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Ausgabe 1/98: Flandern


3. Antwerpen: eine europäische Stadt


a) Antwerpen vor und nach 1576

Zwinversandung, Verlegung der Handelskontore aus Brügge auf Veranlassung Maximilians und erweiterter Seehandel durch die Entdeckung Amerikas machten Antwerpen mit seinem geschützten Hafen im 16. Jahrhundert zu einer blühenden Handelsstadt. Hunderte von Schiffen entluden täglich französischen Wein, Getreide aus dem Ostseeraum, italienische Seide und Gewürze aus Asien. Mehr als tausend Handelshäuser exportierten von hier aus Bier, Tapisserien, Leinen, Geschirr und kostbare Gold- und Silberwaren. Antwerpen wurde einer der großen Geldmärkte Europas. Es war eine weltoffene Stadt, in der die Reformation Fuß faßte. 1576 wurde sie von den Spaniern verwüstet, es wurde geplündert, gemordet, ohne Unterschied von Arm und Reich, Kalvinisten oder Katholiken. Dazu kam die Scheldeblockade. Als Antwerpen zum Wirtschaftsstützpunkt für die spanischen Heere in den Niederlanden und durch einen Zoll an Holland die Schelde wieder passierbar wurde, setzte das kulturelle Leben langsam wieder ein. Die Zeit des Waffenstillstandes zwischen 1609 und 1621 wurde von den Zeitgenossen als Friedenszeit empfunden, danach flammte der Krieg Spaniens mit den Generalstaaten wieder auf. Dies war die große Zeit von Rubens' diplomatischen Reisen (siehe unten Zeittafel). Für die Statthalter der spanischen Krone war Rubens mit seinem diplomatischen Geschick vermutlich ein wertvoller Unterhändler, da er als Auftragnehmer, Künstler, Kunstsammler und an Fragen der Philosophie Interessierter viele und oft intensive Beziehungen zu wichtigen und einflußreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in ganz Europa hatte. Mit dem Tode seiner Gönnerin, der Erzherzogin Isabella, endet sein diplomatischer Einsatz auch aus äußeren und persönlichen Umständen. Unter dem neuen Statthalter Ferdinand tritt er bei dessen Einzug 1635 wieder als Künstler auf und wird zu dessen Hofmaler ernannt.

 

b) Peter Paul Rubens: Italien ist in Antwerpen

Der barocke Blick

Drei Meisterwerke krönen die reiche Ausstattung der Kathedrale Unsere Liebe Frau: 'Kreuzaufrichtung' (1610/ 11), 'Kreuzabnahme' (1612/14) - heute rechts und links der östlichen Querschiffwand aufgestellt - lenken den Blick auf den Hochaltar mit 'Mariä Himmelfahrt' (1626). Rubens schreibt 1621 in einem Brief an einen englischen Diplomaten: »Mein Talent ist so geartet, daß keine Unternehmung, sei sie auch noch so groß und mannigfaltig im Gegenstand, mein Selbstvertrauen jemals überstieg.« (Götz Eckart: P. P. Rubens, 1990, S. 5)

Die 'Kreuzabnahme' - ein Altar für die Kolveniers (Schützengilde)

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Peter Paul Rubens: Kreuzabnahme, 1611/1614, Öl auf Holz, 420x310 cm, Antwerpen, Onze Lieve Vrouwe-Kerk.
Photo: AKG Berlin

Dieses Tryptichon war von Anfang an für die Liebfrauenkirche bestimmt. Es war als Andachts- und Meditationsbild angelegt. 1610 beschließen die Kolveniers, ihren Gildealtar mit einem 'Nieuven Aultaer' auszustatten. 1585 hatte der spanische Feldherr Alexander Farnese bei der Wiedereroberung Antwerpens die Bedingung gestellt, daß die Altäre in den flämischen Kirchen wieder erneuert werden sollten. Bei der Vergabe des Auftrags spielte ein anderer Mäzen Rubens' eine große Rolle: der Dekan (Vorstand) der Kolveniers, Bürgermeister Nikolaas Rockox, »Rubens vriend encke patroon«. Rubens' Grundstück 1610 am Wapper (siehe unten) grenzte an das des Schützenhofes. Eine Korrektur der Grundstücksgrenze und der Bau der Grenzmauer auf Kosten der Kolveniers fielen in die Zeit der Auftragserteilung. Nach Fertigstellung des Altars wird Rubens zum Ehrenmitglied ernannt, ohne Gildeabgaben zahlen zu müssen.

