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Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


VIII. Großbritannien und die deutsche Revolution 1848/49

2. Materialien


M1

Karikatur in der Zeitschrift »Punch« 1849

Punch 1849, Vol. 16, p. 27/28, London, published at the Office 85, Fleet Street(c) Badische Landesbibliothek Karlsruhe

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M2-M4 England und die deutsche Einheit

M2

[...] Die Hoffnungen, mit denen man in Deutschland in den Frühlingstagen des Jahres 1848 auf England geschaut hatte, erfüllten sich nicht. Ohne eingehende Kenntnis der politischen Faktoren hatte man geglaubt, daß auch in dieser schicksalsschweren Krise, wie früher so oft, englische und deutsche Interessen Hand in Hand gehen müßten.[...] Um England zu veranlassen, im Ringen um die deutsche Einheit aus seiner kühlen Reserve herauszutreten, hätte es einer eingehenden diplomatischen Vorarbeit bedurft. In dieser Beziehung hatte man so gut wie nichts getan.[...] Welche Gesichtspunkte leiteten denn die englische Politik? Zwei Dinge wollte man vor allem verhindern: eine weitere Stärkung der schon bedrohlich anwachsenden Macht Rußlands und die Entstehung eines Siebzigmillionenreiches auf mittel-europäischem Boden. Da-raus ergab sich als Folge: entweder Förderung der sogenannten kleindeutschen Lösung oder das Bestreben, den alten deutschen Dualismus aufrecht zu erhalten, wobei es darauf ankam, die Rechte Österreichs nicht allzusehr zu schmälern. Wenn man diese beiden Anschauungen in die englische Parteipolitik einordnen will, so ergibt sich, daß für die erste Lösung mehr die liberalen Kreise, für die zweite im wesentlichen die Tories eintraten.[...] Mit dem Dasein der alten Großstaaten Europas hatte man sich abgefunden, aber was man im allgemeinen nicht wollte, war, daß aus den deutschen Einheitsbestrebungen ein starker Staat herauswuchs, der zur See und im Handel England Schwierigkeiten bereitete.

Hans Precht: Englands Stellung zur deutschen Einheit 1848-50. Historische Zeitschrift, Beiheft 3. München und Berlin, 1925, S. 178


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Die Gefahr eines allgemeinen europäischen Krieges, die Palmerston beschwor, um den Waffenstillstand von Malmö zu rechtfertigen, war in Wirklichkeit ein harmloser Kinderschreck; und manche der Frankfurter Liberalen erkannten, daß - was die auswärtigen Mächte betraf - Großbritannien ihnen eine Demütigung aufzwang, nicht Frankreich oder Rußland. [...] Die Schaffung eines »Kleindeutschland« hätte Großbritannien einen Ersatz für die »natürliche Allianz« mit Österreich geliefert - einen Verbündeten, der nicht nur geistesverwandter, sondern auch stärker war. Die britische Politik trug in der Schleswig-Holsteinischen Frage dazu bei, dieses Ergebnis zu verhindern; sie arbeitete für Frankreich und Rußland, ohne daß diese Mächte auch nur einen Finger rührten. Die dunkle Ahnung dieses Widerspruchs erregte bei Palmerston und anderen britischen Politikern Verärgerung über den »Haufen von Kindern« in Frankfurt. Als Palmerston ein wenig später Bunsen, dem preußischen Gesandten in London, erklärte: »Gegen die Idee eines Deutschen Reiches läßt sich nichts sagen, außer daß niemand fähig zu sein scheint, sie zu verwirklichen«, übte er in Wirklichkeit Kritik an denen, die Schleswig für einen unerläßlichen Bestandteil eines vereinigten Deutschland hielten.[...] Die deutsche Frage überraschte - in allen ihren Aspekten - die Staatsmänner Europas, und man behandelte sie beiläufig, nicht als eine dringende Angelegenheit.

A.J. Taylor: The Struggle for Mastery in Europe 1848-1918. Oxford 1954; aus »Die Deutsche Revolution von 1848/49«, hrsg. von Dieter Langewiesche, Wege der Forschung CLXIV, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1983, S. 193-221 (Auszug S. 204)


M4

Es ist doch gewiß ganz falsch zu sagen, daß Palmerston oder ein anderes Mitglied des Kabinetts [...] die Einigung Deutschlands im Sinne Gagerns hätte verhindern wollen. Im übrigen ist auch gar nicht einzusehen, was für Motive England auf einen solchen anti-deutschen Kurs hätten drängen sollen. Ein starkes, liberales Deutschland hätte die Mitte Europas beherrscht und dem Vordringen des russischen Einflusses Einhalt gebieten können. Nichts hätte England willkommener sein können, als zu sehen, daß Deutschland den Bannkreis der Heiligen Allianz verließ und sein Gewicht auf die Seite der Westmächte brachte.

Aus diesem Grunde fand Gagerns Plan ja auch die Zustimmung Palmerstons, sobald seine ersten Umrisse London mitgeteilt wurden. Und dieser Plan behielt die Zustimmung Palmerstons und des britischen Kabinetts, als die preußische Regierung beschloß, ihn ohne die Nationalversammlung auszuführen. [...]

Daß England [...] wohlgesonnen war, wurde freilich in Deutschland wenig verstanden, denn wenige Deutsche vermochten zu unterscheiden, daß England zwar die deutsche Einigung billigte, aber nicht die Deutschen in der schleswig-holsteinischen Frage unterstützen wollte. Alle Schwierigkeiten in den deutsch-britischen Beziehungen in dieser Zeit entsprachen nicht irgendeinem wichtigen Aspekt der deutschen Einheit, sondern hingen mit den Grenzfragen im Norden zusammen. Während die nationalistische Partei in Deutschland starke juristische Argumente ins Feld führte, um Schleswig letzten Endes für Deutschland zu gewinnen - in ähnlicher Weise, wie die Dänen aus nationalistischen Motiven das Herzogtum zu besitzen wünschten - waren andererseits die britischen Staatsmänner überzeugt, daß es den britischen Interessen entspreche, am Ausgang der Ostsee den territorialen Status quo zu erhalten.

Günther Gillessen: Lord Palmerston und die Einigung Deutschlands. Die englische Politik von der Paulskirche bis zu den Dres-dner Konferenzen (1848-1851). Historische Studien Heft 348, Matthiesen Verlag, Lübeck und Hamburg, 1961, S.152


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