Zeitschrift

Polen in Europa





Vorwort

 

 


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Inhalt

 

»Liegt Polen noch in Europa?« fragte der Titel eines Bändchens, das in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Arbeiteraufstand in Posen (1956) und dem damit verbundenen Umbruch in Polen erschien. Die Frage war berechtigt: Europa war durch den »Eisernen Vorhang« geteilt, Polen lag im unmittelbaren Machtbereich der Sowjetunion. Die Frage war aber nicht nur geopolitisch und machtpolitisch gemeint. Heute - nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der beginnenden Osterweiterung der Europäischen Union - gilt in besonderem Maße, was Karl Dedecius, der frühere Leiter des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, behauptete: »Was in Polen geschieht, geht uns unmittelbar an«. Aus Unkenntnis unseres Nachbarlandes, seiner Bevölkerung und Geschichte seien uns Deutschen schwer gutzumachende Nachteile erwachsen, wie überhaupt Fehleinschätzungen von Völkern fatale historische Folgen hätten.

Kenntnisse über Polen, seine in den europäischen Kontext eingebettete Geschichte und Kultur sind bei uns weniger entwickelt als die über unseren westlichen Nachbarn Frankreich. Vorurteile und Klischees herrschen vielfach vor, das Verständnis gegenüber unserem östlichen Nachbarland leidet darunter. In Abwandlung eines Wortes von Friedrich Sieburg: »Was hegen wir für Frankreich? ... Alles, nur keine Gleichgültigkeit«, sollte diese Überlegung auch für Polen gelten. Nichts wäre fataler als eine gleichgültige Haltung gegenüber diesem Land und seinen Menschen; nichts nachlässiger als die Reduktion unserer Kenntnisse auf einige wenige Schulbuchausschnitte wie die polnischen Teilungen und den Überfall und die Zerschlagung Polens im Zweiten Weltkrieg.

Deshalb will dieses Heft erinnern an geschichtliche und kulturelle Leistungen Polens in Vergangenheit und Gegenwart mit Blick auf europäische Zusammenhänge. Geschehen soll dies in einer Zeit, da die EU mit Polen und fünf weiteren Staaten Beitrittsverhandlungen führt. Die endgültige europäische Integration der polnischen Nation ist in Sicht, tausend Jahre nachdem sich die mittelalterlichen und neuzeitlichen Konturen der europäischen Geschichte herauszubilden begannen. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes Polens Ende der Achtzigerjahre dauerte es knapp zehn Jahre, bis im November 1998 in Brüssel die Beitrittsverhandlungen beginnen konnten. Diese für Ost- und Mitteleuropa bahnbrechenden Entwicklungen werden in den Beiträgen »Polens Integration in Europa« behandelt. Wir können die historischen europäischen Leistungen Polens und seiner Bevölkerung im vorliegenden Heft nur an wenigen ausgewählten Beispielen betrachten und dürfen den Blick nicht nur von West nach Ost wenden. Teilweise in Zusammenarbeit mit einem polnischen Historiker wurden Themen gewählt, die dem polnischen Verständnis der europäischen Verbundenheit entsprechen. »Polen in Europa« - das umfasst aber auch Polen in einem von der NS-Diktatur terrorisierten Europa, wie im Beitrag »Grenzüberschreitung: Briefe aus dem Warschauer Ghetto (1941/42)« bewegend zu lesen ist.

Ein letzter Themenblock befasst sich mit dem weniger bekannten Polen anhand von Beispielen aus Kunst, Musik und Literatur.

Alle Kapitel enthalten entweder in die Autorenerläuterungen integrierte oder als Extrablock präsentierte Materialien für den Unterricht. Sie sollen dazu anregen, dort und bei speziellen fächerverbindenden Projekten sowie mit Schul- und Städtepartnerschaften sich unserem Nachbarn ebenso zu widmen wie dies bereits mit Frankreich geschieht. Denn Polen hat in seinem Selbstverständnis Europa nie verlassen, vielmehr »zur Vergrößerung Europas und zur Vereinigung Deutschlands« wesentlich beigetragen (Wladyslaw Bartoszewski 1998 in Stuttgart).

Siegfried Schiele

Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

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