titrev.gif (15527 Byte)

Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution


IX. Nachwirkungen der Revolution

2. Materialien


M1

25 Jahre: Herweghs Rückblick am 18. März 1873:

Achtzehnter März

Achtzehnhundert vierzig und acht,
Als im Lenze das Eis gekracht,
Tage des Februar, Tage des Märzen,
Waren es nicht Proletarierherzen,
Die voll Hoffnung zuerst erwacht
Achtzehnhundert vierzig und acht?

Achtzehnhundert vierzig und acht,
Als du dich lange genug bedacht,
Mutter Germania, glücklich verpreußte,
Waren es nicht Proletarierfäuste,
Die sich ans Werk der Befreiung gemacht
Achtzehnhundert vierzig und acht?

Achtzehnhundert vierzig und acht,
als du geruht von der nächtlichen Schlacht,
Waren es nicht Proletarierleichen,
Die du, Berlin, vor den zitternden, bleichen
Barhaupt grüßenden Cäsar gebracht
Achtzehnhundert vierzig und acht?

Achtzehnhundert siebzig und drei,
Reich der Reichen, da stehst du, juchhei!
Aber wir Armen, verkauft und verraten,
Denken der Proletariertaten -
Noch sind nicht alle Märze vorbei,
Achtzehnhundert siebzig und drei.

Herweghs Werke in einem Band. Ausgewählt und eingeleitet von Hans-Georg Werner. Bibliothek deutscher Klassiker. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1980, S. 283f.


M2

50 Jahre - 1898

Vorwort zu einer 1899 erschienenen deutschen Quellensammlung zur Revolution von 1848/49:

[...] Seit 50 Jahren ist zwar unser teueres Vaterland von weiteren Revolutionsausbrüchen verschont geblieben, der Revolutionsgeist jener Zeit ist aber leider auch heutigen Tags noch nicht verschwunden, und wer mit unbefangenem Blick in die Gegenwart hineinschaut, dem kann es nicht entgehen, daß es auch jetzt nicht an Geistern fehlt, welche mit Energie und Schlauheit darauf ausgehen, den Samen der Unzufriedenheit unter das Volk auszustreuen und alle Klassen und Schichten desselben mit dem alten Revolutionsgeist zu erfüllen. [...]

Die Sozialdemokraten unserer Tage sehen jene Zeit gewissermaßen als die klassische Zeit ihrer Partei an, sie feiern die damaligen Revolutionshelden als ihre Vorgänger und Vorkämpfer und sehnen sich nach einer Wiederkehr jener goldenen Zeit, wo es manchmal so schön drunter und drüber zuging. [...] Das fortgesetzte wüste Treiben der Revolutionäre, das überall ein Stocken der Geschäfte und Unsicherheit aller Verhältnisse hervorrief, brachte es dann aber auch zuletzt dahin, daß nicht nur der bessere, sondern bald auch der größere Teil der Bevölkerung das Revoluzzen völlig satt bekam und sehnsüchtig nach den Regierungen und Männern ausschaute, die den Mut hatten zu sagen: »bis hierher und nicht weiter!« und die dann auch wirklich durch ihr energisches Auftreten bewirkten, daß die über das Ufer hinausgetretenen wilden Gewässer sich verliefen oder in ihr natürliches Strombett zurücktraten. [...]

K. Hagenmeyer: Die Revolutionsjahre 1848/49. Karlsruhe 1899, S. 1-4


M3

75 Jahre - »Der Tag des ersten deutschen Parlaments«. Frankfurt, 18. Mai 1923

M3a

Aus der Rede Reichspräsident Eberts in der Paulskirche:

