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Ausgabe 1/98: Flandern


Die europäische Ausstrahlung


Dem musikbegeisterten Flandernfahrer fällt ein Reiseprospekt besonders ins Auge. Es ist der mit der Aufschrift »Festival van Vlaanderen«. Studieren wir beispielsweise den Prospekt aus dem Jahr 1994, so fragen wir uns: Welchen Anlaß haben Belgien und insbesondere die Städte Flanderns, ihren Besuchern ein so reichhaltiges Programm anzubieten? Einmal neugierig geworden, stellen wir fest, daß neben großen sinfonischen Konzertangeboten Chorkonzerte mit Werken alter Meister, Meistern der sogenannten niederländischen Schule (Epoche des 15. und 16. Jahrhunderts), auf dem Programm stehen. Die Chorkonzerte konzentrieren sich vor allem auf die flandrischen Städte Gent, Brügge und Antwerpen. Die häufige Wiederkehr des Namens Orlandus Lassus, dem allein die Stadt Antwerpen neun Aufführungen widmet, fällt besonders ins Auge. Anlaß ist der 500. Todestag des in der Renaissance als »Prinz der Musik« Gefeierten. Wir erinnern uns an gleichartige Veranstaltungen in München und an ausführliche Hinweise und Abhandlungen darüber in den Kulturspalten unserer Tageszeitungen.

Da war zu lesen von der hohen musikalischen Kultur in den reichen und wirtschaftlich blühenden Städten Flanderns im 15. und 16. Jahrhundert, von der niederländischen Vokalpolyphonie und davon, daß die Frankoflamen (französisch- und niederländisch-sprachige Komponisten der südlichen, 1830 Belgien vertraglich zugeteilten Niederlande) diesen Musikstil über Flandern hinaus an alle europäischen Höfe brachten. Sie wurden als begehrte »zangmesters« oder »phonasci« zu bedeutenden Kantoren und Lehrmeistern des Gregorianischen Chorals und der Polyphonie, der Lehre von der kontrapunktischen Setzweise der Chorstimmen. Die Beherrschung der bis dahin wenig gebräuchlichen tieferen Register hat schon den italienischen Poeten Foléngo fasziniert. Er schrieb bereits im Jahre 1516: sie, die flämischen Musiker, seien »vortrefflich in ihrer Kunst. Haben sie guten Wein getrunken, fangen sie zu singen an, mit vibrierender Stimme (gemeint ist hier nicht die Vibratoschwingung in der Stimme, sondern der voluminöse Stimmklang), die ihrer Kehle nur all zu leicht entschlüpft, wie sie überhaupt alle eine kräftige und robuste Brust besitzen (...). Es muß ein Flame sein, denn seine Gurgel ähnelt einer großen Orgelpfeife. Es bedeutet rein gar nichts für ihn, gamma-ut (traditionell die tiefste Note: das große G) zu erreichen, er kann gar noch viel tiefer singen, bis auf den tiefsten Boden des Kellers.«

Die Karte Flanderns aus dem Jahre 1547 gibt eine Übersicht über die Zentren der niederländischen, beziehungsweise frankoflämischen Vokalpolyphonie und darüber hinaus über das Wirken und die europäische Bedeutung einzelner Frankoflamen. Die bedeutendsten flämischen Komponisten haben also nicht selten ihre Wirkungsstätten in die Kunstmetropolen anderer Länder verlegt. Roland Lassus, Rolandus Lassus, Orlando di Lasso - dem letzten Namen gab er selbst den Vorzug - z. B. ging 1556, nach einigen Jahren in Italien, für immer als Tenorist und Leiter der bayerischen Hofkapelle nach München. Der Stil der Niederländer, der sich über zwei Jahrhunderte zu einer Höchstform der Mehrstimmigkeit entwickelte, wurde schließlich bestimmend für die mehrstimmige Musik des Barockzeitalters. Die weitere musikalische Entwicklung erfolgte zunächst in Italien und wurde dann von dort aus wieder in die Länder nördlich der Alpen getragen.

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