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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


VII. Revolutionäre in der Emigration: "Auswurf Europas" oder Kämpfer für Freiheit und Recht ?

1. Erläuterungen


Anders als in Europa zeigte sich vor allem in den USA, daß freiheitliche und demokratische Bestrebungen in politische Wirklichkeit umgesetzt werden konnten. Was sich in Deutschland und Europa als Aderlaß für die demokratische Freiheitsbewegung auswirkte, trug in den USA zu einer Stimulierung der kulturellen, wirtschaftlichen und auch politischen Verhältnisse bei. Für Europa und speziell für Deutschland ist dieser Blick von außen bei der Beurteilung der inneren Vorgänge, d.h. der Revolution und ihres Ende von unschätzbarer Bedeutung.

Die Szenerie Europas M1wird von der politischen Reaktion bestimmt: Deutsche Revolutionäre werden von Preußen in die Schweiz gekehrt, französische von Louis Bonaparte per Zwangsemigration verschifft. Gleichzeitig mit dem Sieg der alten Mächte in Deutschland erfolgt die Niederwerfung des unabhängigen Ungarn, was der Regierung in Wien nur mit russischer Hilfe gelingt, während im übrigen Europa - siehe Warschau - das Licht schon ausgegangen ist.

England floriert unter Königin Victoria, in Dänemark triumphiert der König. In Frankfurt aber verkümmert eine parlamentarische Vogelscheuche.

Das Ende der Revolution in München wird durch einen bayrischen Bierkrug in Mönchsgestalt symbolisiert.

Begriffsklärung: »Forty-Eighters«, »Forty-Niners«

Seit den Jahren 1845/46 ist eine rasant zunehmende Steigerung der Auswanderungszahlen nach den USA zu beobachten. Nach der endgültigen Niederschlagung der Revolution 1849 steigen die Zahlen jedoch explosionsartig an M2 . Ihre Zahl wird auf insgesamt etwa 500000 Personen geschätzt.1 In den USA werden allerdings nur die führenden Köpfe der politisch motivierten Auswanderer als die »Forty-Eighters« bezeichnet. Ihre Zahl schätzt man auf circa 4000 Personen.2 »Forty-Niners« werden dagegen all diejenigen genannt, die sich seit 1849 auf die Goldsuche nach Kalifornien begaben.3

Im Folgenden steht jedoch nicht die große Gruppe der Menschen, die aus überwiegend wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verließen, im Brennpunkt des Interesses, sondern die politischen Flüchtlinge der Revolution von 1848/49.

Manche kehrten aus Amerika enttäuscht zurück.4 Gegen die Auswanderung in die USA war auch schon vor der Revolution Stimmung gemacht worden M5 . Für die anderen stellte sich die Frage, wieweit sie sich in dem neuen Land assimilieren und integrieren konnten. Friedrich Hecker blieb in Amerika im Grunde Zeit seines Lebens ein emigrierter Deutscher. Andere assimilierten sich mehr. Ein Beispiel für gelungene volle Integration stellt Carl Schurz dar. Die Skala reicht vom politischen Flüchtling über den niedergelassenen Emigranten und Deutsch-Amerikaner bis zum Amerikaner deutscher Herkunft.

Zielländer und rechtliche Lage der politischen Flüchtlinge

In der Schweiz, Frankreich und England bildeten sich bedeutende deutsche Kolonien. Das »wichtigste Zielland« aber waren die USA. Die genannten europäischen Länder hatten kein Interesse an den politischen Flüchtlingen. Ihnen kam der große geographische Abstand der USA äußerst gelegen, um unbequeme politische Flüchtlinge weit weg abzudrängen. In den USA wurden politisch Verfolgte unterschiedslos wie alle übrigen Einwanderer aufgenommen. Materielle Unterstützung von Seiten des Staates gab es nicht. Doch schlug den Ankömmlingen oft Anteilnahme und Sympathie entgegen.

