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Ausgabe 1/98: Flandern


Flandern literarisch: Goethes und Schillers Egmont


»In der Geschichte ist Egmont kein großer Charakter, er ist es auch in dem Trauerspiele nicht« (Schiller)

Für Goethe ist Egmont die Verkörperung eines »echten Niederländers«. Für Schiller ist er »ein Held, aber auch ganz nur ein flämischer Held, ein Held des sechzehnten Jahrhunderts«.

Goethe konzipiert als 26jähriger Sturm-und-Drang-Dichter 1775 die ersten Szenen seines Dramas und vollendet »dieses lang vertrödelte Stück« (12.12.1781) erst zwölf Jahre später während seiner Italienischen Reise in den römischen Gärten der Villa Borghese. »Heute, kann ich sagen, ist 'Egmont' fertig geworden«, notiert er am 1. September 1787. Um sich die Hauptpersonen und Ereignisse des niederländischen Freiheitskampfes, jenes »Wendepunktes der Staatengeschichte«, lebendig zu machen, studiert er die »gar trefflichen Schilderungen« des Jesuitenpaters Famianus Strada, der in seinem lateinisch geschriebenen Werk »Der belgische Krieg« (1632) die Geschehnisse aus spanischer Sicht darstellt. Aus protestantischer Perspektive informiert ihn die 1597 veröffentlichte »Eigentliche und vollkommene historische Beschreibung des Niederländischen Kriegs« von Emanuel van Meteren. In seiner poetischen Gestaltung aber weicht Goethe erheblich von der historischen Realität ab, denn »der Dichter muß wissen, welche Wirkungen er hervorbringen will«. »Hätte ich den Egmont so machen wollen, wie ihn die Geschichte meldet«, meint er in einem späteren Gespräch (31. 1. 1827), »als Vater von einem Dutzend Kindern, so würde sein leichtsinniges Handeln sehr absurd erschienen sein. Ich mußte also einen andern Egmont haben ...«. Er fühlt sich von Egmonts »menschlich ritterlicher Größe« besonders beeindruckt: »Die persönliche Tapferkeit, die den Helden auszeichnet, ist die Basis, auf der sein ganzes Wesen ruht. Er kennt keine Gefahr, und verblendet sich über die größte, die sich ihm nähert.« Egmont ist für Goethe Repräsentant der niederländisch-freizügigen Lebensart, mehr Statthalter des Volkes als des spanischen Königs, der für die Beibehaltung der alten ständischen Rechte in den Provinzen eintritt.

Schon vor der Französischen Revolution gilt für Goethe jene Skepsis, mit der er später (4. 1. 1824) rückblickend seine Ablehnung aller revolutionären Veränderungen begründet. Zeitlebens ist er überzeugt, »daß irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung ... Ist aber ein wirkliches Bedürfnis zu einer großen Reform in einem Volke vorhanden, so ist Gott mit ihm und sie gelingt.« Gleich am Anfang des »wunderbaren Stücks« wird Egmonts erstes Auftreten im 2. Akt in »episch Shakespearescher szenischer Vielfalt« (Dieter Borchmeyer) vorbereitet. Die Bürger Brüssels bekräftigen ihre ablehnende Haltung gegenüber der Politik Philipps II.: »Er ist kein Herr für uns Niederländer ... Er hat kein Gemüt gegen uns Niederländer, sein Herz ist dem Volke nicht geneigt, er liebt uns nicht.« Egmont dagegen hat für sie »gar so nichts Spanisches«. Sie feiern ihn, »weil man ihm ansieht, daß er uns wohlwill; weil ihm die Fröhlichkeit, das freie Leben, die gute Meinung aus den Augen sieht.« Er erscheint ihnen als der Garant für »Sicherheit und Ruhe! Ordnung und Freiheit!« Vor allem in den Volksszenen des Dramas gestaltet Goethe diese niederländisch-flämische Lebensart, als deren Protagonist Egmont sich zeigt und die für seinen Autor Vorbild für das Wirken des Herzogs Carl August in Sachsen-Weimar sein könnte. Zwischen den ersten Entwürfen und der Vollendung des Trauerspiels liegen Goethes Erfahrungen mit seiner »vermannigfaltigten Tätigkeit« während der ersten zehn Weimarer Jahre in fast allen Ressorts der Staatsverwaltung. Im Frühjahr 1788 teilt Carl August seine politischen Einwände gegen »Egmont«, die nicht überliefert sind, Goethe nach Italien mit. Man will sie nach Rückkehr des Dichters mündlich in Weimar besprechen. Wahrscheinlich beanstandete der Herzog vor allem, daß Egmont »sein ganzes Leben gleichsam wachend geträumt« habe (Goethe), und befürchtete eine Diskreditierung des regierenden Adels durch die Darstellung der repressiven Politik des Herzogs von Alba. In seinem Antwortbrief vom 28. März 1788 zeigt Goethe, der sich »keinen gefährlicheren Leser für das Stück« denken kann, schon im voraus Verständnis für die herzoglichen Bedenken: »Wer selbst auf dem Punkte der Existenz steht um welchen der Dichter sich spielend dreht, dem können die Gaukeleien der Poesie ... weder genug tun, weil er es besser weiß, noch können sie ihn ergötzen, weil er zu nah steht und es vor seinem Auge kein Ganzes wird.«

