titrev.gif (15527 Byte)

Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


IX. Nachwirkungen der Revolution

1. Erläuterungen


Welche Lehren zieht man aus der Geschichte der Revolution von 1848/49? Jede Generation und jeder deutsche Staat zog aus dem Geschehen eigene Konsequenzen, die Revolution wurde zum Argument der politischen Auseinandersetzung. Die Ergebnisse dieses Nachdenkens wurden vor allem bei Jubiläumsfeiern an die Öffentlichkeit getragen und verraten »auf diese Weise mehr über die Feiernden als über das gefeierte Ereignis.«1

Die Wirkungsgeschichte der Revolution von 1848 beginnt bereits vor ihrem Ende. Während in Rastatt noch gekämpft wurde, begann die publizistische Auseinandersetzung um die Revolution und ihre Bedeutung, zumeist in Form von Schuldzuweisungen und Verratsbezichtigungen und darauf antwortenden Rechtfertigungen. Der emigrierte Lorenz Brentano machte aus der Schweiz am 1. Juli 1849 den Anfang: »Von den Fürsten ein Hochverräther, von Euern Vertretern in Freiburg (d.h. den Mitgliedern der Verfassungsgebenden Versammlung) ein Landesverräther genannt, überlasse ich Euch das Urtheil, ob ich solche Behandlung verdiene.«2 Verrat, moralisches Versagen als Ursache der Revolution - berühmt wurde in diesem Zusammenhang die Rede des preußischen Königs über die Rolle der Lehrer und ihre »Afterweisheit«3 - oder als Grund ihres Scheiterns - das Urteil über die deutsche Revolution von 1848/49 wird von jetzt an politisch funktionalisiert, und jeder, der ein solches Urteil fällt, steht bewußt oder unbewußt in einem dieser Traditionszusammenhänge. Vor allem die Jubiläen waren immer wieder Anlaß, die alten Legenden wiederzubeleben oder alte Rechnungen zu begleichen. So versagte der Gouverneur von Rastatt 25 Jahre nach dem Fall der Festung die Genehmigung zur Aufstellung eines Denkmals für die Toten von 1849, und das großherzogliche Bezirksamt Lörrach verbot noch 1898 eine Kranzniederlegung am Grabe des 1849 erschossenen Friedrich Neff (s. Photo unten).4

M1 gibt Herweghs Rückblick am 25. Jahrestag der Berliner Barrikadenkämpfe wieder. Der Dichter ist inzwischen Sympathisant der Arbeiterbewegung geworden und stellt sich in einen Traditionsrahmen, der fast parteioffiziell geworden ist: Die Sozialdemokraten feierten den 18. März, während das nationalliberale Bürgertum am Sedanstag einer anderen Tradition huldigte und die eigene revolutionäre Vergangenheit als Jugendsünde abtat. Herweghs Drohung »Noch sind nicht alle Märze vorbei« wurde von konservativer Seite aufgenommen (M2 ) und die Revolution auch als Argument für obrigkeitsstaatliches und militaristisches »Durchgreifen« verwendet. Daß die SPD 1898 bereits den Revisionismus diskutierte und selbst Kautskys Formulierung, die Sozialdemokratie sei eine »revolutionäre, nicht aber Revolutionen machende Partei« eine Absage an die »klassische« Form der Revolution enthält, blieb diesem Denken verborgen.

Bestätigen wird sich dies erst nach der Novemberrevolution von 1918. Das Jubiläum von 1923 (M3), das die Weimarer Republik in schwerer Krise zu einer Vergewisserung ihres Selbstbewußtseins inszenierte, fand am 18. Mai, dem Tag des Zusammentritts der Nationalversammlung, nicht am 18. März statt, und der Sozialdemokrat Ebert präsentiert sich als Staatsmann der nationalen Einheit. Von Sozialismus oder Revolution ist in seiner Ansprache keine Rede, und nicht einmal ein klassenkämpferischer Appell zu mehr sozialer Gerechtigkeit stört die nationale Einheit. Daß das Erbe von 1848 nicht unumstritten war, zeigen die Kurzmeldungen der 'Frankfurter Zeitung'. Von der Rechten wurde die Veranstaltung als Parteiangelegenheit angesehen, ein Vorwurf, der bereits in den Verfassungsdebatten von 1919 - man denke nur an den Flaggenstreit - geäußert wurde. Der Versuch einer demokratischen Traditionsstiftung für die Republik gelang nur bei denen, die ohnehin demokratisch dachten. Die Abwesenheit des bayerischen Ministerpräsidenten und ihre Begründung - ein halbes Jahr vor dem Hitler-Putsch - ist sicher kein Zufall.