In einer Schrift über die Passion Christi und deren lebenspraktische Bedeutung erklärte der führende Antwerpener Jesuit Carolus Scribanus die Kreuzabnahme als Beispiel der Freundschaft. Der Einsatz des reichen Joseph von Arimathia habe sie zusammen mit wenigen echten Freunden ermöglicht. Man könne sagen, wohlhabende, nicht durch Interessen gebundene Freunde würden sich in der Not am ehesten bewähren. Dieser lehrhafte Ansatz wird von Rubens ins Bild gesetzt: Christus wird still in gemeinsamem Handeln vom Kreuz genommen. Den Kolveniers, schon längst keine militärische Gruppe mehr, könnte Rubens so ein Gemeinschaftsideal dargestellt haben: den 'sensus communis'. Eineinhalb Jahre nach der Fertigstellung der Mitteltafel lieferte Rubens die Seitenflügel. Der geschlossene Altar zeigt den Hl. Christophorus, den Schutzheiligen der Kolveniers auf der einen, den in der Christophoruslegende der Legenda Aurea erwähnten Einsiedler auf der anderen Seite. Dieser leuchtete dem Riesen beim Durchqueren des nächtlichen Flusses.

Das Vorbild für den Christophorus ist der Farnesische Herkules - ein Zitat, das auf Rubens' humanistisches Weltbild verweist. Christophorus (Christusträger) konnte trotz gegenreformatischer Ablehnung der Heiligen auf Altären dargestellt werden, weil sein Name als Sinnbild für Maria und Simeon (Besuch Marias bei Elisabeth und Darbringung Jesu im Tempel) bezogen werden konnte, ebenso auf die bei der Kreuzabnahme Tragenden.

'Kreuzaufrichtung' und 'Kreuzabnahme' gehören zu den letzten Flügelaltären des 17. Jahrhunderts. Mit ihnen endet eine Entwicklung, die im Genter Altar zur ersten Blüte gelangt war.

Nach 1615 beginnt die Epoche der großen Barockaltäre in ihrer Verschmelzung von Plastik, Architektur und Malerei.

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Peter Paul Rubens: Selbstbildnis, 1629/30, Öl auf Holz, 62,2x45,1cm, Antwerpen, Rubenshaus. In: Götz Eckardt: Peter Paul Rubens, Henschel Verlag Kunst und Gesellschaft, Berlin, 1990, Abb. S. 11

 

Das Haus am Wapper

Das Rubenhaus ist das meistbesuchte Museum von Antwerpen; Rubens ist als historische Gestalt und als Künstler zur Legende, zum Symbol nationaler Vergangenheit - eine Art Kultfigur - geworden. Der Komplex mit seiner zum Wapper hin geschlossenen Fassade, drei Flügel um einen Innenhof, der sich durch eine Portikusarchitektur zum Garten hin öffnet, ist die Residenz eines barocken Malerfürsten, die Neugier weckt. Bis zur Eröffnung als Museum 1946 hatte es eine wechselvolle Geschichte erlebt.

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Jacques Harrewijn nach: J. van Croes: Blick in den Hof des Rubenshauses, 1684, Kupferstich, 28,5x35,1cm, In: Martin Warnke: Peter Paul Rubens, DuMont Buchverlag, Köln, 1977, S. 38, Abb.19
Photo und (c): Antwerpen Rubenshaus

Nach Rubens' Tod bewohnte es seine Frau Helène Fourment noch fünf Jahre; dann wurde es an einen aus England geflüchteten Lord vermietet, der hier eine Spanische Reitschule gründete. 1660 wurde es verkauft, zunächst an einen Antwerpener Kaufmann, später an einen Kanoniker und Kunstmäzen. Dieser ließ vom Haus zwei Stiche anfertigen, die wesentliche Hilfe bei der späteren Restaurierung waren. Sie hängen heute im Besuchszimmer. Im Laufe der Zeit wurde das Haus völlig verändert, das Atelier sogar grundlegend durch das Einziehen einer Zwischendecke. Im 19. Jahrhundert wurde es vollends zweigeteilt, seine Fassade wurde weiß verputzt. Als nach dem Wiener Kongreß 1815 die Kunstschätze aus Paris zurückkamen und mit ihnen viele seiner Bilder, wurde Rubens und sein Werk zum Symbol der Entwicklung flämischen Nationalbewußtseins. Es war die Zeit, in der Belgien sich als Staat konstituierte (siehe oben Kapitel II).

