titrev.gif (15527 Byte)

Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


VII. Revolutionäre in der Emigration: "Auswurf Europas" oder Kämpfer für Freiheit und Recht ?

2. Materialien


M1

»Rundgemälde von Europa im August MDCCCXLIX«

Lithographie von F. Schröder, Düsseldorf, 1849. Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster

europa.jpg (29379 Byte)


M2

Die Auswanderung in die USA

Graphik von Bernhard Bütterlin. Nach: Klaus J. Bade (Hrsg.): Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart. C. H. Beck Verlag, München, 1992

usa.jpg (16914 Byte)


M3

Brief des Heidelberger Universitätsprofessors Tiedemann an seinen Sohn Gustav Tiedemann in Rastatt:

Heidelberg, den 16. Juli 1849

Mein Sohn!

Mit wahrer Betrübniß, muß ich offen bekennen, habe ich Deine Zeilen vom 10. Juli erhalten, die mir leider die traurige Gewißheit brachten, daß Du Dich in Rastatt befindest. Bisher hielt mich das Vertrauen zu Deiner Ehrenhaftigkeit und Besonnenheit davon ab, der in öffentlichen Blättern verbreiteten Nachricht, daß Du Kommandant von Rastatt seiest, Glauben zu schenken. Sehr schmerzhaft hast Du mich aus dieser Täuschung gerissen.[...] Du wirst nun die Ueberzeugung gewinnen, daß Du nicht im Bunde bist mit ehrenhaften Männern, sondern mit niederträchtigen, ehrsüchtigen, geld-gierigen, verblendeten Menschen, mit einer wahren Räuberbande und dem Auswurfe aller Nationen Europa's, eine schändliche und schlechte Sache vertheidigst.[...] Du gehörst zu den wenigen edlen Gemüthern, die in der neuesten Zeit durch den glänzenden Wunsch, dem deutschen Volke Einheit und Freiheit erringen helfen, vom rechten Wege abgelenkt und zum bedenklichsten Aeußersten hingerissen sind. Das erkenne und bedenke! [...] Mache einen Versuch, wenn Du es vermagst, die irregeleiteten und verblendeten Soldaten, welche ihren Fahneneid gebrochen, und im Rausche ihre Fahnen in den Kot getreten haben, unter denen Tausende gefochten, geblutet und gesiegt, [...] zur Besinnung und Pflicht gegen das Vaterland zurückzuführen. [...] Solltest Du durch Gottes Gnade erleuchtet, zur Einsicht kommen, daß Du auf falschen Wegen wandelst, und solltest Du meinen Bitten Gehör gebend, so glücklich sein, den Kampf in Rastatt zu beendigen, dann hoffe ich und wünsche ich, daß Du Gnade finden mögest.Verlasse alsdann Deutschland und Europa so schnell als möglich, und gehe zu Deinem durch Hecker verführten jüngsten Bruder nach Amerika. Die Mittel zur Ueberfahrt werde ich Dir bei Deinem Onkel in Bremen anweisen. Ernähre Dich als fleißiger Landmann. Es ist der einzige Weg, der Dir im glücklichsten Fall übrig bleibt. [...]  Nochmals beschwöre ich Dich, Dein Ohr nicht den Bitten dem Rathe Deines alten Vaters und Deiner tiefbetrübten Mutter zu verschließen. Bedenke, daß alle die mannigfaltigen Widerwärtigkeiten, die Dich im Leben betroffen haben, vorzüglich daraus entsprungen, daß Du für guten Rath taub warst.Von Dir hängt es ab, ob Dies die letzten Zeilen sind, die Du von der Hand Deines Vaters zu Gesicht bekommst.

Gott erleuchte Dich, das ist jetzt der einzige Wunsch, den Dein treuer Vater hegt.

[gez.] Tiedemann.

C.B.A. Fickler: In Rastatt 1849. Rastatt 1899, S. 249ff.  Nachdruck der 2. Auflage von 1899 im Hebel-Verlag Richard Greiser Nachfolger

Oberst Gustav Tiedemann, der Kommandant der in Rastatt eingeschlossenen Truppen, wurde am 11. August 1849 standrechtlich erschossen.


