Zeitschrift

Polen in Europa




II. Beispiele aus der Geschichte

3. Tadeus Kosciuszko (1746-1817): der Ruf nach Freiheit

Materialien


titpolen.gif (18134 Byte)

Inhalt


»Noch ist Polen nicht verloren,
solang wir noch leben.
Was uns fremde Mächte nahmen,
mit dem Säbel holen wir's wieder.
Auf, marsch marsch, Dombrowski,
von Italien bis Polen;
unter deiner Führung
vereinen wir uns mit dem Volk.
[...]
Darauf wird sich alles regen:
Sind nicht länger Sklaven!
Für Kosciuszko Gottes Segen;
Sensen schleift zu Waffen!«

Ausschnitt aus der Freiheitshymne und dem Kampflied für die Polnische Legion, entstanden Juli 1797 in Reggio Emilia (hier: 1. und 6. Strophe). Verfasser: Józef Wybicki. Die ersten 4 Strophen sind seit 1926 offizielle Nationalhymne

Der höchste Berg Australiens trägt seinen Namen, seine Denkmäler stehen in Amerika und Polen. In jeder Stadt Polens findet man eine Straße oder einen Platz, die nach Tadeusz Kosciuszko benannt sind. Er ist für die Polen der Nationalheld schlechthin, gleichzeitig aber auch eine Persönlichkeit, an der die tiefgehende Verwurzelung Polens in und mit Europa dokumentiert werden kann.

Polen hat zeitgleich mit Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts eine Revolution begonnen, die am 3. Mai 1791 zur ersten europäischen Verfassung führte (siehe Kapitel II.2.). Da den absolutistischen Mächten Russland und Preußen ein zweiter Revolutionsherd in ihrer unmittelbaren Nähe zu gefährlich erschien, marschierten im Mai 1792 russische Truppen in Polen ein, denen später preußische folgten. Nach der 2. Teilung Polens 1793 blieb von dem einstmals großen Land nur noch eine schmale Pufferzone zwischen Preußen und Russland übrig (s. Karte M1).


M1  Polen im 18. Jahrhundert

Aus Urheberrechtsgründen dürfen wir diese Grafik nicht im Internet veröffentlichen.

Aus: Praxis Geschichte, Heft 3/Mai 1993, S.13, Westermann Schulbuchverlag Braunschweig

Diese Teilung empfanden die Polen als erneute Demütigung und rasch organisierte sich der intellektuelle und militärische Widerstand. Mit Hilfe französischer Gelder wurde ein Aufstand vorbereitet. Zum Oberbefehlshaber wurde Tadeusz Kosciuszko gewählt, ein Adliger, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der Kolonisten mitgekämpft hatte - er war sogar einige Zeit lang Adjutant von George Washington gewesen - und den die französische Republik zum Ehrenbürger erhoben hatte. Am 4. April 1794 gelang ihm in der Schlacht von Raclawice mit seinen Bauern-Soldaten ein überwältigender Sieg über die russische Armee. Diese nationale Großtat wurde 1894 in Lemberg - damals österreichischer Teil Polens, heute Lwów in der Ukraine - in einem Monumentalgemälde verewigt. Nach 1945 fand es eine neue Heimat in Wroclaw (Breslau), wo es täglich von zahlreichen polnischen Schulklassen besucht wird.

Trotz der anfänglichen Erfolge scheiterte der Aufstand, Polen wurde 1795 erneut zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilt und verschwand als Staat bis nach dem Ersten Weltkrieg von der Landkarte. »Finis Poloniae« soll Kosciuszko geseufzt haben, als er schwer verwundet vom Pferd sank und in russische Gefangenschaft geriet. Als er 1817 starb, wurde sein Leichnam aus der Schweiz, wo er die letzten Jahre seines Lebens im Exil verbracht hatte, nach Kraków (Krakau) in die Königsgruft im Waweldom überführt. Sein langjähriger Kampfgefährte im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, Lafayette, hielt in Paris die Trauerrede auf Kosciuszko: »Die Polen betrachteten sich alle als seine Kinder. Sie umgaben ihn mit Liebe und Ehrfurcht und zeigten ihn den anderen Nationen voller Stolz. Groß an der Spitze der Armee, bescheiden im häuslichen Kreis, furchterregend im Kampf, menschlich und wohltätig den Besiegten gegenüber, war er unübertroffen in seiner Vaterlands- und Freiheitsliebe, die er niemals durch eine unedle Tat entehrte.«

