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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


III. Robert Blum: Ein Tod in Wien -
Tod der nationalen deutschen Revolution ?

2. Materialien


Der Revolutionär Robert Blum und sein Tod in Wien

M1

Debatte zur Außenpolitik in der Frankfurter Nationalversammlung am 22. Juli 1848. Robert Blum äußert sich über völkerrechtliche Verhältnisse:

Man sagt uns bei jeder Gelegenheit: die alte Zeit ist todt, die neue hat begonnen! Was war denn die alte Zeit ... in Beziehung auf die sogenannten völkerrechtlichen Verhältnisse? Sie war nichts Anderes als eine Reihe von Dynastenbündnissen ... die nur dazu dienten, entweder der gegenseitigen Herrschgier Schranken zu setzen, oder die gemeinsame Gewaltstellung zu erhalten und zu verstärken ... Diese Art von Bündnissen war es, die unser Vaterland eine undenkliche Zeit hindurch aufgehalten hat, ein Großes und Ganzes zu werden ... Sie war es, die die Feindseligkeit der Stämme und die Spannungen der einzelnen Abtheilungen des Volkes hervorriefen, die sogenannten Kirchthurminteressen in den Vordergrund schoben, um - die Blicke abzulenken von dem, was Noth that, von dem Bewußtsein, daß Deutschland nicht eher Geltung in dem Bunde europäischer Völker gewinnen könne, als bis es ein freies Volk geworden. ...

(Der) Gedanke der Befreiung und Erlösung der Völker ... (der) Gedanke der neuen französischen Revolution soll und wird ebenfalls Propaganda machen in der ganzen Welt, und ich hoffe, er wird sie ausdehnen über Moskau hinaus, und das Licht der Freiheit auch in jene Länder tragen, die jetzt noch schlummern in der tiefsten Knechtschaft. (Anhaltendes Bravo der Linken)...

(Das) Ziel einer Verbrüderung des freigewordenen oder freiwerdenden Westens, das ist es, dem ich meine Stimme leihe. Mit der Erreichung dieses Ziels steht die Freiheit und der Friede in Europa gesichert, mit der Erreichung dieses Zieles steht die größte und intelligenteste Abtheilung der europäischen Staatenfamilie in einer unbesiegbaren Vereinigung zusammen und kann mit Ruhe darauf hinblicken, wenn ein Despot ... (sie) ... verhöhnen oder drohen wollte. ... Ich scheue den Spott nicht ... ich scheue ihn nicht, weil ich weiß, daß ich einem Gedanken diene, auf dem die Zukunft, auf dem das Glück Europa's beruhen wird. (Anhaltender Beifall)

Zit. in: Stenographischer Bericht ... Hrsg. v. F. Wigard. Zweiter Band. Leipzig 1848, S. 1108f.


M2

Urtheil

... Herr Robert Blum zu Köln in Rhein-Preußen gebürtig, 40 Jahre alt, katholisch, verheiratet, Vater von 4 Kindern, Buchhändler zu Leipzig, welcher bei erhobenem Thatbestande durch sein Geständnis und durch Zeugen überwiesen ist, am 23. Oktober ... in der Aula zu Wien durch Reden in einer Versammlung zum Aufruhre aufgeregt, und am 26. Oktober ... an dem bewaffneten Aufruhr in Wien als Commandant einer Compagnie des Elitecorps thätigen Antheil genommen zu haben ... soll nach Bestimmung der Proclamation Sr. Durchlaucht des Feldmarschalls Fürsten zu Windischgrätz vom 20. und 23. Oktober ... mit dem Tode durch den Strang bestraft werden.

So gesprochen in dem Standrechte ... Abends am 8. November 1848.

Vermerk: ist kundzumachen und in augenblicklicher Ermangelung eines Freimannes mit Pulver und Blei durch Erschießen zu vollziehen.