Den zweihundertsten Todestag des Malers feierte man mit großen Festen und der Aufstellung des Denkmals auf dem Groenplaats. Man rekonstruierte die Stadtausschmükkung beim Einzug des neuen Statthalters der Niederlande im Jahre 1635, deren künstlerischer Initiator Rubens gewesen war. Die Ölskizze eines Triumphbogens von Rubensmitarbeiter van Thulden im Kunstkabinett läßt die Inszenierung von antiker Mythologie und Gegenwart ahnen.

Nach seinem dreihundertsten Geburtstag (1877) begann die historische Erforschung des Malers; im Auftrag der Stadt entstand ein systematisches Verzeichnis der Rubenswerke als Grundlage wissenschaftlicher Arbeit. Die Stadt konnte das Haus des hohen Preises wegen nicht erwerben. Es entstanden Pläne zur Restaurierung, die vom Interesse einer breiten Öffentlichkeit getragen wurden. Auf der Brüsseler Weltausstellung 1910 präsentierte Antwerpen eine originalgroße Rekonstruktion aus Karton und bemaltem Putz und erntete überwältigenden Beifall. Zwar vereitelte der Erste Weltkrieg alle Pläne, und man verwarf das Brüsseler Modell; aber die Planungen wurden fortgesetzt, die Schenkung von 1 Million Franken durch Antwerpener Kunstfreunde wurde als Krönung des Rubensjahres 1927 betrachtet. Erst 1937 konnte das Haus erworben werden, und 1940 begann die spärlicher Quellen wegen mühsame und nicht immer geglückte Rekonstruktion. Nur das Wenigste des Inventars ist original, jedoch aus Rubens' Zeit. Anhand einer großen Zahl von Bildern und Plastiken wird Rubens über die Legende hinaus dargestellt.

1609 trat Rubens als Hofmaler in erzherzogliche Dienste mit der Bedingung, daß er in Antwerpen wohnen und auf eigene Rechnung arbeiten könne. Das Amt brachte ihm ein jährliches Gehalt und die Freistellung von Steuern, Gilde- und Milizabgaben. Am 3. Oktober heiratete er die Tochter des Stadtschreibers Brant. Der zwölfjährige Waffenstillstand mit den nördlichen Niederlanden versprach günstige Zeiten für den Künstler, dessen Atelier sich - auch durch seinen Geschäftssinn - zu einem florierenden Unternehmen entwickelte. Im November 1610 kaufte Rubens ein Backsteinhaus aus dem 16. Jahrhundert am Wapper und bezog es 1615 mit der Familie. Südlich des Hauses wurde das Atelierhaus angebaut, das durch einen Quertrakt am Wapper mit dem Wohnhaus verbunden wurde.

Mit seinem Atelierbau hat Rubens ein Stück Italien nach Antwerpen gebracht; er wollte damit die Architekturentwicklung anregen. Der Sandsteinbau mit vorspringendem Dach und großen, zum Teil giebelbekrönten Fenstern war zum Hof und Garten hin reich dekoriert: mit Büsten antiker Dichter und Szenen der griechischen Mythologie in Relieffeldern. Auch der säulen- und figurengeschmückte Portikus und der Gartenpavillon nach italienischem Vorbild entsprachen Rubens' humanistischer Bildung: acht Jahre Italien und eine sehr große Bibliothek, in der auch die Schriften des römischen Architekturhistorikers Vitruv (1. Jahrhundert v. Chr.) standen (die einzige aus der Antike erhaltene Darstellung der Baukunst); die Sammlung antiker Skulpturen hatte er in einem dem römischen Pantheon nachempfundenen Halbrundraum aufgestellt. Dieser gehörte zu einem Anbau an das Wohnhaus, der als Kunstkabinett die vielfältige Sammlung aufnahm: Münzen und Gemmen, Skulpturen von Zeitgenossen und Gebrauchsgegenstände etc. Bei seinem Tod umfaßte seine Bildersammlung 300 Gemälde, dazu Zeichnungen und Druckgrafik - eigene, von Mitarbeitern und von Zeitgenossen; dazu Bilder der italienischen Meister, von van Eyck, van der Goes, Brueghel d. Ä., Holbein und Dürer. Das Anwesen erregte Bewunderung, und es findet sich in zeitgenössischen Bildern. In den 40er Jahren entstanden einige Nachfolgebauten (z. B. Jordaenshaus).