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Titelvignette von S., Bd. 5. Im Kerker erscheint dem schlafenden Egmont die Freiheit in der Gestalt Klärchens (vgl. S. 549f.); Stich von Chr. G. Geyser nach A.F. Oeser.
Aus: Johann Wolfgang Goethe: Dramen 1776-1790. Dt. Klassiker Verlag. Frankfurt/M. 1998. Abbildungen nach S. 1280

Eine nicht zu übersehende Parallele zum Abfall der spanischen Niederlande im 16. Jahrhundert bilden für Goethe die revolutionären Ereignisse der Jahre 1787/88 in den Österreichischen Niederlanden infolge der rigorosen Reformpolitik Josephs II. Sie machen sein Drama im Gewand des geschichtlichen Schauspiels zu einem »Zeitstück von geradezu brennender Aktualität« (Dieter Borchmeyer): »Sonderbar ist's, daß sie eben jetzt in Brüssel die Szene spielen, wie ich sie vor zwölf Jahren aufschrieb ... Um mir selbst meinen 'Egmont' interessant zu machen, fing der römische Kaiser mit den Brabantern Händel an« (9. 7. 1787; 10. 1. 1788). So wird der Konflikt Egmonts zum Konflikt seines Autors. Im Mittelpunkt des »fatalen vierten Akts« steht der grundsätzliche politische Disput zwischen dem konservativen, freiheitsliebenden Reformer Graf Egmont und dem vom Kaiser gesandten absolutistischen »Oberstatthalter« Herzog von Alba. In der Realisierung der beiden Charaktere hat Goethe bewußt auf eine Schwarz-Weiß-Zeichnung verzichtet und in die Argumentationsweise der beiden Kontrahenten einiges von seinen ernüchternden politischen Erfahrungen am Weimarer Hof einfließen lassen: »Der König hat nach tiefer Überlegung gesehen, was dem Volke frommt; es kann nicht gehen und bleiben wie bisher ... Gehorsam fordre ich von dem Volke ...«. Egmont, von dem Margarete von Parma, Tochter Karls V. und Regentin der Niederlande, einmal sagt, er trage »das Haupt so hoch, als wenn die Hand der Majestät nicht über ihm schwebte«, kennt im Gegensatz zum »fremden« Alba seine Landsleute: »Es sind Männer, wert, Gottes Boden zu betreten; ein jeder rund für sich, ein kleiner König; fest, rührig, fähig, treu, an alten Sitten hangend ... Zu drücken sind sie; nicht zu unterdrücken.« Goethes Sympathien liegen auf Seiten der Niederländer, wenn diese auch politisch uneins und zu gemeinsamem Handeln unfähig sind. Egmont zählt für ihn, wie Napoleon, Lord Byron oder auch Herzog Carl August, zu den »dämonischen« geschichtlichen Figuren, die durch Verstand und Vernunft allein nicht begriffen werden können. Deshalb erscheint auch in der Schlußapotheose des Dramas dem im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartenden und schlafenden Prinzen von Gavre die »Freiheit in himmlischem Gewande«, personifiziert in seiner Geliebten Klärchen, einem »Niederländischen Mädchen« (Schiller), das ihm im Tod vorangegangen ist. Sie erkennt »ihn als Sieger und reicht ihm einen Lorbeerkranz«. Die Bühnenmusik Ludwig van Beethovens (op. 84/1810) hat den von Schiller als »witzigen Einfall« kritisierten »Salto mortale in eine Opernwelt« zu einem »schönen Bild« des Triumphes im Freiheitskampf der Niederländer stilisiert.

