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Ausgabe 1/98: Flandern


Ein schlauer Fuchs von europäischem Format:
Reineke kam aus Flandern


Geschossen, erschlagen, vergiftet: In vielen Ländern Europas wird der Fuchs rücksichtslos verfolgt. Sein Überleben ist immerhin literarisch gesichert:

Im Juni 1995 versammelten sich hochrangige deutsche Richter zu Ehren des Fuchses in der Heidelberger Universitätsbibliothek: Das Bundesverfassungsgericht besichtigte dort die schöne Ausstellung »Die unheilige Weltbibel: Reineke Fuchs in Dichtung und Bildender Kunst Europas«; denn beim literarischen Fuchs geht es ja unter anderem um Probleme der Rechtsprechung.

Eine der literarisch interessantesten Fassungen des Stoffes ist im mittelalterlichen Flandern entstanden, und von hier aus hat sich die Fuchs-Geschichte im späten Mittelalter in halb Europa ausgebreitet und später noch weiter, z. B. in Goethes Fassung, der seiner Dichtung den Beinamen »Die unheilige Weltbibel« gab. Heute ist der mittelalterliche Erzählstoff in über vierzig Sprachen verbreitet.

Die wichtigste Handschrift des mittelniederländischen Versepos liegt übrigens in der Stuttgarter Landesbibliothek, in der sog. »Comburger Sammelhandschrift«, die 1989 auf der Comburg bei Schwäbisch Hall in der Ausstellung zu deren 900-jährigen Bestehen zu sehen war. Anschließend hat ein flämischer Verlag eine Faksimile-Ausgabe der Geschichte »Van den vos Reynaerde« nach der Comburger Handschrift herausgebracht. Die zweitwichtigste Handschrift befindet sich auch in Deutschland: in der Universitätsbibliothek Münster. Und von einer späteren Fassung des Stoffes, »Reynaert de Vos«, gedruckt 1564 in Antwerpen, liegt das einzige erhaltene Exemplar in der Freiburger Universitätsbibliothek. Der »Reynaert« (Schreibung ae für langes a) verknüpft also Flandern mit Südwestdeutschland sowie mit der deutschen und europäischen Literaturgeschichte und darf somit in einem Flandern-Heft der vorliegenden Reihe nicht fehlen.

Vorgeschichte

Der Fabel-Stoff vom schlauen Fuchs kam im Altertum aus Indien über Persien nach Europa. Schon bei Aesop (Griechenland, 6. Jh. v. Chr.) sind Fuchs, Wolf und König Löwe in einer Fabel miteinander verknüpft, und schon hier spielt der Fuchs dem Wolf übel mit. In Flandern entstand um die Mitte des 12. Jahrhunderts das lateinisch geschriebene Tierepos »Ysengrimus«: Hier kommen zur Aesopischen Tradition weitere Elemente hinzu, z. B. der königliche Hof- und Gerichtstag und der zeitkritisch-satirische Charakter des Textes. Wohl im letzten Viertel desselben Jahrhunderts entstand dann in Nordfrankreich der altfranzösische Roman »Roman de Renart«: Die Anklage gegen den Fuchs rückt in den Mittelpunkt. Der Elsässer Heinrich bearbeitet den Stoff (vermutlich schon vor 1200) zu einem politischen »Schlüsselroman« gegen die Stauferherrschaft: »Reinhart Fuchs«. Ein literarisches Weiterwirken dieses (nur in Bruchstücken erhaltenen) Textes ist nicht nachzuweisen.

»Van den vos Reynaerde«

In Flandern dagegen fand der Stoff eine neue literarische Bearbeitung, die weiterwirken sollte: das Versepos »Van den vos Reynaerde«, verschiedenen historischen Indizien nach wohl etwa zwischen 1180 und 1270 entstanden. Der Dichter nennt sich im Prolog »Willem« und stammt vielleicht aus der Gegend von Gent. (Das Gebiet nördlich von Gent spielt in der Geschichte eine Rolle.) Er kannte wohl außer dem »Roman de Renart« auch den »Ysengrimus« und die Aesop-Fabeln. Willems Werk stellt die älteste und literarisch wichtigste niederländische Fassung des Stoffes dar, und eine ganze Reihe ihrer Handlungselemente kommen auch in den meisten späteren Fassungen in derselben Reihenfolge vor: Anklage gegen den Fuchs auf dem Hoftag König Nobels, dreimalige Vorladung, sein Erscheinen und seine »Verteidigung« (Schatz-Lüge), »Bestrafung« der Barone (sowie ihre spätere Rehabilitierung), »Pilgerreise«, Überlistung des Widders und schließliche Achterklärung gegen Reynaert.

