titrev.gif (15527 Byte)


I. Polenbegeisterung in Deutschland 1848/49 ?

2. Materialien


M1

1848/49 waren in der Paulskirche hoch über dem Präsidentenplatz zu beiden Seiten des monumentalen Germania-Gemäldes von Philipp Veit (vgl. Titelbild) gut lesbar zwei Vierzeiler angebracht:

Linke Seite:

»DES VATERLAND'S GRÖSSE
DES VATERLAND'S GLÜCK,
O SCHAFFT SIE, O BRINGT SIE
DEM VOLKE ZURÜCK!«

Rechte Seite:

»O WALLE HIN, DU OPFERBRAND,
HIN ÜBER LAND UND MEER!
UND SCHLING EIN EINZIG LIEBESBAND
UM ALLE VÖLKER HER!«

Historisches Museum Frankfurt a. M.


M2

Triumphmarsch der Polen vor dem Berliner Königlichen Schloß nach ihrer Befreiung, 20. März 1848

Bild: Museum Naradowe; Poznan/Posen

triumph.jpg (10818 Byte)


M3

»O nehmt uns auf, ihr Völker des Westens in Euren Bund!« - Ludwig Mieroslawski: Ansprache an das Berliner Volk nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis, 20. März 1848:

Plötzlich hielten die Wagen der befreiten Polen, Mieroslawski erhob sich und sprach, die schwarz-rot-goldene Fahne schwingend, die begeisterten Worte1: »Nicht du, edles deutsches Volk, hast meinem unglücklichen Vaterlande Fesseln geschmiedet; deine Fürsten haben es getan; sie haben mit der Teilung Polens ewige Schmach auf sich geladen.Und wie es jüngst noch für Euch und uns als Verbrechen galt, nach des Vaterlandes Freiheit zu ringen, und wie sie uns darob, draußen im Kerker, in eiserne Bande schlugen, so warst du es, hochherziges Volk, dessen Blut in diesen Tagen der Befreiung auch für unsere Freiheit floß. Wir danken Euch! Eure Freiheit ist unsere Freiheit, und unsere Freiheit ist die Eure! Herr sein oder Sklave sein, eins wie das andere läuft gegen die heiligen Gesetze der Natur. Nur freie Menschen, nur freie Völker können sich achten. O nehmet uns auf, ihr Völker des Westens in Euren Bund, dessen Kreis sich von Stunde zu Stunde mit Riesenschritten erweitert! Freie Völker, wollt ihr gewiß nur freie Glieder der großen Einigung. Freie Völker nur sollen sitzen am heiligen Bundes-Nachtmahl vor dem blutigen Morgen der offenen Feldschlacht gegen die Barbarenhorden im Osten. Bewahrt, Brüder, die teuern mit tausend Leichen und noch offenen, blutenden Wunden erkauften Güter der Heimat! O helft sie uns in der eigenen Heimat erobern! O helft, daß zwischen den drei schwarzen Adlern2, die unsere Eingeweide zerfleischen, die unser Herzblut verspritzen, der weiße Adler unserer Freiheit sich erhebe!3 Ja deutsches Volk, wenn du willst, dann ist Polen noch nicht verloren4, und wir, Polens Jünglinge, Männer und Greise, wir werden nach unsern Kräften streiten und bluten für die höchsten Güter! Schaut auf die in Eurer Mitte gefallenen Opfer, denkt an Euern Sieg! - Aller Segen ist von der Völkerknechtung gewichen; fortan gib uns wieder den eigenen Herd, laß den Sonnenschein deiner Gnade herniederfallen auf ein einiges, freies, polnisches Vaterland!«

Flugschrift »Die Öffnung des Polen-Kerkers in den blutigen Tagen in Berlin«, 1848, zit. nach Deutsche und Polen, S. 173f. Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein


M4

Otto von Bismarck, März 1848:

Die Befreiung der wegen Landesverrats verurteilten Polen ist eine der Errungenschaften des Berliner Märzkampfes [...] Die Berliner haben die Polen mit ihrem Blut befreit [...] Ich hätte es erklärlich gefunden, wenn der erste Aufschwung deutscher Kraft und Einheit sich damit Luft gemacht hätte, Frankreich das Elsaß abzufordern und die deutsche Fahne auf den Dom zu Straßburg zu pflanzen.

Manuskript zur Polenbegeisterung, zit. nach: Deutsches Historisches Museum: Bismarck - Preussen, Deutschland und Europa. Nicolai, Berlin 1990, S. 160


M5

Auf Antrag von Gustav Struve aus Mannheim beschließt das Vorparlament in Frankfurt am 31. März 1848 fast einhellig, »daß es die heilige Pflicht des deutschen Volkes sei, Polen wiederherzustellen, indem die Teilung Polens als ein schreiendes Unrecht erklärt werde«.