Zit. nach: Siegfried Schmidt: Robert Blum. Vom Leipziger Liberalen zum Märtyrer der deutschen Demokratie. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger. Weimar 1971, S. 253f. (Leicht vereinfacht)


M3

Lithographie: Robert Blum im Kreise seiner Familie

Von A. Hunger, Leipzig
Aus: Robert Blum 1848/49. Ein Kämpfer für Einheit und Demokratie. Hrsg. v. Rat der Stadt Leipzig. Leipzig 1948, Tafel I

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M4

Robert Blum

1807 geb. am 10. 11. in Köln als Sohn eines Faßbinders, muß das Gymnasium in der 6. Klasse verlassen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen; Lehre als Goldschmied und Gelbgießer; Aufenthalt in Berlin, wo er als Nichtstudent Vorlesungen an der Universität besucht.

Ab 1831 Arbeit als Theatersekretär und Bibliothekar in Leipzig; Herausgeber eines Theaterlexikons, Redner auf kulturellen und politischen Veranstaltungen. Er verehrt besonders Schiller, dessen Geburtstag am 10. 11. mit dem seinen zusammenfällt.

Ab 1839 Tätigkeit in der liberalen Opposition; Bekanntschaft mit Führern des Liberalismus in ganz Deutschland; bekannt auch als Mitbegründer der deutschkatholischen Bewegung, verheiratet, vier Kinder.

Schon vor 1848 als Führer der sächsischen Liberalen Demokrat und Republikaner; Mitglied im Vorparlament und Abgeordneter der Nationalversammlung in der Paulskirche; Sprecher der linken Fraktion »Deutscher Hof«, die für einen parlamentarisch-demokratischen Liberalismus, für Volkssouveränität und für das allgemeine Wahlrecht eintritt. Schaltet sich in seiner Eigenschaft als Abgeordneter im Oktober 1848 in die Wiener Revolution ein und wird am 9. November auf Wunsch von Schwarzenberg und auf Anordnung von Windischgrätz standrechtlich erschossen.


M5

Aus den Briefen Robert Blums an seine Frau Jenny

Liebe Jenny,... heute mittag wählen wir den Reichsverweser (Vermoderer!), die Mehrheit wählt den Erzherz. Johann, einige Halbe, etwa 25-30 Gagern, wir wählen den alten Itzstein und eine Anzahl wählt gar nicht, weil sie den »unverantwortlichen« Kerl nicht mitwählen mag... Hoffentlich bricht der Krieg in einigen Tagen aus; ehe Preußens Verrat nicht klar ist, kommen wir auch nicht zum Ende; deshalb habe ich nichts dagegen, wenn die Russen auch bis nach Berlin kommen. Hoffentlich wird Fr. Wilh. IV das Schicksal Ludwigs XVI. haben. In Leipzig wächst ja die Republik ungeheuer... (29. 6. 48)

Liebe Jenny,...Uns geht es ziemlich schlecht, die Mehrheit wird alle Tage frecher und unverschämter, steckt mit den Regierungen unter einer Decke, spielt in und mit der Versammlung Komödie und treibt ihren Verrat ziemlich offen; es ist ganz 1789. Ob die Menschen niemals an 1793 denken?... (5. 7. 48)

Liebe Jenny,... In der National-Vers. verfolgt aus Bosheit, vom Volke in die traurigste Stellung gebracht aus Dummheit, von den Demokraten angefeindet und geächtet aus Unverstand stehen wir isolierter als jemals und haben vor- wie rückwärts keine Hoffnung... Nie bin ich so lebens- oder wirkungsmüde gewesen wie jetzt; wäre es nicht eine Schande, sich im Unglück von den Kampfgenossen zu trennen, ich würde zusammenraffen, was ich... habe und entweder auswandern oder mir in irgendeinem friedlichen Tale des südlichen Deutschlands eine Mühle oder dergl. kaufen und nie wieder in die Welt zurückkehren... (4. 10. 48)

Liebe Jenny,... Wien ist prächtig, herrlich, die liebenswürdigste Stadt, die ich je gesehen; dabei revolutionär in Fleisch und Blut. Die Leute treiben die Revolution gemütlich, aber gründlich... Wenn Wien nicht siegt, so bleibt nach der Stimmung nur ein Schutt- und Leichenhaufen übrig, unter welchem (ich mich) mit freudigem Stolze begraben lassen würde... (17. 10. 48)

Liebe Jenny,... Ich habe am Samstag noch einen sehr heißen Tag erlebt, eine Streifkugel hat mich sogar unmittelbar am Herzen getroffen, aber nur den Rock verletzt. Wien kapituliert eben... (30. 10. 48)

Meine liebe Jenny! (Ich) werde unfreiwillig hier zurückgehalten, bin verhaftet. Denke Dir indessen nichts Schreckliches, ich bin in Gesellschaft Fröbels und wir werden sehr gut behandelt... (6. 11. 48)

Zit in: Ludwig Bergsträsser: Das Frankfurter Parlament in Briefen und Tagebüchern, Societäts-Druckerei, Abteilung Buchverlag, Frankfurt a. M. 1929, S. 380 ff.

