Zeitschrift

Polen in Europa





Einführung

 

 


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Inhalt


»Auch uns nennt man im Westen den Osten, und im Osten den Westen« (Stanislaw Jerzy Lec)

Seit der Wende 1989/90 und den Bestrebungen Polens, der Europäischen Union beizutreten, wird oft von der ›Rückkehr‹ Polens nach Europa gesprochen. In Polen hört man diese Formel nicht gern - denn: »wir waren immer in Europa und haben für Europa gekämpft«.1 Damit wird auf einen wichtigen Bestandteil des nationalen Selbstverständnisses der Polen angespielt, auf ihre Zugehörigkeit zum christlichen Abendland seit der Begegnung Kaiser Ottos III. mit dem polnischen König Bolesaw Chrobry in Gnesen im Jahr 1000. Polen hat sich jahrhundertelang als ›Vorposten Europas‹ begriffen, als Verteidiger der europäischen Zivilisation gegen die ›asiatische Barbarei‹, wie es im Aufruf zum polnischen Aufstand 1863 wörtlich heißt. Im historischen Langzeitgedächtnis des polnischen Volkes ist die Rolle seines Königs Jan Sobieski bei der Verteidigung Europas gegen die Türken 1683 ebenso gegenwärtig wie es die polnischen Aufstände im 19. Jahrhundert sind, die als Beitrag zum gesamteuropäischen Kampf für Freiheit und Demokratie begriffen werden.

Von der Adelsrepublik über die Teilungszeit bis in die Gegenwart lassen sich enge kulturelle Beziehungen zwischen Polen und Europa nachweisen. Der Prozeß wechselseitigen Gebens und Nehmens gilt für Literatur und Musik, bildende Kunst und Wissenschaft gleichermaßen.

Viele Polen lebten - freiwillig oder gezwungenermaßen - im europäischen Ausland: als Studenten oder Emigranten, als Künstler oder Schriftsteller, als Saisonarbeiter oder als Restaurateure beim Wiederaufbau alter Gebäude. Polnische Intellektuelle spielten in der Bürgerrechtsbewegung der 70er und 80er Jahre eine wichtige Rolle. Sie bereiteten den Loslösungsprozess der heutigen Reformstaaten Polen, Tschechien und Ungarn aus dem kommunistischen Ostblock vor und machten ihre Zugehörigkeit zum westlichen Europa bewußt. Es ging ihnen um die Grundwerte einer ›civil society‹ (nämlich Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft und Demokratie), welche in der Volksrepublik mißachtet wurden und auch in der ersten Republik zwischen den Weltkriegen kaum Fuß fassen konnten.

Polen ist nicht mehr eingekeilt zwischen zwei mächtigen Nachbarn (Preußen/Deutschland und Rußland), es verfügt über anerkannte und sichere Grenzen und entdeckt seine Brückenfunktion zwischen Ost und West wieder neu.

In der gegenwärtigen Diskussion um den Beitritt Polens zur NATO und EU kann sich die polnische Führung auf eine breite Zustimmung der Bevölkerung berufen, obwohl die Kenntnisse um die europäische Integration im einzelnen gering sind und die öffentliche Diskussion kaum begonnen hat. Die meisten Polen versprechen sich von Europa mehr Sicherheit und Wohlstand sowie eine Absicherung des demokratischen Weges.

Den im Juli 1997 im Grundsatz beschlossenen Beitritt Polens zur NATO bewertet Adam Michnik, ein führender Oppositioneller zur Zeit des Kommunismus, so:2 »Dieser Tag ist der wichtigste seit drei Jahrhunderten in der Geschichte Polens. Denn das Schicksal hat unser Land in den zurückliegenden Jahren nicht eben verwöhnt. Polen war allein unter Feinden und wurde immer wieder unterworfen: Teilungen, Annexionen und Okkupationen. Heute ist das anders. Heute haben wir die größte aller Chancen, das polnische Schicksal in den Strukturen der euroatlantischen Zivilisation zu verankern.«

