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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


IV. "Für eine europäische Republik": Georg und Emma Herwegh 1848

1. Erläuterungen


Als eine Episode am Rande großer politischer Ereignisse wird in historischen Darstellungen meist der Zug der deutschen Demokraten von Paris nach Südbaden im April 1848 behandelt. Hier werden die Motive, Zielvorstellungen und Irrtümer der deutschen demokratischen Legion dargestellt. Im Mittelpunkt stehen Georg und Emma Herwegh, die ihrem Ziel der europäischen Republik über 1848 und 1871 hinaus treu blieben.

Ein Besuch in Berlin im Jahre 1842 wurde für den jungen Erfolgsautor Georg Herwegh zur entscheidenden Wende. Hier begegnete er seiner künftigen Frau Emma Siegmund, der Tochter eines reichen Kaufmanns, die er ein Jahr später in der Schweiz heiratete. Das zweite Erlebnis war eine Audienz, zu der ihn König Friedrich Wilhelm IV. geladen hatte. Diese blieb zwar ergebnislos, diskreditierte den Dichter aber bei manchen Gesinnungsgenossen und trieb ihn, der schon mit seinem Erstlingswerk

'Gedichte eines Lebendigen' (Winterthur 1841) scharfe Kritik an den politischen Zuständen des vormärzlichen Deutschland geübt hatte, in radikalere Bahnen:

»Dein war das Amt, der Freiheit Ring, den engen, Mit Meisterschlägen friedlich zu erweitern - Du hast's verschmäht! Nun gilt es, ihn zu sprengen.« (138),1

schreibt er unter dem beziehungsreichen Titel 'Auch das gehört dem König'.

Der Augenblick, das Wort zur Tat werden zu lassen, kam erst im Februar 1848, den Herwegh in Paris, damals Zentrum der Emigranten, erlebte. Die deutschen Exildemokraten, von denen manche auf den Pariser Barrikaden mitgekämpft hatten, wählten ihn am 19. März zum Präsidenten ihres Zentralkomitees M2. ruft die Pariser Barrikadenkämpfer auf, ihre Waffen den Deutschen zu leihen, damit diese auch in Deutschland die Republik erkämpfen könnten. Der Appell scheint wenig Resonanz hervorgerufen zu haben; in ihrer ersten Unterredung mit Hecker beklagte Emma Herwegh den Mangel an Waffen und das Ausbleiben versprochener Lieferungen. Herweghs Behauptung, die Legion sei ein »wohlgerüstetes Hilfskorps« M5 , ist also irreführend. Seine Adresse an das französische Volk M3 verkündet sein politisches Programm - die demokratische europäische Republik unter der Patenschaft Frankreichs. Eine zu intensive Hilfe der II. Republik wird allerdings in diplomatischer Verklausulierung abgelehnt - sollte Herwegh bereits ahnen, welchen Vorurteilen die deutschen Emigranten begegnen würden?

In die konkreten Planungen führt M4 . Die militärischen Operationen, die mit denen Johann Philipp Beckers und seiner 'Deutschen Legion aus der Schweiz' koordiniert werden sollten, wurden von Anfang an bespitzelt und von seiten der deutschen Regierungen mit Aufmarschbewegungen im Grenzgebiet beantwortet. Eine geschickte Propaganda suggerierte, daß ein französischer Einmarsch drohe, was bei der Bevölkerung am 25./26. März eine kollektive Panik auslöste. M5 gibt Herweghs Versuch wieder, das verlorene Terrain der öffentlichen Meinung zu-rückzugewinnen. Nicht nur bei den Konstitutionellen der Paulskirche (s.M10 ), sondern sogar bei Hecker scheint die Propaganda gegen das Herweghsche Unternehmen verfangen zu haben. Emma Herwegh schildert ihre verzweifelten, unter großen Strapazen unternommenen Versuche, mit Hecker zu einer Absprache über ein gemeinsames Vorgehen zu kommen. Von Straßburg aus suchte sie ihn am 15. April in Engen, am 19., am Vorabend des Gefechts auf der Scheideck, in Kandern auf (s.M7 ). Die Vereinigung der Freischaren blieb aus, die Wandlung vom Dandy zum revolutionären Freiheitskämpfer (Vergleich M1 und M6 ) war vergebens. Als die Herweghsche Schar, von etwa 1500 auf weniger als die Hälfte geschrumpft, bei Kleinkems am 21./22. April endlich deutschen Boden erreichte, war das entscheidende Gefecht bei Kandern bereits geschlagen und für die republikanische Sache verloren. Mehr aus Zufall kam es bei Dossenbach doch noch zum Kampf. M8 schildert das Gefecht aus der Sicht des Gegners und läßt die militärische Inkompetenz der Revolutionäre erkennen.

Nicht nur Herweghs Rolle als aktiver Revolutionär war damit ausgespielt, es folgte der Rufmord am Dichter Herwegh. Die unter Lebensgefahr gelungene Flucht in die Schweiz wurde von seinen Gegnern zur feigen Desertion unter dem Spritzleder einer von Emma Herwegh gelenkten Kutsche umgeschrieben. »In keinem Ehrenkodex steht, daß Revolutionsführer sich gefangennehmen lassen müßten, um die Erschießung hinzunehmen.«, urteilt dagegen ein unvoreingenommener Historiker, Veit Valentin.2 Herwegh war nach dem Scheitern des Zuges politisch kaltgestellt. Die Debatten der Paulskirche um die Verfassung des Deutschen Reiches verfolgte er aus der Ferne in ohnmächtigem Zorn mit bissigen Kommentaren M11 - die Legende vom schwatzenden Professorenparlament, von der Rechten wie von der Linken mit Eifer gepflegt, hat auch er mitgeschaffen; seine Verse sind entsprechend kritisch zu lesen.

1866 kehrte er nach Deutschland zurück, verweigerte sich aber konsequent den gängigen Anpassungsmustern vieler 48er. Vor allem die Reichsgründung von 1870/71 fand keine Gnade in seinen Augen: »Dies 'neue Deutschland' bleib mir fern/Und zähle mich zu seinen Toten« (266) schrieb er schon vor dem Krieg von 1870. Eine politische Heimat fand der Dichter in der Arbeiterbewegung, die ihm das berühmte Bundeslied verdankt: »Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.« (233)

Anmerkungen

1 Die Seitenzahlen der Zitate beziehen sich auf: Herweghs Werke in einem Band. Ausgewählt und eingeleitet von Hans-Georg Werner. Bibliothek deutscher Klassiker. Berlin und Weimar (Aufbau-Verlag) 1980.

2 Veit Valentin: Geschichte der deutschen Revolution 1848-1849, Bd. 1, Ndr. Köln-Berlin (Kiepenheuer & Witsch) 1977, S. 500f.

Überlegungen zu den Materialien:

1) Welche Bedeutung hat die französische Februarrevolution von 1848 für die deutsche Märzrevolution? M2 und M3

2) Wie stellt sich Herwegh die Verwirklichung seiner Ziele vor? M 4 und M5

3) Welchen Vorurteilen begegnen die deutschen Exildemokraten? M5, M11

4) Wie erklärt sich Heckers Zurückhaltung gegenüber Herwegh?M7 , vgl. M5

5) Wie sind die militärischen Chancen der Deutschen Legion zu beurteilen?M8 , M9


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