paulskirche mit ihrem Eintreten für einen polnischen Nationalstaat eine kleine Minderheit. Ruge verlangte in der Polendebatte einen europäischen Kongreß, um Polen wiederherzustellen. Er trat auch sonst konsequent für die Rechte der Nachbarvölker ein, was ihn zur Zielscheibe der politischen Karikatur machte.

Überlegungen zu den Materialien:

1) In welchem Verhältnis stehen internationalistische Bekundungen der Völkerfreundschaft  M1, M2, M3, M5 zur tatsächlichen historischen Entwicklung? M7, M9, M10

2) Warum fand ein Revolutionskrieg gegen Rußland nicht statt? M3, M4, M7, M8


Copyright ©   1997  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de