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Polen in Europa




I. Polens Integration in Europa

2. Polen und die EU: von der Kooperation zur Integration

Materialien


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Inhalt

 


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»Polen gehört nach Europa!« Diese These ist im heutigen Polen unbestritten und dies soll in diesem Kapitel thematisiert werden, ohne dabei die Probleme zu verschweigen. Wenn auch etwa 14 Prozent der Polen eine Integration in die Europäische Union mit kritischen Augen betrachten, so waren doch bei einer 1992/93 veröffentlichten Umfrage rd. 52 Prozent der Meinung, dass sich Polen innerhalb der EU als eigenständiges Land im Rahmen der nationalen Traditionen entwickeln sollte1, 1996 stieg die Zahl auf knapp 80 Prozent2, und viele Polen, v. a. Intellektuelle und Wissenschaftler, sind gar der Überzeugung, für Polen sei die europäische Einbindung lebensnotwendig.

Polens Ziel, durch Einbindung in EU, WEU und NATO »wieder« ein Teil Westeuropas zu werden, ist für viele Polen historisch begründet. So weist Janusz Tazbir in M1 anhand eines historischen Rückblickes nach, dass es in Polen bereits ein europäisches Bewusstsein gab, lange bevor dies in westeuropäischen Ländern der Fall war. Er betont zudem, dass Polen immer schon eine Mittelstellung zwischen Orient und Okzident eingenommen habe und sich daher auch als ehemaliges Bollwerk gegen den asiatischen Osten verstehe. Für viele Polen ist aber auch ein anderer Gesichtspunkt wichtig: Ihr Land soll nicht länger Spielball fremder Mächte sein - im 18. und 19. Jahrhundert Preußens, Russlands und des Habsburgerstaates (vgl. Kapitel II.3: Kosciuszko), im 20. Jahrhundert Deutschlands und Russlands bzw. der Sowjetunion. Die europäische Integration ist für die Polen folglich nicht nur eine Frage der innenpolitischen und wirtschaftlichen Stabilität. Wenn dieser Weg des postkommunistischen Polens »zurück nach Europa« v. a. aus ökonomischer Sicht eine Notwendigkeit ist, wie M3 belegt, so betont man doch immer wieder den sicherheits- und friedenspolitischen Aspekt der Integration. So habe die Integration Deutschlands in den 50er Jahren das endgültige Ende der deutschen Machtpolitik markiert, und der Beitritt Polens zur EU und zur NATO bedeute eine Stabilisierung Mitteleuropas und zugleich eine endgültige Absage an die traditionellen »Machtrivalitäten« in diesem Raum (M2). Darüber hinaus weisen die Polen heute nachdrücklich darauf hin, dass sich ihr Land trotz gesunkener Handelsbilanz als eine Art osteuropäischer Musterknabe zeige ( M3 und M6a, M6b) und dass sie schon heute die wesentlichen Kriterien der Maastrichter Normen erfüllten. Im Dezember 1997 erklärte Finanzminister Balcerowicz, Polen sei im Jahr 2000 reif für die EU.3 In der Tat: Anders als von vielen vermutet worden war, hat weder Tschechien noch Ungarn die Vorreiterrolle im ehemaligen RGW-Raum übernommen, sondern Polen, dessen wirtschaftliche Kraft als geringer eingeschätzt worden war.

Aber nicht nur für Polen ist eine Integration in die EU von Vorteil, sondern auch für Westeuropa selbst, wenn auch heute v. a. aus den genannten politischen Gründen. Länder wie Polen sind heute Niedriglohnländer (M4). So umfassen die Arbeitskosten in Polen im Vergleich zu Westdeutschland lediglich rd. 4,9 Prozent (1995). Polen ist daher trotz steigenden Lohnniveaus als Investitionsstandort interessant. Auch als Exportziel ist Polen attraktiv, da hier angesichts weitgehend stark veralteter Produktionsanlagen ein hoher Investitionsbedarf besteht. Aber der enorme technologisch-logistische Rückstand bedeutet für die »Transformation zur Marktwirtschaft« große Anpassungsprobleme, und diese betreffen nicht nur die Industrie, bei der die größeren staatseigenen Betriebe das Haupthindernis darstellen, sondern besonders die Landwirtschaft Polens (M5).