Daß die Wahl des Datums schon ein Politikum ist, zeigen die Feiern zum 100. Jahrestag 1948 (M4). Die SED und die im »Antifaschistischen Block« verbündeten Parteien berufen sich auf das Erbe des 18. März; das »Neue Deutschland« vermerkt hämisch, daß eine Veranstaltung im Westen Berlins nur von 20000 Teilnehmern besucht worden sei, während der eigene Aufruf »Am Donnerstag das ganze Volk« mehr als 100000 Bürger des »fortschrittlichen Berlin« vom Gendarmenmarkt zum Friedhof Friedrichshain an die Gräber der Märzgefallenen geführt habe. Die Reden der drei Parteivorsitzenden vor dem II. Volkskongreß sind daher auch in erster Linie eine Abrechnung mit allen Kräften, die in den Westzonen auf die Gründung der Bundesrepublik hinarbeiteten.

Der Aufruf zur Einheit unter SED-Vorzeichen scheint in Südbaden auf kritisches Echo gestoßen zu sein. Auf der Freiburger Jahrhundertfeier am 25. April - am 24. April 1848 war der Sturm der Freischaren Sigels auf Freiburg abgeschlagen, die Stadt von Regierungstruppen erobert worden - warnt der Kommentator vor einer Überbewertung der Einheit zu Lasten der Freiheit und kann sich dabei auf Rottecks »Badenweiler Toast« von 1832 berufen. M4c

Merkwürdig unpolitisch mutet aus heutiger Sicht die zentrale Feier in Frankfurt am 18. Mai an. Kein künftiger »Verfassungsvater«, nicht Theodor Heuss oder Carlo Schmid hielt die Festrede, aus der sich das Selbstverständnis der künftigen Republik hätte ablesen lassen, sondern ein Dichter und Schriftsteller, und nicht einmal einer der bedeutendsten, nicht Alfred Döblin oder Thomas Mann, sondern der expressionistische und pazifistische Dramatiker Fritz von Unruh, der durch seine eigene Biographie - Offizier im Ersten Weltkrieg, 1932 Emigration nach Frankreich, 1940 dort interniert, dann in die USA, nach 1945 mehrmalige Rückkehr - als Zeuge deutscher Irrwege dazu berufen war. Seine Deutung des 1848er Geschehens und der Katastrophe des Nationalsozialismus M4e - im Vergleich zu dem Feindbild, das die Politiker der künftigen DDR bereits entwickelt haben - ist von einem etwas unbestimmten Idealismus. Die Anteilnahme der Bevölkerung war nach dem Kommentar der »Zeit« M4d zurückhaltend und weist auf die wahren Nöte der Zeit hin, die von der künstlichen Begeisterung des »Neuen Deutschland«  M4b übertüncht waren.

Anmerkungen

1 W. Siemann: Auf der Suche nach einer Friedensordnung: Das Jubiläum der Revolution von 1848 im Nachkriegsdeutschland. Geschichte als Argument. 41. Deutscher Historikertag München, 1996, Skriptenheft I, S. 30

2 Lorenz Brentano: An das badische Volk. Feuerthalen..., den 1. Juli 1849. Stadtarchiv Freiburg.

3 Siehe Franzjörg Baumgart: Zwischen Reform und Reaktion. Preußische Schulpolitik 1806-1859, Darmstadt 1990, S. 187

4 Siehe F.X. Vollmer: Vormärz und Revolution 1848/49 in Baden. Modelle zur Landesgeschichte 1, Frankfurt-Berlin-München 1979, S. 187

Überlegungen zu den Materialien:

1) Worin sieht Herwegh (M1) die treibenden Kräfte der Revolution von 1848, und welche Konsequenzen zieht er aus dieser Sicht? Vgl. die konservative Deutung im Kaiserreich in M2 .

2) Wie versucht Reichspräsident Ebert (M3a) die Revolution von 1848/49 zu aktualisieren? Läßt seine Rede erkennen, daß Ebert einer der in M2 angeprangerten Sozialdemokraten ist?

3) Revolutionsfeier Ost - Revolutionsfeier West (M4): Wie werden die Erfahrungen des »Dritten Reiches« verarbeitet, welche Konsequenzen und Schuldzuweisungen ergeben sich daraus? Welche Traditionslinien werden zur Revolution von 1848/49 gezogen?

grab.jpg (11200 Byte)Grabsäule für den 1849 in Freiburg standrechtlich erschossenen Revolutionär Friedrich Neff in Rümmingen/Krs. Lörrach.
Die Inschrift »Wer so wie Du fürs Vaterland gestorben, der hat sich ew'gen Ruhm erworben!« mußte durch die Angehörigen wieder entfernt werden

 

 


Copyright ©   1997  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de