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Ausgabe 1/98: Flandern


Geleitwort des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport


Die unmittelbar bevorstehende Einführung des Euro definiert eine neue Qualität im Integrationsprozeß der Länder Europas: Was sich bisher hinter wirtschaftlich und politisch abstrakten Begriffen wie Währungs- oder Wirtschaftsunion verbarg, zeichnet sich für den einzelnen Bürger in Deutschland, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden usw. demnächst wohl als direkt erfahrbare »europäische« Realität ab. Es sind aber nicht primär ökonomische Vereinbarungen oder finanztechnische Normen der Vereinheitlichung, die die europäische Einheit substantiell konstituieren. Europäisches Selbstverständnis findet seine Begründung vielmehr im Bewußtsein der Gemeinsamkeit von Geschichte, Tradition und Kultur. Historisch im Schnittpunkt politischer Interessen europäischer Staaten stehend, ursprünglich als Grafschaft Frankreich zugehörig, später unter burgundischer, spanischer, österreichischer und niederländischer Herrschaft – geprägt von Weltoffenheit und dem kosmopolitischen Denken einer Handelsregion – repräsentiert Flandern in ganz besonderer Weise  ein lebendiges Spektrum der politischen Vergangenheit Europas. Vor diesem Hintergrund erfährt Brüssel als Sitz europäischer Institutionen und Organisationen politisch-geographisch ein eigenes Profil. Aber auch kulturell und geistesgeschichtlich gehen von dieser Region nachhaltig-prägende und weitreichende Impulse aus: Zu nennen sind Erasmus von Rotterdam, »Erster Europäer« und »König der Wissenschaften« und das Gedankengebäude des Humanismus, der nationale und politische Grenzen übersteigend, Selbständigkeit, Menschenwürde und individuelle Freiheit zu zentralen Werten des europäischen Denkens erhob; untrennbar verbunden mit der Entwicklung der abendländischen Kunst und Musik sind Namen wie Jan van Eyck, Hans Memling, Peter Paul Rubens und Orlando di Lasso. In literarischer Ausgestaltung begegnet uns die Geschichte dieses Landes in Goethes »Egmont«. Sicher bietet dieses Heft Schulen die Chance, im Unterricht – auch fächerübergreifend – vielfältige gesamteuropäische Bezüge sichtbar zu machen. Dies gilt auch im Blick auf den geschichtlichen Wandel, der zwischen heute und jenen Zeiten liegt, als Flandern Synonym war für die Schlachtfelder der großen Kriege unseres Jahrhunderts.

Klaus Happold

Ministerialrat



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