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Ausgabe 1/98: Flandern


Einleitung: Flandern - eine europäische Region


»... durch eine engere Zusammenarbeit einen aktiven Beitrag zur europäischen Integration zu leisten« - diese gemeinsame Erklärung unterzeichnen am 21.1. 1993 Vertreter der flämischen Gemeinschaft und des Landes Baden-Württemberg.

Die beiden Partner nehmen Bezug auf die gemeinsame Erklärung vom 30. Mai 1990 und »kommen überein, ihre Erfahrungen über Regionalpolitik und interregionale Zusammenarbeit in einer europäischen Perspektive auszutauschen«. 1997 mahnt die Kultusministerin von Baden-Württemberg, Frau Dr. Schavan, bei Gesprächen in Brüssel die pädagogische Dimension des Themas Europa unter dem Aspekt der kulturellen Identität an: »Europa wird nur dann von den Bürgern angenommen, wenn auch die kulturelle Einheit, das Verbindende und Gemeinsame zwischen den Nationen wahrgenommen wird« und »Kultur ist das Bindemittel zwischen den europäischen Nationen« (Stuttgarter Zeitung vom 28. Juni 1997).

Flandern und Brüssel, Kultur, Geschichte und Politik, das sind die Schwerpunkte des Heftes, das auch für die Erkundung vor Ort gedacht ist. Es geht um das historische Flandern, wie es sich in ausgewählten flämischen Städten zeigt, um seinen kulturellen Beitrag von europäischem Rang, wie er sich in Literatur, Musik und Bildender Kunst darstellt. Es geht natürlich auch um Brüssel als Sitz der Europäischen Union. Brüssel liegt in Flämisch-Brabant, das mit den Provinzen Antwerpen, Limburg, Oost-Vlaanderen und West-Vlaanderen die Region Flandern bildet; mit ihren etwas mehr als 13000 km2 macht sie etwas weniger als die Hälfte des ganzen Königreichs Belgien aus (siehe Karte »Flandern in Belgien« Umschlagseite 4).

Nirgends auf der Welt, so wird für Flandern geworben, »kann man auf so kleiner Oberfläche vier Kunststädte mit Weltformat finden: Brüssel, Brügge, Antwerpen, Gent.« Brüssel wird als »die Dame Europas«, als Hauptstadt des Königreiches Belgien, Sitz der flämischen Regionalregierung und auch werdende Hauptstadt Europas gepriesen. Brügge, das ist »die Schöne Flanderns«, »das Venedig des Nordens«, »das Athen Belgiens«, schmückende Titel für die Kultur- und Kunststadt par excellence; dagegen die »Stadt am Strom«, Antwerpen, die alte Handelsstadt an der Schelde, in der Weltoffenheit und kulturelle Blüte Hand in Hand gingen; Gent, die Hauptstadt des historischen Flandern, war einst als mächtigste Stadt nördlich der Alpen bekannt. Hier wurde im Februar 1500 Karl von Burgund geboren und in der Kathedrale S. Bavo getauft - als Karl I. spanischer König und als Karl V. römisch-deutscher Kaiser eines Weltreichs. Gent ist schon im 15. Jahrhundert eine reiche Handelsstadt und bekannt durch die Eigenwilligkeit und das Freiheitsstreben seiner Bürger.

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Flämische Fahne. Ausstellung Rathaus Wien 1997  (Photo: W.S. Kirchner)

Flandern, das ist eine europäische Region; der Beitrag Flanderns in Kunst und Musik für Europa ist dem Italiens vergleichbar.

Flandern, das ist das Land zwischen Maas und Nordseeküste, das Land der kurzen Entfernungen. Es ist eine Region, in der die ersten urbanen Landschaften nördlich der Alpen entstanden sind. Flämische Städte, sie sind Orte der Kultur, Orte der Kämpfe um die politische und religiöse Freiheit der Bürger.

Ein kurzer Blick auf die Geschichte dieser Region soll deren wechselvolles Schicksal skizzieren. Ein Schwerpunkt der Heftkonzeption soll auch auf dem Erlebbaren und Erfahrbaren von Geschichte liegen: Städte, Straßen, Plätze, Denkmäler, profane und sakrale Gebäude bieten Zugänge zum Bild Flanderns, wie es sich durch die Jahrhunderte verändert hat.