Mit diesen Stichworten wird angedeutet, womit sich das vorliegende Heft befasst und warum es den Titel ›Polen in Europa‹ trägt. Im ersten Teil des Heftes wird Polens Integration in Europa behandelt. Kein Land des ehemaligen Ostblocks hat sich seit der Ablösung des kommunistischen Regimes so verändert wie Polen, was nicht zuletzt dadurch deutlich wird, daß im ehemaligen Zentralkomitee der Polnischen Arbeiterpartei heute die Börse ihren Sitz hat. Durch die Mitgliedschaft in der NATO wird Polen in die transatlantische Gemeinschaft aufgenommen, die wichtigere europäische Brücke wird aber erst mit den Beitrittsverhandlungen zur EU geschlagen. Obwohl sich Polens Wirtschaft insgesamt gut entwickelt und hohe Zuwachsraten aufweist, wird der Beitritt Polens zur EU in der europäischen Öffentlichkeit als soziales Risiko und finanzielle Belastung wahrgenommen, weniger als politische Chance und Notwendigkeit für die europäische Stabilität.

Aus den polnischen Parlaments- und Senatswahlen im September 1997 ging das Wahlbündnis »Solidarität«, ein christlich-bürgerliches Sammelbecken, als Sieger hervor. Es hat mit der alten Protestbewegung Solidarność zwischen 1980 und 1990 nur noch wenig gemeinsam, deren Rolle für den Umbruch in Polen und Osteuropa nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Ohne die Solidarność wäre die ›Revolution des Bewußtseins‹ (T. G. Ash) nicht in Gang gekommen und der Weg nach Europa nicht beschritten worden.

Bei allem Verständnis für die Bemühungen, Polens Zugehörigkeit zur europäischen Tradition ins Bewußtsein zu rufen, darf die andere Seite des europäisch-polnischen Verhältnisses nicht übergangen werden. Seit den polnischen Teilungen am Ende des 18. Jahrhunderts läßt sich eine Traditionslinie verfolgen, welche auf Abwertung und Ausgrenzung des polnischen Nachbarn gerichtet war und zum Verschwinden des polnischen Staats geführt hat. »Polen - das ist Nirgendwo« konnte man noch um die Jahrhundertwende hören, womit ausgedrückt werden sollte, daß es an seinem Schicksal selbst schuld war, weil es sich im europäischen Staatensystem als zu schwach erwiesen habe, wie der Historiker Heinrich von Sybel bemerkte.

Im Zweiten Weltkrieg ging es um die Existenz des polnischen Volkes, neben die politische und kulturelle Zerstörung Polens trat die millionenfache Versklavung und Vernichtung seiner Bewohner. Dieser Aspekt wird hier exemplarisch am Beispiel der Stadt Warschau und dem Warschauer Ghetto behandelt. Erst kürzlich aufgetauchte Briefe eines polnischen Juden an seinen ehemaligen deutschen Arbeitgeber aus dem Warschauer Ghetto zeichnen ein eindrucksvolles Bild von den damaligen Verhältnissen, die so der heutigen Schülergeneration verständlich gemacht werden können.

In diesem historischen Teil, dem zweiten Teil des Heftes, werden Polens übernationale, gewissermaßen gesamteuropäische Verdienste an den Beispielen vorgestellt, die in der Erinnerungskultur des heutigen Polen lebendig sind. Außer dem schon erwähnten Jan Sobieski wird der polnische Freiheitsheld Kociuszko (1747-1817) behandelt, der sowohl im Unabhängigkeitskampf der Polen als auch in Nordamerika eine wichtige Rolle spielte.

Vielfach unbekannt ist die Tatsache, daß die polnische Verfassung vom Mai 1791 das zweite neuzeitliche Verfassungsdokument nach dem amerikanischen aus dem Jahr 1787 war. Es handelt sich um die erste geschriebene Verfassung Europas (vor der französischen Verfassung vom September 1791), die in ihrer Mischung aus modernen (westlichen) Elementen und altpolnisch- ständischen Traditionen den Reformwillen der Adelsrepublik bezeugt, aber zugleich auch ihren Niedergang beschleunigt hat. Vor allem auf Betreiben der russischen Zarin sollte die »französische Pest« in Polen schnell ausgelöscht werden, so daß diese Verfassung keine Wirkung entfalten konnte.

