Zeitschrift

Polen in Europa




II. Beispiele aus der Geschichte

1. Jan III. Sobieski (1629-1696) und die Befreiung Wiens

 


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Inhalt


Als in den polnischen Medien über die Frage diskutiert wurde, ob Polen Mitglied der NATO werden solle, las man häufig, dass mit der Befreiung Wiens von den Türken 1683 durch König Jan Sobieski und seine Truppen eine wichtige Vorleistung Polens für den NATO-Beitritt geleistet worden sei. Dies war keineswegs als Scherz zu verstehen, sondern ist vielmehr Beleg für die nach polnischem Selbstverständnis traditionelle Einbindung des Landes in Europa (siehe Vorwort). Polen habe immer für Europa gekämpft, so kann man heute wie vor 10 Jahren hören. Wie lebendig dieses Bild von Polen als »Vormauer Europas« auch früher war, kann man an der Tatsache erkennen, dass 1798 der polnische General Dabrowski aus Italien den Säbel Jan Sobieskis, den er im Kampf vor Wien getragen und dann der Wallfahrtskirche in Loretto gestiftet hatte, an Tadeusz Kosciuszko schickte, der damals gerade in Frankreich die polnische Legion aufbaute (siehe Kapitel II. 3.).

Im Geschichtsbewusstsein der Deutschen ist allerdings der Sieg in der Schlacht am Kahlenberg am 12. September 1683, der ohne die Hilfe des polnischen Königs undenkbar gewesen wäre, längst nicht so verankert wie die späteren Siege des »Türkenlouis« oder des Prinzen Eugen.

Im folgenden Artikel stellt Professor Dr. Tadeusz Kotlowski von der Universität Poznan´ (Posen) die Bedeutung der Leistung Jan III. Sobieskis aus polnischer Sicht dar.

In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts erlebte der türkische Staat eine Periode der Erneuerung der Militärmacht, und Sultan Mehmet IV. betrieb eine Expansionspolitik, die sich gegen die der Türkei benachbarten europäischen Staaten richtete. Zu dieser Zeit wurde in Polen Michael Korybuth Wisniowiecki zum König gewählt (1669). Durch Heirat mit Eleonore von Österreich 1670 näherte sich Polen den Habsburgern an, was die Gefahr eines Türkeneinfalls auch in Polen verstärkte. 1672 eroberte eine große türkische Armee, die auf wenig Widerstand stieß, die mächtige polnische Grenzfestung Kamieniec Podolski und besetzte weite Gebiete im Südosten Polens. Durch den für Polen ungünstigen Vertrag von Buczacz erhielt das Osmanische Reich Wojwodschaften in der Ukraine und Polen wurde zu Tributzahlungen verpflichtet.

Der polnische Sejm bezeichnete den Vertrag als »schändlich« und ratifizierte ihn nicht. Darüber hinaus bestimmte der Sejm eine außerordentliche Steuer, was die Einberufung von 50 000 Soldaten ermöglichte. Unter dem Oberbefehl von Jan Sobieski gelang es den Polen, 1673 bei Chocim das türkische Herr zu besiegen. Durch diesen Sieg, einen der größten polnischen Siege in jenem Jahrhundert, wurde die Türkengefahr für den polnischen Staat dauerhaft beseitigt.

Jan Sobieski, der Sieger von Chocim und Wien, wurde am 17. August 1629 in Olesko als Sohn eines Wojwoden geboren. (Ein Wojwode war urspr. ein Heer- oder Stammesführer. Im Kgr. Polen bezeichnete man so den obersten Beamten einer Provinz). Er studierte in Kraków (Krakau), besuchte das Deutsche Reich, Frankreich und die Niederlande. An der Spitze seines Heeres nahm er an den Kämpfen gegen Tataren, Kosaken, Schweden, Russen und Türken teil. 1665 wurde er zum Kronmarschall ernannt, und nach dem Sieg über die Tartaren bei Kreize 1668 zum Großen Kronhetmann (Hetmann = Kommandeur einer Truppeneinheit, Oberbefehlshaber) bestellt. Der Sieg bei Chocim machte ihm 1674, nach dem Tod von Wi?nowiecki, den Weg zur polnischen Krone frei. Den Krieg gegen die Türken setzte er noch bis 1676 erfolgreich fort.