Nachdem sich die Ankömmlinge aber auch in Amerika für ihre politische Sache in Europa betätigten, stießen sie häufig auf Ablehnung. Man erwartete von ihnen Anpassung an die amerikanischen Gegebenheiten.

Ein Großteil der politischen Flüchtlinge verließ Europa über den französischen Hafen Le Havre, wo es leicht war, sich unter falschem Namen einzuschiffen. Auf der beschwerlichen Überfahrt erkrankten viele Passagiere und starben. Manche Schiffe sanken während der Überfahrt. Auch über die Ankunft der Emigranten und Flüchtlinge auf Ellis Island vor New York kann man in Berichten drastische Schilderungen lesen.

»Forty-Eighters« in den USA

Nach der Niederschlagung der Revolution fanden sich vor allem Intellektuelle als die führenden Köpfe der Revolution unter den Auswanderern. Auch von ihnen versuchten einige zunächst, sich landwirtschaftlich zu betätigen. Für sie bildete sich der Begriff »Latin Farmers« heraus, weil man ihnen spöttisch nachsagte, sie gingen mit einem Buch hinter ihrem Pflug her und seien mit klassischen Texten von Cicero oder Horaz besser vertraut als mit dem Ackerbau. Auch Friedrich Hecker war einer von ihnen M8a, M8b. Andere wiederum nahmen nach ihrer Ankunft in den USA regen Anteil am öffentlichen Leben, arbeiteten als Journalisten, gründeten deutschsprachige Zeitungen oder fanden den Weg in die Politik. Auf diese Weise entstand eine Vielfalt von deutschsprachigen Publikationen. Amerikaweit gab es um 1890 mehr als 700 deutsche Presseerzeugnisse. In vielen Städten entstanden auf Anregung deutscher Emigranten hin Philharmonie-Orchester und deutschsprachige Bühnen, Gesang- und Turnvereine. Letztere waren Zentren politischer Betätigung, weil man nach dem Sport zu lebhaften Diskussionen zusammenblieb.

Cincinnati ist die erste Stadt, die einen Turnverein gründete (1848); Friedrich Hecker war sein Leiter M8. Weitere Turnvereine mit sozialistischem Programm entstanden in Boston (Karl Heinzen), New York (Gustav Struve) und Milwaukee5 (vgl. M9 ).

Unter den zahlreichen deutschen Firmengründungen nahmen die Brauereien eine besondere Stellung ein. Entsprechend wurde auch die Kultur der Biergärten gepflegt. Dadurch fielen die Deutschen aber bei den puritanisch gesinnten Amerikanern eher unangenehm auf, weil diese kein Verständnis dafür aufbringen konnten, daß die Deutschen sonntags bei Bier und Blasmusik zusammensaßen. Dennoch konnten auch sie nicht verhindern, daß das deutsche Wort »Gemütlichkeit« seither fester Bestandteil der amerikanischen Sprache ist. Dasselbe geschah mit dem Wort »Kindergarten«. Margarethe Schurz hatte 1856 in Watertown/Wisconsin den ersten amerikanischen Kindergarten eröffnet.

Die deutschen Emigranten im Bürgerkrieg

Deutsche hatten auch im amerikanischen Bürgerkrieg zwischen den Nordstaaten und den Südstaaten 1861-1865 (Sezessionskrieg) einen maßgeblichen Anteil am Kriegsgeschehen. Schätzungen zufolge kämpften an die 200000 Deutsche im Bürgerkrieg mit, davon etwa 176000 allein auf Seiten der Nordstaaten, der »Union«. Es gab sogar rein deutsche Regimenter, die Bezeichnungen trugen wie »German Rifles«, »Steuben Regiment«, die »Neuner von Ohio« oder »Heckers Jäger«.6 Franz Sigel, der im badischen Aufstand anfangs die aufständischen Truppen kommandiert hatte, wurde mit etwa 40 anderen Ehemaligen im Laufe des Krieges in den Generalsrang erhoben. Auch Carl Schurz, der spätere Innenminister der USA, machte als Generalmajor militärische Karriere.

