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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


II."Wo die Revolution ist, da ist des Polen Vaterland."
Ein polnischer Oberbefehlshaber in Baden: Ludwig Mieroslawski

2. Materialien


M1

Kampf für die Befreiung Europas: Aleksander Zurkowski, im Badischen Aufstand Hauptmann und Adjutant Mieroslawskis:

Wo die Revolution ist, da ist des Polen Vaterland.

Diese Revolution ist nicht nur badisch, sie ist nicht nur deutsch, sondern auch europäisch ... Sie ist weder die Tochter, noch die Erbin, noch die Beschützerin des Frankfurter Reichstages, sondern seine Antithese ... Es sind einfach zwei Gegensätze. Alle unsere Gedanken hatten sich auf den Punkt konzentriert, die Preußen zu schlagen. Wir hatten nicht nur eine alte Rechnung miteinander abzumachen, sondern erblickten in ihnen die Vasallen von Rußland, die bis an den Rhein vorgeschobenen Posten des Zaren. Bei dem ersten Zusammentreffen stößt Mieroslawski auf denselben [preußischen] General Hirschfeld, den er das Jahr vorher bei Wreschen im Großherzogtum Posen geschlagen hat.

Hier galt es den Kampf nicht nur für die gemeinschaftliche Sache, sondern auch gegen den gemeinschaftlichen Feind; denn Deutschlands Unterdrücker sind auch die Unterdrücker Polens: sie unterjochen das eine durch das andere. Überdies haben die Polen die ungeheuere Sympathie Deutschlands für ihre Sache im Jahre 1830/31 noch nicht vergessen. Noch vor kaum einem Jahr hat das Vorparlament aus freiem Antrieb die Wiederherstellung Polens beschlossen.

Aleksander Zurkowski, 1849, zit. nach Krapp, Mieroslawski, in: ZGO 123 (1975), hrsg. von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Kohlhammer, Stuttgart, S. 228


M2

Aufruf Mieroslawskis  

Bild: "Soldaten ! Wehrmänner!"

»Soldaten! Wehrmänner!« Hans Blum: Die deutsche Revolution
1848–49. Florenz und Leipzig 1898, Faksimilebeilage
Aus: Franz X. Vollmer, Der Traum von der Freiheit. 1983,
S. 357, Abb. 302; © Theiss Verlag, Stuttgart


M3

Bild: Mieroslawski in Mannheim zusammen mit Zivilkommissar Trützschler zu Pferd vor der angetretenen Mannheimer Volkswehr, Juni 1849 (Städtisches Reiss-Museum Mannheim)

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M4

Bild: Porträt: Ludwig Mieroslawski (Wehrgeschichtliches Museum Rastatt)

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M5

Biographie

Ludwig Mieroslawski (1814-1878) wurde als Sohn eines emigrierten polnischen Offiziers und einer Französin in Nemours/Frankreich geboren und lebte seit 1820 in Polen. Bereits 1830 nahm er als 16jähriger Fähnrich an der polnischen Erhebung gegen Rußland teil und emigrierte 1831 nach Frankreich. Die gut einmonatige Reise durch Deutschland mit anderen polnischen Soldaten und Offizieren entwickelte sich zum Triumphzug. (1842 wurde Mieroslawski zum Mitglied der Zentralbehörde der polnischen Emigranten in Paris gewählt.) Nach dem durch Verrat gescheiterten Aufstandsversuch im zu Preußen gehörenden Posen von 1846 wurde er als dessen Organisator in Berlin zum Tod verurteilt, jedoch zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe begnadigt, durch die Märzrevolution 1848 aber von Berliner Demokraten aus dem Gefängnis Berlin-Moabit befreit und begeistert gefeiert. In Posen bildete er daraufhin eine polnische Freischar und begann sofort einen Aufstand zu organisieren (vgl. I: M7). Trotz zweier siegreicher Gefechte scheiterte der Aufstand. Mieroslawski geriet im Mai 1848 erneut in preußische Haft, wurde aber auf Intervention des revolutionären Frankreichs am 27. Juli 1848 begnadigt und nach Frankreich ausgewiesen. Von Paris aus reiste er Anfang 1849 nach Sizilien. Dort übernahm er den militärischen Oberbefehl über die Aufständischen. Er blieb aber ohne Erfolg und zog sich im Kampf eine Verwundung zu. Um sie auszuheilen, kehrte er am 24. Mai 1849 nach Paris zurück. Bereits am 9. Juni 1849 übernahm er in Baden den militärischen Oberbefehl und wurde zum direkten Gegenspieler des Prinzen Wilhelm von Preußen (vgl. V.). Nach dem Zusammenbruch der Murgfront bei Rastatt legte er am 1. Juli 1849 den Oberbefehl nieder. Danach lebte er zunächst drei Monate in der Schweiz, dann in Paris als Privatlehrer. 1861 erhielt er von Guiseppe Garibaldi den Befehl über die internationale Legion in Italien, 1861-1862 war er Kommandeur der polnischen Militärschule in Genua. 1863 wurde er im polnischen Aufstand gegen Rußland zum Diktator berufen, mußte aber über Krakau fliehen und kehrte nach Paris zurück. In den letzten Lebensjahren blieb er ohne Einfluß. Er starb verarmt. Mieroslawski, der die Aufstände, an denen er teilgenommen hatte, nach ihrer Niederwerfung stets in einer Veröffentlichung analysierte, galt als ein Anhänger des permanenten Aufstandes und trotz seiner Niederlagen als »polnischer Napoleon«.

