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Ausgabe 1/98: Flandern


1. Brügge: eine mittelalterliche Welthandelsmetropole


Flandern empfiehlt sich als 'ein Land mit einer reichen historischen Vergangenheit, deren stolze Zeugen die großen Kunststädte Antwerpen, Brügge und Gent sind'. (Belgisches Verkehrsamt 1994).

Exemplarisch für die Darstellung des Themas sind:

  • das burgundische Brügge im 15. Jahrhundert
  • das spanisch-habsburgische Antwerpen des frühen 17. Jahrhunderts.
  • die ars nova der altniederländischen Malerei, wie sie sich im Werk Jan van Eycks und Hans Memlings zeigt, und dem weltberühmten Altar in Gent
  • das flämische Barock, kulminierend im Werk P. P. Rubens.

Drei Aspekte fallen auf:

  • Blühender Welthandel, selbstbewußte Bürger, politische Vormachtstellung wirkten im 15. Jahrhundert auf eine Kunst, deren neuer Realismus für die europäische Kunst vorbildhaft wurde. Sie wurde von Flandern nach Deutschland und Italien gebracht.
  • Durch Rubens kam die Kunst Italiens an der Wende zum 17. Jh. nach Flandern und entwickelte sich dort durch ihn zu unverwechselbarem flämischen Barock, das ins Europa nördlich der Alpen ausstrahlte.
  • Im ersten Freilichtmuseum für Bildhauerkunst in Middelheim/Antwerpen werden die Entwicklung der Plastik seit dem Ende des 19. Jh. und die integrative Funktion einer internationalen Kunst deutlich.

 

1. Brügge: eine mittelalterliche Welthandelsmetropole

»Im Zeitalter Jan van Eycks ... und Hans Memlings ... ist Brügge unbestreitbar eine der schönsten Städte der Welt«

Hippolyte Fierens-Gevaert, 1901

 

a) Gang durch die alte Stadt

Der Große Markt als Mittelpunkt des alten Brügge ist Ausgangspunkt für einen Stadtgang, war doch hier der Anfang der Stadt. An der heutigen Wollestraat und der Oude Burg genannten Straße lag der »Oude Steen«, die erste flämische Vogtei, bei der bald ein Handelsplatz entstand. Die Grafenburg wurde im 9. Jahrhundert jenseits der Reie angelegt. Der Ort Bryggia (Anlegeplatz) wuchs um die Salvatorkirche seit dem 11. Jahrhundert, der Grafensitz zog Siedler und Handelsleute an. Die Reie floß durch die Stadt von Süden her im Bogen bis zum van-Eyck-Platz und weiter nordöstlich in den Zwin genannten Meeresarm - gute Bedingung für das Handelszentrum. Von der Reie ausgehende Grachten - mit Wällen und Mauern Stadtbefestigung - dienten auch dem Transport.

Seit Ende des 12. Jahrhunderts betrieb eine selbständige Stadtverwaltung planmäßigen Ausbau und Vergrößerung der Stadt. Ein zweiter Grachtenring bezog als neuer Wasserweg umliegende Klöster mit ein. Im Laufe der Zeit bestimmten neben den Patriziern - Grundbesitzer und Handelsherren - die zu Gilden zusammengeschlossenen Handwerker die Stadtgeschichte.

Den Großen Markt beherrschen die Hallen: Lager- und Markthallen um einen rechteckigen Innenhof, im 13./14. Jahrhundert als Steinbauten errichtet. In äußeren Laubengängen gab es Läden und Verkaufsstände. Der 108 m hohe Belfried ist das Bauwerk selbstbewußter Bürger, Symbol für Reichtum, Machtanspruch und Freiheit des mittelalterlichen Brügge. Das gut gesicherte Archiv im zweiten Stock barg Stadturkunden und Freibriefe, Dokumente der Unabhängigkeit. Die Glocken des Turms riefen die Bürger zusammen, wenn vom Balkon über dem Eingang Gesetze und Verordnungen verkündet wurden. Der Belfried ist auch das Wahrzeichen für das Zentrum des damaligen Welthandels neben Ypern und Venedig. Die Schiffe der Hanse und der italienischen Handelshäuser gingen in Brügge vor Anker. Es war der Umschlagplatz für die englische Wolle, die in Flandern zu Tuch verarbeitet und exportiert wurde, des Salz- und Pelzhandels, durch die Italiener auch des Gewürzhandels. Bis 1787 stand an der Ostseite des Marktes anstelle von Provinzverwaltung und Post die 'Waterhalle' über der Reie; hier wurden die Schiffe entladen, Waren gestapelt und gehandelt. Von den Patrizierhäusern am Marktplatz gab es einige schon im 16. Jahrhundert. In der Kranenburg wurde 1488 Erzherzog Maximilian von den rebellierenden Bürgern einige Tage gefangengehalten. Von hier aus sahen Bürger und Adelige den Turnieren und Spektakeln auf dem Marktplatz zu.