Der Historograph Schiller beschreibt im Ersten Buch seiner »Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung« (1788) in einer Parallelbiographie mit Wilhelm von Oranien die Bedeutung von Lamoral Graf von Egmont und Prinzen von Gavre (1522- 1568): »Beide hatte ein glänzender Rang zunächst an den Thron gestellt, und wenn das Auge des Monarchen zuerst unter den Würdigsten suchte, so mußte es notwendig auf einen dieser beiden fallen.« Im historischen Egmont sieht er vor allem den Ritter des Goldenen Vlieses (1546) und den Sieger in den Schlachten gegen die Franzosen bei St. Quentin und Gravelingen (1557/58); denn »der flämische Stolz machte sich ... mit dem herrlichen Sohne des Landes groß, der ganz Europa mit seiner Bewunderung erfüllte«. Wilhelm von Oranien habe die Welt gesehen, »wie sie wirklich war«. Egmont dagegen »in dem magischen Spiegel einer verschönernden Phantasie«. Philipp II. konnte nach Schillers Meinung in den Niederlanden keinen Statthalter dulden, den seine Herkunft »von geldrischen Herzogen« zu einem »gebornen Feinde des spanischen Hauses« machte. Wilhelm der Erste, Prinz von Oranien aus dem deutschen Fürstenhause Nassau, war »ein Bürger der Welt, Egmont ist nie mehr als ein Fläminger gewesen.«

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Denkmal der Grafen Egmont und Hoorn. Charles Fraikin: Denkmal der Grafen Egmont und Hoorn (1864), ursprünglich für den Brüsseler Marktplatz konzipiert, heute auf der Place du Petit-Sablon
Photo: Jeannette Wollny

In einer Rezension des Goetheschen »Egmont« im September 1788 lobt Schiller das »schöne historische Denkmal«, das Goethe in den Volksszenen des Stückes vermittelt: »Wir sehen hier nicht bloß den gemeinen Haufen, der sich überall gleich ist, wir erkennen darin den Niederländer, und zwar den Niederländer dieses und keines andern Jahrhunderts; in diesem unterscheiden wir noch den Brüssler, den Holländer, den Friesen, und selbst unter diesem noch den Wohlhabenden und den Bettler, den Zimmermeister und den Schneider.« Eine Verfälschung der »historischen Wahrheit« aber sieht Schiller in Goethes Darstellung der Titelfigur und deren Lebensumständen: »Durch seine schöne Humanität, nicht durch Außerordentlichkeit, soll dieser Charakter uns rühren ...«. Egmont zeichne sich, um »groß« genannt zu werden, zu wenig durch Taten aus: »prächtig und etwas Prahler, sinnlich und verliebt, ein fröhliches Weltkind«. Zwar habe er Ehrgeiz und strebe »nach einem großen Ziele«. Aber das halte ihn nicht davon ab, »jede Blume aufzulesen, die er auf seinem Wege findet, hindert ihn nicht des Nachts zu seinem Liebchen zu schleichen, das kostet ihm keine schlaflosen Nächte«. Noch der fast achtzigjährige Goethe hat im Januar 1827 seinen Egmont verteidigt: »Kein Dichter hat je die historischen Charaktere gekannt, die er darstellte ... Ich mußte also einen andern Egmont haben, wie er besser mit seinen Handlungen und meinen dichterischen Absichten in Harmonie stände; und dies ist, wie Klärchen sagt, m e i n Egmont.«



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