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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


III.Robert Blum: Ein Tod in Wien -
Tod der nationalen deutschen Revolution ?

1. Erläuterungen


Der Weg Robert Blums, des modernen, volkstümlichen Führers der gemäßigten politischen Linken im Frankfurter Paulskirchenparlament, zur Unterstützung der Wiener Oktoberrevolution wird in Ausschnitten nachgezeichnet. Seine Hinrichtung in Wien am 9. November 1848 machte vielen Deutschen schlagartig klar, daß die Gegenrevolution mit unnachgiebiger Entschlossenheit von der Regierung Schwarzenberg betrieben wurde, wohl aus Gründen, die mit der Situation im Vielvölkerstaat Österreich und dessen traditionellen Machtinteressen in Deutschland und Europa zusammenhingen.

Die Freiheitsbewegung der Frankfurter Paulskirchenversammlung und in den meisten Einzelstaaten mußte erkennen, daß ihre nationale und freiheitliche »redende« Revolution erneut von den »alten Mächten« abgelehnt wurde.

Robert Blum wurde durch seinen Tod zur Symbolfigur für den Umbruch der Revolution zwischen Herbst 1848 und Frühjahr 1849. Wie dachte und redete er? Warum wurde er verurteilt? (Vgl. M1, M2, M3, M4 )

Blum war unter den vielen Akademikern im Paulskirchenparlament nach Herkunft, Werdegang und Vorbildung als »Mann des Volkes« eine große Ausnahme.

Bereits vor 1848 war der Autodidakt ein in ganz Deutschland bekannter Führer der liberalen Opposition. Er glaubte zu wissen, daß jedes Abweichen vom gesetzlichen Weg zur Herbeiführung von Fortschritt, jede putschistische Aktion Unglück über alle Beteiligten bringt. Von gewaltsamen Aktionen eines Hecker und Struve distanzierte er sich deshalb entschieden.

Im Briefwechsel mit seiner Frau Jenny M5 lernt man seine wirklichen Gedanken und Gefühle kennen. Er gibt preis, welche geheimen Wunschbilder vom Gang der Entwicklung ihn erfüllen. Die Dinge verlaufen anders als erwartet, stürmische und kriegerische Zeiten kommen, den Preußen und deren König wünscht er ein schlimmes Schicksal, die Französische Revolution wiederholt sich, die Republik steht vor der Tür - oder die Russen kommen.

Weil er vom Gang der Revolution enttäuscht war, konnte er sich weniger als die meisten anderen Parlamentarier eine friedliche Entwicklung vorstellen und hielt, durchdrungen vom Gedanken der Befreiung und Erlösung der Völker vom Joch der »Dynastien« und von der Vorstellung einer Verbrüderung des freiheitlichen Westeuropa (s. M1), Gewalt gegen unaufgeklärte Fürsten in Ausnahmesituationen für unvermeidlich.

Aus Wut und Resignation trug er sich mit dem Gedanken, die Politik an den Nagel zu hängen und in die Idylle zu flüchten. Im September war er offenbar zu dem Entschluß gekommen, daß er im Frankfurter Parlament mit seinem politischen Latein am Ende war. Sein Weggang nach Wien - er wurde auf eigenen Wunsch als Deputierter nach Wien geschickt - war zunächst ein »Weg-von«, eine Flucht. Kaum in Wien angekommen, wurde daraus jedoch ein »Hin-zu«, ein Eintauchen in alte Idealvorstellungen vom Werden und Gedeihen einer echten Volksbewegung. Dem Pessimisten Blum folgte wieder der »Enthusiast«, der sich mitreißen ließ, der wohl auch unbedachte Reden hielt und den Bitten örtlicher Stellen nicht widerstehen konnte, sich mehr oder weniger symbolisch als Ehrenmitglied im

»Corps d' élite« an Kampfhandlungen zu beteiligen. Wer so den »Puls der Zeit« fühlte, der durfte wieder schwungvoll als politischer Repräsentant wirken.

Dies wurde ihm zum Verhängnis: Er wurde, obwohl er mit der Immunität eines Parlamentariers ausgestattet war, wie andere Führer des Wiener Aufstands verurteilt und erschossen (M2, M6 ), nahm auf eindrucksvolle Weise brieflich Abschied von seiner Familie (M5) und ertrug einen Tag vor seinem 41. Geburtstag seine Lebenskatastrophe würdig und gefaßt. Sein Tod erschütterte in allen Teilen Deutschlands die Massen (M7, M4, M12 ), offenbarte den Grad ihrer Politisierung und verschärfte die Spannungen innerhalb der Freiheitsbewegung in Deutschland wie zwischen der Freiheitsbewegung insgesamt und den Kräften der Gegenrevolution.

Gedrungen und knollennasig wie Sokrates, grobschlächtig, versehen mit Revoluzzerbart, ausdrucksstarker Redner im Parlament wie vor den Massen, war es Blum weniger als anderen prominenten Abgeordneten möglich, sich vor Anfeindungen zu schützen.

In der Karikatur M10 wird er von seinen politischen Gegnern als Demagoge und Feigling diffamiert: Er hat Waffen und Heckerhut bereits weggeworfen und seine parlamentarische Immunität durch eine Parlamentsschärpe hervorgehoben, um ungeschoren davonzukommen und in Berlin sein zerstörerisches Werk gegen die preußische Monarchie fortzusetzen.