Im 15. Jahrhundert erreichte Brügge seinen größten Wohlstand; Philipp der Gute hatte im Prinsenhof seine Hofhaltung, glänzende Feste wurden gefeiert. Es fanden Ritterturniere statt und die Festlichkeiten während der Hochzeiten Philipps mit Isabella von Portugal (1430) und Karl des Kühnen mit Margarete, der Schwester des englischen Königs (1468). Über den Prinsenhof zogen jährlich am Himmelfahrtstag die großen Heilig-Blut-Prozessionen mit der kostbaren Reliquie, einem »Blutstropfen Christi«.

Mit Wachstum und Organisation der Stadt bildeten sich - durch Straßen- und Grachtennamen noch kenntlich - einzelne Stadtviertel heraus: um Burg- und Marktplatz standen die prächtigen Häuser der Majores und der Zünfte, um St. Gillis und St. Salvator die einfachen der Handwerker. Nördlich des Großen Marktes war eines der wichtigsten Quartiere der Stadt mit Handelshäusern von vierunddreißig Nationen. Nahebei liegt an der Vlamingstraat der Kranplein. Hier gingen zu Schiff angereiste Besucher von Bord, hier wurden mit einem großen hölzernen Kran sperrige Güter entladen. Am heutigen van-Eyck-Plein mußten die Waren durch den Zoll. Das Zollhaus (1477) mit seinem Blendmaßwerk und der reich dekorierten Eingangshalle zeugt noch vom Wohlstand durch das Zollprivileg. Auch das benachbarte Zunfthaus der Lastträger, eines der schmalsten Häuser der Stadt, ist ein Schmuckstück. Schräg gegenüber steht das wiederaufgebaute Clubhaus der Poorters, wohlhabender Brügger Kaufleute, heute Staatsarchiv.

Nahe beim alten Woensdagsmarkt (Mittwochsmarkt) stand das Hansekontor, das Oosterlingenhuis (1442), das die Stadt den deutschen Kaufleuten gebaut hatte. Zwischen Vlamingstraat und St. Jakob hatten vor allem die Italiener ihre Handelshäuser. Man findet noch wenige Zeugen des damaligen Welthandels: die Faktorei der Genuesen an der Vlamingstraat, mit Verkaufsraum im Erdgeschoß und einem Festsaal hinter hohen Maßwerkfenstern (Ende 14. Jh.); schräg gegenüber das Handelshaus der Republik Florenz. Dieser Platz, an dem auch Venezianer und Katalanen ihre Kontore hatten, hieß schon auf einem Stadtplan des 16. Jahrhunderts 'Byrsa Brugensis' (Börse von Brügge). Vor dem Haus der Familie van der Beurze war der geschäftliche Treffpunkt der Kaufleute, die erste Börse. In Antwerpen, der Handelsnachfolgerin Brügges, gab es seit 1531 ein Börsengebäude.

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Blick vom Burgplatz zum Rathaus
Photo: Helmuth Kern

Schwerpunkt der Geschichte und administratives Zentrum war der Burgplatz mit Rathaus, Gerichten und Hauptkirche. Gegenüber der 1434 abgerissenen Grafenburg stand der Dom St. Donatian (Anf. 11. Jahrhundert), einer der ersten ziegelgedeckten Backsteinbauten Flanderns. Er wurde um 1800 auf Abbruch verkauft. Sein Grundriß ist heute durch helle Steine markiert. Das Rathaus (1375-1420) war mit drei schlanken Türmen und reichem Maßwerk, mit Figuren aus der Geschichte Flanderns und mit Wappen der flämischen Städte wie ein kostbarer Schrein geschmückt. Es wurde Vorbild für den flämischen spätgotischen Rathausbau. Die ursprünglichen Figuren hatte Jan van Eyck farbig gefaßt; sie gingen durch die französische Revolution verloren. Im ersten Geschoß liegt der Schöffensaal, Sitzungssaal des Magistrats, heute der 'gotische Saal' genannt. Das Spitzbogengewölbe aus Eichenholz wird von Darstellungen der vier Elemente und der zwölf Monate getragen, hängende Schlußsteine zeigen Szenen aus dem Marienleben.