Professor Dr. Tadeusz Kotlowski von der Universität Poznan (Posen) beschreibt seinen großen Landsmann als Vorkämpfer für die Freiheit, nicht nur Polens:

In der Geschichte Polens spielte Tadeusz Kosciuszko eine ganz besondere Rolle: Er wurde zum Symbol des polnischen Unabhängigkeits- und Freiheitskampfes. Im Bewußtsein des polnischen Volkes verewigte er sich als der erste Oberbefehlshaber des Aufstandes von 1794. Er forderte die Polen zum Kampf auf, der der einzige Weg zum Wiederaufbau des polnischen Staates sei. Auch bei den Demokraten war er hochgeschätzt, weil er das politische Programm, das von ihm einen Tag vor dem Aufstand formuliert worden war, in die Tat umsetzte: »Allein für den Adel werde ich nicht kämpfen, ich will die Freiheit des ganzen Volkes, und nur dafür werde ich mein Leben opfern«.

Tadeusz Bonaventura Kosciuszko wurde 1746 auf dem Gut seiner zur Szlachta (niederer polnischer Adel) gehörenden Eltern in Merczowszcyna in Polesien (heute Weißrußland) geboren. Er gehörte nicht zur Schicht der Magnaten, des Hochadels, der z. B. die Reformen von 1791 und die damalige Verfassung (siehe Kapitel II.3) ablehnte. Seine Ausbildung erhielt er an der Klosterschule der Piaristen in Lubieszów und später in der Kadettenanstalt in Warszawa (Warschau). Ein königliches Stipendium ermöglichte ihm einen Studienaufenthalt in Frankreich, wo er sich sein Wissen auf dem Gebiet des Militärwesens erwarb. 1774 kehrte er nach Polen zurück und warb um die Tochter des Hetmans von Litauen, des Befehlshabers der litauischen Truppen im königlichen Heer, der ihn aber als nicht ebenbürtig zurückwies. Der Fluchtversuch der Liebenden scheiterte, und Kosciuszko ging nach Amerika, wo er zwischen 1776 und 1783 am Unabhängigkeitskrieg teilnahm. Als Oberstingenieur zeichnete er sich u.a. bei der Belagerung von Saratoga (1777) und bei der Befestigung von West Point (1778-80) besonders aus. Als einer von drei Ausländern - neben dem Preußen Friedrich Wilhelm von Steuben und dem französischen Marquis de Lafayette - wurde er Mitglied der Cincinnati Society, in die nur die verdientesten Teilnehmer am Unabhängigkeitskrieg aufgenommen wurden, und der amerikanische Kongress ernannte ihn zum Brigadegeneral und Bürger der USA.

1784 kehrte Kosciuszko nach Polen zurück und wurde 1789 Generalmajor der Armee. Im polnisch-russischen Krieg 1792 zeichnete er sich mehrfach aus und wurde zum Generalleutnant befördert und mit einem der höchsten Orden des Landes, dem »Virtuti-Militari-Orden«, ausgezeichnet. Anfang Mai 1792 riefen einige reaktionäre Magnaten, die »Konföderierten von Targowica«, in Absprache mit Russland zum Kampf gegen die Maiverfassung und zur Intervention Russlands in Polen auf. Seitdem steht der Name dieser ukrainischen Stadt in Polen für Verrat. Anfang 1793 kam es zur zweiten Teilung Polens (s. Karte M2).