Davon wird auch die EU betroffen sein, deren eigene Agrarprobleme nicht überwunden sind. Andererseits versprach der polnische Finanzminister die Fortsetzung der Reformpolitik, besonders der Konsolidierung des Haushaltes und der Streichung von Subventionen. Letzteres zeigt, dass man sich in Polen durchaus bewusst ist, dass die Mitgliedschaft des Landes in der EU nicht kostenlos sein wird und auch Opfer verlangt. Und man weiß auch, dass Deutschland zwar der eifrigste Befürworter eines polnischen EU-Beitritts ist, dass aber die meisten Probleme deutsch-polnische Probleme sein werden. Polnische Arbeitskräfte werden v. a. auf den deutschen Arbeitsmarkt drängen; europäische Subventionen werden statt in die neuen Bundesländer nach Polen fließen.

In der EU ist heute, 1998, vom Enthusiasmus des Luxemburger EU-Gipfels 1997 wenig zu spüren. Nikolaus van der Pas, Leiter der EU-Kommission für die Beitrittsverhandlungen, malte ein eher negatives Bild.4 Vor allem Polen stelle ein erhebliches Problem dar. Die Polen verlangten bei den Rechtsvorschriften immer neue Ausnahmen und längere Übergangsfristen; Polen wolle sofortige Freizügigkeit, was v. a. Deutschland und Österreich aus Furcht vor billigen polnischen Bau- und Landarbeitern ablehnen. »Als einziger der Kandidaten erwies sich Polen auch als unfähig, den Vorgaben für ein Beitritts-Förderprogramm aus Brüssel sachgerecht zu entsprechen«, worauf die EU 67 Mio. an Subventionen gestrichen hat.5 Die anderen Beitrittskandidaten, Tschechien, Ungarn, Slowenien und Estland, versicherten dagegen, sie würden alle Beitrittsbedingungen bis zum 1. 1. 2001 erfüllen und sie seien nicht bereit wegen Polen Verzögerungen hinzunehmen.

Dennoch soll hervorgehoben werden, was Lord Dahrendorf so formuliert hat: »Die baldige Aufnahme einiger ostmitteleuropäischer Staaten, insbesondere Polens, ist nicht Erweiterung im Unterschied zu Vertiefung, sondern ist selbst Vertiefung der Union. Sie bekräftigt die politische Grundabsicht der Integration weit mehr als eine partielle Währungsunion. Dabei sollten keine willkürlich geopolitischen Grenzen gezogen werden; jedoch ist Polen [...] der Testfall für andere.«6 In den Augen vieler Polen würde eine Nichterweiterung der EU diese selbst gefährden, da Europa wieder beginnen werde, »Unterschiede zwischen den gemeinsamen Werten ausfindig zu machen, [...] statt im Ausland für das, was gemeinsam und großartig ist, zu werben. [...] Das wird ein Europa sein, das in die Vergangenheit statt nach vorn gerichtet ist«7. Politisch bedeutet die Integration die Sicherung demokratischer Normen, da die ›Agenda 2000‹ den Beitritt daran bindet.8 Für Polen wäre ein Scheitern des Beitritts fatal, denn es wäre äußerst fraglich, angesichts eines dann drohenden Verlustes wichtiger Märkte sich später zu qualifizieren.

Andererseits stellt die Westorientierung Polens in den Augen seiner östlichen Nachbarn, besonders Russlands und der Ukraine, ein Sicherheitsrisiko dar. Für viele Russen ist Polen noch immer ein »europäischer Hinterhof Russlands« (Alexander Blok), und Sergej Karaganow, einer der Berater des russischen Präsidenten Boris Jelzin, erklärte einmal kategorisch: »Wenn ich Pole wäre, würde ich auch in die NATO wollen. Ich bin aber Russe. [...] Wir werden daher alles tun, um das zu verhindern«.9 1998 erklärte die russische Polenexpertin Irina Kobrinskaja: »In Moskau beginnt man sich darüber klar zu werden, was der EU-Beitritt Polens für den russischen Handel und den Grenzverkehr bedeutet.«10 Besonders der Druck aus Brüssel auf Polen, den Grenzverkehr mit Russland und der Ukraine durch einen Visumzwang zu erschweren - bis zum Jahr 2002 soll er für Ukrainer eingeführt werden -, sorge für Verärgerung in Moskau. Wenn sich auch das offizielle Moskau zurückhält, müssen die Sicherheitsinteressen der Ukraine, die selbst in die EU drängt, und Russlands berücksichtigt werden, denn Russland ist immer noch, zumindest militärisch, eine nicht zu unterschätzende Großmacht; dessen ist man sich im Westen, besonders in den USA, durchaus bewusst. Dennoch öffnete der EU-Gipfel in Luxemburg im Dezember 1997 den beitrittswilligen Staaten, mit Ausnahme der Türkei, das Tor zu Europa, und im März 1998 begannen erste Beitrittsverhandlungen mit zunächst sechs Ländern, darunter Polen. Für die NATO ist 1999 die Aufnahme einzelner Länder geplant; auch hier wird Polen beteiligt sein.