Verhandlungen des deutschen Parlaments, 1. Lieferung 1848, S. 31-35, zit. n. Deutsche und Polen in der Revolution von 1848/49. Dokumente aus deutschen und polnischen Archiven, hrsg. für das Bundesarchiv von Hans Booms, Boldt Verlag, Boppard am Rhein, S. 233


M6

Infotext: Die preußische Provinz Posen vor 1848:

1815 war das rund 29000 km2 große Großherzogtum Posen an Preußen gefallen. 1848 war es als Kornkammer eine wirtschaftlich rückständige, landwirtschaftlich und handwerklich geprägte Provinz. 1848 lebten von den 1,35 Millionen Einwohnern drei Viertel auf dem Lande. Größte Stadt war Posen mit 44000 Einwohnern. In der ganzen Provinz gab es etwa 60% Polen (Katholiken), 34% Deutsche (meist Protestanten) und 6% Juden, die überwiegend in der Stadt lebten. Die Deutschen hatten regional eine relative Mehrheit in den vier westlichen Kreisen des Posener und in den vier nördlichen des Bromberger Regierungsbezirks. Die zentralen und an der Ostgrenze gelegenen Kreise dagegen bewohnten wenige Deutsche. Die Deutschen stellten rund 40% der Stadtbevölkerung. Wirtschaftlich waren die Deutschen, die in den nichtagrarischen Berufen dominierten, in der Regel besser gestellt als die Polen. Unter deutschen Bauern gab es kaum Besitzlose, die meisten waren reiche oder mittlere Bauern. Der polnische Novemberaufstand von 1830 gegen Rußland erfaßte Posen nicht. Dennoch betrieb Preußen fortan eine antipolnische Unterdrückungspolitik. Unter Friedrich Wilhelm IV. (seit 1840) wurde sie gemildert. Den für 1846 geplanten Aufstand verhinderte Preußen durch Verhaftungen und Verhängung des Kriegszustandes. Die Unzufriedenheit der Polen verschärfte sich durch Verurteilungen von Aufständischen, Zensur und Auflösung von Klubs und Kasinos. Hinzu kam die Mißernte von 1846, die vor der Erntezeit des Jahres 1847 Hungerrevolten verursachte, bei denen sich nationale Probleme mit sozialen Spannungen mischten.

Nach Krzystof Makowski: Das Großherzogtum Posen im Revolutionsjahr 1848. In: Rudolf Jaworski/Robert Luft (Hrsg.): 1848/49 - Revolutionen in Ostmitteleuropa. Oldenbourg, München 1996, S. 149-172


M7

Infotext: Posen in der Revolution 1848:

Während die Polen im März 1848 auf volle nationale Selbständigkeit drangen und darin von Frankreich, aber auch vom neuen preußischen Außenminister unterstützt wurden, betrieb der preußische König am 18. März 1848 die »Einverleibung« der nicht zum Deutschen Bund gehörenden Provinzen Preußens, und damit auch von Westpreußen und Posen, in den künftigen deutschen Bundesstaat. Der Formelkompromiß von der »National-Reorganisation«, den König Friedrich Wilhelm IV. Am 24. März genehmigte, überdeckte vorläufig die Gegensätze. Polnische Patrioten wie Mieroslawski (Kapitel II) verstanden darunter die Bildung eines unabhängigen Großherzogtums »unter dem bloßen Schutze Preußens«. In vielen Gegenden handelte die polnische Bevölkerung spontan, entfernte die preußischen Adler, verjagte Landräte, übernahm die Kassen, bildete militärische Einheiten und organisierte die einberufenen Bewohner in einer Nationalgarde. Um Freiwillige zu gewinnen, erklärte das Nationalkomitee (d. h. die nationale Vertretung der Polen in Posen) am 24. März die Aufhebung aller Standesunterschiede und versprach, die noch bestehenden Lasten der Bauern zu vermindern. Anfang April änderte sich die politische Lage in Berlin. Der König und seine Berater setzten sich mit ihrem Gegenkurs zur polenfreundlichen Haltung der Regierung durch. Am 14. April wurde die Teilung der Provinz angekündigt, weil die deutschen Einwohner es aus »nationalen« Gründen verlangt hatten. Die zugesagte nationale Reorganisation beschränkte sich nun auf den »polnischen« Anteil der Provinz, der in der Folgezeit immer wieder verkleinert wurde, indem er immer weiter nach Osten verschoben wurde, bis am Ende nur noch für wenige Landkreise im Raum Gnesen Autonomie für die Polen versprochen wurde. Der König von Preußen suchte die Entwicklung wieder zurückzudrehen, indem er - ohne Wissen seiner Minister - den Truppen befahl, die polnischen Heerlager aufzulösen und die alte Ordnung wiederherzustellen. Je unwahrscheinlicher ein Krieg Preußens gegen Rußland wurde, desto stärker traten die nationalen Spannungen zwischen Polen und Deutschen hervor.

