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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


V. "Den Drachen Revolution töten" - Prinz Wilhelm von Preußen
Berlin - London - Karlsruhe: Ein Gegegnrevolutionär unterwegs

1. Erläuterungen


Zeit seines Lebens setzte sich Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., für den Erhalt einer dominanten Stellung des Monarchen gegenüber dem Parlament, gestützt auf eine starke Armee, ein. Mit seiner Person ist die Ablehnung des westeuropäischen Typs einer parlamentarischen Monarchie aufs engste verbunden.

Im März 1848 wurde er vorübergehend nach London geschickt, weil er in Preußen als Scharfmacher (»Kartätschenprinz«1) untragbar geworden war. Im Juni 1848 nach Preußen zurückgekehrt, wirkte er aktiv auf den Sieg der Gegenrevolution hin. Im Juni 1849 übernahm Prinz Wilhelm den Oberbefehl bei der Niederwerfung des badisch-pfälzischen Aufstandes. Er sah darin einen Kampf gegen »Hochverräter« und eine gottgewollte Pflichterfüllung.

Die folgenden Erläuterungen zu den Abbildungen bedürfen keiner erklärenden Einbettung in den Gesamtzusammenhang der Vorgänge von 1848/49. Diese leistet die Zeittafel M3, die eigens auf die Abbildungen abgestimmte Schwerpunkte setzt und zugleich selbständiges Erschließen der Revolutionsgeschichte anregen soll. Im übrigen eignen sich alle Materialien für ein fächerverbindendes Arbeiten in Geschichte, Deutsch und Bildender Kunst.

Die Karikatur M1 lebt von der Schadenfreude der Betrachter über die Fallhöhe der gestürzten Schlüsselfiguren der Reaktion, die nun, gleichsam im Niemandsland befindlich, sich mit Attributen umgeben, die gemessen an ihrer bisherigen politischen Bedeutung lächerlich wirken. Auf die frühere politische Schlüsselstellung der drei Exilierten verweist der Text unter dem Bild: »Sonst spielt ich mit Zepter mit Krone und Stern! Altes Lied, vielstimmig eingerichtet und zum beliebigen Gebrauch gewidmet den Allerhöchsten Herrschaften von N.N.« Die Exilierten werden jeweils mit für sie Typischem charakterisiert:

  • Louis Philippe, genannt »die Birne«, durch seine großbürgerliche Kleidung als Bürgerkönig;
  • Prinz Wilhelm durch Uniform und anonymisierende Rückenansicht als Militär schlechthin;
  • Metternich - durch seinen Habitus als Grandseigneur - als Vertreter des untergehenden aristokratischen Zeitalters.

Einen Hinweis auf die politischen Vorstellungen der Exilierten geben die Gegenstände, die sich als ihr Einsatz im (politischen) Spiel eignen würden: Louis Philippe könnte vorschweben, die Stellung der alten Mächte durch materielle Zuwendungen an das Großbürgertum wieder zu festigen (vgl. Geld und Handelsmann). Wilhelm, der Kartätschenprinz, würde es gewaltsam mit Waffen versuchen, seinem liebsten 'Spielzeug'. Für Metternich, der sich mit Sektflaschen und diplomatischen Schriftstücken umgeben hat, läge es nahe, seine internationalen Beziehungen sowie seine Familienverbindungen (vgl. die auf die Güter der Metternichs im Rheingau weisende Sektflaschen-Aufschrift »Johannisberger«), zu nutzen, um der Gegenrevolution zum Sieg zu verhelfen. Die Überschrift der Karikatur »Eine Whistgesellschaft! Vorerst nur ein Tisch mit einem Strohmann.« bezieht sich auf die Whist-Spielregeln2. Es entsteht der Eindruck des gehobenen Nichtstuns.

Von der Erschütterung des Prinzen (»Ich bin wie vernichtet! Gar keine Aussicht in die Zukunft!«, Brief nach Petersburg an seine Schwester, zit. n. Börner, Kaiser Wilhelm, S. 80) und seiner momentanen Offenheit für den Fortschritt (»Erkennt das Rechte, und tut das Rechte zur rechten Zeit, damit es Euch nicht wie uns und Österreich geht;...«, zit. n. ebenda) weiß die Karikatur nichts, ebensowenig davon, daß er sich opportunistisch auf den Konstitutionalismus einließ M2.