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Rathaus: Der gotische Saal
In: Brügge, Verlag Thill S.A., Brüssel (photo: Thill)

b) Ruhmreiche Geschichte und ihre Akteure

Die ursprünglichen Wandgemälde wurden von 1895-1905 durch historisierende Malerei ersetzt. Großformatige Wandbilder schildern bedeutsame Ereignisse und Gestalten der Geschichte Brügges und Flanderns:

  • Die Stiftung der Hl.-Blut-Reliquie' durch den Kreuzfahrer und flämischen Grafen Dietrich von Elsaß (1150); in der Doppelkirche neben dem Rathaus beginnen noch heute die Prozessionen.
     
  • 'Die 1190 erlassene Verfassung' durch Philipp von Elsaß bedeutete weitgehende Selbständigkeit der Stadt. Dafür hat Brügge, wie die anderen flämischen Städte, immer wieder gekämpft.
     
  • 'Die Erneuerung des Privilegs' für die deutsche Hanse durch den Stadtrat bedeutete die Bindung des Nord- und Ostseehandels an die Hauptstadt der flämischen Hanse.
     
  • In der 'Goldenen Sporenschlacht' (1302) verteidigten die Truppen Flanderns, Adel, Patrizier, Handwerker und Bauern, ihre Freiheit gegen Frankreich. Die Volkshelden Breydel und de Coninck, die 7000 Weber und Fleischhauer in den siegreichen Kampf führten, sind auch auf dem Markt verewigt. An diesen Sieg knüpfte sich der Mitbestimmungsanspruch der niederen Stände.
     
  • Die 'Stiftung des Ordens vom Goldenen Vlies' (1430) erinnert an die Anwesenheit der Burgunderherzöge - wie die Gräber im Liebfrauenchor -, an die Zeiten höchsten Wohlstandes, als die Bürgerschaft an Prachtentfaltung mit dem Hof wetteiferte.

In anderen Bildern wird Brügge als Stadt der Künste und Wissenschaften dargestellt; in deren Domschule studierte Jacob van Maerlant, der das Flämische zur Literatursprache gemacht hatte und in der das Rathaus ein Kunstwerk wurde. Hier wurden die Bildenden Künste, vor allem die Malerei, gefördert: der 'Magistrat besucht Jan van Eyck im Atelier'; auf der Staffelei steht die 'Paelemadonna' (vgl. unten). In der Reihe berühmter Gestalten stehen mit Rittern, Bürgermeistern, Kaufleuten, Architekten, Kirchenmännern, Grafen und Fürsten die Maler Jan van Eyck und Hans Memling - gemalte, farbig gefaßte Statuen in der Höhe des Gewölbeansatzes.

Auf den Spuren der Kunst befinden wir uns im Quartier der Liebfrauenkirche. Vor deren mächtigem Schiff und stadtbeherrschendem Turm prangt mit Rundtürmen und Maßwerk der Palast der Familie Gruuthus. Ihr berühmtestes Mitglied war Lodewijk (Ludwig): Heerführer, Ritter und Kanzler des Ordens vom Goldenen Vlies, Berater der burgundischen Herzöge, Brautwerber Karls d. Kühnen in England, Gastgeber des englischen Königs und Mäzen der Künstler. Er konnte sich eine von seinem Haus aus betretbare Loge im Chorumgang der Kirche leisten, um ganz unmittelbar an den Messen teilzunehmen. Sein Palast ist heute Rahmen für eine Sammlung der Kulturgeschichte Flanderns.

 

c) Jan van Eyck in Brügge - Bilder als Spiegel der Wirklichkeit

Im nahen Groeninge-Museum finden sich zwei seiner wichtigsten Bilder.