Es war das Zeugnis von Rubens' Wohlstand und Ansehen. Das Statthalterpaar und der Kardinal-Infant, Maria de Medici und die Herzöge von Vendôme und Buckingham, Gelehrte, Politiker und die Großen der Zeit waren Besucher des Hauses. Hier wirkte Rubens als Maler und Zeichner, als Entwerfer für Teppichfolgen, Buchillustrationen und Festdekorationen, als Kunst- und Altertumsexperte, als Lehrmeister und Familienvater.

Die jetzige Bildersammlung des Museums vollzieht den Rubens'schen Wirkungskreis in vielfältiger Brechung nach - ein Unterschied zu allen Kunstmuseen.

 

c) Das Freilichtmuseum in Middelheim: Ein Zentrum europäischer Plastik der Moderne

1910 wurde der Park in Middelheim von der Stadt Antwerpen aufgekauft, um eine Parzellierung des Geländes zu verhindern. 1950 veranstaltete die Stadt Antwerpen hier die erste Ausstellung internationaler Bildhauerkunst. Zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland trugen zusammen mit einer hervorragenden Presse dazu bei, daß noch im selben Jahr hier ein Freilichtmuseum, das erste und damals einzige seiner Art, gegründet wurde. Es wurde zum Vorbild solcher Museen für Plastik in Europa.

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August Rodin (1840-1914): Balzac, 1892-97, Bronze, 182x65x59 cm
Photo: Erika und Helmuth Kern

Hans Arp (2887-1966): Schalenbaum, 1947-54, Bronze, 100x46x46 cm
Photo: Erika und Helmuth Kern

Aufgabe und Ziel war von Anfang an, eine Übersicht über die internationale moderne Plastik zu geben. Sie beginnt beim Werk Rodins und reicht bis in die unmittelbare Gegenwart. Heute sind zwei durch eine Straße getrennt Teile zu besichtigen.

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Jesus Rafael Soto (1923): Doppelte Progression grün weiß, 1969, bemaltes Metall, 249x589x504 cm
Photo: Erika und Helmuth Kern

Per Kirkeby (1938): ohne Titel, 1993, Ziegelstein, 500x1500x900 cm
Photo: Erika und Helmuth Kern

Der ältere von der klassischen Moderne bis in die 80er Jahre befindet sich nördlich der Straße. Im südlichen Teil, der 1993 anläßlich 'Antwerpen Kulturhauptstadt Europas' eröffnet wurde, ist aktuelle Plastik der 90er Jahre zu sehen. Insgesamt läßt sich in einem längeren Spaziergang der Spannungsbogen von Rodins Balzac, einem von seinen Zeitgenossen abgelehnten Werk, bis hin zu Per Kirkebys Architekturplastik des Jahres 1993 erleben: von der Suche nach dem inneren Ausdruck des Menschen zur grenzüberschreitenden Architekturplastik, in der Positionen europäischer Geschichte zum ästhetischen Erlebnis werden. Ein Pavillon im älteren Teil bietet in Sonderausstellungen einzelne Künstler und den Bestand an Kleinplastik.

 

Literaturhinweise

Gerhard Janssen und Jan Gerits: Flandern. Artemis und Winkler, München/Zürich 1992

Helmut Domke: Flandern. Prestel, München 1964

Martin Warnke: Peter Paul Rubens. DuMont, Köln 1977

Hans Belting, Christiane Kruse: Die Erfindung des Gemäldes - das erste Jahrhundert der niederländischen Malerei. Hirmer, München 1994



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