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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


VIII. Großbritannien und die deutsche Revolution 1848/49

1. Erläuterungen


Neben dem Kampf um politische Freiheit war 1848/49 das Ringen um die Einheit der Deutschen ein Brennpunkt der Auseinandersetzungen. Hätte dabei die Gründung eines Deutschen Reiches zu einem europäischen Krieg geführt?

Das zaristische Rußland war ein entschiedener Gegner der Revolution und wollte Preußen und Österreich, aber auch die Mittelstaaten uneingeschränkt erhalten wissen. In Frankreich sympathisierte man mit den Liberalen jenseits des Rheins, doch die bisherige Denkweise herrschte weiterhin vor, wonach Deutschlands Schwäche die Stärke Frankreichs sei.

Presseorgane in Großbritannien meinten, abwarten zu können. Die Darstellung mit dem Motto »There is no place like home« M1 charakterisiert das vorherrschende Selbstverständnis der Engländer. Das zufriedene Ehepaar mit neun Kindern wärmt sich am Kamin. Ein Bild der jugendlichen Königin Victoria leuchtet über der Idylle. Der Vater hat die Zeitung abgelegt, in der von den kontinentalen Staaten Europas berichtet wird. Die Randzeichnungen deuten auf die Unruhen hin (von oben): Aufstände in Italien, Beschießung des revolutionären Wiens durch kaiserliche Truppen, Verehrung napoleonischer Insignien in Paris, Barrikadenkämpfe in Frankreich mit Parolen des Sozialismus und der Frauenrechte, wobei der Anarchist Proudhon die Fahne schwingt mit seiner Parole »Eigentum ist Diebstahl«, Barrikadenkämpfe auch in Deutschland, ein fliehender Fürst, der seine Krone verliert, die Erschießung Robert Blums vor Wien, das Spiel mit einer neuen deutschen Kaiserkrone zwischen Konservativen, Liberalen und Radikalen, schließlich militärische Auseinandersetzungen, die in Italien, aber auch in Schleswig-Holstein stattfinden könnten.

Großbritanniens Außenpolitik war auf den Erhalt des Friedens innerhalb eines europäischen Gleichgewichts ausgerichtet und wollte den wachsenden Handel im ständig größer werdenden Empire gesichert sehen. Da die Könige von England bis 1837 zugleich Könige von Hannover waren, bestand eine enge Verbindung mit dem Deutschen Bund. Die Trennung dieser Personalunion durch die Thronbesteigung Königin Viktorias minderte das Interesse des englischen Hofes nicht, zumal Viktoria mit Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha einen Deutschen geheiratet hatte. Durch ihn verstärkte sich am Hof die Ansicht, daß angesichts der revolutionären öffentlichen Meinung in Deutschland »die Ausbildung volkstümlicher Regierungsformen und die Herstellung eines einigen Reiches [...] am dringendsten« zu fordern sei.

Großbritanniens Regierung, Parlament und Presse nahmen aber unterschiedliche Standpunkte ein. Demnach hielten spätere deutsche Historiker nicht zuletzt die britische Regierung dafür verantwortlich, die deutsche Einheit entscheidend verhindert zu haben, weil ein deutsches Reich das europäische Gleichgewicht beeinträchtigt hätte M2. Die Politik Großbritanniens muß jedoch im Zusammenhang mit der Entwicklung in Schleswig und Holstein gesehen werden M3 , M4. Seit dem 17. Jahrhundert war Schleswig dänisches Lehen, zugleich aber in Realunion mit Holstein, das sich seit 1815 im Deutschen Bund befand. 1848 veröffentlichte die dänische Krone auf Drängen der Nationalliberalen eine Gesamtstaatsverfassung mit Einschluß Schleswigs. Beide Herzogtümer versuchten sich nun von Dänemark zu lösen, und das Frankfurter Vorparlament beschloß, Schleswig »unverzüglich in den Deutschen Bund aufzunehmen«. In den Herzogtümern bildete sich eine provisorische Regierung, deren Truppen allerdings den Dänen weit unterlegen waren. Darum bat man den preußischen König um Hilfe, der alsbald Garderegimenter unter General von Wrangel ent-sandte. Dieser führte im Auftrag des Deutschen Bundes, der die provisorische Regierung anerkannte, das 10. Bundesarmeekorps.

In der Paulskirche fand der Widerstand in Schleswig-Holstein ein außerordentliches Echo, ja man wollte darin ein Exempel für den künftigen Rang eines vereinten Deutschlands erkennen. Die Dänen erhielten indessen durch Schweden diplomatische Unterstützung; Rußlands absolutistische Legitimisten konstatierten nur eine »Rebellion« in den Herzogtümern gegen die rechtmäßige Krone, und die junge französische Republik versuchte, durch Einflußnahme internationales Prestige zu gewinnen. So wurde der Konflikt rasch eine europäische Frage.

Der britische Preminierminister Palmerston votierte für »nonintervention« und strebte Verhandlungen an. Man stand dabei zunächst auf dänischer Seite als dem schwächeren Teil, unabhängig davon, ob Dänemark Verträge gebrochen habe und die Deutschen in Schleswig »dänisiere«. Man fragte sich, ob Deutschland ein besseres Recht auf Schleswig habe als auf andere Regionen, in denen auch Deutsch gesprochen werde, wie Elsaß-Lothringen, Teilen der Schweiz und in russischen Ostseeprovinzen. Außerdem betonten die Dänen immer wieder, Deutschland wolle sich eine Flotte schaffen, was die führende Seemacht England und ihr Interesse am »Bosporus der Ostsee« tangiere.

Auf Drängen der Großmächte schloß Preußen am 26. 8. 1848 den Waffenstillstand von Malmö, nachdem Wrangel schon Teile Jütlands besetzt hatte. Dies führte in Frankfurt zu einer Krise, weil besonders die Linken der Nationalversammlung, die dem Waffenstillstand zugestimmt hatte, nationales Versagen vorwarfen. Die Paulskirchenmehrheit erkannte die Ohnmacht von Reichsregierung und Parlament, konnte man doch Preußen nicht zwingen, den Krieg fortzuführen. (Vgl. M3)

In Großbritannien war für den Fall der Annahme der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. ein Krieg zwischen Preußen und Österreich befürchtet worden. Obwohl in gesellschaftspolitischer Ausrichtung völlig konträr, näherte sich Großbritannien Rußland an. Trotz preußischer Truppenerfolge nach Ablauf des Waffenstillstands drängte man auf erneute Waffenruhe, die im Frieden zu Berlin 1850 besiegelt wurde: Schleswig verblieb bei Dänemark, jedoch mit eigener Verfassung. Der status quo wurde 1852 im Londoner Protokoll formell wiederhergestellt. Aber hätte es auch eine andere Möglichkeit gegeben? (M4). Das Gleichgewicht in Europa schien gesichert.

Überlegungen zu den Materialien:

1) Welche historischen Entwicklungen um 1900 mögen den Autor von M2 nach dem Ersten Weltkrieg beeinflußt haben?

2) Wie unterscheidet sich der Autor von M4 , der auch britische Unterlagen auswertete, von M2?

3) Haben sich die Abgeordneten der Paulskirche zu ausführlich mit den Grundrechten und einer Verfassung beschäftigt, statt zügig eine staatliche Einheit der Deutschen herbeizuführen? M3

4) Wie verhielt sich Großbritannien bei der Reichsgründung 1871 und bei der Vereinigung Deutschlands 1990 unter den jeweils veränderten europäischen Gegebenheiten ?


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