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Jan van Eyck: Margareta van Eyck, Eichenholz, Originalrahmen, 41,2x34,6 cm, 1439
Brügge Groeningemuseum

Das einzige weibliche Porträt van Eycks ist das Bildnis seiner 33-jährigen Frau. Die Inschrift auf dem gemalten Schild des marmorierten originalen Rahmens bürgt gleichsam für die Authentizität der Dargestellten; sie sitzt wie hinter einem Fenster. Als Frau eines angesehenen, wohlhabenden Bürgers trägt sie ein pelzbesetztes Wollgewand und ein Spitzentuch, den sog. Krüseler, über der Hörnerhaube; selbstbewußt schaut sie auf den Betrachter. Es ist ein ganz privates Bild. Er porträtierte Margareta so echt und so lebendig wie möglich - 'so gut ich kann'. Zu diesem Bild hat es ein Gegenstück gegeben, ein Selbstbildnis Jans; beide Bilder wurden lange in der Kapelle der Brügger Malergilde (ehemals in der Zilverstraat) verwahrt.

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Jan van Eyck: Die Madonna des Kanonikus Paele, 1434 - 1436, Eichenholz, Originalrahmen, 140,8x176,5 cm
Brügge Groeningemuseum

Die 'Madonna des Kanonikus Paele' faszinierte nicht nur die Zeitgenossen, die sie in St. Donaas sahen. 1547 konnte die spanische Statthalterin Maria von Ungarn das Bild nicht in ihren Besitz bringen, weil die Domchorherren es ihr verweigerten. 1794 wurde es ins Musée Napoléon nach Paris gebracht und kam erst 1816 nach Brügge zurück. Der Chorherr Georg van der Paele (gest. 1443), Mitglied des Domkapitels und in jüngeren Jahren in der päpstlichen Kanzlei, war der Stifter dieses Altarbildes, bestätigt durch sein Wappen in den Ecken des gemalten Originalrahmens mit einer wie geschnitzt erscheinenden Inschrift. Was dieses Bild so begehrenswert machte, ist die bewundernswert genaue Schilderung aller Einzelheiten: des Umgangschores einer spätromanischen Kirche mit seinen marmornen Säulen, den gespornten Basen und den reich reliefierten Kapitellen; des Marienthrones anstelle des Altares mit skulpierten Wangen und der stofflichen Kennzeichnung von brokatenem Thronhimmel und wollenem Knüpfteppich. Auch die Schilderung der verschiedenen Stoffe der Gewänder mit ihrem Schmuck, der metallenen Rüstung als fast greifbare Realität - sie ist faszinierend. Zur Rechten Marias der Kirchenpatron und Märtyrer St. Donatian, erster Bischof von Reims im 4. Jahrhundert; seine Gebeine wurden 863 nach Brügge gebracht. Zu ihrer Linken der Ritter St. Georg, einer der vierzehn Nothelfer; als Namenspatron des Stifters empfiehlt er diesen der Madonna. Zwischen ihm und dem Thron kniet der alte und kranke Chorherr - der schon vom Gottesdienst befreit war - in seiner Individualität, deutliche Spuren des Alters an Kopf und Händen. Zum ersten Mal kniet der Stifter eines Altares an so wichtiger Stelle im Bild. Der Kontrast von Weiß und hellen Brauntönen zu den farbig höchst reichhaltig gestalteten Heiligen läßt ihn im Bild dominieren. Bemerkenswert ist der Kontrast dieser detailgenauen Wirklichkeitsschilderung und des Realitätsgrades der Szene. Die Augen des Paele blicken in die Ferne: Die Madonna des Kanonikus ist seine innere Schau von der Nähe der Gottesmutter und der Heiligen. Es ist, als habe der Maler Jan van Eyck das Gebet des Greises zum Bild werden lassen.

Auf dem oberen Rahmen der Tafel steht eine lateinische Inschrift, die Maria als Abglanz des göttlichen Lichtes preist. Dieses Licht ist gleichnishaft im Bilde: im Glänzen und Spiegeln der Perlen und Edelsteine, in der Spiegelung Mariens auf der Rüstung des Georg, im Licht, das auf der Szene liegt und die Schönheit der Dinge hervorhebt. Der Maler mag dieses Licht auch als die Erleuchtung gesehen haben, die von Gott gesandt ihn zu solcher Kunst befähigt.