Kosciuszko emigrierte nach Frankreich und erhielt dort die Ehrenbürgerschaft. Von Leipzig aus bereitete er den Aufstand gegen die verräterischen Magnaten und die Russen vor. Dabei setzte er neben den regulären Truppen auch auf die Bauern und Bürger, die zwar mit Piken und Sensen nur schlecht bewaffnet waren, deren Massen aber den Feind beeindrucken sollten. Am 24. März 1794 begann von Kraków (Krakau) aus die Erhebung, die Kosciuszko als Oberbefehlshaber mit diktatorischer Gewalt anführte. An diesem Tag beschwor er gemeinsam mit der Garnison in Krakau den Aufstandsakt:

»Ich, Tadeusz Kosciuszko, schwöre im Angesicht Gottes dem ganzen polnischen Volk, dass ich die mir anvertraute Macht nicht zur Unterdrückung anderer anwende, sondern nur zur Verteidigung der gesamten Grenzen, zur Wiedergewinnung der Selbständigkeit des Volkes und zur Festigung der allgemeinen Freiheit [...]«.

Noch heute bezeichnet eine Steinplatte auf dem Marktplatz von Krakau den Ort der Eidesleistung, und 1980 legte der Führer der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, Lech Walesa, an dieser Stelle bewusst den gleichen Eid ab, um Solidarnosc in die Tradition des polnischen Freiheitskampfes zu stellen (siehe Kapitel I.1.).

Mit seinem auch aus Bauern, die mit Sensen bewaffnet waren (»Sensenmänner«), bestehenden Heer besiegte Kosciuszko ein russisches Heer in der Schlacht von Raclawice. Am 17. April kam es auch in Warschau zum Aufstand, wo die russische Besatzung vertrieben wurde. Am 2. April erhob sich auch Wilna in Litauen. Hier vertrieb Oberst Jasinski die russische Garnison und bestrafte Teilnehmer an der Verschwörung von Targowica. Da Kosciuszko der Ansicht war, dass nur eine Verstärkung der Armee und die Heranziehung des Volkes zum Kampf den Erfolg sichern würden, verkündete er auf dem Marsch nach Warschau am 7. Mai 1794 den von der Szlachta angenommenen Erlass, der den Bauern die persönliche Freiheit gab.

Diese Bauernbefreiung (s. M2 , S. 22) in den von den Aufständischen beherrschten Gebieten war der Schlusspunkt in der Regelung der bäuerlichen Verhältnisse, den die Verfassung vom 3. Mai 1791 noch nicht zu setzen gewagt hatte, musste er doch die Gegnerschaft der Magnaten provozieren, und selbst Kosciuszko fand die Proklamation etwas zu jakobinisch geraten. Allerdings war der Eingriff in die Beziehungen zwischen Bauern und Herren in Polen für die Untertanen günstiger als die Reformen Friedrichs II. in Preußen oder die Josephs II. in Österreich. Immerhin, die Beteiligung der Bauern am Aufstand war beträchtlich; allein die Einheiten der Sensenleute umfaßten etwa 6000 Mann, und an den Kämpfen im ganzen Land nahmen etwa 800 Bauerngruppen teil.

Doch die militärische Lage verschlechterte sich, als am 20. Mai 1794 17000 preußische Soldaten die polnische Grenze überschritten. Kosciuszko konnte gegen die verbündeten russisch-preußischen Kräfte keinen erfolgreichen Widerstand leisten und erlitt am 6. Juni eine Niederlage. Die Aufständischen mußten sich nach Warschau zurückziehen. Im Juni besetzten die Preußen Krakau und belagerten Warschau. Preußen wollte die Gunst der Lage nutzen und den polnischen Staat aus der Welt schaffen. Da brach am 20. August 1794 in Großpolen - die Region um Poznan (Posen) und Gniezno (Gnesen) - ein Aufstand aus, der die preußische Armee zwang, sich von Warschau zurückzuziehen.