Auf andern Ebenen hat sich die Integration Polens bereits vollzogen. Dafür mögen hier nur einige wenige Beispiele genannt sein. Besonders intensiv sind die kulturellen Kontakte. Am 4. September 1994 wurde z. B. in Ratibor eine Kopie der im Krieg zerstörten Bronzefigur des Dichters Joseph von Eichendorff enthüllt; am 6. Juni 1997 fand bereits das zweite deutsch-polnische Literaturgespräch statt. Zahlreiche deutsch-polnische Gesellschaften sind entstanden, die u. a. Schul- und Städtepartnerschaften ermöglichen und bestehende fördern, so nahm u. a. 1993 das Deutsch-Polnische Jugendwerk seine Arbeit auf. Auf militärischer Ebene wurde 1993 auf Initiative Frankreichs ein »Stabilitätspakt« geschlossen, und 1994 unterzeichnete Polen die Urkunde für die »Partnerschaft für den Frieden«, in deren Gefolge noch im selben Jahr siebzig gemeinsame Vorhaben realisiert wurden; 1996 waren es schon ca. hundert. Dazu gehören u.a. gemeinsame Vereidigung von Rekruten der Bundeswehr und der polnischen Armee, Manöver deutscher und polnischer Verbände wie das Manöver »tatra« 1994 unter zusätzlicher Beteiligung Dänemarks, sowie die fortgeschrittene Planung eines deutsch-dänisch-polnischen Flottenverbandes in der Ostsee, des 1998 verabredeten »Hanse-Korps«. Am 5. September 1998 unterzeichneten Polen, Deutschland und Dänemark die Aufstellung eines gemeinsamen Heereskorps, dessen Kommando in Stettin sitzen soll. Polen beteiligt sich auch an der NATO-Friedensmission in Bosnien.

Anmerkungen

1 Vgl. DIALOG Nr. 1-4, Dezember 1994, S. 97

2 Vgl. DIALOG Nr. 2, Oktober 1996, S. 75

3 In: STUTTGARTER NACHRICHTEN Nr. 297/24. 12. 1997, S. 4

4 Vgl. DER SPIEGEL Nr. 27/1998, S. 128

5 Ebenda

6 Zit. in: DIALOG Nr. 2, Oktober 1996, S. 36

7 Jesien, Leszek: Ohne uns hat es keinen Sinn. in: ebenda, S. 36

8 Vgl. zu diesem Komplex das Heft »Die Europäische Integration« in der Reihe ›Politische Bildung‹ 30 (1997) H 4

9 Zit. in: DIALOG Nr. 2, Oktober 1996, S. 27

10 Zit. in: STUTTGARTERZEITUNG Nr. 184/12. 8. 1998, S. 4


Materialien

M1  Polen, eine Nation in der Mitte

Spätestens seit der Mitte des XVII. Jahrhunderts bildete der polnisch-litauische Staat [...] eine Macht, die über das Schicksal Ostmitteleuropas mitentschied. Das Bewusstsein, einer Gemeinschaft anzugehören, die sich kulturell auf das Erbe der antiken Zivilisation stützte, konfessionell dagegen auf das Christentum, besaß natürlich nur eine recht dünne intellektuelle Elite. Dennoch tauchte das Adjektiv ›europäisch‹ in den Titeln in Polen herausgegebener Bücher viel früher auf als bei italienischen, französischen oder englischen Werken. Als erster verwendete es wohl Maciej Miechowita, der Autor der 1517 herausgegebenen Beschreibung des asiatischen und europäischen Sarmatiens. Dieses [...] Buch wurde für lange Zeit zur Hauptquelle des Wissens über den östlichen Teil unseres Kontinents. [...] Die enge Nachbarschaft zu Asien stimulierte die Entwicklung eines europäischen Bewusstseins, das sich auf die stolze Überzeugung stützte, dass die Polen im zivilisiertesten Teil der Welt leben. Wenn sie die asiatische Barbarei und vor allem den Despotismus brandmarkten, hoben unsere Chronisten [...] schon im XVI. Jahrhundert mit Stolz hervor, dass die Bewohner Europas sich von geschriebenen Gesetzen leiten lassen, die ihre Herrscher beachten müssen [...].

