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Ausgabe 1/98: Flandern


Bauen für Europa-ein schmerzhafter Prozeß


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Blick auf das Europäische Parlament in Brüssel / Espace Leopold und alte Bausubstanz (Dez. 1997): Place du Luxembourg und Gare Leopold
Photo: B. Bostelmann / (c) argum

Brüssel ist nicht nur die Hauptstadt Belgiens, sondern auch die Hauptstadt des flämischen Teilstaates, der französischen Gemeinschaft und der Region Brüssel sowie - wie dargelegt wurde - der Sitz wichtiger Institutionen der Europäischen Union, der NATO und der Westeuropäischen Union (WEU).

Autobahnen und ein Ringstraßensystem ermöglichen es den Pendlern, aus der Peripherie schnell in die Büros der Innenstadt zu gelangen. Wenn sie diese wieder verlassen, bleibt sie zum Teil verödet zurück.

Besucher der Brüsseler Altstadt können noch die langsam gewachsene historische Stadt sehen (siehe IV. 5). Im europäischen Regierungsviertel, zwischen Rondpoint Robert Schumann und Quartier Léopold, werden in die Wohnviertel große Breschen geschlagen für die Bauten des neuen europäischen Regierungsviertels. Das alte Quartier mußte zum Teil dem europäischen Parlament und Bürobauten weichen - für die Brüsseler Bürger ein schwer verständliches Vorgehen des Bauherrn, der Stadt Brüssel.

Stark wirkt sich die Anziehungskraft des neu entstehenden Zentrums aus. Durch die multinationalen Konzerne, die Botschaften, die Lobbyisten, die Vertreter der Medien usw. entsteht eine große Nachfrage nach Wohnraum und Bürogebäuden und damit eine Veränderung der Innenstadt. Die Folge ist eine Verteuerung der Mieten; dazu ein unbedachter Umgang mit historischer Bausubstanz. Spekulanten erwerben ganze Quartiers für den Abriß, um Bürohochhäuser zu bauen, die sich nicht mehr in das alte Stadtbild einordnen. Ermöglicht wird dies durch ein Denkmalschutzgesetz, das nur die Fassaden schützt, die dann Stein für Stein irgendwo am Stadtrand aufbewahrt werden.

»Brüsselisierung« wird dieser Vorgang genannt. Dadurch kommt es zu großen Wanderungsbewegungen in Brüssel. Die alteingesessenen Bürger verlassen die Innenstadt und ziehen in die übrigen achtzehn Stadtgemeinden. Ihren Platz nehmen zahlungskräftige Eurokraten ein und das Führungspersonal von Konzernen und Verbänden oder, an anderen Stellen, Einwanderer aus Nordafrika, die einfache Dienstleistungen ausüben.

Brüssel wurde als Sitz wichtiger Institutionen der Europäischen Gemeinschaft gewählt, weil es als einzige Stadt Europas - vergleichbarer Größenordnung - einen Wohnungsüberschuß aufwies und daher ursprünglich keine Störung der bestehenden Verhältnisse zu befürchten war.

Brüssel als europäische Hauptstadt - diese Wahl ist durchaus verständlich.

Es ist eine internationale, weltoffene, tolerante Stadt, geprägt durch ihre Geschichte: sie gehörte im Laufe der Zeit zu Burgund, Spanien, Österreich, Frankreich und den Niederlanden. Zweisprachigkeit kennzeichnet die Stadt (siehe oben Kapitel III). Alle Brüsseler, die in öffentlichen Institutionen arbeiten, müssen französisch und flämisch sprechen. Dieser Zwang hat zwar nicht zum Abbau der Spannungen geführt, aber den kulturellen Pluralismus und die Toleranz gefördert. Die Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit der Brüsseler ist so bekannt wie ihre Freude an Geselligkeit. Europa gegenüber ist ihre Haltung gespalten: einerseits schätzt man es, daß viel Geld nach Brüssel kommt und Arbeitsplätze geschaffen werden, andererseits sieht man die Verluste, die dieser Vorgang mit sich bringt.

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W. S. Kircher/nach DER SPIEGEL 8/1995 mit Ergänzungen



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