Die Polenbegeisterung nach dem (gescheiterten) polnischen Aufstand von 1830/31 war ein gesamteuropäisches Phänomen, sie hat besonders in Deutschland mit über 1000 Polengedichten und -liedern ihren Niederschlag gefunden. Eine Auswahl davon rundet die Fallanalyse des Polenaufstands ab.

Der dritte Teil des Heftes befaßt sich mit dem weniger bekannten Polen anhand ausgewählter Beispiele aus Bildender Kunst, Musik und Literatur.

Der marxistische Philosoph und Schriftsteller Leszek Kolakowski schrieb 1956 in einer Glosse »Was ist Sozialismus?«: »Ein Staat, dessen Bürger die größten Werke der zeitgenössischen Literatur nicht lesen dürfen, die größten Werke der zeitgenössischen Malerei nicht sehen dürfen und die größten Werke der zeitgenössischen Musik nicht hören dürfen...«. Zumindest nach dem Tauwetter 1956 traf dies in Polen nur noch teilweise zu. Polens Impulse für die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts, vor allem für die europäische Avantgarde, werden an Strzemiƒski und Kobro erläutert. Abakanowicz, Lenica und Kruk vertreten die Gegenwartskunst. Als Beispiel für die zeitgenössische polnische Musik wurde Krzysztof Meyer, ein Schüler Pendereckis, ausgewählt. Ein Überblick über die polnische Literatur sowie die Vorstellung eines zeitgenössischen Romans zeigen den hohen Rang der polnischen Literatur, welche im Westen durch das Poleninstitut in Darmstadt und die ›Polnische Bibliothek‹ bekanntgemacht wurde.

Ziel des Heftes ist es, etwas vom weniger bekannten Polen zu vermitteln und Polens Standort in Europas Zentrum (nicht an der Peripherie) bewußt zu machen. Im Gegensatz zur Geschichte Frankreichs ist die Geschichte Polens für deutsche Schüler weitgehend unbekannt, - sieht man von der Erwähnung der polnischen Teilung und den Jahren 1939-44 ab. Was kann dieses Polen zum gemeinsamen Europa der Zukunft beitragen? Der bekannte polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski schreibt dazu3: »Die Polen [...] werden zu Europa die alte europäische, heute im Westen etwas vergessene Überzeugung beitragen, daß der Mensch schwach ist, unvollkommen und sterblich, daß es Grenzen der kollektiven und individuellen Möglichkeiten gibt, daß nicht die Welt uns gehört, sondern wir der Welt.

Man muß dem modernen Europa eine Prise Demut zurückgeben. [...] Das neue und vereinte Europa, wo sich der deutsche Perfektionismus, die britische Voraussicht, die französische Erfindungsgabe, die italienische Phantasie, die polnische Geistesfreiheit und die tschechische Genauigkeit verbinden, muß ein Europa von Menschen sein, die gemeinsam eine Antwort gefunden haben auf die Frage, was wesentlicher ist: Sein oder Haben.«

Die Autoren des Heftes wollen dazu beitragen, daß die Hoffnung des polnischen Dichters Mickiewicz aus dem Jahr 1849 im 21. Jahrhundert in Erfüllung geht: »Europas Lage ist dergestalt, daß es ab nun unmöglich wird, daß irgendein Volk einzeln auf dem Wege des Fortschritts ginge ...«

 Anmerkungen:

1 So ein Danziger Professor in einem Gespräch 1992

2 Laut Stuttgarter Zeitung vom 11. Juli 1997

3 In: Europa ist unterwegs. Essays und Reden. Diogenes, Zürich 1996, S. 94

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