Da die Polen auf ihre nationale Unabhängigkeit und auf ihren Plan, von Posen aus Russisch-Polen militärisch anzugreifen, nicht verzichten wollten, kam es zu bewaffneten Konflikten. Die aufständischen Truppen unter Mieroslawski umfaßten 9000 Mann und waren fast nur mit Sensen bewaffnet M10 . Sie hatten gegen die preußische Übermacht keine Chance und mußten nach wenigen Gefechten am 9. Mai 1848 kapitulieren. Das Nationalkomitee hatte sich schon am 30. April aufgelöst.

Die Deutschen in Posen traten im März noch für Verbrüderung mit den Polen ein. Der von Deutschen majorisierte Posener Stadtrat plädierte sogar für eine Ausgliederung des Großherzogtums aus der preußischen Monarchie. Als die Polen jedoch keine Deutschen in ihr Nationalkomitee aufnahmen, entzweiten sich die beiden Bevölkerungsgruppen am 27. März endgültig. Vielerorts gründeten die Deutschen eigene nationale Komitees, vor allem in den Gebieten, in denen sie in der Überzahl waren. Anfang April kam es vielfach zu blutigen Zusammenstößen mit den Polen. Nur einige wenige Deutsche traten den polnischen Einheiten bei, weit mehr Deutsche unterstützten die preußischen Truppen in sogenannten Freischaren.

Nach Krzystof Makowski, Großherzogtum Posen, S. 149-172; Heinz Boberach: Die Posener Frage in der deutschen und preußischen Politik 1848-1849. In: Deutsche und Polen in der Revolution von 1848/49, S. 17-57


M8

»Nie und nimmermehr, bei Gott, werde ich den Degen gegen Rußland ziehen.«

Friedrich Wilhelm IV. am 23. März 1848 gegenüber Heinrich von Gagern, der ihn aufgefordert hatte, Polen zu befreien


M9

Auszüge aus der Debatte der Deutschen Nationalversammlung in Frankfurt über die Provinz Posen 24./25. Juli 1848

(Die Mandate der im Mai 1848 in der preußischen Provinz Posen gewählten Abgeordneten wurden in der Deutschen Nationalversammlung am Ende der Debatte mehrheitlich anerkannt, obwohl die Polen die Wahl boykottiert hatten, indem sie nur einen einzigen polnischen Abgeordneten nach Frankfurt wählten. Mit 342:31 Stimmen billigte die Nationalversammlung die Teilung Posens).

Arnold Ruge (Donnersberg): [...] Die Polen sind das Element der Freiheit, das in das Slawenthum geworfen wurde. [...] im Namen der Humanität und der Gerechtigkeit verlange ich, daß Polen wieder hergestellt werde und daß wir das Vorparlament nicht Lügen strafen, welches erklärt hat, die Theilung Polens sei ein schmachvolles Unrecht. Die Wiederherstellung Polens müssen wir anbahnen. [...] An der Ehre Deutschlands ist es, daß Deutschland die Freiheit nach Osten propagiere und nicht an der Grenze von Rußland und Polen damit stehen bleibe. An unserer Ehre ist es, daß wir aufhören, Unterdrücker zu sein, daß wir Freunde aller befreiten Völker werden, daß wir die Italiener befreien und ihre Freunde werden und daß wir die Polen befreien und ihre Freunde werden. [...]

Wilhelm Jordan (Deutscher Hof): [...] Soll eine halbe Million Deutscher unter deutscher Regierung, unter deutschen Beamten leben und zum großen deutschen Vaterlande gehören, oder sollen sie sich in der secundären Rolle naturalisirter Ausländer in die Unterthänigkeit einer anderen Nationalität, die nicht soviel humanen Inhalt hat, als das Deutschthum, begeben und hinausgestoßen werden in die Fremde? - Wer die letztere Frage mit ja beantwortet; wer da sagt, wir sollen diese deutschen Bewohner Posens den Polen hingeben und unter polnische Regierung stellen, den halte ich mindestens für einen unbewußten Volksverräther. (Bravo!) [...]

Polen bloß deßwegen herstellen zu wollen, weil sein Untergang uns mit gerechter Trauer erfüllt, das nenne ich eine schwachsinnige Sentimentalität. (Bravo von der Rechten, Zischen von der Linken) [...] Unser Recht ist kein anderes als das Recht des Stärkeren, das Recht der Eroberung. [...](Jordan wechselte später zur rechten Fraktion Landsberg)

Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Versammlung zu Frankfurt am Main, Bd. 2, S. 1184ff., 1200


M10

Bild: Gefecht zwischen polnischen bewaffneten Formationen und preußischem Militär bei Rogalin, 8. Mai 1848
Dietz Verlag Bildarchiv, Berlin

gefecht.jpg (13096 Byte)


Copyright ©   1997  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de