Wien, 9. November 1848.

Mein teures, gutes, liebes Weib, lebe wohl, wohl für die Zeit, die man ewig nennt, die es aber nicht sein wird. Erziehe unsre - jetzt Deine Kinder zu edlen Menschen, dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen. Unser kleines Vermögen verkaufe mit Hilfe unserer Freunde. Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Alles, was ich empfinde, rinnt in Tränen dahin, daher nochmals; lebwohl, teures Weib!

Betrachte unsere Kinder als teures Vermächtnis, mit dem Du wuchern mußt, und ehre so Deinen treuen Gatten.

Leb wohl, leb wohl! Tausend, tausend, die letzten Küsse von Deinem Robert.

Zit in: Schmidt, Robert Blum, S. 254; (c) Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar


M6

Robert Blums letzte Stunde

»Aus jedem meiner Blutstropfen wird ein Märtyrer der Freiheit erstehen«

Bild:
Druck und Verlag v. Ed. Gust May in Frankfurt a.M.
Bild in: Erinnerungsstätte für Freiheitsbewgungen in der deutschen Geschichte, Rastatt, Katalog Nr. 535

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M7

Aus einem Tagebuch

den 9. November.

Ich erfuhr noch die näheren Umstände vom Tode Robert Blums... Heute Morgen 5 Uhr wurde ihm das Todesurtheil verkündet.

Er sagte ruhig: es trifft mich nicht unerwartet. Der Geistliche vom Schottenthore, zu dessen Sprengel das Gefängniß Robert Blums gehörte, kam, um ihm die Beichte abzunehmen. Blum sagte, daß er nicht beichte, und der Geistliche sagte: er habe das gewußt...

Mit drei Jägern und einem Offizier wurde er nach der Brigittenau geführt. Als er nach dem Richtplatze ging, stand er mehrmals still und holte tief Athem. Er bat, daß man ihm die Augen nicht verbinde. Der Offizier erwiderte: diesem könne nicht willfahren werden, es geschehe der

Soldaten wegen, und Blum band sich selbst das Tuch um die Augen.... Von drei Kugeln getroffen, sank Blum nieder. Die eine traf in die Stirne, die anderen in die Brust. Sein letztes Wort war: »aus jedem Blutstropfen von mir wird ein Freiheitsmärtyrer erstehen.« Und das Wort wird Wahrheit werden... Wo wird das enden? Welchen entsetzlichen Gräueln sehen wir entgegen!...

Wo solche Dinge geschehen, da ist alles Wort verloren, das gesprochene und das geschriebene.

Als ich das Josephinum verließ, kam eben ein Trupp Soldaten..., die trugen eine Bahre... drinnen lag wieder ein Mann, den sie mit raschem Blei kalt gemacht. Wer mag das sein? Wessen Herz hat aufgehört zu schlagen? Ich konnte die Soldaten nicht fragen, denn zitternden Herzens wußte ich, sie würden antworten:
N i x d e u t s c h.

Berthold Auerbach: Tagebuch aus Wien, Von Latour bis auf Windischgrätz. Breslau 1849, S. 222-227


Die Wiener Gegenrevolution

M8

Schwarzenberg und Windischgrätz

Fürst Felix zu Schwarzenberg (1800-1852), einer der mächtigsten Aristokraten Böhmens. Die Fürstenfamilie, die eine übernationale, betont »böhmische« Haltung einnimmt, deren Mitglieder zweisprachig deutsch und tschechisch erzogen werden, besitzt etwa ein Dreizehntel der Gesamtoberfläche des Königreichs Böhmen, Immobilien in Prag und Wien,auch Güter in Ungarn und bei Salzburg. Ab November 1848 Ministerpräsident und Außenminister von Gesamtösterreich.