Ebenso häufig, insbesondere im XVII. Jahrhundert, wird Polen dort als ein Bollwerk des Christentums bezeichnet, also eine Bastion, die erfolgreich die gesamte europäische Gemeinschaft vor einer Invasion des Islam schützt. Ähnlich nannte man die Adelsrepublik in Italien, Frankreich, den Niederlanden oder dem Reich [...]. Mit um so größerer Verwunderung betrachteten die Einwohner von Paris oder Rom den feierlichen Einzug polnischer Gesandtschaften. Ihre prunkvolle Tracht erinnerte sie an orientalische (und damit barbarische) Pracht. [...]

Aus: Janusz Tazbir: Polen zwischen Orient und Okzident, in: DIALOG Nr. 2/1993, S. 46 f.


M2  Erklärung Janusz Reiters, bis 1995 polnischer Botschafter in Deutschland

Es gibt selten Situationen, in denen Entscheidungen von wirklich historischer Tragweite getroffen werden, solche, die das Leben eines Landes für viele Jahre prägen. Deutschland und seine westlichen Nachbarn waren vor 40 Jahren in einer solchen Situation. Sie haben sich für die Integration entschieden.

Ich erinnere an jene Zeit, weil ich glaube, dass man sich an die Motive der Gründer der europäischen Integration erinnern muss, wenn man verstehen will, warum Polen mit einer solchen Entschlossenheit die Teilnahme an dem europäischen Projekt anstrebt. Das hat, so wie im Deutschland der 50er Jahre, mit der generellen politischen Situation zu tun. So wie die Bundesrepublik durch die europäische Integration aus ihrer verhängnisvollen Mittellage herausgetreten ist, steht auch Polen vor der Chance, den politischen Sinn seiner geographischen Lage neu zu definieren: nicht mehr zwischen Deutschland und Russland, sondern eingebunden in eine Gemeinschaft mit Deutschland und gleichzeitig offen für die östlichen Nachbarländer.

Es geht dabei um Polens Sicherheit, aber es geht auch um die Stabilität von Mitteleuropa und die Zukunft des europäischen Projekts. Diese Region war traditionell ein Schauplatz von Machtrivalitäten. Deutschlands Entscheidung für eine europäische Integration war eine Absage an die Tradition. Die Aufnahme Polens in die Europäische Union wäre eine logische Weiterführung dieser Politik. Timothy Gordon Ash hat recht, wenn er den EU-Europäern zuruft: »Zentraleuropa ist die zentrale europäische Frage.«

Aus: Torge Hamkens/Christina Röttgers (Hrsg.): Reform der EU - Mit oder ohne Mittel- und Osteuropa?, Köln 1995, S. 8-12