 

Jan van Eyck

`Hier licht Mr. Joannes de Eijcke den aiderconstichsten meester van schilderijen die in dese Nederlanden gheweest heeft die starf anno 1441'

(*) Grabinschrift

(*) Hier liegt der Meister Jan van Eyck, der kunstfertigste Maler, den es je in den Niederlanden gab, der im Jahr 1441 starb.'

um 1390 geboren in Maaseyck

1422-24 Hofmaler bei Johann von Bayern, Graf von Holland; beteiligt an der Ausschmückung von dessen Schloß in Den Haag; nach dessen Tod

19. Mai 1425  Ernennung zum Hofmaler durch Herzog Philipp den Guten von Burgund mit dem Titel eines Kammerherren-und einem festen Jahres Behalt; behält dieses Amt bis zu seinem Tode bei; Übersiedelung an die Residenz des Herzogs in Lilie.

1425-1436 diplomatische Reisen im Auftrag des Herzogs nach Spanien; teilweise in geheimer Mission

um 1426 Beginn der Arbeit am-Genfer Altar

1428/29 als Brautwerber und Porträtist der Prinzessin Isabella an den portugiesischen Haf

ab 1430 Stadtmaler in Brügge

Aufträge reicher Bürger, Hofbeamter, Kleriker, inländischer und ausländischer Handelsherren; international gesuchter Porträtist

1432 Hauskauf in der Vorstadt St; Gillis: Nieuw Straat oder an der Gouden--Handreif Heirat; Zunftmeister der städtischen Malerzunft; Werkstattbesuch des Magistrats von Brügge

1433 Werkstattbesuch des Herzogs

1435 Auftrag für farbige Fassung der Fassadenstatuen des Rathauses in Brügge

Juni 1441 gestorben in Brügge; Beisetzung jedoch nicht ' in St. Gillis, sondern im Kreuzgang an St. Domas

1442 auf Betreibender Familie in das innere der Kirche (beim Taufstein) verlegt

um 1800 nach dem Abriß der Kirche ist das Grab verschwunden. Sein Werk umfaßt Porträts, Andachtsbilder, Altäre und Gebrauchskunst wie Wappenschilder und Festdekorationen.

 

d) Hans Memling - der Triumph der Malkunst

Das Sint-Janshospitaal diente seit dem 13. Jahrhundert der Pflege und Behandlung von Kranken und Gebrechlichen. Im hinteren Teil besteht das Frauenkloster noch heute; ein Teil des alten Krankensaales mit der Kapelle ist seit 1891 Museum u.a. für sechs Werke von Hans Memling.

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Hans Memling: Ursula-Schrein, vor 1498, Holz, vergoldet und bemalt, 87x33x91 cm, Memlingmuseum, Brügge; Photo: H. Maertens
Stirnseite: Ursula mit Jungfrauen
Langseite: Ankunft in Rom und Empfang durch Papst Syriakus; Einschiffung in Basel zur Rückreise; Märtyrertod in Köln

Der Maler, am 30. Januar 1465 im 'Poorterbook' der Stadt als Neubürger vermerkt, hat mehrere größere Werke gemalt, von Brüdern und Schwestern des Klosters gestiftet. Bemerkenswert ist der neue Schrein für die bedeutendste Reliquie des Hospitals, ein Kunstwerk aus Architektur, Bildschnitzerei und Malkunst: eine Miniaturkapelle aus Holz mit vergoldetem Maßwerk und emailhaft leuchtenden Bildern ringsum - Imitation eines Goldschmiedewerks. In diesen Schrein wurden am 21. Oktober 1489, ihrem Festtag, die Gebeine der Hl. Ursula aus einem kleinen älteren Schrein übertragen. Die Legende der Heiligen - sie gehört zu den Vierzehn Nothelfern - ist lebendig und bilderreich erzählt. An den Stirnseiten treten dem Beschauer aus illusionistisch gemalten Kirchenräumen die Madonna mit den Stifterinnen und Ursula mit ihren Jungfrauen entgegen. An den Längsseiten schildern sechs Prospekte hinter vergoldeten Arkaden die Reise der Jungfrau und ihrer Begleiterinnen über Köln und Basel nach Rom und wieder zurück nach Köln mit dem Martyrium durch die Hunnen. Einheitlich spielen alle Stationen vor Stadtbildern. In den Kölner Szenen schildert Memling die zeitgenössische Stadt, wie er sie kannte, mit ihren Kirchen und dem im Bau befindlichen Domchor. Die Malerei dieses Schreins war die Vollendung der Kunst van Eycks: die Malerei war durch ihren hohen Realitätsgrad die erste der Künste geworden.