Gegenfigur zu Blum ist Schwarzenberg (M8, M11), der eiskalte Rechner. Er kämpft gegen die nationale Revolution und für eine Rückkehr aller deutschen Staaten zum Deutschen Bund. Er hat folgende Hauptziele:

Zentralistisches Großösterreich als deutsches wie europäisches Bedürfnis, Rückkehr aller Einzelstaaten zum Deutschen Bund unter österreichischer Vorherrschaft mit starker Exekutivgewalt, der eine Volksvertretung als Fassade zugeordnet werden soll, in der neben Fürstenvertretern nur Abgeordnete sitzen, die den Fürsten genehm sind, Kooperation mit denjenigen Einzelstaaten, deren Fürsten in der Lage sind, freiheitliche Bestrebungen niederzuhalten.

Für das alte Österreich bedeuteten Blums republikanische Pläne, daß eine freiheitlich Reichsgewalt ohne maßgeblichen Einfluß der Fürsten hergestellt worden wäre, daß die nationale Reichseinigung unter Ausschluß nichtdeutscher Landesteile und Länder die gesamte Habsburgermonarchie, die nur noch als lockere Personalunion zu denken gewesen wäre, zerschnitten hätte, weil dann die bundeszugehörigen und die bundesfremden Gebietsteile Österreichs eine jeweils eigene Verfassung, Regierung und Verwaltung hätten bekommen müssen. Die Deutschen innerhalb des Habsburgerreichs wären entscheidend geschwächt, die Rivalität anderer Nationalitäten wäre verschärft worden, das »regulative Moment« dieser Struktur, die komplizierte Gemengelage der Völker verschiedener Nation, wäre gestört gewesen.

Die nichtdeutschen Nationalitäten stützten als kleine Nationen mehrheitlich den übernationalen österreichischen Kaiserstaat, im eigenen Interesse wie auch im Interesse Europas und auch im »Interesse der Humanität«, wie dies der tschechische Historiker Palacky, der sich als »Böhme slawischen Stammes« bezeichnet, formulierte (s. dazu auch M9 ). Und Schwarzenberg als Deutschböhme und mit den Tschechen in Böhmen eng verbundene Person sah sich berechtigt, deren Eigenständigkeit im Gesamtstaat Österreich zu erhalten, zum Wohle aller Österreicher, auch der Deutschen, wie auch zum Wohle eines europäischen Machtverteilungskonzepts und gewiß auch zum Vorteil der Macht der altehrwürdigen »kaiserlichen« Habsburgermonarchie, deren jungen Monarchen, Kaiser Franz Joseph, er in diese politische Welt im Spätherbst 1848 hineinführte. Deshalb widersetzte er sich entschieden der nationalen Reichsgründung und wollte mit der Revolution insgesamt brechen. Dafür hatte er in Österreich Rückhalt bei der Masse der Bevölkerung aller Nationalitäten außer der ungarischen. Die Donaumonarchie wurde damals noch nicht als unzeitgemäßer Vielvölkerstaat, als »Völkerkerker« gesehen.

Nach dem Tod von Blum und dem Sieg der Gegenrevolution in Österreich wurde der Mehrheit in der Paulskirche nach und nach klar, daß nur noch mit Preußen eine Lösung der Deutschen Frage nach ihrem Selbstverständnis möglich war. Diese Rolle wollte und konnte Preußen nicht spielen. Es war weder bereit, auf eigene Rechte und auf unumschränkte Souveränität über die Armee zu verzichten; noch war es gewillt, wegen der Frage der nationalen Einheit Deutschlands sich mit Österreich und anderen europäischen Großmächten (z. B. Rußland) zu überwerfen und einen europäischen Krieg zu riskieren.

Der Tod Robert Blums hatte weithin Illusionen vom doch noch möglichen gesetzlichen Fortschritt zerstört. Neue Verhaltensweisen dem gewaltsamen politischen Gegner gegenüber kündigten sich an und gaben der Revolution allmählich einen anderen, einen unversöhnlicheren Charakter (s. auch M12). Auf die Gegenrevolution in Wien im Oktober 1848 folgte die radikale Revolution aus einigen deutschen Einzelstaaten. Dazu wurden neue Organisationen (meist republikanische Volksvereine) aufgebaut, um möglichst viele Deutsche für Konfrontation und für Gegengewalt zu gewinnen. Man durfte als Revolutionär nicht mehr »vor den Thronen« stehenbleiben und brauchte ein »erzürntes Volk« (Gustav Struve), das zum Zurückschlagen und zum Zuschlagen bereit war.

Überlegungen zu den Materialien:

1) Was zeichnet Blum als modernen nationalen, (west-) europäischen und volkstümlichen Politiker aus? Welches sind die tieferen Gründe für seine Erschießung in Wien? M1 bis M7

2) Wie könnte man die Vorstellungswelt des den Deutschböhmen, den Tschechen und anderen Nationalitäten der Donaumonarchie verbundenen Fürsten Schwarzenberg charakterisieren? Wie sind seine Pläne, wie ist sein Verhalten angesichts der komplexen Verhältnisse im Vielvölkerstaat Österreich und dessen Stellung im europäischen Mächtesystem zu beurteilen? M8, M9, M11, M12


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