[...] In den Freiheitskriegen hatte das deutsche Volk in freiwilliger und bewußter Hingabe an den Gedanken einer deutschen Nation sich die äußere Freiheit errungen; sein Streben, nun auch aus der deutschen Vielstaaterei zum nationalen Staat auf freiheitlicher Grundlage, zum Reich zu kommen, scheiterte an dem Widerstand der deutschen Fürsten, dem nationalen Gedanken ein Opfer an Souveränitätsrechten zu bringen. Treulich bewahrte trotz alledem das deutsche Volk seit den Freiheitskriegen im Zeichen des schwarz-rot-goldenen Banners das Ideal der Einigung der deutschen Stämme und der inneren Freiheit. In der großen Volksbewegung, die 1848 wie andere Nationen auch die Deutschen erfaßte, sollte an dieser Stätte das politische Streben der Besten und Bedeutendsten der Nation, sollte der Volksstaat des einigen und freien Deutschland Verwirklichung finden. Zum ersten Male ging aus allgemeinen Wahlen des ganzen deutschen Volkes eine Vertretung Deutschlands hervor, die Nationalversammlung, ein Parlament von hohem geistigen Schwung, von edelstem Wesen und starkem nationalen Bewußtsein. Dieser ersten Nationalversammlung gelang es, die Grundrechte des deutschen Volkes und die Verfassung des einigen Deutschen Reiches zu schaffen, aber es gelang ihr nicht, das Reich selbst aufzurichten. Dazu fehlten ihr die realen Machtmittel; am Geiste der Kleinstaaterei scheiterte ihr nationaler Wille. [...] Dann, als wiederum, 70 Jahre später, im Winter 1918/19 das deutsche Volk gezwungen war, sein Geschick selbst in die Hand zu nehmen, sein Staatswesen in den Nöten der Zeit neu aufzubauen, führte uns die Arbeit von Weimar zur Frankfurter Paulskirche zurück, zu den Leitgedanken, die einst an dieser Stätte geboren sind. [...]

Einheit, Freiheit und Vaterland! Diese drei Worte, jedes gleich betont und gleich wichtig, waren der Leitstern, unter dem die Paulskirche wirkte. Sie sind auch Kern und Stern des Daseinskampfes, den wir heute an Rhein, Ruhr und Saar zu führen gezwungen sind. Dort stehen wir in entschlossener Abwehr, um das einige Reich, um unsere Freiheit zu erhalten, dort kämpfen alle Volksgenossen mit äußerster Hingabe für den Staat des deutschen Volkes.

Diesen Geist der Einigkeit, der Freiheit und des Rechtes, der uns auch in dieser tiefsten Not erhebt, wollen wir bewahren. Er soll und wird uns einer besseren Zukunft entgegenführen. [...]

Frankfurter Zeitung vom 19. 5. 1923, Erstes Morgenblatt


M3b M3c

Begleitnotizen der Frankfurter Zeitung zu den Feierlichkeiten

M3b

Die Teilnahme des Hochschulrings

Das Presseamt des Frankfurter Hochschulrings ersucht uns um die Aufnahme folgender Erklärung:

»Der Hochschulring deutscher Art hat sich entschlossen, sich an den Parlamentsfeierlichkeiten in der Paulskirche zu beteiligen, obgleich er der Ansicht ist, daß diese Feier mit ihrem jetzigen Plan kein getreues Bild des politischen Wollens unseres Volkes gibt. Wenn er sich trotzdem beteiligt, so tut er es in der Absicht, deutlich in der Öffentlichkeit alle einseitig politischen Bedenken zurückzustellen und zu zeigen, daß die akademische Jugend weiß, daß ihr das Erbe von 1848 gehört.

Frankfurter Zeitung vom 18. 5. 1923, Erstes Morgenblatt

M3c

Die Knillingsche Feier des 18. Mai

München, 25. Mai. Verschiedene Blätter haben sich mit der Tatsache beschäftigt, daß der bayrische Ministerpräsident den 18. Mai, den Tag der Gedenkfeier in der Paulskirche, dazu benutzt hat, hier in München einer feierlichen Messe anläßlich des Geburtstages des ehemaligen Kronprinzen Rupprecht beizuwohnen. Unter der Rubrik »Politische Brunnenvergiftung« polemisiert heute die »Bayrische Staatszeitung« gegen das, was sie als »Tendenz-Falschmeldung« bezeichnet. Es habe sich um eine einfache Messe gehandelt; außerdem sei die Einladung zum fünfundsiebzigsten Gedenktage des Frankfurter Parlaments vom bayrischen Ministerpräsidenten zu einer Zeit abgelehnt worden, als er von einer Abhaltung der Messe noch nicht unterrichtet gewesen sei. Die Polemik der »Staatszeitung« ist unwesentlich. Es steht fest, daß Herr von Knilling den Besuch eines schlichten Gedenktages, an dem das Reich und alle seine Länder sich offiziell beteiligten, abgelehnt hat mit der Begründung, es sei gegenwärtig keine Zeit zum Feiern, - und daß er gleichzeitig für eine Feierlichkeit Zeit fand, die der Person des bayrischen Kronprätendenten galt. [...]