Der Sprachgebrauch in M2 verrät die Grundhaltung des Prinzen: Gleichstellung der Armee mit ganz Preußen (Z. 12ff.); Ehrbegriffe und Selbstverständnis der Offiziere (Wahl der Adverbien und Adjektive, Z. 19 ff.); strikte Abgrenzung des regulären Militärs von Verbänden wie z.B. einem Volksheer der Revolution, verbunden mit Abwertung (Z. 27 ff.); Selbstverständnis des Prinzen als Militär (Z. 38 ff.); Pathos der Grußformel (Z. 44).

In M4 wird einem bürgerlich gekleideten Herrn (Gehrock, Zylinder) ein schlecht gekleideter Straßenverkäufer gegenübergestellt, dessen Umhängetasche ihn ins Kleineleute-Milieu der Zeitungsverkäufer verweist. Beide tragen die revolutionäre Kokarde und sympathisieren demzufolge trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Stellung mit der Revolution. Der Straßenverkäufer will daher den Prinzen zum niedrigsten Preis loswerden, der Bürger ihn trotzdem nicht kaufen (»Kofen Sie - ganz billig - der Prinz von Preussen - Ganz billig. 6 Dreier« »Ne Junge - nich für umsonst.«). Zur Mißliebigkeit des Prinzen in Berlin, wohin die Sprachform des Textes verweist, vgl. M3 und das Lied des Bilderbogens M5/2, das ausdrücklich zwischen Berlin und hohenzollernfreundlicher Provinz unterscheidet.

Bild und Text des Neuruppiner Bilderbogens M5/1 und M5/2 sind Zeugnisse der wieder erstarkenden Gegenrevolution und sollten als Einheit betrachtet werden - auch wenn Verleger und Drucker Gustav Kühn nur den letzten Abschnitt und das Lied verfaßt hat. Das übrige - ein Augenzeugenbericht - stammt aus der Spenerschen Zeitung vom 9. Juni 1848. Mit sicherem Gespür für die Neugier seines Publikums schildert Kühn - im Frühjahr 1848 hatte er prorevolutionäre Blätter hergestellt! - den Einzug des Prinzen Wilhelm anläßlich seiner Rückkehr aus dem Exil in England. Die das Bild beherrschende Ehrenpforte, der Blumenschmuck und die Fahnen - neben preußischen auch schwarz-rot-goldene als Zugeständnis an die noch andauernde Revolution - sowie das Vivat der Umstehenden sind Elemente einer Begrüßungsfeier für einen geschätzten Landesherrn oder siegreichen Feldherrn. Nichts erinnert daran, daß derselbe Mann knapp drei Monate zuvor die revolutionären Berliner hatte zusammenschießen lassen wollen und vor deren Wut hatte fliehen müssen. Im Provinzort Nowawes, auch wenn es nahe der Hauptstadt liegt, sind alle Bewohner treu dem Herrscherhaus ergeben. Die Honoratioren stellen die Begrüßungsdeputation (rechts im Bild). Lehrer und Dorfpfarrer kümmern sich um den Chor der Schulkinder (links im Bild).

Im Text fällt obrigkeitsstaatlicher Untertanengeist auf: der Opportunismus, der sich im Gegensatz zum Serienuntertitel »Europäische Freiheitskämpfe« und zu der Formulierung des Bildtitels samt Untertitel ausdrückt; die Wortwahl des Verschleierns und Vertuschens: 'Reise nach London' statt Exil in London, 'Sturm der früheren Tage' statt Streit um die Rückberufung; die Umkehrung der Bewertung: Der Prinz erscheint als verleumdet und verkannt; Liedtext: Der Prinz wird im Lied mit preußischem Hurra-Patriotismus umgeben, der Tod für das Vaterland makaber popularisiert.

Zu M6: Der Karikaturist spielt mit Versatzstücken des Herrscherbildes, an die man seit dem frühen Mittelalter gewohnt ist. Indessen verkehrt er in seinem Bild von Preußens König - hintergründig auch des Thronfolgers - alles vom Positiven ins Negative:

  • Friedrich Wilhelm IV. lümmelt in menschenverachtender Haltung (er tritt die toten Opfer der Gegenrevolution mit Füßen) auf einem Kanonenthron.
     
  • Die Halbmaske macht den Vorgang noch unheimlicher.
     
  • Die Knute in seiner Hand verweist auf die Gewaltherrschaft im zaristischen Rußland. Die von Preußen drohende Unterdrückung wird als wesensgleich angeprangert.
     