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Reinaertland (Nordostflandern)"Der Schauplatz der HAndlung" Quelle: "Inleiding" (Dr. M. Gysseling) zu: VAn den vos Reynaerde. Hertaald door KArel Jonckheere; Manteau, Brüssel 1978, S. 27

Dargestellt wird bei Willem eine verkehrte Welt: Durch seine bösen Streiche entlarvt der Fuchs vorgegebenes ritterliches Ethos als Egoismus und pure Anmaßung; Machtstreben und Verlogenheit bestimmen das Verhalten der höfischen Standespersonen, und die Mächtigen fallen schließlich ihrer eigenen Dummheit zum Opfer. Die sprachliche Raffinesse der ironischen Darstellung dieser verkehrten Welt fängt bei der anspielungsreichen Namengebung an und geht über entlarvende sprachliche Unangemessenheit oder »Versprecher« der handelnden Personen bis zu kleinen Zweideutigkeiten bei der Beschreibung des Handlungsverlaufs (Beispiele dazu bei Arendt und Berteloot/ Worm, s. Literaturhinweise). Willem hatte offenbar ein gebildetes Publikum (wohl eher Zuhörer als Leser), wie es damals in den flämischen Städten lebte und welches die Anspielungen auch verstand, also Adel, Geistlichkeit und gehobenes Bürgertum. Über »Küchenlatein« kann z. B. nur jemand lachen, der weiß, welche kirchenlateinische Formel damit persifliert wird.

Verkehrte Welt

Als konkretes Beispiel soll die erste der Pfarrer-Szenen beschrieben werden (die vermutlich noch am Pfingsttag spielt): Wie bei der zweiten (sehr viel derberen) Priester-Begegnung handelt es sich um den (unzölibatären) »papen« eines Dorfes, der mit »Frau Jülocke« und den gemeinsamen Kindern im Pfarrhaus lebt. In der Nähe des Dorfs sitzt durch eine sadistische List Reynaerts der Bär in der Klemme, und die Dorfbewohner machen sich mit Dreschflegel, Rechen und anderem Arbeitsgerät auf, um ihn zu erschlagen:

Selue die pape van der kerke

Brochte eenen cruus staf

Die hem de coster noede gaf

Die coster drouch eene vane

Mede te stekene ende te slane

Des papen wijf vrauwe iulocke

Quam gheloepen met haren rocke

Daer so omme hadde ghesponnen

(V. 726-733)

Es handelt sich um eine Art Prozessions-Parodie: Der Pfarrer mit dem Vortragekreuz (dieser »cruus staf« ist metrisch hervorgehoben: zwei Hebungen), dann der Küster mit einer Kirchenfahne, »um damit zu stechen und zu schlagen«; ihnen folgt »des Pastors Weib, die ehrbare Jülocke« mit ihrem Spinnrocken (Übersetzungen nach Berteloot/ Worm): Alle sind also (wie auch die Bauern) mit standestypischen Gerätschaften »ausgerüstet«. Im folgenden wird die Prozessions-Situation noch einmal aus der bangen Perspektive des Bären beschrieben: Hinter dem »ehrwürdigen Priester« und dem Küster mit der Fahne naht »das ganze Kirchspiel«. Etwas später heißt es: »Der Pfarrer ließ das Vortragekreuz zur Erbauung in dichten Schlägen niedergehen, und der Küster mit der Fahne ging ihn gewaltig an« (= den Bären): Die unwürdige Zweckentfremdung wird also deutlich ironisiert.

Außer der Prozessions-Situation wird zugleich die ritterliche Welt persifliert: Der Bettschatz des Dorf-Priesters (und die Mutter seiner Kinder) wird als »vrauwe« bezeichnet, wie die adelige Dame der ritterlichen Minne-Tradition; im weiteren Verlauf der Szene wird die angeblich hohe Abkunft der Bauern gerühmt, die aber sogleich wieder durch anzügliche Namen ironisiert wird (z. B. V. 803 »Frau Ogerne«, deren Name ihre Bereitschaft zu amourösen Abenteuern zum Ausdruck bringt. Oh, gerne!); und der bäuerliche Waffengang ist auch eine Kreuzzugs-Parodie.