Fürst Alfred zu Windischgrätz (1787-1862), Oberbefehlshaber aller österreichischen Truppen, ebenfalls Deutsch-Böhme, ist sein Schwager und ihm eng verbunden, als er mit seiner aus Tschechen, Niederösterreichern und Kroaten (Banus JellaËic´) bestehenden 70000-Mann-Armee im Oktober 1848 Wien einnimmt.


M9

Konkurrierende Nationalitäten im Vielvölkerstaat Österreich

Viele Tschechen in Böhmen und Mähren wünschen nicht, daß sich die Deutschen in »Deutsch-Österreich«, Böhmen und Mähren einem deutschen Nationalstaat anschließen. Viele Deutsche sind nicht dafür zu gewinnen, daß die Ungarn und die Tschechen sich zu einem unabhängigen tschechischen oder ungarischen (National-) Staat zusammenschließen und die Deutschen in »Deutsch-Österreich« Teil eines deutschen Nationalstaats werden. Viele Kroaten sind dagegen, daß Norditaliener und Ungarn in die staatliche Unabhängigkeit entlassen werden.

Text: R. Obenland


M10

Allerneustes aus Wien

Bild: Sammlung Heil, Museum und Stadtarchiv Butzbach

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M11

Schwarzenberg über Europa und Deutschland

Nicht in dem Zerreißen der (Habsburger-)Monarchie liegt die Größe, nicht in ihrer Schwächung die Kräftigung Deutschlands. Österreichs Fortbestand in staatlicher Einheit ist ein deutsches wie europäisches Bedürfnis. Von dieser Überzeugung durchdrungen, sehen wir der natürlichen Entwicklung des noch nicht vollendeten Umgestaltungsprozesses entgegen. (27. 11. 1848 vor dem österreichischen Reichstag)

Zit. in: Hans Fenske (Hrsg.): Vormärz und Revolution. (FSGA, C, Bd. 4.), Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 21991, Seite 370 (Ausz.)


Revolutionsende oder Revolutionswende

M12

Revolutionäre und gegenrevolutionäre Entwicklungen

Vaterlandsvereine und demokratische Vereine riefen in ihrer beispiellosen Empörung überall in Deutschland zu Robert-Blum-Trauerfeiern auf. Die österreichische Armee unter Windischgrätz erschien Zeitgenossen (wie z.B. Ludwig Bamberger in Mainz) als »eine aus wilden Völkerschaften zusammengesetzte Barbarenhorde«, als »der plumpste Ausdruck brutaler Gewalt, welche den Geist überwältigt«. JellaËic´ wurde mit »Dschingis-Khan« gleichgesetzt.

Republikanisches Gedankengut verbreitete sich zunehmend. Eine 1849 in der Pfalz und in Baden (Rastatt) kämpfende Truppe nannte sich demonstrativ »Robert-Blum-Legion«. Spendenaktionen in ganz Deutschland zugunsten der Familie Blum erbrachten bis zum 30. 12. 1848 über 11000 Gulden, so daß Jenny Blum ihren Kindern in der Schweiz eine vorzügliche Ausbildung zukommen lassen konnte. Der 9. November wurde in den Jahren nach 1848 trotz Verbots oft mit Blum-Feiern (selbst im Ausland) verbunden. Wenn jemand erschöpft war, konnte er sagen, er sei »tot wie Robert Blum«.

Die Nationalversammlung in Frankfurt ließ der österreichischen Regierung mitteilen, daß die »Erschießung Blums mit höchster Erregung und Entrüstung in ganz Deutschland aufgenommen sei, und zwar nicht nur von der politischen Partei des Getöteten, sondern von allen Seiten«. Und sie forderten Sühne für die Erschießung Blums.

In Österreich wurde jedoch niemand wegen der Ermordung von Blum bestraft. Vielmehr forderte die Regierung Schwarzenberg nun offen die Rückkehr zum Deutschen Bund und plante, notfalls eine von den Regierungen der Einzelstaaten angenommene Verfassung zu oktroyieren und gegen die Paulskirchenversammlung militärisch zusammen mit Preußen vorzugehen. Unterstützt wurde diese Politik von Frankreich, Rußland und wohl auch England.

Text: R. Obenland


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