M3  Wie Polen seine Geschichte verlässt

»Jede zweite Familie besitzt ein Auto, jede zehnte einen Zweitwagen. 1989 ging Polens Wirtschaft als die schwächste Mitteleuropas in die Wende. Jetzt liegt sie auf der Zielgeraden zum Jahr 2000 klar vorne. ›Europameister im Wachstum‹ ist das Land schon seit Jahren, 1995 mit sieben Prozent. Anders als Deutschland hält sich Polen mit einem Haushaltsdefizit von 2,7 Prozent bereits im dritten Jahr an die Maastrichter Norm. Und auch mit einer öffentlichen Verschuldung von 53 Prozent erfüllt Warschau die Maastrichter Kriterien besser als Bonn. Die [...] Inflationsrate ist in wenigen Jahren unter 20 Prozent abgesenkt, die bedrückende Arbeitslosigkeit wenigstens auf 13,5 Prozent verringert worden [...]. Für die wirtschaftliche Dynamik sorgt [...] nicht die Solidarnosc, sondern schon der Privatsektor, der inzwischen rund sechzig Prozent des Bruttoinlandsprodukt einbringt. Das Schiff flottgemacht hatte Anfang der neunziger Jahre Leszek Balcerowicz, der erste nicht kommunistische Finanzminister, mit seiner Schocktherapie. Dass Polen dann aber nicht in den offenen Thatcherismus trieb - wie die Tschechische Republik, wo die Deregulierung inzwischen Börse, Banken und Finanzen in den Krisenstrudel zieht -, dafür sorgten die Wähler 1993 mit einer Rückwende von den Liberalen zur Linken. [...] Der schwunglose Westen schwärmt noch ohne viel Federlesens vom ›polnischen Adler im Steigflug‹, der ›zu Recht mit den Tigern Südostasiens verglichen‹ werde (Deutsche Bank Research). Da wird das Wunder an der Weichsel denn doch ein wenig zu sehr ›globalisiert‹. Die Sozialausgaben verschlingen 24 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das pro Kopf erst halb so hoch ist wie das Portugals. Nicht einmal 4 Prozent gehen in die Bildung.

So steht Polen ante portas: mit noch nahezu ungebrochener Wachstumsrate und Europa-Begeisterung, mit fast zusammengebrochener Sozialversicherung, mit einer durch den Protektionismus der EU noch weiter verarmten Landwirtschaft und mit einer aus Furcht vor dem Import westeuropäischer Unsitten gespaltenen Kirche. [...] nach der Jahrtausendwende wird jeder dritte neue Jobsucher in Europa aus dem polnischen Nachbarland kommen. [...]

Die Zahl der Euroskeptiker wird zunehmen, je mehr sich Polen dem offenen Wettbewerb aussetzen muss, je einschneidender viele der 2,5 Millionen Privatunternehmen die jetzt ins Land ziehenden westlichen Supermarktketten zu spüren bekommen. ›Die freie Marktwirtschaft ist unsere einzige Chance‹, sagt einer der reichsten Männer Polens, der Multiunternehmer, gebildete Mäzen und Vorsitzende der deutsch-polnischen Handelskammer, Jan Kulczyk. ›Doch wir dürfen unsere engagierten Leute nicht in einen hoffnungslosen Wettbewerb stürzen. Steuerbefreiungen für westliche Firmen, zehn Jahre zum Beispiel für General Motors, sind Gift für Polen. Wir wollen ja nach drüben - aber irgendwie müssen wir auch schwimmen lernen. Unsere Bindung an Europa wird unterm Strich die Bindung an Deutschland sein. [...]

Christian Schmidt-Häuer: in: DIE ZEIT Nr. 49/29. 11. 1996, S. 3


M4 Die EU und die Länder in Osteuropa

Mitteleuropa ist für die EU aus wirtschaftlicher Sicht dreifach relevant: Wegen der Notwendigkeit zur Modernisierung des Kapitalbestands sowie der wachsenden Nachfrage nach westlichen Konsumgütern ist die Region ein wachsender Absatzmarkt für EU-Produzenten. Infolge der niedrigen Löhne ist Mitteleuropa eine für Standortverlagerungen von EU-Unternehmen langfristige attraktive Region, zumal bei Verbesserung der Ost-West-Infrastrukturverbindungen [...]. Schließlich ist die Region als Importquelle von Vor- und Endprodukten zunehmend attraktiv, da sich bei gegenüber der EU deutlich geringeren Preisen die Produktqualität und -diversifikation im Zuge von Privatisierung, Wettbewerbsverschärfung und Kapitalmodernisierung verbessert. Unter scharfem Konkurrenzdruck des EU-Binnenmarktes stehende Unternehmen können durch den Einkauf preiswerter Vorprodukte in Mittelosteuropa ihre Preiswettbewerbsfähigkeit verbessern. Für die EU besteht erstmals die Möglichkeit - ähnlich wie für Japan und die USA seit Jahrzehnten -, hochwertige Vorprodukte aus einer benachbarten Niedriglohnregion zu importieren. [...]