Autorentext nach: Deutsches Historisches Museum: Bismarck - Preussen, Deutschland und Europa. Nicolai, Berlin 1990, S. 184: Nr. 3b/79; Meyers Konversations-Lexikon Bd. 11, Leipzig 1890, 4. Aufl.; Deutsche und Polen, S. 669f.; Krapp, Mieroslawski, S. 227-241


M6

Militärpolitische Entscheidungen im Frühjahr 1849

Am badisch-pfälzischen Aufstand beteiligten sich ungefähr 200 Polen in der sogenannten polnisch-deutschen Legion. Noch von Paris aus forderte Mieroslawski eine Ausweitung der Erhebung auf Württemberg. Sein Plan eines militärischen Vorstoßes nach Württemberg setzte sich allerdings nicht durch. In seinen nachträglichen Aufzeichnungen rügte Mieroslawski diese Unterlassung der badischen Revolutionsregierung, denn nach seiner Meinung bedeutete Zögern den Tod der Revolution. An Stelle dessen wurde seinerzeit ein militärischer Vorstoß nach Hessen Richtung Frankfurt unternommen, der jedoch scheiterte. Außerdem war die Auffassung verbreitet, Württemberg könne die Revolution selbsttätig gegen seinen energischen König durchsetzen.

Autorentext nach: Krapp, Mieroslawski, S. 235f.


M7

Kämpfe auf verlorenem Posten

M7a

Ludwig Mieroslawski urteilt nachträglich:

Ich kam, um für die badische Revolution eine heroische Leichenfeier zu leiten; einer in ihrem politischen Prolog verderbten Revolution kann man durch strategische Maßnahmen nicht mehr aufhelfen.

Zit. n. Michael Kunze: Der Freiheit eine Gasse. Traum und Leben eines deutschen Revolutionärs. Kindler, München 1990, S. 696

M7b

Bevollmächtigter bei der Neckararmee, Heinrich Hoff, an die provisorische Regierung Badens, Lage bei der Neckararmee, Heidelberg, 8. Juni 1849:

[...] Wie es heißt, soll Morgen oder Übermorgen Mieroslaws-ki ankommen. Ich glaube, daß wenn dies auch der Fall ist, man doch zuerst noch Sigel das Kommando überlassen muß, denn M(ieroslawski), der ohnehin kein Deutsch kann und zwar ein ausgezeichneter Theoretiker aber weniger Praktiker ist, würde wenigstens 14 Tage brauchen um sich zu orientieren; es wird daher am besten sein, wenn er zuerst sich längere Zeit einstudiert. [...]

Künftig abgedruckt in: Alfred Georg Frei/Kurt Hochstuhl: Wegbereiter der Demokratie. Die badische Revolution 1848/49. Der Traum von der Freiheit, Braun, Karlsruhe 1997

M7c

Urteil eines modernen Historikers

[...] Gegen diese Streitmacht von zwei preußischen Armeekorps unter dem Prinzen von Preußen [...] und einem Bundeskorps, bestehend aus Hessen, Nassauern, Bayern, Württembergern und Mecklenburgern, mit zusammen mehr als 50000 Mann konnte Mieroslawski nicht mehr als etwa 10000 Mann badischer Truppen und etwa 15000 Mann Volkswehren und Freischärler aufbieten. Seine Armee war nicht nur zahlenmäßig und in der Ausrüstung unterlegen, auch ihre Disziplin war mangelhaft. Gleich in der Rede, mit der er am 10. Juni in Heidelberg vor seine Offiziere trat, appellierte Mieroslawski daran, »die schlechte Disziplin« zu bekämpfen. Er selbst hat später für seine Niederlage auch die Unentschlossenheit der Revolutionsregierung verantwortlich gemacht, der ein eigentliches politisches Programm und der Wille gefehlt habe, die Insurrektion zur Revolution zu machen: »im Grunde wußten weder die Bürger noch die Soldaten, für was sie kämpfen sollten«. Daß er selbst nicht Deutsch, die Führer seiner Einheiten meist nur schlecht Französisch sprachen, vergrößerte seine Schwierigkeiten ebenso wie die Gerüchte, die seine Gegner über seine angeblich maßlosen finanziellen Forderungen verbreiteten.

Heinz Boberach, 1991, in: Deutsche und Polen, S. 55


M8

Bild: Aufruf de Obergenerals Ludwig Mieroslawski

Aus: F.X. Vollmer: Der Traum von der Freiheit. Theiss, Stuttgart, 1983, Abb.350, S. 410


M9

Gerichtsurteil gegen Mieroslawski:

In Untersuchungssachen gegen Ludwig Mieroslawski aus Polen wegen Hochverrats wird auf gepflogene Untersuchung [...] zu Recht erkannt, Ludwig Mieroslawski [...] sei der Teilnahme an dem im Jahre 1849 in Baden ausgebrochenen hochverräterischen Aufruhr für schuldig zu erklären und deswegen zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe, sowie zum samtverbindlich mit den übrigen Teilnehmern an dem Aufruhr zu leistenden Ersatze des durch den Aufstand dem Staate gestifteten Schadens und zur Tragung der Kosten der Untersuchung und seiner Straferstehung zu verurteilen.1 Mitteilung des Hofgerichts des Mittelrhein-Kreises an die General-Staatskasse in Karlsruhe, Bruchsal, 24. Mai 1851

1 Nach einer sehr beschränkten Amnestie von 1852 wurde 1862 allen wegen Beteiligung an der Revolution Verurteilten Straffreiheit gewährt, was sich nur für die Emigranten auswirkte, da die Strafen entweder vorher verbüßt oder die Gefangenen entlassen worden waren. Mieroslawski ist nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt. (Deutsche und Polen, S. 648)


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