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Ausgabe 1/98: Flandern


Die Musik und ihre Bilder


Ein Besuch in Flandern mag uns zurückführen in die Blütezeit der Vokalpolyphonie. Die besuchten Städte bieten eine Vielzahl von Anschauungsmaterialien an, die in die burgundische und habsburgische Epoche verweisen. Sie geben uns vielfältige Anregungen, die musikalische Kultur des 15. und 16. Jahrhunderts auch anhand von Bildern zu erschließen.

Verschaffen wir uns zuvor einen zwangsläufig unvollständigen Überblick über Praxis und Funktion der instrumentalen und vokalen Musik und deren Entwicklung. Die weltliche Musik lag in den Händen von fahrenden, manchmal auch seßhaften Spielleuten, Vaganten (studierte, meist klerikale Verfasser von weltlichen Trink-, Spiel- und Liebesliedern) oder Jongleurs (Spaßmacher, Zauberkünstler und Musikanten). Sie sorgten für Tanz und Unterhaltung bei höfischen Festen, Kirchweihfesten und Jahrmärkten.

Eine andere Entwicklung, die für die Kunstmusik bestimmend wird, zeigt sich auf dem Gebiet der geistlichen Musik schon seit den frühen christlichen Jahrhunderten. Es gibt verschiedene Theorien, wann eine so zu bezeichnende »capella«, die sogenannte »Schola cantorum«, entstanden ist. Der Begriff Kapelle als Element feudaler Herrschaftsstruktur steht erstmals 1136 für die aus zwölf bis zwanzig Capellani bestehende Sängergruppe des Papstes Benedikt XII. in Avignon. Sie unterstanden dem obersten Geistlichen des Hofes (später auch des weltlichen Hofes) und unterwiesen - so wie sie es selbst gelernt hatten - meist noch zehn Kapellknaben. Die Fächer waren Gregorianik und Polyphonie (kunstvoller, mehrstimmiger Gesang), dazu die Aufgabengebiete der Verwaltung, Rechtssprechung und Diplomatie. Die burgundische Hofkapelle Philipps des Guten unter Gilles Binchois (1400-1460) zählte 17 Sänger; um 1500 umfaßte sie bereits 36 Sänger, in der Mehrzahl Niederländer. Die Aufgabe dieser Kapellen lag zunächst in der Gestaltung der kirchlichen Feiern, aber schon im 15. Jahrhundert kann man mehrstimmige weltliche Chansons (zunächst französischsprachig, in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in niederländischer Sprache) vernehmen. Die größeren Kirchen gründeten in Anlehnung an die Hofkapellen die sogenannten Kantoreien (in Flandern die Sängerschulen, in Frankreich die Maîtrises). Ihre Sänger waren geistliche und bürgerliche Berufsmusiker. Instrumentalisten und Trompeter (zu erkennen ist die Hervorhebung der Trompeter) wurden an den Höfen vom Sängerchor, der Capella, getrennt geführt und unterstanden auch anderen Hofämtern.

Die Orgel hatte sich schon früher in der kirchenmusikalischen Praxis etabliert, wurde jedoch nie durch die offizielle Amtskirche anerkannt oder bestätigt. Die frühesten Orgeltabulaturen (besondere Notationsform mittels Buchstaben, Zeichen und Zahlen) stammen aus dem 14. Jahrhundert. Ihnen folgten bald Tabulaturen für Laute und Harfe. Um 1600 gehörten alle bei Hofe angestellten Sänger und Instrumentalisten der Hofkapelle an.

