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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


VI. "Gleiche Rechte und Chancen!"
Revolutionäre Frauen in Deutschland und Frankreich

1. Erläuterungen


Die Frauen finden im Vormärz und stärker noch in der Revolution Anschluß an die allgemeine politische Bewegung, und dies zum ersten Mal in der deutschen Geschichte. Als benachteiligte gesellschaftliche Gruppe waren die Frauen von der Politik weitgehend ausgeschlossen gewesen.

Weit entfernt von Gleichheit und Freiheit M2 ist für sie die Teilnahme an politischen Fragen eine wichtige Voraussetzung für die Emanzipation. Frauenrechte sind verbunden mit der Durchsetzung der Grundrechte. Die Frauen, in öffentlichen Rollen meist nicht akzeptiert, artikulieren jetzt ihre Forderungen und Ziele M1, M4,  M6 , M8, M10. Sie suchen nach passenden Ausdrucksformen M1, M3, M9, M11 für ihre politischen Forderungen, die sie zum Teil ins Privatleben übertragen M4.

In Frankreich erhält die dort bereits existierende Frauenbewegung 1848, ausgehend von den Sozialistinnen, neue Impulse. Im Mittelpunkt des Interesses steht neben der Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen im privaten und öffentlichen Bereich M7 vor allem die soziale Frage, und damit für die Frauen vor allem das Problem der Arbeitsorganisation M12.

Daneben ist das aktive und passive Wahlrecht für die Wahl zur Nationalversammlung für die Frauen ein zentrales kurzfristiges Ziel.

Ausgehend von der Ankündigung der Regierung, das Wahlrecht nur Männern zuzusprechen, kommt es zu zahlreichen Aktionen von Frauen, angeführt von Antonine Andrée des Saint-Gieles und Jeanne Deroin M8 . Sie argumentieren vor allem mit der Idee des republikanischen Gleichheitsgedankens und damit im Interesse der gesamten französischen Bevölkerung.

Einzelne Frauen - schillernde Persönlichkeiten aus der Sicht der Zeitgenossen - werden bekannt als »Emanzipierte«, als »Femmes scandaleuses«. Frauen wie Louise Aston, die geschieden sind, allein Lokale besuchen, Männerkleider tragen und Zigaretten rauchen, werden verlacht (vgl. die als Persiflage zu verstehende Sitzung des Politischen Damenklubs, 1848: Abb. und Text M1), aber auch bespitzelt und denunziert. Sie beschäftigen sich mit der Frage der sozialen Not und der Problematik der Ehe, einer ihrer Ansicht nach durch Ungleichheit und Abhängigkeit gekennzeichneten Institution M6, M7 .

Mit den Märzereignissen 1848 traten in Deutschland viele »namenlose« Frauen als Bestandteil des Volkes in Erscheinung, sie blieben nicht im Hintergrund als Zuschauerinnen, als zuhörende Ehefrauen, sondern nahmen aktiv am Revolutionsgeschehen teil M3, M5. Sie bauen Barrikaden, begleiten die Freischarenzüge, stellen Waffen und Munition zur Verfügung, unterstützen Flüchtlinge, tragen schwarz-rot-goldene Schals und Bänder, sie rufen aber auch zum Frauen-Streik M4 oder zur Heiratsverweigerung auf M6 . Sie schreiben Leserbriefe und Petitionen, in denen sie ihre Positionen und Forderungen darlegen M7, M11 .

Die Frauen versuchen über die Herausgabe von Zeitungen sowohl in Deutschland als auch in Frankreich ihre Ideen, Aktionen und Ziele einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und eine Plattform für Diskussionen zu bieten.

Wichtigstes Publikationsorgan der Frauen in Frankreich ist »La Voix des Femmes, journal socialiste et politique, organe des intérêts de toutes«  M7. La Voix thematisiert alle Frauenprobleme, oft mit einer politischen Ausrichtung, und behandelt schwerpunktmäßig die Lage der arbeitenden Frauen.

