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Ausgabe 1/98: Flandern


Von Baden-Württemberg nach Brüssel:
Studieren in Flanderns Hauptstadt


Flanderns Hauptstadt? Die meisten französischsprachigen Brüsseler verdrehen bei dieser Bezeichnung die Augen, und die Ausländer wundern sich - dennoch, Brüssel ist die Hauptstadt Flanderns, und die flämische Regierung hat hier ihr Domizil.

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"Oude Markt" in Brüssel, 1965
Photo: Veerle De Leyn

1994 hatte ich beschlossen, etwas neues zu probieren und mein Hauptstudium in Wirtschaftswissenschaften hier durchzuführen - und zwar in beiden Sprach- und Kulturkreisen. Ein Spagat, ziemlich unüblich und von vielen verwundert aufgenommen. Die Idee war verlockend: studieren im Ausland - in zwei Fremdsprachen. Sollte es möglich sein, sich in zwei Kulturkreise gleichzeitig zu integrieren? Den größten Teil des Studiums absolviere ich an der »Vrije Universiteit Brussel« (VUB - die flämische freie Universität) - einer Enklave in Brüssel, das mittlerweile zu rund 85% französischsprachig ist. Welch ein Gegensatz: das Studium ist geprägt durch die niederländische Sprache - der Alltag draußen fast ausschließlich durch das Französische. Das war meine erste Erfahrung in der »zweisprachigen« Europastadt. Die erste Hürde an der VUB war die Genehmigung, an der französischsprachigen »Université Libre de Bruxelles« (ULB) Pflichtkurse zu besuchen und diese dafür an der VUB wegfallen zu lassen. Zu den Französischsprachigen? Hm ... erst nach langem Zögern durfte ich das tatsächlich. Obwohl die beiden Unis sich als »Schwesteruniversitäten« bezeichnen, ist es mit der Zusammenarbeit nicht immer zum besten bestellt.

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Martin Roll

Die VUB hatte sich nämlich in den sechziger Jahren von der ULB abgespalten. Allerdings: Bei anderen Studiengängen ist ein Austausch inzwischen vorgesehen. An der ULB merkte ich bald, daß dort einige Professoren dem Niederländischen und der VUB gegenüber recht überheblich eingestellt sind. »Kultur = französischsprachig«?? Das Studentenleben an den beiden Unis unterscheidet sich jedoch kaum, ist aber von Deutschland stark verschieden. Die meisten meiner flämischen Kommilitonen sind viel jünger als ich: Das Abitur gibt es im Prinzip nach 12 Jahren - auch wenn viele länger brauchen -, und da es keinen Wehr- oder Zivildienst gibt, haben manche mit 22 schon ihren Abschluß. Studentische Aktivitäten gibt's nur von Montag bis Donnerstag, da praktisch alle jedes Wochenende zu ihren Eltern fahren. Übrigens sind die flämischen Unis viel weniger multinational als die französischsprachigen und als Brüssel allgemein. In meiner Fakultät bin ich fast der einzige, der nicht aus Belgien oder den Niederlanden kommt. Interessant ist, daß immer mehr Frankophone auf Niederländisch studieren, da im Wirtschaftsleben die Berufschancen in Flandern viel besser sind. Ausländer findet man praktisch nur in speziellen, abgesonderten englischsprachigen Programmen. Das ist natürlich an der ULB ganz anders: Viele Studenten aus aller Welt studieren auf Französisch. Übrigens gibt es zwischen den flämischen und französischsprachigen Studenten praktisch keine Kontakte. Es kommt manchmal vor, daß ich als Ausländer schneller akzeptiert werde als ein Belgier aus der anderen Sprachgemeinschaft.

Außerhalb der Uni tauche ich in das »französische« Leben ein. Obwohl ich nach wie vor voll Begeisterung für die französische Kultur bin, fühle ich mich manchmal eher mit der flämischen Minderheit solidarisch. Überparteilich dazwischen stehen? Das geht auf Dauer kaum. Fast alle Ausländer ignorieren - schon mangels Sprachkenntnissen - die flämische Identität in Brüssel und leben nur mit Französisch. Auch heute noch wird in vielen Läden der Stadt kein Niederländisch gesprochen. Die Verwaltung ist offiziell zweisprachig: von wegen! Ich wollte mich als niederländischsprachig ins Ausländerregister eintragen lassen. Als ich den Ausländerausweis abholen wollte, war ich plötzlich amtlich frankophon geworden und wurde vor die Wahl gestellt, den französischen Ausweis mitzunehmen oder noch ein paar Wochen zu warten ... Bei Anrufen beim Umwelttelefon der Region Brüssel - einer offiziellen zweisprachigen Einrichtung - versteht die Beraterin kein Wort Niederländisch. Und so gibt es noch viele Beispiele. Witzigerweise werde ich von den Frankophonen meistens für einen Flamen gehalten: Kaum jemand fährt in Brüssel Fahrrad, und da passiert es mir regelmäßig, daß meinem Drahtesel von Kindern hinterhergerufen wird: »Ça va, le Flamand?« Man darf nun aber nicht denken, daß es hier ständig Reibereien zwischen den zwei Sprachgruppen gäbe. Der echte Brüsseler Dialekt vermischt französische und niederländische Elemente, und die beiden Gruppen leben in der Stadt ruhig nebeneinander her.