Im dreizehnten Jahrhundert blühten das Land und die Städte auf: reich sind die mittelalterlichen Textil- und Handelsstädte und zunehmend auf Privilegien und Selbständigkeit bedacht. Durch Heirat fällt die Grafschaft Flandern 1369 an die Burgunderherzöge. Mit der ökonomischen Blüte Flanderns im 13. bis 16. Jahrhundert, an der die Hanse nicht wenig Anteil hatte (Handelswege: Flandern, Rheinland, Norddeutschland und Ostseegebiete), war auch eine Blüte der Künste verbunden. Als Mäzene betätigten sich die burgundischen Herzöge wie auch eine immer größer werdende Gruppe selbstbewußter Bürger, für die Kunst zu einem Produkt mit einem hohen Prestigewert wurde.

Damit veränderte sich auch die Rolle des Künstlers: Vom Handwerker wurde er nun zum Bildschöpfer, dem es gelang, die sichtbare Wirklichkeit greifbar im Bild festzuhalten.

1477 kam das Land durch Heirat an die Habsburger (siehe Zeittafel). Unter Philipp II., dem gebürtigen Spanier, wurde es zu »los Países Bajos« (= den Niederlanden), Teil eines Weltreiches, zentral von Madrid durch Statthalter verwaltet. Philipps Halbschwester Margarete von Parma und ihr Berater Granvelle, der Erzbischof von Mechelen, regierten von Brüssel aus. Auf heftige Kritik stieß die spanische Zentralisierungspolitik, in denen die althergebrachten Rechte, Freiheiten und Privilegien des Adels und der Städte bedroht wurden. Wenn auch Granvelle von Margarete entlassen wurde, um die Konflikte zu entschärfen, so eskalierte doch die Auseinandersetzung, als Philipp II. des Aufstandes von 1566 wegen Truppen in die Niederlande entsandte, eine »schreckerregende Armee mit einem noch furchtbareren Inquisitionsgericht« (Helmut Domke), und an deren Spitze den Herzog von Alba. Es begann die Zeit der spanischen Schreckensherrschaft, in der die schnellen Blutgerichte, der »Blutrat« tagten. Die flämischen Grafen Egmont und Hoorn wurden 1568 in Brüssel hingerichtet, obwohl sie verdiente Feldherren und Diplomaten in spanischen Diensten waren. Ihr Verbrechen war ihre Toleranz gegenüber den Kalvinisten.

Die südlichen, die spanischen Niederlande, wurden in der Folge ein Zentrum der Gegenreformation und »zu einem der Zentren des europäischen Barock«. Hier lebte im 17.Jahrhundert der »Europäer«, Diplomat, Gelehrte und Künstler Peter Paul Rubens.

1830 kam es in Brüssel unter dem Eindruck der Pariser Julirevolution zum Aufstand. Das Königreich Belgien entstand, die fünf Großmächte erkannten 1831 seine Unabhängigkeit an - die endgültige Lostrennung erfolgte 1839 - und garantierten nach Schweizer Muster Belgiens »ewige Neutralität« (Londoner Konferenz). Das Deutsche Reich verletzte die belgische Neutralität, als im Ersten Weltkrieg, am 3. August 1914, deutsche Truppen in Belgien einmarschierten, Brüssel besetzten, auch Flandern zum Kriegsschauplatz machten und Belgien insgesamt der deutschen Militärverwaltung unterstellten. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden Brüssel, Flandern und ganz Belgien von deutschen Truppen besetzt, das Land kam unter deutsche Verwaltung.

Nach der Befreiung 1944 einigten sich Belgien, die Niederlande und Luxemburg auf eine Zollunion (Benelux). Der gemeinsame Zolltarif trat 1947, die Vereinheitlichung des Zollwesens 1948/49 in Kraft. In Belgien selbst führten in der Nachkriegszeit die Gegensätze zwischen Flamen und Wallonen zu immer neuen innenpolitischen Konflikten, die bis heute nicht grundsätzlich gelöst sind.

