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Ausgabe 1/98: Flandern


»Heilige Liebe zum Vaterland«:
Die Gründung des belgischen Staates 1830/31


Die Wiener Kongreßakte bestätigte die in Chaumont getroffenen Vereinbarungen der Großmächte (siehe Einleitung). Belgien wurde mit den Niederlanden zum Vereinigten Königreich der Niederlande zusammengelegt. Nach über 200 Jahren der Trennung wurde damit die Einheit wiederhergestellt, ohne daß man sich vergewissert hatte, ob die Menschen diese Einheit überhaupt noch wünschten. Es erwies sich, daß das Trennende viel stärker war. Die Flamen hatten bereits eine eigene Identität entwickelt. Der wirtschaftlich höher entwickelte Norden versuchte außerdem den Süden zu dominieren: Es kam zur Einführung des Niederländischen als Staatssprache. Selbst im längst französisch geprägten Brüssel sollte in den Schulen und in den öffentlichen Institutionen niederländisch gesprochen werden. Auch die unterschiedlichen Religionen - der Norden war kalvinistisch, der Süden katholisch - entzweiten die Menschen. Als Wilhelm I. von Oranien in die Priesterausbildung und in den Unterricht eingriff, fand sich die Opposition zusammen. Liberale und katholische Gruppen schlossen 1828 ein Bündnis gegen den Einheitsstaat. Auch die gebildeten Flamen empfanden die aufgezwungene Sprache als »bäurisch«. Da verschiedene Petitionen den Norden nicht umstimmen konnten, stiegen die Spannungen immer weiter. Die Julirevolution 1830 in Frankreich wurde zum Fanal.

Belgien wird unabhängig: Eine Revolutionsoper »macht« Revolution

Am Abend des 25. August 1830 wurde an der Brüsseler Oper, heute Théâtre Royal de la Monnaie, »Die Stumme von Portici« von Daniel François Esprit Auber aufgeführt. Bereits zuvor hatte sie in Paris für Unruhe gesorgt. Schon während der Arie »Heilige Liebe zum Vaterland« kam es zu ersten Tumulten: »Weit eher den Tod, als ein schimpfliches Leben in Sklaverei und Schmach verbracht! Weg mit dem Joch, vor dem wir erbeben, weg mit dem Fremdling, der unsers Jammer lacht!« Im Finale des dritten Aktes kam es zum Aufruf, Widerstand zu leisten: »Bringt Waffen, Fackeln her. Nur Mut, Sieg unsrer Sache erkämpfen wir nunmehr!« Nach dem Appell des vierten Aktes »Nein, kein Tyrann, nicht Sklavenbande, dem Bürgerstande die Macht fortan!« zog das Publikum aus dem Theater hinaus und schloß sich einer zufällig vorbeiziehenden Arbeiterdemonstration an. Gemeinsam wurde der Justizpalast gestürmt. Die Revolution war nun nicht mehr aufzuhalten. Ähnliche Wirkung hatte die Oper in Mailand, Warschau und in deutschen Residenzstädten. Nach der Konstituierung einer provisorischen Regierung in Brüssel kam es am 4. Oktober 1830 zur Unabhängigkeitserklärung, die 1831 auf der Londoner Konferenz von den europäischen Großmächten bestätigt wurde. Zugleich wurde die Neutralität Belgiens garantiert. Vor allem Großbritannien hatte sich dafür ausgesprochen. Der neubegründeten parlamentarischen Monarchie fehlte aber noch der König. Man einigte sich auf Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha, der als Leopold I. den belgischen Thron bestieg. Er hatte lediglich repräsentative Funktionen und mußte wie seine Nachfolger durch Ablegung eines Eides die Verfassung (Volkssouveränität, Grundrechte, parlamentarisches System) anerkennen. Allein das Parlament kann seither die Verfassung ändern.

Die Kongreßsäule in Brüssel repräsentiert die Geschichte der Staatsgründung und den erreichten Kompromiß der staatlichen Gewalten. Wichtige Daten und Namen der Revolution sind in goldenen Ziffern und Buchstaben eingemeißelt. Oben auf der Säule thront Leopold I. Am Sockel symbolisieren vier übergroße Frauengestalten die erreichten Grundrechte: die Religions-, Presse-, Versammlungs- und Bildungsfreiheit.

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Kongreßsäule von Poelart (1859). Sie erinnert an den Kongreß, der nach der Revolution von 1830 die belgische Verfassung verkündete.
Photos: Jeanette Wollny

Leopold I. heiratete eine Tochter des französischen Königs Louis Philippe. Dadurch wurden die freundschaftlichen Beziehungen mit Frankreich verstärkt. Es gelang ihm in der Folgezeit, eine Aussöhnung mit den Niederlanden herbeizuführen.

Die Verfassung von 1831 vertrat im Bereich der Sprachen eine strikte Neutralität. Dies wirkte sich in der Folgezeit negativ für die Flamen aus. Da Französisch die Sprache der Verwaltung war, mußte jeder, der etwas werden wollte, Französisch sprechen. Das Flämische wurde zur Sprache der sozial Benachteiligten. Der Roman der »Löwe von Flandern« von Hendrik Conscience gab den Flamen neues Selbstbewußtsein. Fortan kämpften sie um die Gleichberechtigung ihrer Sprache, die 1898 formal erreicht wurde. Seither ist Brüssel offiziell zweisprachig.


 


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