Auch nach einem Jahr in Brüssel finde ich es noch ungemein spannend, in dieser multikulturellen Stadt voller Gegensätze zu leben. Den Sprung von Baden-Württemberg hierher bereue ich nicht. Ich empfehle jedem, der Brüssel besucht, einmal genau darauf zu achten, wo noch Spuren der flämischen Kultur vorhanden sind.

Studium in Belgien

Belgien wird als »Land des Faktors 4« bezeichnet: Generell konkurrieren staatliche und private Universitäten miteinander, und beide existieren in einer niederländisch- und einer französischsprachigen Version. Die Folge: Ein Land von der Größe Baden-Württembergs leistet sich 19 Universitäten für rund 120 000 Studenten. Löwen als die größte Uni zählt 26 $00 Studenten, die Katholieke Universiteit Brussel als kleinste nur 680. Einige Hochschulen bieten lediglich die ersten beiden Studienjahre an. Bedingung für die Zulassung ist ein Diplom, das am Ende der Schulzeit ohne spezifische Prüfung vergeben wird. Einen Numerus clausus kennt Belgien nicht. Eine vergleichbare Funktion hat die rigorose Prüfung am Ende des ersten Studienjahres, bei der bis zu sechzig Prozent der Studenten scheitern. Smi

Eine weitere europäische Chance in Flandern zu studieren:

COLLEGE OF EUROPE
COLLEGE D`EUROPE

Dijver 11
B-8000 Brugge, Belgium
Tel: 32 (0)50 - 44 99 11
Fax: 32 (0)50 - 44 99 00
http://www.coleurop.be

Weitere Auskünfte:
Europäische Bewegung Deutschland

Europa-Zentrum
Postfach 1529, 53005 Bonn

 

Ein »Europäer« des 16. Jahrhunderts in Brüssel

E r a s m u s v o n R o t t e r d a m (1469-1536) lebte im Sommer und Herbst 1521 einige Monate in Anderlecht, in der Rue du Chapitre 31. In diesem sog. Erasmus-Haus kann man heute seinem Wirken und seiner »europäischen« Bedeutung nachspüren - ein empfehlenswertes Museum mit einem ausgezeichneten Katalog.

Erasmus hat wesentlichen Anteil am Humanismus, der die Identität »Europas« maßgeblich mitgeprägt hat. Zugleich war er nicht auf eine Region beschränkt, sondern verkörperte eine europäische Bewegung in der die antike Philosophie und der Geist des Evangeliums miteinander vereinigt werden sollten. Erasmus selbst war bereits »Europäer«. Er lebte und arbeitete in den Niederlanden, in Frankreich, in England, in Italien, in Freiburg im Breisgau und in Basel. Großen Einfluß hatten auch seine politischen Entwürfe, die er im Zusammenhang mit der Ablehnung der mittelalterlichen Vorstellung des »gerechten Krieges« entwickelt hat. Gegen das Macht- und Herrschaftsstreben einzelner, das die Gefahr des Krieges hervorruft, setzt er auf die Eintracht aller, die jeden Krieg verhindern soll, da der schlechteste Friede auch dem »gerechtesten« Krieg vorzuziehen sei. Der Humanismus hatte über die Aufwertung der Muttersprache zur Entwicklung des nationalen Bewußtseins beigetragen. Gegen diese neue Gefahr des Nationalismus setzt Erasmus auf das einigende Band des Christentums und fordert einen internationalen Gerichtshof, um die Konflikte gewaltfrei zu lösen. Daher lehnt er auch die entstehende Kreuzzugsstimmung gegen die Türken ab und setzt stattdessen auf Belehrung und auf die Vorbildfunktion der Christen. Der Staat solle für einen gerechten Ausgleich im wirtschaftlichen Bereich und für die Gleichheit der Bildungschancen sorgen. Nicht die erstrebte Gleichheit war für die Zeitgenossen das Anstößige, sondern die Zuweisung der Bildungsaufgabe zum Staat und nicht mehr - wie bisher - zur Kirche. Die vorsichtige Herauslösung der Erziehung aus dem religiösen Bereich machte aber eine zusätzliche Fundierung nötig. Erasmus fand sie im Humanismus, der zusammen mit dem richtig verstandenen Evangelium die Grundlage bilden sollte. Beide sind gemeinsames europäisches Erbe. Dabei verstanden sich die Humanisten als Gemeinschaft, die intensiv miteinander kommunizierte und - wenn möglich - sich besuchte und gemeinsam lebte. Diese Traditionslinien prägen noch heute das europäische Bewußtsein, auch wenn sich seither die Schwerpunkte verschoben haben. Um die Erinnerung hieran wachzuhalten, hat man eines der bekanntesten Austauschprogramme für Studenten in der EU nach Erasmus benannt. Es ermöglicht die finanzielle Unterstützung von Studenten, die nach dem Vordiplom oder nach der Zwischenprüfung für ein oder zwei Semester an einer ausländischen Universität studieren wollen.



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