Zwei Schwerpunkte prägen das Heft. Das historische Flandern, der erste Schwerpunkt, wird unter europäischen Aspekten mit Beiträgen zur Geschichte, zu Kunst, Musik und Literatur vorgestellt. Der zweite Schwerpunkt befaßt sich mit der europäischen Einigung. Lebendiger Ort ist hier Euro-Brüssel mit seinen vielen Gesichtern: Es ist das Brüssel der Europäischen Union, es ist der Arbeitsort eines Europäischen Parlamentariers. Wir besuchen das Informationsbüro Baden-Württemberg bei der Europäischen Union und suchen im Quartier Léopold, was von Europa und seinen Institutionen (Europäisches Parlament, Ministerrat und Europäische Kommission) zu sehen ist. Mit diesen Erkundungen soll »Europa in Brüssel« faßbar gemacht werden. Es ist aber auch das »Brüssel - früher und heute«, wie es eine Flämin schildert, und es ist eine auch für Baden-Württemberger attraktive Universitätsstadt.

Nach der Zeittafel »Flämische Geschichte im Überblick« beginnt die Folge der Beiträge über die europäische Region Vlaanderen, La Flandre, Flandern mit dem Kampflärm europäischer Armeen beim Schlachtfeld von Belle Alliance/Waterloo, wenige Kilometer südwestlich von Brüssel gelegen und heute noch Attraktion für Jugendliche und Erwachsene aus aller Welt.

 

Zeittafel: Flämische Geschichte im Überblick

 

843
Im Vertrag von Verdun wird das fränkische Reich geteilt. Flandern kommt an das Westfrankenreich. In diesem bilden sich - wie im Ostfrankenreich - in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts große Territorien heraus; eines davon ist Flandern.

13. Jh.
Durch den Wollhandel mit England und die Herstellung von Tuchen wird Flandern, begünstigt auch durch seine Lage (Atlantik, Mündung großer Flüsse), wichtigstes Wirtschaftsgebiet Frankreichs und neben der Toscana die wirtschaftlich modernste europäische Region. Brügge ist der »Weltmarkt des Abendlandes« (Walter Kienast). Hier hat später auch die Hanse ein Kontor. Die Bürger der reich gewordenen Städte handeln den Grafen von Flandern Privilegien und Selbständigkeit ab.

1297 zwingt England Flandern, sich an seinem Krieg (um Guyenne) gegen den französischen König Philipp IV., den Lehnsherrn der Flamen, zu beteiligen.

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Aus: Klaus Schelle: Karl der Kühne. Burgund zwischen Lilienbanner und Reichsadler. Seewald Verlag, Stuttgart 1977, S. 137f.

 

1302 besiegen die Flamen (Adel, Patrizier, Handwerker und Bauern) das französische Ritterheer in der »Goldenen Sporenschlacht« bei Kortrijk (Courtrai). Flandern bewahrt damit seine Selbständigkeit. Es ist für England in den weiteren Auseinandersetzungen mit Frankreich (Hundertjähriger Krieg) der notwendige Brückenkopf auf dem Kontinent.

1363 erhält Philipp der Kühne von seinem Vater, dem französischen König Johann dem Guten, das Herzogtum Burgund als Lehen. Damit beginnt dessen Aufstieg zu einer europäischen Mittelmacht am Beginn der Neuzeit.

1369 heiratet er die Erbtochter des Grafen von Flandern, das

1384 an ihn fällt. Seine Söhne erheiraten im

15. Jh. Gebiete am Niederrhein und Brabant. Flandern und Brabant sind stärkstes europäisches Wirtschaftszentrum der damaligen Zeit.

1433 macht sich Philipp der Gute, Enkel Philipps des Kühnen, zum Herrn der gesamten Niederlande.

1435 entbindet ihn der französische König seiner Vasallenpflichten. Philipps Sohn Karl der Kühne vermag seine landesherrlichen Rechte in den Niederlanden nicht gegen Stadtrechte, -freiheiten und -privilegien durchzusetzen.

1477 fällt er in der Schlacht von Nancy gegen Schweizer, elsässische und lothringische Truppen. Frankreich und Habsburg (Erzherzog Maximilian hat Karls Tochter geheiratet) teilen sich den burgundischen Staat, wobei die Niederlande an die Habsburger fallen (endgültig bestätigt im Frieden von Senlis 1493).