Mittelosteuropa ist langfristig als Investitionsstandort interessant, da [es] bei guter Humankapitalausstattung über den Vorteil sehr niedriger Lohnkosten und z. T. niedriger Steuersätze verfügt. [...] Die Aufhebung der derzeitigen ökonomischen Trennlinien [...] wird in West- und Osteuropa insgesamt zu massiven Anpassungsproblemen führen, so dass man angesichts begrenzter ökonomischer und politischer Anpassungsfähigkeit eine künstlich verlangsamte, aber gleichwohl progressive Liberalisierung erwägen könnte. [...] Die Transformation zur Marktwirtschaft in Mittelosteuropa schafft enorme Anpassungsprobleme, bietet aber auch neue Exportchancen. In den Transformationsländern gibt es erhebliches Expansionspotential für eine Reihe von Dienstleistungen und Gütern, die in der Zentralverwaltungswirtschaft von den staatlichen Planern systematisch vernachlässigt und bei denen chronische Versorgungsmängel bekannt wurden; dies gilt etwa für den privaten Wohnungsbau bzw. für die Bauwirtschaft insgesamt, für den Gesundheitssektor, den Tourismus sowie für Banken und Versicherungen. [Daraus] ergibt sich ein erhebliches Wachstumspotential für private, soziale und industrielle Dienstleistungen. Industrielle Dienstleistungen dominieren in Westeuropa [...]. Die Privatisierung der Industrie in den Reformländern dürfte hier Expansionsimpulse für spezialisierte Dienstleistungsanbieter erbringen. Die Expansion relativ arbeitsintensiver Dienstleistungen dürfte den Ost-West-Immigrationsdruck Europa vermindern, während in Westeuropa zugleich von Hardware-Importen und dem Entstehen neuer Joint-Venture-Partner profitieren könnte.

Paul J. J. Welfens: Die Europäische Union und die mittelosteuropäischen Länder: Entwicklungen und wirtschaftspolitische Optionen. In: Aus Politik und Zeitgeschehen B 39/95 (22.9.1995), S. 28 f.


M5  Auf Polen wartet noch viel Arbeit

POLEN, mit 313 000 Quadratkilometern der größte Kandidat, habe »seine Hausaufgaben weitgehend gemacht«, versichern EU-Politiker immer wieder. Die 38,6 Millionen Einwohner könnten auf ihre gefestigte Demokratie und das relativ konstante Wirtschaftswachstum von 5 Prozent in den letzten Jahren stolz sein. Doch die Lösung der schwierigsten Probleme stehe noch an. Die Strukturen in der Landwirtschaft müssten neu geordnet, der Energiesektor, einige Staatsbanken und die Telekommunikation müssten privatisiert und das polnische Recht an das EU-Recht angepasst werden. Die gut [3,5] Millionen polnischen Bauern, fast ein Viertel aller Erwerbstätigen, erwirtschaften nur 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Schon jetzt beträgt die Arbeitslosenquote 13 Prozent. Das polnische Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (BIP) liegt nach Angaben der EU-Kommission bei 31 Prozent des EU-Durchschnitts.

Aus: STUTTGARTER ZEITUNG vom 17. 7. 1997


M6a

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M6b

Tabelle: Ausgewählte Daten zur witrschaftlichen und sozialen Entwicklung Polens, 1989-1996

  1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996
BIP
(Veränderung zum Vorjahr)
0,2 -11,6 -7,0 2,6 3,8 5,2 7,0 6,0
Arbeitslosenrate
(in %)
- 6,5 12,2 14,3 16,4 16,0 14,9 13,6
Verbraucherpreiszunahme
(in%)
251,1 585,8 70,3 43,0 35,2 32,2 27,8 19,9
Reallöhne
(Veränderung zum Vorjahr)
9,0 -24,4 -0,3 -2,7 -2,9 0,5 3,0 5,4
Ausländische Direktinvestitionen
(in Mrd US$) 1
0,01 0,1 0,2 1,1 1,6 1,3 2,5 5,2
Industrieproduktion
(Veränderung zum Vorjahr) 2
-2,1 -22,0 -17,1 2,6 6,1 12,1 9,7 8,5
Anteil privater Sektor am BIP
(in%)
28,4 30,9 42,1 50,5 52,1   55,0  

1 Investitionen mit jeweils über 1 Million US$, 
2 incl. Bauindustrie und Bergbau

Quellen: Glowny Urzad Statystyczne (unterschiedl. Jahrgänge) Pannstwowa Agencja Inwestycji Zaggranicznych S.A. (unterschiedl. Jahrgänge)

Aus: Geographische Rundschau 50 (1998) H.1., S.6, Tab.1, © Westermann Verlag Braunschweig

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