Nun folgt in der Handlung die überraschende Wendung: Bei dem Gerangel fallen ein paar »alte Weiber« in den Fluß, darunter die Lebensgefährtin des Priesters. Nachdem dieser soeben noch als Kreuz-»Ritter« den bösen Feind bzw. das Untier bekämpft hat, springt er nun zurück in sein geistliches Amt, welches er zugleich wieder pervertiert. Er fordert seine »edle Gemeinde« zur Rettungsaktion auf: »Wer ihr helfen kann, dem gebe ich Jahr und Tag volle Vergebung und Ablaß von allen sündhaften Taten.« Diese Wendung von der verkehrten Welt in die noch verkehrtere rettet dem schwerverletzten Bären das Leben.

Die europäische Dimension

Von Flandern aus hat sich, wie gesagt, das Tierepos vom Fuchs weiter ausgebreitet: »Reinaerts Historie« (um 1370) ist eine moralisierende Umarbeitung und Fortsetzung. Eine Prosa-Bearbeitung davon wird 1479 in Gouda gedruckt. Der erste englische Drucker und Verleger William Caxton veröffentlicht 1481 eine englische Übersetzung hiervon, womit eine eigenständige englische Tradition des Stoffes beginnt.

In Antwerpen wird 1487- 1490 die ursprüngliche Versform von »Reinaerts Historie« mit Holzschnitt-Illustrationen gedruckt. In Anlehnung an diese Ausgabe erscheint 1498 in Lübeck der erste niederdeutsche Druck: »Reynke de vos«. 1539 kommt in Rostock eine bearbeitete Fassung davon heraus (mit protestantischen Zwischenkommentaren statt der katholischen): Dieser Text wird dann in viele andere Sprachen übersetzt, z. B. ins Dänische, Isländische und Schwedische. Im 17. Jahrhundert entstehen barocke Bearbeitungen, die später die Grundlage für viele Volksbuchfassungen des Stoffs bilden.

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Holzschnitt aus "Reynke de vos", Druck Lübeck 1498 Quelle: Hubertus Menke: (Begleitheft) Zur Ausstellung "Die unheilige Weltbibel", Universitätsbibliothek Heidelberg 1995

Auf den ersten Lübecker Druck von 1498 geht auch Johann Christoph Gottscheds hochdeutsche Übertragung von 1752 zurück, die wiederum zur Vorlage für Goethes »Reineke Fuchs« von 1794 wurde: »Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten / Feld und Wald ...« - Schon in Willems »Reynaert« setzt die Handlung fast mit den gleichen Worten ein!

Während das mittelniederländische Versepos unter anderem eine Satire auf den Ritterroman ist, knüpft Goethe an zwei andere literarische Traditionen an: zum einen an den Schelmenroman, wie er sich in der Barockzeit entwickelt hat, zum anderen, vor allem durch die klassischen Hexameter, an das antike Heldenepos.

Im Gegensatz zu den meisten spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fassungen moralisiert Goethe aber nicht mehr - und ist damit wieder viel näher am ironisch-vieldeutigen flämischen »Reynaert«. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß Goethes Text auch heutige Grafiker immer wieder reizt; oder daß der Rezitator Lutz Görner, der ein feines Gespür für die brandheiße Aktualität von »Klassikern« hat, vor ein paar Jahren mit Goethes »Unheiliger Weltbibel« vor sein Publikum trat: leibhaftig, wie wohl weiland der flämische Dichter des Reynaert. Auch der literarische Fuchs hat also, wie sein Vetter draußen in der Feldflur, eine erstaunliche Überlebenskraft bewiesen.

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Eine Ausstellung der Niederländischen Abteilung des Instituts für Übersetzen und Dolmetschen der Ruprecht-Karl-Universität Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Niderdeutschen und Niederländischen Abteilung des Germanistischen Seminars der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

 

Literaturhinweise

Van den vos Reynaerde / Reinart Fuchs. Mittelniederländischer Text und deutsche Übertragung. Hrsg. und übersetzt von Amand Berteloot und Heinz-Lothar Worm. - Marburg: Elwert, 1982.

Arendt, Gerhard-H.: Die satirische Struktur des mittelniederländischen Tierepos »VAN DEN VOS REYNAERDE«. - Diss. Köln 1965.

Menke, Hubertus: Zur Ausstellung »DIE UNHEILIGE WELTBIBEL«. Reineke Fuchs in Dichtung und Bildender Kunst Europas. - Begleitheft zu der Ausstellung in der Universitätsbibliothek Heidelberg im Sommer 1995 (in Zusammenarbeit mit der Universität Kiel).

Van den Vos Reynaerde: het Comburgse handschrift. Davidsfonds, Leuven 1991. - Faksimile, diplomatische Transkription und Kommentare.

 



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