Nach dem Friedensvertrag von Zórawno wandte sich der König der Umsetzung anderer politischer Pläne zu. Durch den Geheimvertrag von Jaworów 1675 mit Frankreich und dem Vertrag von Danzig 1677 mit Schweden versuchte er, das Herzogtum Preußen zurückzugewinnen und Polens Position an der Ostsee auszubauen. Doch da wandten sich die mit dem Verlust der ukrainischen Gebiete unzufriedenen Magnaten gegen den König, zugleich wuchs auch die Türkengefahr wieder. All dies verursachte eine Wende in der Politik Jan III. Sobieskis, und es wurden wieder Vorbereitungen für einen Krieg gegen die Türken getroffen. Die polnische Diplomatie verstärkte daher ihre Bemühungen um eine antitürkische Koalition, was sich aber als äußerst schwierig erwies. Erst die unmittelbare Bedrohung Wiens, verbunden mit dem türkischen Feldzug gegen den habsburgerischen Teil Ungarns, führten im März 1683 zu einem polnisch-habsburgerischen Militärbündnis, und der polnische Sejm erhob eine außerordentliche Steuer für die Aushebung von Soldaten.

Im Juni 1683 belagerte der türkische Wesir Kara Mustafa Wien. Verzweifelt bat Kaiser Leopold I. Jan Sobieski um Hilfe. Dem polnischen König war klar, dass jedes Zögern den Verlust der Stadt und den Sieg der Türken bedeuten musste. Aus diesem Grund kam er mit einer 25000 Mann starken polnischen Armee durch Schlesien und Mähren dem belagerten Wien zu Hilfe. Am 11. September 1683 erreichten die vereinigten Armeen des Reiches und Polens mit etwa 70000 Mann unter Führung Jan Sobieskis Wien. Auf der linken Flanke stand die Armee des Fürsten Karl V. von Lothringen und das Korps von Hieronim Lubomirski, im Zentrum befand sich die bayerisch-fränkische Armee und auf der linken Flanke die polnische mit den Heerführern Jablonowski und Sieniawski. Die Schlacht begann am 12. September 1683 gegen 11 Uhr mit dem Kampf der Artillerie und der Infanterie. Gegen Mittag griffen die polnische und die deutsche Kavallerie in die Kämpfe ein. Den Sieg entschied aber letzten Endes der Angriff der schweren polnischen Reiterei, der Husaren, auf das türkische Lager. Zusammen mit der leichten Kavallerie waren an diesem Angriff, einer der größten Reiterattacken in der Kriegsgeschichte der Neuzeit, etwa 20000 Reiter beteiligt. Die Reiter durchbrachen den türkischen Verteidigungsring, worauf die türkische Armee sich zur Flucht entschloss. Die türkische Offensive wurde nach dieser Niederlage abgebrochen.

Wiens Entsatz war jedoch erst der Anfang eines langjährigen Krieges, in den auch noch Venedig und der Kirchenstaat eingriffen. 1684 gründeten sie mit Polen und dem Reich den »Heiligen Bund«. Es begann eine große internationale Aktion zur Befreiung der europäischen Gebiete von der türkischen Besatzung, an der sich zeitweise auch Russland beteiligte. Erst der schon nach dem Tod des polnischen Königs Jan III. Sobieskis geschlossene Friedensvertrag von Karlowitz (1699) beendete den Krieg mit dem osmanischen Reich. Polen erhielt alle seine verlorenen Gebiete zurück, und die große Auseinandersetzung zwischen der islamischen und der christlichen Welt in dieser Region fand ihr Ende.

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