Wir beginnen unsere Reise zur Musik und ihren Bildern in der Kirche »St. Bavo« in Gent und bestaunen den in der Kunstgeschichte einmaligen »Genter Altar« oder wie die Flamen sagen »Die Anbetung des Mystischen Lammes« (s. S. 27 u. 36 ff.). Haben wir bemerkt, daß die musica räumlich der Höhe der göttlichen Majestät zugeordnet ist? Sänger und Instrumentalisten sind dargestellt. Wie in sich gekehrt ist der Orgelspieler, wie kostbar sein Gewand ausgeführt! Alles dient dem Ausdruck verhaltener Feierlichkeit. Unvermittelt richtet sich das Augenmerk auf die »Königin der Instrumente«, auf die Orgel, ihre Geschichte und Baugeschichte. Erstmals als Geschenk des Kaisers von Byzanz an Pippin den Kleinen (757 n. Chr.) nach Mitteleuropa gebracht, wurde sie im 11. Jahrhundert vereinzelt in Klöstern, im 13. Jahrhundert in den großen Kathedralen eingebaut und erst »gegen Ende des 13. Jahrhunderts als einziges Instrument für den Gottesdienst zugelassen«.1 Auf dem Bild ist ein Orgelpositiv mit einem Manual und ohne Pedal zu sehen. Dieses Instrument ist eine Weiterentwicklung des sogenannten Portativs, das vor allem auch der weltlichen Musikpflege diente. Das 17. und 18. Jahrhundert sind als Hochblüte des Orgelbaus und der Orgelkunst anzusehen. Bernhard Ader (s. Anm. 1) spricht von »Orgellandschaften« mit charakteristischen Stilmerkmalen im Orgelbau und Orgeltypen mit landschaftlich bedingter, stärkerer Eigenprägung.

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Hubert und Jan van Eyck: Genter Altar (geöffnet und Ausschnitt), 1432, Eichenholz; Mittelteil (mit neuem Rahmen) H. 375 cm, B. 260 cm, Flügel (mit Originalrahmen H. 375 com, B. 130 cm, Genf, St. Bavo.
In: H. Th. Musper: Altniederländische Mlaerei, Verlag M. DuMont Schauberg, Köln 1968, Liznezausgabe für den Europäischen Buch- und Phonoclub, Reinhard Mohn, Stuttgart, S. 23

 

Für den Brabanter Orgelbau sind die Brüder Henrik und Herman Niehoff erwähnt. Sie waren in 's-Hertogenbosch ansässig und bauten bereits im 16. Jahrhundert im Rheinland (Köln) und im norddeutschen Raum (Hamburg und Lüneburg) große Orgeln in die Kirchen ein. Ursprünglich im Chorraum oder auf dem Lettner stehende Positive wurden jetzt ergänzt, nicht ersetzt durch große Orgeln, die im Kirchenschiff oder auf der Westempore aufgestellt wurden. Man beachte die große Orgel im nördlichen Querschiff von St. Bavo, die 1655/56 von den Orgelbauern Louis Bis und Pierre d'Estré aus Lille erbaut wurde. Damit konnte sich eine sogenannte »Alternatim-Praxis« herausbilden, ein Wechselspiel zwischen der meist einstimmigen Choralschola im Chorraum und der in polyphoner Mehrstimmigkeit musizierenden Orgel auf der Empore.

Ein Bild ganz anderer Art, dessen Original Jan van Eyck zugeschrieben wird, kann im Gegensatz zur Praxis sakralen Musizierens das Spiel weltlicher Musik verdeutlichen (Abb. S. 28).

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Fest am burgundischen Hof unter Herzog Philipp dem Guten (1419 - 1467). Das Original dieses Bildes (Kopie im Museum zu Versailles) wird auf 1430/31 datiert und Jan van Eyck zugeschrieben.
Aus: Besseler, Heinrich: Burgund. In: Blume, Friedrich: Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2. Kassel 1989, Tafel 17

Nach Auskunft des Stadtarchivars von Brügge, Herrn N. Geirnaert, dürfte es sich vermutlich um ein Bild handeln, auf dem der landschaftliche Hintergrund des jetzt nordfranzösischen Ortes Cassel (damals in Flandern) dargestellt ist. Die in Zweier- und Dreiergruppen im Vordergrund Tanzenden werden, im Hintergrund links, von einer capella alta, bestehend aus den lauten Instrumenten Trompete, Alt- und Tenorbomhart (Schalmeieninstrumente) begleitet.