M4

Abschiedslied: »Leb wohl, du teures Land«

lied.jpg (32895 Byte)

2. Dort kennt man nicht die stolzen Fürstenknechte.
Verprassend nur des Landmanns sauren Schweiß.
Dort freut der Mensch sich seiner Menschenrechte,
er erntet auch die Frucht von seinem Fleiß.
Es quälen ihn nicht jene Müßiggänger,
durch Fürstengunst betitelt und besternt.
Das Sklavenwort »Euer Gnaden« und »Gestrengen«
ist aus dem Reich der Sprache weit entfernt.

3. Nach diesem Lande laßt uns, ihr Brüder, ziehen,
es folge mir, der die Freiheit liebt und ehrt;
ein neu's Leben wird dort uns blühen,
und Gott ist's, der die Wünsche uns gewährt.
Schon schlägt die längst ersehnte Stunde,
der Abschiedstag, ihr Brüder, ist jetzt da,
und bald erschallt aus unsrem Munde:
Wie gut, wie gut ist's in Amerika.

Aus der mündlichen Überlieferung, Mitte 19. Jahrhundert;
Verfasser: Friedrich Hecker; Fassung: Hubert Stelker, Haslach/Kinzigtal. Parodie auf ein in den 30er Jahren beliebtes Abschiedslied »Bertrands Abschied« (General Bertrand begleitete Napoleon I. ins Exil nach St. Helena.)
Nach einem französischen Urtext »Adieu Français. Adieu France chérie« und einer Melodie von Fr. Glück.
(c) Deutsches Volksliedarchiv Freiburg. 1. Strophe mit Noten über Berthold Schreiber/Christof Rieber


M5

Lied: »Freunde, bleibet hübsch im Lande«

1. Freunde, bleibet hübsch im Lande,
Und ernährt euch redlich dort.
Im amerikanischen Sande
Kommt ihr noch weit wen'ger fort.
Sonne auf den Pelz euch brennt.
Plagen, die ihr hier nicht kennt,
Regnen dort auf euch herab,
Und das Geld ist knapp.

»Fliegendes Blatt gedruckt zu Dresden«
Mitte 19. Jahrhundert
Verf.: Anonym
Komp.: Anonym

Dieses Lied wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf fliegenden Blättern verbreitet und gegen die Massenauswanderung verwendet.

Willibald Walter. Sammlung deutscher Volkslieder, Leipzig 1841. Lied Nr. 115. S. 186-188(c) DVA Freiburg


M6

Carl Schurz' »Flucht durch den Abwasserkanal«

[...] und nach einigen Stunden tiefen Schlafs wachte ich mit dem Gedanken auf: »Heute wirst du gefangen und vielleicht morgen schon totgeschossen.« Um zwölf Uhr mittags sollten die Truppen aus den Toren marschieren und draußen auf dem

Glacis der Festung vor den dort aufgestellten Preußen die Waffen strecken. Ich hörte bereits die Signale zum Antreten auf den Wällen und in den Kasernen, und ich machte mich fertig, zum Hauptquartier hinauf zu gehen. Da schoß mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Ich erinnerte mich, daß ich vor wenigen Tagen auf einen unterirdischen Abzugskanal für das Straßenwasser aufmerksam gemacht worden war, der bei dem Steinmaurer Tor aus dem Innern der Stadt unter den Festungswerken durch ins Freie führte. Er war wahrscheinlich ein Teil eines un-

vollendeten Abzugssystems. Würde es mir nicht möglich sein, durch diesen Kanal zu entkommen? Würde ich nicht, wenn ich so das Freie erreichte, mich bis an den Rhein durchschleichen, dort einen Kahn finden und nach dem französischen Ufer übersetzen können? Mein Entschluß war schnell gefaßt - ich wollte es versuchen.

Zusammen mit meinem Burschen Adam und einem mir bekannten Artillerieoffizier namens Neustädter folgte ich der letzten Kolonne eine kurze Strecke. Dann schlugen wir uns in eine Seitengasse und erreichten bald die innere Mündung unseres Kanals. Ohne Zaudern schlüpften wir hinein. Es war zwischen ein und zwei Uhr nachmittags am 23. Juli.

Nach abenteuerlicher Flucht durch den finsteren und engen Abwasserkanal und Überwindung zahlreicher unerwarteter Hindernisse erreichten die drei die Öffnung der Kanalröhre außerhalb der Stadt. Ein Arbeiter half ihnen, in der dritten Nacht nach Beginn der Flucht einen Kahn zur Überfahrt an das französische Rheinufer zu finden.