Die Bedeutung der »Forty-Eighters«

Übereinstimmend kommt die amerikanische Forschung zu dem Ergebnis, daß die Leistungen der Achtundvierziger für die Geschichte der USA in Deutschland selbst viel zu wenig zur Kenntnis genommen und überhaupt nicht angemessen gewürdigt würden. In den USA dagegen ist man sich durchaus der Tatsache bewußt, daß die deutschen Achtundvierziger einen bedeutenden Einfluß auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet hatten, wo viele ihrer Ideen Fürchte trugen M9 . Es gelang ihnen vielerorts, in Amerika das umzusetzen, was sie in den Zeiten der Revolution in Deutschland gefordert hatten. Damit kam ihr Idealismus einem anderen Land als ihrem Geburtsland zugute. Zu einer Zeit, da in Europa die Demokratie niedergeschlagen wurde, bewies Amerika, daß Demokratie wirklich gelebt werden konnte. Dies ermöglichte z.B. eine eindrückliche Karriere: Carl Schurz, der in Rastatt standrechtlich erschossen werden sollte, konnte fliehen  M6, in Amerika politisch reüssieren und bis zum Innenminister aufsteigen.

In Deutschland als Revolutionäre eingekerkert oder sogar zum Tode verurteilt, in den europäischen Nachbarländern nur geduldet und gerne in die USA abgeschoben, konnten die politischen Flüchtlinge sich dort endlich als Demokraten bewähren. Man setzte ihnen sogar Denkmäler! Die Verschiedenheit der historischen Entwicklung und der Maßstäbe in Deutschland und Amerika wird besonders deutlich, wenn man sieht, wie viele Achtundvierziger nach der Amnestie zurückkehrten, und wenn man weiß, daß einige Revolutionäre geradezu eine späte Rehabilitation erfuhren. Carl Schurz wurde von Bismarck zweimal empfangen (1868, 1888, vgl. M7 ). Bismarck hat Schurz, dem »Hochverräter« von ehedem, offenbar sogar ein politisches Amt angeboten. Auf jeden Fall hat er ihn zur Rückkehr nach Deutschland ermuntern wollen. Doch Schurz lehnte ab. Damit fällt von außen ein Licht auf die Vorgänge in Europa. Revolutionäre werden nachträglich als Kämpfer für Freiheit und Demokratie gewürdigt.

Anmerkungen

1 Michael Rehs/Hans Joachim Haager: Wurzeln in fremder Erde. Zur Geschichte der südwestdeutschen Auswanderung nach Amerika, DRW-Verlag Weinbrenner, Leinfelden-Echterdingen, 1984.
2 Vgl. Rehs/Haager, Wurzeln, S. 88
3 Webster's New Encyclopedic Dictionary, 1994
4 Vgl. Ferdinand Kürnberger: Der Amerikamüde. Insel-Verlag Frankfurt/Main 1986
5 Vgl. Henry Marx: Deutsche in der Neuen Welt. Westermann Verlag, Braunschweig 1983, S. 403
6 Ebd., S. 100

Überlegungen zu den Materialien:

1) Welche Bildinformationen lassen auf Gründe für die Massenauswanderung 1849 schließen? M1

2) Welche Vorwürfe erhebt der Vater gegenüber seinem Sohn? M3Was rät er ihm? Welches Schicksal droht ihm, wenn er den väterlichen Rat nicht befolgt?

3) Welche Hoffnungen, Erfahrungen und Enttäuschungen kommen in den Liedtexten M4, M5 zum Ausdruck?

4) Worin sieht Carl Schurz (s. M6 und M7) die Bedeutung der »Forty-Eighters« für die USA? M9

Heckers Farm in Summerville/Illinois
Journal of the Illinois State Society.
Aus: Alfred G. Frei (Hrsg): Friedrich Hecker in den USA. Eine deutsch-amerikanische Spurensicherung. Stadler Verlag, Konstanz 1993, S. 25

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