Im Rathaus von Brügge besichtigen wir den Gotischen Saal, auch Schöffensaal genannt (s. Abb. S. 32 u.). Beim Verlassen des Saals fällt uns ein kleiner, beinahe quadratischer Balkon ins Auge. Dort müssen sie gestanden haben, die Musiker der Hofkapelle Philipps. Vielleicht waren es gar die drei unseres Bildes, die bei Empfängen die Ankunft dieser oder jener adligen Herrschaft ankündigten. Später waren es dann die in Gilden organisierten und sehr angesehenen Ratsmusiker der Stadt.

Noch einige Gedanken zur 1799 zerstörten Propsteikirche St. Donatian. In den seit 1385 geführten Archiven sind bedeutende Namen zu finden, darunter Jacob Obrecht und Jacques Clement (Clemens non Papa). Der Unterricht in der Sängerschule von St. Donatian umfaßte im 15. Jahrhundert »cantus gregorianus, simpelzank en ander musycke, discantus, mensura, musica perfracta, contrapunctum, moteta«2 - d. h. Gregorianischen Choral, einfachen Gesang und andere Musik, Setzen einer Oberstimme, Rhythmisieren einer Melodie, Schaffung eines durchbrochenen Satzes (Melodie wird in anderer Stimme weitergeführt, während die vorher melodieführende Stimme eine Gegenstimme erhält), die Lehre vom Kontrapunkt und das Setzen einer weiteren textierten Stimme, wobei die lateinische Hauptstimme durch eine zweite Stimme u. U. in flämischer Sprache interpretiert wird.

Hier war der Ort, an dem Obrechts Messen, Motetten und Chansons, in lateinischer und französischer Sprache komponiert, erklangen. Aber auch Bearbeitungen von Volksliedern (simpelzank) wurden musiziert. Das obige Notenbeispiel einer Motette Obrechts mag Aufschlüsse geben über die polyphone Setzweise der Zeit.

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Jacob Obrecht (c. 1430 - 1505) Motette "O vos omnes", dreistimmig
Vorlage: Schering Arnold: Geschichte der Musik in Beispielen. Breitkopf  Härtel, Leipzig/Wiesbaden 1931/1959, S. 49

Der Tenor (T.) wird nach zwei Takten vom Sopran (C.=Cantus) imitiert, während der Baß (B.) mit dem Wort »vos« den Grundton zur Vervollständigung des Schlußakkords beisteuert. In der Hinführung zum Schlußakkord (vor dem Doppelstrich) erkennen wir in Sopran und Tenor eine bewegtere Figur, die in parallelen Sexten geführt ist. Die »hohlen« Quart- und Quintklänge mittelalterlicher Schlußwendungen werden durch Sexten und Terzen zu vollerem Wohlklang aufgefüllt.

Mittelpunkt des Antwerpener Musiklebens war im 15. Jahrhundert die Liebfrauenkirche und ihre Sängerschule. Große zangmeesters hatten dort ihre Wirkungsstätte, darunter Johannes Ockeghem und Jacob Obrecht. Der erstere verließ die Stadt 1444; Obrecht versah seinen Dienst zwischen 1492 und 1504. Dazwischen amtierte Jacobus Barbireau, unter dessen Führung enge Beziehungen zu einer anderen, damals sehr bedeutenden Sängerschule, nämlich Cambrai (unter Dufay) bestanden. Lasso und Philipp de Monte arbeiteten zwischen 1554-1556 in Antwerpen. Die Liebfrauenkirche wird größtenteils wegen ihrer prunkvollen Ausstattung bewundert. Der Besucher kann sich heute kaum ein Bild machen von der einmal dort ansässigen Sängerschule. Es sei denn, er hat das Glück, Lassos Werke in einer Interpretation des Huelgas Ensembles unter der Leitung von Paul Van Nevel zu hören, Festivalpreisträger des Jahres 1994. In Antwerpen lockt jedoch vor allem das Museum der Schönen Künste mit seinen großen Werken bildender Kunst die Touristen an. Rubens, Jordaens, Ensor u. a. fesseln das Auge des Betrachters, aber auch Hans Memling, den im Zusammenhang mit Brügge (siehe unten Kapitel VI) nicht zu erwähnen beinahe einem Sakrileg gleichkommt.