Als der etwa 30jährige Hans Memling sich in Brügge niederließ, mußte er sich die Stadtbürgerschaft erkaufen. Gebürtig aus Seligenstadt (Main) hatte er wahrscheinlich bei Stefan Lochner in Köln gearbeitet und war eine Zeitlang Schüler oder Gehilfe bei Rogier van der Weyden in Brüssel. In der damaligen Welthandelsstadt Brügge hat sich Memlings Hoffnung auf gute Aufträge erfüllt. Um 1470/80 heiratete er eine Brügger Bürgerstochter und erwarb beträchtlichen Grundbesitz: drei zueinander gelegene Häuser zwischen der heutigen Jorisstraat und der Jan-Maraels-Straat; die große Werkstatt mit Gehilfen erforderte Raum. Nicht nur Brügger Bürger, sondern auch englische Lordschaften, Lübecker Kaufleute, italienische Bankiers schätzten seine Malkunst: die virtuose Darstellung und reichhaltige Schilderung in leuchtender Farbigkeit. Seine Altäre standen in Lübeck, Danzig und Florenz. Teile seiner Bilder wurden kopiert, Giovanni Bellini in Venedig und Raffael lernten von ihnen. Nach seinem Tode am 11. August 1494 bis ins 19. Jahrhundert hatte er viele Nachahmer.

 

e) Kunst als Handelsware

Im südlichen Seitenschiff der Liebfrauenkirche befindet sich die einzige Arbeit Michelangelos, die zu seinen Lebzeiten Italien, wenn auch heimlich, verlassen hat und auf einer Handelskogge 1506 über Lucca der Brügger Tuchhändlerfamilie Moscron zugestellt wurde, die sie 1514 ihrer Pfarrkirche stiftete. Sie stand dort in einem Renaissancealtar aus schwarzem Marmor, als Albrecht Dürer sie am 7. April 1521 bei seinem Besuch in Brügge sieht und in sein Tagebuch lapidar notiert: 'Darnach sahe ich das alawaser Marienbildt zu Unser Frauen, das Michel Angelo von Rohm gemacht hat'. Dürer, der sich sonst durchaus wertend über die besichtigten Arbeiten ausspricht, schweigt hier. Mag sein, daß er gesehen hat, daß Proportionen und Blickrichtung auf einen ganz anderen Standort bezogen und hier der Wirkung abträglich waren. Die sog. Brügger Madonna entstand kurz nach der weltberühmten Pieta von 1499 (Rom) und in der Zeit des David (Florenz).

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Michelangelo: Madonna mit Kind (sog. Brügger Madonna), um 1501, Marmor, Höhe mit Basis: 128 cm
Brügge, Onse LieveVrouw
In: Harald Keller: Michelangelo. Inselverlag, 1975, S. 41

1501 schloß Kardinal Francesco Piccolomini, der spätere Papst Pius III., mit Michelangelo einen Vertrag ab, der vorsah, für einen sehr hohen bereits vorhandenen Wandaltar Skulpturen zu schaffen. Für diesen dreigeschossigen Altar sollte in die bekrönende Nische in neun Meter Höhe eine Maria mit Kind. Offensichtlich gab es vom Auftraggeber, der Aktdarstellung des Kindes wegen, Einspruch, so daß die einzige Arbeit, die Michelangelo bei diesem Auftrag selbst ausführte, nicht genehm war.

In Florenz besaßen die Moscrons eine Handelsfiliale. Über den Bankier Giovanni Balducci knüpften sie Kontakte zu Michelangelo und boten ihm die große Summe von 100 Goldgulden; der Kauf kam zustande und die Madonna verließ Italien in einer Kiste: eine Handelsware.

 



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