M2  »Proklamation von Polaniec« vom Mai 1794

[...] Zum Wohle des Vaterlandes, der Menschheit und der gesellschaftlichen Gerechtigkeit sollen wir zu Maßnahmen greifen, dank derer wir den schlechten innenpolitischen Beziehungen sowie den außenpolitischen Intrigen und Interventionen vorbeugen. [...] Ich befehle also allen Land- und Wojewodschaftskommissionen, die folgenden Anordnungen zu erlassen:

  1. Das Volk - also Bauern und Landarbeiter - wird in Schutz und Fürsorge von der Landesregierung genommen.
  2. Der Bauer bekommt die persönliche Freiheit und kann den Wohnsitz wechseln. Er soll aber die Ordnungskommission über den neuen Wohnsitz informieren und seine Schulden und Kredite zahlen. [...]
  3. Gleichzeitig wird die Fronarbeit von 6 auf 4 Arbeitstage oder von 3 auf einen Arbeitstag (durchschnittlich um ein Drittel) verringert. Diese Bestimmung betrifft nur die Aufstandsdauer. [....]
  4. Die Bauernwirtschaften der Aufständischen werden in den Schutz der Szlachta und der Gemeinden genommen. Das Ackerland ist nämlich die Quelle des Volksreichtums und dementsprechend soll es auch in den besonderen Schutz des Staates genommen werden.

Lager in Polaniec, den 7. Mai 1794
Tadeusz Kosciuszko

 

Kosciuszko sandte den zurückweichenden Preußen ein Heer nach, das einen durchschlagenden Erfolg hatte. Es verstärkte nicht nur die Aufständischen in Großpolen, sondern trug auch zur Eroberung von Bydgoszcz (Bromberg) bei. Im September 1794 wandte sich die in der Ukraine stehende russische Armee unter Suworow gegen die Aufständischen, erlitt aber eine schlimme Niederlage. Aber die Schlacht hatte negative Auswirkungen für die Moral der Aufständischen, denn Kosciuszko wurde schwer verwundet und als Gefangener nach St. Petersburg gebracht, wo ihm die Zarin Katharina bis 1796 eine ehrenvolle Haft gewährte. Ohne ihn wurde die Lage der Aufständischen immer schwieriger. Am 4. 11. 1794 eroberte Suworow Praga, den rechts der Weichsel gelegenen Stadtteil Warschaus, und ließ die Bevölkerung niedermetzeln.

Mit der Eroberung Warschaus war der polnische Aufstand praktisch am Ende, was 1795 die dritte, endgültige Teilung Polens nach sich zog (Karte M1 ). Nachdem Kosciuszko freigelassen worden war, reiste er zunächst in die USA, danach hielt er sich in Frankreich auf, wo er die Bildung der polnischen Legion unterstützte; er verweigerte aber die Zusammenarbeit mit Napoleon, da er glaubte, dieser würde die Polen nur für die eigenen Interessen benutzen, ohne das alte Königreich Polen wiederherstellen zu wollen. »Da der emeritierte Freiheitsheld die Situation besser einschätzte als viele Polen, die auf Napoleon und Frankreich setzten, hätten ihm eigentlich noch einmal ›fünf Minuten‹ auf der europäischen Bühne zugestanden« (Adam Krzeminski). Nach Napoleons Verbannung wird er vom siegreichen Zar Alexander I. in Paris zum Ball in die Tuilerien eingeladen. Auf dem Weg zu den Verhandlungen in Wien will der Zar mit Kosciuszko über die Lage Polens reden. Fünfzehn Minuten währt die Aussprache in Braunau. Auf dem Wiener Kongreß wird auch die »polnische Frage« behandelt, eher nebenbei. Kosciuszko ist inkognito in Wien als »Herr Polski«. Aber mehr als antichambrieren können er und die Polen verschiedener Lager nicht. Das Ergebnis ist bekannt: ein Königreich Polen, »Kongresspolen«, mit dem »gnädigen« Zaren als König. Der Zar, unumschränkter Monarch in Rußland, in Polen gebunden an eine liberale Verfassung: eine Zerreißprobe, die 1830 in Polen zum nächsten Aufstand führte (siehe Kapitel II.4: »Für unsere und eure Freiheit«).

Die letzten Jahre seines ereignisreichen Lebens verbrachte Kosciuszko bei Freunden in der Schweiz, wo er am 15. Oktober 1817 in Solothurn starb, »ein gescheiterter Held, ein romantischer Aufklärer, der zu seiner Zeit nicht passte und dennoch den Polen den Schlüssel für das vielleicht schwierigste Jahrhundert in ihrer Geschichte gab«

(A. Krzeminski).

pflinks.gif (1081 Byte)


Copyright ©   1998  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de