Frankfurter Zeitung vom 26. 5. 1923, Abendblatt


M4

100 Jahre - ein zweigeteiltes Jubiläum im Zeichen des Kalten Krieges: 18 März, 25. April oder 18. Mai 1948?

M4a

Das Brandenburger Tor als Barrikade

Unter diesem Titel berichtet »Die Zeit« über die Feiern zum 18. 3. 1948 in Berlin:

Man muß Radio haben, um die Weltgeschichte und seine eigene deutsche Erinnerung zu kennen. Und in Berlin, so erwies sich an diesem Jubiläumstage, vor allem das richtige Radio und nicht irgendein beliebiges. Denn aus dem einen erfuhr man, daß der »Volkskongreß« sich entschlossen habe, zu vollenden, was die Barrikadenkämpfer 1848 angefangen hatten, und aus dem anderen, daß die 1848 geforderten Freiheiten in der hinter dem Brandenburger Tor beginnenden Welt heute ärger bedroht seien als vor hundert Jahren.

Merkwürdig zwiespältig war dieser regenübergossene Feiertag der unglücklichen Stadt Berlin. [...] Es war ein Wettrennen um die Symbole, das danach nicht mehr abriß. Alle kamen sie, die Feindlichen und die Freundlichen, die Sozialisten und die Bürger, die Liberalen und die Orthodoxen, der Konsumverein und die Opfer des Faschismus, die Polizei und die Gewerkschaften, die Kommunisten und die Sozialdemokraten, und in das Mikrophon hi-nein versprachen sie, vollenden zu wollen, was »Die von 48« begonnen hatten. [...]

Die Zeit, 25. 3. 1948

M4b

Berlin (Ost), 18. 3. 1948, Admiralspalast

Am 100. Jahrestag des Berliner Aufstands trat der vom »Antifaschistischen Block« organisierte II. Volkskongreß zusammen. Das »Neue Deutschland« gibt die Reden wieder:

Otto Grotewohl (SED):

Die deutsche Revolution von 1848 brachte nicht die Geburt eines bürgerlich deutschen Staates, sondern die preußisch-militärische feudalistische Vormacht. Warum hat Deutschland nicht ein gleiches oder ähnliches Schicksal erleben dürfen wie die Mächte der liberalen westlichen Welt? Warum war der deutsche Imperialismus so explosiv und aggressiv in seinen Methoden? Warum war der deutsche Geist überheblich, der deutsche Staat militärisch und die deutsche Demokratie 1933 zum Faschismus fähig? Hier muß die Geschichte Antwort geben. [...] Das deutsche Bürgertum konnte seine nationale Aufgabe 1848 nicht erfüllen, weil seine politische Kampffront durch Uneinigkeit geschwächt war und weil die nationale Kampffront durch den Verzicht auf ein Bündnis mit den Arbeitern und Bauern zu schmal war. [...] Die in der deutschen Arbeiterbewegung organisierten Kräfte sind 1948, auf sich allein gestellt, ebensowenig fähig, die Einheit Deutschlands zu verwirklichen, wie es 1848 das auf sich gestellte Bürgertum nicht konnte. Die Bereitwilligkeit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu einer breiten fortschrittlichen Bündnispolitik entspringt darum tiefster politischer Ehrlichkeit und der Sorge um die Zukunft der ganzen deutschen Nation (Beifall). Das ist die entscheidende Lehre aus der Märzrevolution 1848.