16. Jh. Während der Reformationszeit breitet sich in den Niederlanden der Kalvinismus aus.

1556 wird das Reich der Habsburger zwischen Ferdinand, dem Bruder Karls V., und Philipp II., Karls Sohn, geteilt. Die Niederlande mit Flandern kommen unter spanische Herrschaft und werden von einem Statthalter verwaltet.

Die Niederlande mit Flandern sind immer noch Europas blühendstes Handels- und Gewerbegebiet, das wesentlich mehr einbringt als die Neue Welt.

Philipp II. will die althergebrachten Freiheiten und Privilegien des Adels und der Städte beseitigen und den katholischen Glauben wieder durchsetzen. Herzog Albas Schreckensherrschaft löst

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Philipp III. der Gute, Herzog von Burgund. Gemälde um 1500, nach einem verschollenen Original van der Weydens, Holz, 30,8x19,5 cm
Wien, Kunsthistorisches Museum. Photo: AKG Berlin

1568 den Freiheitskampf der Niederländer aus. Albas Nachfolger als spanischer Generalstatthalter, Alexander Farnese, geht geschickter vor. Indem er ihre Freiheiten bestätigt, gewinnt er die Südprovinzen der Niederlande (also auch Flandern) 1578 für Spanien zurück.

1581 erklären sich aber die Nordprovinzen (Holland) für unabhängig. Nach langen Auseinandersetzungen muß Spanien das 1648 anerkennen.

1581 In den Kriegsjahrzehnten wandern weit über 100000 Flamen (meist aus dem gebildeten Bürgertum) aus. Handel und Gewerbe verlagern sich nach Norden. Während der Süden wirtschaftlich verfällt, wird Holland mit seinem neu erworbenen Kolonialreich erste Welthandelsmacht. Nicht nur der Wohlstand trennt nun Holland und die spanischen Niederlande, sondern auch der Glaube. Der Süden ist wieder katholisch, der Norden bleibt kalvinistisch.

1713 Im Frieden von Utrecht kommt Flandern wieder in den Besitz der österreichischen Habsburger.

1792/93 besetzen französische Revolutionstruppen das Land.

1797 kommt das spätere Belgien im Frieden von Campo Formio an Frankreich.

1814 einigen sich die Sieger des Kampfes gegen Napoleon im Vertrag von Chaumont, die nördlichen und südlichen Niederlande zum Königreich der Niederlande mit Regierungssitz abwechselnd in Brüssel und Den Haag zu vereinigen. Der Wiener Kongreß übernimmt die Regelung.
Aber das Trennende (Religion, wirtschaftliches Gefälle) zwischen den beiden Landesteilen erweist sich als stärker als das Verbindende.

1830 kommt es zum Aufstand in Brüssel. Eine neue Regierung erklärt Belgiens Unabhängigkeit, die die europäischen Großmächte bestätigen.

Im neuen Staat ist Französisch die Verwaltungssprache, und die Flamen müssen um die Gleichberechtigung ihrer Sprache kämpfen. Flandern ist verarmt, der wallonische Süden dagegen wird durch die Industrialisierung recht wohlhabend.

1898 ist formal die sprachliche Gleichstellung erreicht, doch ändert sich in der Wirklichkeit nicht viel.

1914-18 Im Ersten Weltkrieg ist Flandern Schauplatz erbitterter Kämpfe.

1962 erst endet offiziell der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen: Die Sprachgrenze wird gesetzlich festgelegt (mit Brüssel als zweisprachigem Bereich). Damit ist die sprachliche und kulturelle Selbständigkeit Flanderns erreicht.

Durch den Niedergang traditioneller Industrien ist in den letzten Jahrzehnten der wallonische Süden verarmt, das bisher arme Bauernland Flandern durch die Ansiedlung neuer Industrien aufgeblüht. Dadurch ist der Gegensatz zwischen Flamen und Wallonen wieder aufgebrochen.

1980 ff. Ganz allmählich hat sich Belgien in den letzten Jahren in einen Bundesstaat mit den Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel verwandelt.



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