Mit seinem Tryptichon für die Orgel der Benediktinerabtei im nordspanischen Najera (s. S. 29 u.) ist hier ein Kunstwerk ausgestellt, das dem Musiker eine umfassende Übersicht über das Instrumentarium der Renaissance liefert. Zur linken und rechten des Christkönigs musizieren jeweils fünf, während in der Mitte jeweils drei Engel neben ihm singen. Der rechte Flügel zeigt die Instrumente Busine (gerade Trompete), Trompete, Portativ, Harfe und Fiedel, der linke, Psalterium, Trumscheit, Laute, Trompete und Bomhart.

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Hans Memling. Tryptichon für die Orgel in Najera
Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen
Aus: Heinrich Besseler: die Musik des Mittelalters und der Renaissance. In: Bücken, Ernst: Handbuch der Musikwissenschaft, Potsdam, 1931. Tafel XV.

Doch was sind Musikpraktiker und Komponisten ohne Noten. Besuchen wir noch das Museum Plantin-Moretus. Dem Franzosen Christophe Plantin verdanken wir Musikdrucke, die wegen ihrer Schönheit berühmt und beim reichen Bürgertum beliebt waren.

Das reiche Bürgertum der Stadt war darauf bedacht, sich mit Kunstwerken zu umgeben; damit einher ging auch das steigende Interesse am Notendruck. Von der Mitte des 16. bis in das 17. Jahrhundert blühten in Antwerpen noch andere Offizinen (Buchdruckereien); ihrer fünf lösten in dieser Zeit einander ab oder bestanden nebeneinander her. Unter den Druckern befanden sich nicht selten auch Komponisten. Der Rheinländer Tielman Susato gehörte dazu, eine schillernde Persönlichkeit, die als Trompeter und Kalligraph in Diensten der Liebfrauenkirche stand und gleichzeitig beim Magistrat der Stadt als Spielmann angestellt war. Das Museum zeigt neben eigenen Drucken auch welche von Susato; andere Drucker wie H. de Laet und Phalesius & Bellerus sind ebenfalls vertreten. Bedarf es eines weiteren Beweises für den Kunstsinn der Bürger dieser Stadt? Nun, so bleibt noch zu erwähnen, daß der Instrumentenbau in Antwerpen durch die Familie Ruckers, einer berühmten Dynastie von Cembalobauern des 16./17. Jahrhunderts, zu einer für damalige Verhältnisse unübertroffenen Perfektion gelangt war. Zwei Instrumente von Hans und Andreas Ruckers gehören zu den schönsten Exponaten des Gruuthuse-Museums in Brügge.

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Aus: Gerard Janssen un Jan Gerits: Flandern. Artemis  Winkler, München 1992, S. 155. (c) Museum Plantin-Moretus, Antwerpen

Der Deckel des von Hans Ruckers 1591 gebauten, polygonalen Spinetts trägt die lateinische Inschrift: »Scientia non habet inimicum nisi ignorantem«. Diese moralisierende Devise (»die Wissenschaft hat keinen Feind außer den Unwissenden«) soll uns weiterhin Anreiz sein. Mögen die unterschiedlichen Gegenstände der Betrachtungen zur Musik der Renaissance in Flandern als Anregungen für weitere Nachforschungen dienen.

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Hans Ruckers. Epinette. Anvers 1591. 170.5x48x23,4. Inv. 0.68.XXVIII Musée Gruuthuse, Brügge
Aus: Vermeersch, Musique et sons, In: Museumspromenade 5, Brügge o.J., S. 8

 

Anmerkungen

1 Ader, Bernhard: Orgelkunde: in: Musch, Hans: Musik im Gottesdienst. Regensburg 1975, S. 332

2 van den Borren, Charles: Brügge, in: Blume, Friedrich: Musik in Geschichte und Gegenwart. Band 2, Kassel 1989, Sp. 38


 


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