Neues Deutschland, 18. 3. 1948 (Auszug)

M4c

Freiburg, Straßenbahnhalle, 25. 4. 1948:

Die badische Landesregierung und der Oberbürgermeister luden zu einer Jahrhundertfeier ein. Die 'Badische Zeitung' kommentierte:

[...]Auch wir sind heute nach den Jahren der nationalsozialistischen Tyrannei wieder am Werk, eine auf dem Fundament demokratischer Freiheit aufgebaute staatliche Ordnung zu verwirklichen und die rechte Form für eine Gemeinschaft der deutschen Länder und Landschaften zu finden. Das Beispiel von 1848 mahnt uns, dabei die politischen Gegebenheiten nicht aus dem Auge zu verlieren und bei der Einschätzung der Reihenfolge der Werte den rechten Maßstab anzulegen. Ein Wegbereiter der Ideen von 1848, der Freiburger Professor und Abgeordnete von Rotteck, sagte schon im Jahre 1832 auf einer liberalen Versammlung in Badenweiler: »Ich will lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit.« An Einheit hat es uns in den dunkelsten Jahren unserer Geschichte, die wir hinter uns haben, gewiß nicht gemangelt, und daß wir die Einheit verloren haben, hatte sicher seine wesentlichste Ursache darin, daß wir uns unter der Diktatur der Freiheit begeben hatten. Wenn wir wieder zu dem unentbehrlichen Maße von Einheit kommen wollen, dessen wir zum Leben bedürfen, werden wir es weder erringen noch behaupten können ohne die Grundvoraussetzung der Freiheit.

Badische Zeitung 23. 4. 1948

M4d

Frankfurt, 18. 5. 1948:

Tage der Selbstbesinnung

Die Paulskirche ist das eindrucksvollste Sinnbild der deutschen Demokratie. Aber sie ist es immer nur wenigen gewesen. Ihre Tradition wurzelt nicht im Volk. Das war wohl der tiefere Grund für die Teilnahmslosigkeit der Bevölkerung gegenüber der Frankfurter Hundertjahr-Feier; sie hatte weder für den Aufbau der Kirche noch für die festliche Akzentuierung der Gedenktage Verständnis. Ja, viele verfolgten die Feier sogar mit einer gewissen Feindseligkeit. Es ging ihnen nicht ein, daß man eine Kirche aufbaute, wo es doch an Wohnhäusern fehlt. [...] Eine Frau, die mit ihrem Kind als Ostflüchtling im Frankfurter Hauptbahnhof vergeblich auf ein Obdach wartete, habe [...] gesagt: »Ich werde von Eurer Demokratie so viel halten, als ihr für mein Kind und mich tut, um uns vor dem Zugrundegehen zu schützen.« Das ist der Prüfstein des Wahrheits- und Ehrlichkeitsgehaltes alles dessen, was in der Paulskirche und über sie gesprochen wurde.

Robert Strobel, Die Zeit vom 27. 5. 1948

M4e

Freiheit des Menschen - Freiheit des Staates

Rede des Dichters Fritz von Unruh zum 18. Mai 1948 in der Frankfurter Paulskirche

Als sich vor hundert Jahren, am 18. Mai 1848, über dreihundert Abgeordnete im Kaisersaal versammelten [...] - da faßte ein Gesandter aus Mailand die erregte Erwartung des Augenblicks in die Worte: »Ganz Europa scheint zu fühlen, daß der Schwerpunkt seiner Zukunft in der Paulskirche liegt!«

Und heute? - Anno 1948. Heute. In dieser von der Kriegsfurie so gräßlich verwüsteten Stadt? Fühlen wir Heutigen den Schwerpunkt Europas hier in der Paulskirche? [...] 1848, da fühlten unsere Vorväter noch in sich selber den Schwerpunkt! Er hieß: Wille zur Freiheit. [...]

Keine klassenlose Gesellschaft, die auf ihren Bannern statt das Hakenkreuz jetzt Hammer und Sichel schwingt! Sondern eine Gesellschaft von Einzelwillen, die sich zwischen dem »Ja« zum Recht und dem »Nein« zum Unrecht entschieden hat für den Gott in der eigenen Brust. Die sich in dem großen Advent der Menschheit, in dieser Trennungsstunde von Bestie und Mensch, entschieden hat zu jener schon heraufdämmernden einigen Welt! In der alle Völker zusammengeschweißt in einem einzigen Weltregiment die Erdgüter so weise verteilen, daß keine Atombombe mehr wie das Damoklesschwert über uns hängt - sondern der Freude schöner Götterfunken uns alle eint in des Lebens neuer Gestaltung. [...]

Frankfurter Rundschau, 20. 5. 1948


Copyright ©   1997  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de