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Ausgabe 1/98: Flandern


Brüssel  früher und heute: eine Flämin erzählt


Als Flämin geboren in Groß-Brüssel, wie es damals während der deutschen Besatzung vor etwas mehr als fünfzig Jahren hieß, der Vater frisch von der Hochschule mit Zeugnissen in der Tasche - in französischer Sprache natürlich; die Mutter - nachdem sie als einzige Schülerin den flämischen Zweig eines staatlichen Gymnasiums absolviert hatte -, Sekretärin beim Belgischen Rundfunk, und auf meinem Personalausweis: belgische Staatsangehörigkeit. Es klingt sehr europäisch. In welcher Sprache würde man so jemanden ansprechen, damit er heimatliche Gefühle bekommt? Gar nicht so einfach. Denn das Gefühl, eine Stadt zu haben, wo man geboren und aufgewachsen ist und wo man zu Hause ist, wurde einem im Laufe eines Menschenlebens immer wieder verwehrt. Und trotzdem wirft man nostalgische Blicke auf die Zeit, in der man als Schülerin und Studentin durch die Stadt streifte und so manch eine gemütliche Ecke als vertraut betrachtete.

Mein allmorgendlicher Weg vom Nordbahnhof zur Straßenbahn auf dem kleinen Ring zeigte mir, daß nicht nur ich zu tun hatte. Die kleinen Gassen mit ihren zweistöckigen Häuserreihen, durch die mein Weg lief, beherbergten lauter Kneipen und Bordelle. Da mußte man aufpassen, um nicht auf Seifenwasser auszurutschen oder gar aus einer Tür einen Eimer davon über die Füße zu bekommen mit dem unvermeidlichen Gefluche hinterher im Brüsseler Dialekt - einem von der Struktur her niederländischen Dialekt mit französischen und niederländischen Wörtern, die man weder in Frankreich noch in den Niederlanden kennt. Die letzten Schritte gingen über die stinkende Zenne, das einst so romantische Flüßchen auf Brueghels Gemälden. Heutzutage läuft man nicht mehr zur Straßenbahn, da der Busbahnhof gleich neben und unter dem Nordbahnhof gebaut ist. Zweistöckige Häuser gibt es nicht mehr, nur hohe Bürogebäude mit international klingenden Schildern. Das 'Viertel' ist nach der anderen Seite des Bahnhofs umgezogen. Statt des Brüsseler Dialekts hört man Sprachen aus aller Welt. Weiter zum Zentrum hin lagen die großen Kaufhäuser. Stundenlang bin ich durch die Regalreihen gelaufen und hab mir die Augen aus dem Leib geguckt, bis ich eines Tages etwas kaufen wollte und auch konnte. Ich fragte in meiner Muttersprache, auf Flämisch. Ein mißachtender Blick und die Antwort 'Ich versteh dich nicht', auf Französisch, war die Folge. Es war nicht die letzte Demütigung, die man hier zu ertragen hatte.

Die Kaufhäuser sind noch da, renoviert und eines nach einem Brand wieder aufgebaut. Man braucht sich nicht mehr zu schämen, Flämisch zu sprechen.

Auf halben Weg zwischen der alten flämischen Unterstadt, mit dem schönen Marktplatz, dem Rathaus und den alten Zunfthäusern, und dem »kleinen Paris«, d. h. der Oberstadt mit ihren Bauten aus dem 19. Jahrhundert wie dem Königlichen Palast befindet sich der Zentralbahnhof. Neben dem Nord- und Südbahnhof spielt er nur eine untergeordnete Rolle. Für die Pendler, die jeden Morgen im Herzen von Brüssel ihre Arbeit anfangen müssen, konnte er nicht besser ausgedacht sein. Wie oft bin ich seine Marmorstufen hinuntergerast! Als ich letztes Jahr beim Besuch einer Tagung diese Marmorstufen wieder mal hinaufging, vermißte ich den Ausblick über die Altstadt. Im Vordergrund war alles zugebaut mit mehrstöckigen Hotels in pseudoaltem Stil - Übernachtungsmöglichkeiten für die vielen Europäer, die in dieser Stadt zu tun haben.

Weiter in Richtung Südbahnhof liegen die »Marollen«. Diese Gegend um 'den aa met' (= den alten Markt, den Flohmarkt) und 'Hoogstraat' (= Hohe Straße) besuchte ich in unterrichtsfreien Stunden und an Wochenenden des öfteren. Auch hier überwog der Brüsseler Dialekt. Man sagt dort: »E schuun mokske iet apart, da komt altaaid von ons Huugstroat!« (Ein schönes Mädchen, etwas Apartes, das kommt immer aus unserer Hohen Straße.)

Ein Freund der Familie war Seelsorger in diesem Viertel. Er hat uns lange Geschichten erzählt über das fahrende Volk, über die ersten italienischen und spanischen Gastarbeiterfamilien, die alle dort zu überleben versuchten. In einem damals populären Lied kommen das Milieu und die Sprachmischung deutlich zum Ausdruck:

 »En dikke sluuir,

die ging baa de pastuuir

vui ne kie good uir zonden af te legge.

Et bon voilà,

pastuuir a dit comme ça:

'Me kind ge moet alles aflegge'.

En wa zei ze den:

'Il a voulu chatouller mon stomac,

was me da ne vieze crack.

Dans ma chambretteke,

sur ma carpetteke,

il m´a dit: 'k zien aa geire'

 

(Eine dicke Schlampe ging zum Pfarrer, um mal ordentlich ihre Sünden zu beichten. Und hört, was der Pfarrer gesagt hat: 'Mein Kind, du sollst alles beichten'. Und da sagt sie: 'Da war einer, der wollte mir unter den Rock. Mir blieb die Spucke weg! In meinem Stübchen, auf meinem Teppich hat er gesagt: 'Ich seh dich gerne').

Der alte Markt war noch nicht voller Touristen und man konnte noch die Schraube kaufen, die gerade auf die Mutter paßte, die man schon jahrelang in der Handwerkskiste liegen hatte. Besonders begehrt waren alte Schallplatten mit Musik der Schwarzen aus Amerika, Schlagern aus Wien, südamerikanischer Volksmusik, aufgenommen in Holland und Frankreich, italienischen Opernarien von Belcantotenören gesungen, - alles Sachen, die man sonst nirgendwo fand. An einer Ecke war eine Kneipe, aus der - für uns Jugendliche - langweilig leiernde Musik kam, die immer gleich schien und nie aufhörte. Nur Männer waren dort versammelt, sie redeten nur miteinander und gingen scheu ein und aus. Heute haben sie auch ihre verschleierten Frauen dabei, und sie prägen das Bild in vielen Bezirken Brüssels.

So ist aus dem einstigen Gefühl, in der eigenen Hauptstadt nicht voll geachtet und akzeptiert zu sein, in anderer Weise ein Gefühl des Fremdseins geworden.



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