Aus: R. Wersich (Hrsg.): Carl Schurz - Revolutionär und Staatsmann. Sein Leben in Selbstzeugnissen, Bildern und Dokumenten. 2. Aufl., mit freundlicher Genehmigung der Stadt Rastatt. 1986, S. 53

Carl Schurz machte sich bereits ein Jahr später (1850) vollends zum Hochverräter, indem er seinen akademischen Lehrer, Professor Gottfried Kinkel, unter abenteuerlichen Umständen aus lebenslänglicher preußischer Haft in Berlin-Spandau befreite und mit ihm nach England floh.


M7

Schurz bei Bismarck (1888)

Zweiter Besuch beim »Eisernen Kanzler«: Der Holzstich zeigt Carl Schurz und Otto von Bismarck im Jahre 1888 (1. Mai) im Reichskanzlerpalais, Berlin.(c) Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin

bismar.jpg (16775 Byte)


M8a

Hecker Illustration

Friedrich Heckers (1811-1881) politischer Kampf in Deutschland und den USA:

Oben links als badischer Landtagsabgeordneter, rechts als Führer der badischen Revolution, unten links als Offizier der Unionstruppen im amerikanischen Bürgerkrieg, rechts als politischer Redner in seinen späten Jahren.

Aus: Wersich, Carl Schurz, S. 83. Hebel-Verlag R. Greiser; mit freundlicher Genehmigung der Stadt Rastatt

hecker.JPG (18436 Byte)


M8b

Friedrich Hecker

geb. 1811 in Eichtersheim (Baden)
gest. 1884 in Belleville (Illinois)

Friedrich Hecker kam als einer der ersten Revolutionäre von 1848 schon im Oktober dieses Jahres in New York an, wo er von einer großen Zahl von Deutschamerikanern mit schwarz-rot-goldenen Fahnen begrüßt wurde. Hecker kaufte sich eine Farm in der Nähe von Belleville, Illinois - einer deutschen Siedlung - und kämpfte in der Republikanischen Partei von Illinois für die Abschaffung der Sklaverei und die Wahl Lincolns zum Präsidenten. Im Bürgerkrieg kämpfte er an der Seite der Bataillone des Generals Sigel [...], der ebenfalls aus Baden kam. [...] In der Schlacht von Chancellorsville, US-Bundesstaat Virginia, in der die Unionstruppen im Mai 1863 gegen die Südstaaten-Truppen unterlagen, wurde Hecker [...] verwundet. Zehn Jahre später stattete er seinem Geburtsort seinen einzigen Besuch ab, wollte aber nicht in Deutschland bleiben, sondern kehrte auf seine Farm zurück, wo er starb. In St. Louis wurde Hecker ein Denkmal gesetzt.

Aus: Henry Marx: Deutsche in der Neuen Welt. Westermann Verlag, Braunschweig 1983, Biographischer Anhang ohne Seitenangabe


M9

Carl Schurz:  German »Forty-Eighters« in the USA

[...] the »Forty-Eighters« brought something like a wave of spring sunshine into that life. They were mostly high-spirited young people, inspired by fresh ideals which they had failed to realize in the old world, but hoped to realize here; ready to enter upon any activity they might be capable of; and eager not only to make that activity profit-able but also to render life merry and beautiful; and, withal, full of enthusiasm for the great American Republic which was to be their home and the home of their children. Some had brought money with them; others had not. Some had been educated at German universities for learned professions, some were artists, some literary men, some merchants. They at once proceeded to enliven society with artistic enterprises. One of their first and most important achievements was the organization of the »Musical Society« of Milwaukee, which, in an amazingly short time, was able to produce oratorios and light operas in a really creditable manner. The »German Turn-Verein« not only cultivated the gymnastic arts for the benefits of its own members, but it produced »living pictures« and similar exhibitions of high artistic value. The Forty-Eighters thus awakened interests which a majority of the old population had hardly known, between the native American and the new-comer. The establishment of a German theater was a matter of course, and its performances, which indeed deserved much praise, proved so attractive that it became a sort of social center in the »German Athens of America«, as Milwaukee was called at that time. It is also true that, in a few instances, the vivacity of this spirit ran into attempts to realize questionable or extravagant theories. But, on the whole, the inspiration proves itself exhilaratingly healthy, not only in the social, but soon also in the political sense.

Aus: The Lion and the Eagle. Ein amerikanisch-englisches Lesebuch. Von Karl Weiler. Verlag G. Braun, Karlsruhe 1968, S. 139-140


Copyright ©   1997  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de