In Deutschland entstehen vier politische Frauenzeitschriften. Die radikaldemokratische »Frauen-Zeitung« von Mathilde Franziska Anneke setzt die »Neue Kölnische Zeitung« fort. Louise Astons »Der Freischärler. Für Kunst und Sociales Leben« ist ebenfalls der äußersten Linken zuzuordnen. Eher philosophisch orientiert und den Zusammenhang zwischen privater und politischer Gewalt betonend ist Louise Dittmars »Soziale Reform«. Louise Ottos im April 1849 erstmals erscheinende »Frauen-Zeitung«  M11 wollte die Frauen als Unterstützerinnen für die demokratische Freiheitsbewegung gewinnen und gleichzeitig die Bedürfnisse und Interessen der Frauen innerhalb dieser Bewegung darstellen.

Das Ende der politischen Frauenzeitschriften 1852 bedeutet auch das Ende der ersten deutschen Frauenbewegung, die Presse steht den Frauen nicht mehr als Instrument ihrer Interessen zur Verfügung.

Neben der Verbreitung frauenspezifischer Themen durch die Presse war die Organisation der Frauen in Vereinen, entsprechend dem allgemeinen Trend zur Vereinsbildung, eine weitere Möglichkeit für die Frauen, ihre Ziele und Interessen zu artikulieren. Diese Zusammenschlüsse sind der Beginn der organisierten Frauenbewegung in Deutschland.

Es entstehen demokratische Frauenvereine M9 , die als Wohltätigkeitsvereine praktische Hilfe für die Aufständischen und Flüchtlinge leisten. Die Frauen nähen Fahnen, sammeln Gelder, veranstalten Lotterien. Die Vereine sind aber auch Diskussionsforum und Ansprechpartner für nicht organisierte Frauen M10.

Daneben entstehen Frauenbildungsvereine, die sich getreu dem Motto »Wissen ist Macht« der Erziehung von Frauen und Mädchen widmen. Diese Bewegung findet einen Niederschlag in der Gründung einer Frauenhochschule in Hamburg.

Vereinzelt schließen sich auch Arbeiterinnen in Vereinigungen zusammen.

Französische Frauen werden in manchen Männerclubs als geduldete Zuhörerinnen zugelassen, gründen aber auch eigene Vereinigungen, z.B. den »Club des femmes«.

»Les Vesuviennes«, eine Frauengruppe, die ein eigenes Frauenbataillon bildet, fordert in ihrem Manifest die Gleichheit von Mann und Frau mit gleichen Rechten und Pflichten und damit z.B. den Frauenwehrdienst.

Den sozialen Problemen in Frankreich entsprechend, ist dort die Frage der Arbeitsorganisation für die Frauen von besonderer Bedeutung. Die Idee der Nationalwerkstätten, von denen die Frauen größtenteils ausgeschlossen waren, wird von der Frauenbewegung aufgegriffen und Konzepte von Assoziationen M12, Arbeiterinnenvereinigungen, entwickelt, die durch eine unterschiedliche Struktur gegenüber den herkömmlichen Betrieben die Situation der arbeitenden Frauen verbessern sollen.

Trotz der unterschiedlichen Akzentsetzung in den Zielen der einzelnen Frauen, in deren Aktionen, Zeitschriften und Vereinen, kann man 1848/49 in Frankreich und Deutschland von einer auf das gleiche Ziel ausgerichteten Frauenbewegung sprechen: hinter allen Aktivitäten steht letztlich die Forderung nach gleichen Rechten und Chancen und damit ein neues Frauenbild. Ein Frauenbild, das sich 1848/49 weder in Frankreich, noch in Deutschland durchsetzen konnte.

Überlegungen zu den Materialien:

  1. Erarbeiten Sie die Ziele der Frauen in der Revolution 1848. Versuchen Sie dabei, die Ziele der verschiedenen Bereiche zu gliedern! M1, M2, M4 bis M12
  2. In wieweit stimmen die Ziele der deutschen und französischen Frauen überein, in wieweit nicht? M2, M6 bis M11
  3. Wie versuchen die Frauen, ihre Interessen durchzusetzen? M2 bis M4 , M6 bis M12
  4. Stellen Sie sich vor, im Jahr 1998 würden sich Frauen versammeln und über ihre Rolle in der Familie, der Gesellschaft und der Politik diskutieren. Was würden sie fordern und was würden sie ändern? Welche Mittel könnten diese Frauen zur Durchsetzung ihrer Ziele einsetzen?

Ausschnitt aus einer Karikatur "Wenn Deutschland und Frankreich Arm in Arm gehen..."

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

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