  • Der Thronbaldachin besteht aus einem Galgen, an dem zwei Hingerichtete hängen.
     
  • Die Stützen des Thrones bilden das Militär in der Gestalt des Prinzen Wilhelm und der Henker, der am Beil, den Handschellen und den Kerkerschlüsseln zu erkennen ist: Hinweis auf die Todesurteile (vgl. Badischer Aufstand).
     
  • Das Staatssymbol über dem Baldachin besteht aus Skelett-Teilen, die für einen Doppeladler als Zeichen der preußisch-deutschen Kaiserwürde im geeinten Deutschland stehen.
     
  • Den Hintergrund bilden Bajonette.
     
  • Die Froschperspektive erhöht den bedrohlichen Eindruck.
     
  • Die in Herrscherbildern übliche Überhöhung wird durch Rauchwolken des ausgetretenen Revolutionsfeuers erreicht.
     
  • Die Darstellung der unterworfenen Gegner, auf die der Sieger seinen Fuß setzt, ist ein seit der Antike traditionelles Motiv. Die Unterworfenen sind aber nicht wie üblich lebendig dargestellt, sondern als tote Opfer der Gegenrevolution. Die Menschenrechte werden mit Füßen getreten (vgl. den Literaten, der noch die Feder in der Hand hält, d.h. Knebelung der Presse).
     
  • Gestürzte antike Säulen erinnern an die griechischen Ideale der Freiheit, und ausgetretene Feuerbrände symbolisieren die Niederlage der Revolution sowie die erneute Unterdrückung.

Die Karikatur will anklagen und zugleich warnen, wie es um Deutschlands Zukunft bestellt sein würde, wenn Preußen die Führung tatsächlich übernimmt. Die Maßnahmen z.B. bei der Niederwerfung des Badischen Aufstandes schienen diese Befürchtungen zu bestätigen und zu bekräftigen.

Die den Prinzen verherrlichende Darstellung M7 ist ein Zeugnis für das Selbstverständnis der siegreichen Gegenrevolution - Ausdruck des harten und konsequenten Vorgehens gegen die revolutionäre Bewegung. Am 19. Juni 1848 verhängte Prinz Wilhelm den Kriegszustand über Baden. Damit verfielen alle, die weiterhin Widerstand leisteten, als Hochverräter dem Kriegsgericht. Dadurch legitimierte er das harte Durchgreifen. In zeitgenössischen Bildern spiegelt sich diese Einstellung in der Figur des Drachentöters. Das pathosgeladene Bild ist die graphische Umsetzung einer Motivik, die aus der Tradition der Reiterstandbilder kommt: Der Prinz als der dem Sieg entgegenstürmende Feldherr auf vorwärtssprengendem Pferd. Die Truppe verschwindet hinter der Hauptperson des Prinzen in einer dichten Staubwolke. Der zu Boden Gestürzte wird durch seinen mit einer Hahnenfeder geschmückten Hut als Freischärler ausgewiesen. Der Reiter setzt über ihn hinweg. Dieses Motiv ist Teil einer ebenfalls mit dem Reiterstandbild verbundenen Topik: Zumindest seit der Kaiserzeit war es üblich, eine oder mehrere Figuren unterworfener Gegner oder einer trauernde Allegorie der Besiegten dem Feldherrn als Ausdruck des Triumphes unter die Hufe seines Pferdes zu legen.

Anmerkungen:

1 Kartätsche: mit Bleikugeln gefülltes Artilleriegeschoß

2 Whist: aus England stammendes Kartenspiel für 4 Personen mit 52 Blättern; auch zwischen 3 Personen und einem Strohmann (dummy, vgl. M1) möglich. Vorläufer des Bridge

Überlegungen zu den Materialien:

1) Welche Eindrücke und Kontraste ergeben sich beim Vergleich der pro- und gegenrevolutionären Bild- und Textquellen? M1, M2, M4, M5, M6, M7

2) Die Zeittafel eignet sich dazu, das Auf und Ab in der politisch-militärischen Karriere des Prinzen Wilhelm von Preußen zu verfolgen. In welche vier Abschnitte läßt sie sich gliedern? M3

3) Text und Bild -M5/1 , M5/2- werben für die Hohenzollernmonarchie und verraten ein Mißverstehen der konstitutionellen Monarchie. Der Text ist ab Z. 10 kritisch


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