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Polen in Europa




II. Beispiele aus der Geschichte

4. "Für unsere und eure Freiheit..." - der Novemberaufstand 1830/31

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Inhalt


Die Bedeutung des Freiheitskampfes der Polen für den liberalen und nationalen Gedanken des frühen 19. Jahrhunderts belegt ein deutsches Flugblatt von 1848, das den polnischen Dichter Ludwik Mieroslawski (1814-1878) mit der Fahne eines polnischen Staates zeigt, den es damals nicht gab (M1). Dabei waren die Polen »eine ›alte Nation‹ mit einer jahrhundertelangen staatlichen Tradition«.1 Polen besaß eine starke Elite, eine hochentwickelte Kultur und eine anerkannte Literatursprache. Doch im 19. Jahrhundert gab es keinen polnischen Nationalstaat. Der Niedergang Polens war eng mit dem Aufstieg Preußens und Russlands verbunden, und »das Ende Polens stand in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der [1795] im Frieden von Basel einsetzenden Neuverteilung der mitteleuropäischen Ländermasse.«2 Aber das Ende des alten Europas in den napoleonischen Kriegen bedeutete zugleich den Aufbruch in die Moderne, der gekennzeichnet war durch eine Auseinandersetzung mit den Ideen der Französischen Revolution, mit dem Wunsch der Völker Europas nach Bildung von Nationalstaaten, nach wirtschaftlicher und politischer Freiheit. Alles dies war 1815 den Polen ebenso verweigert worden wie den Deutschen und anderen Völkern Europas.

Das Geschick Polens war wie das Deutschlands im Wesentlichen von drei Großmächten abhängig: von den beiden deutschen Zentralmächten Österreich und Preußen sowie von Russland, die sich in der »Heiligen Allianz« zusammengeschlossen hatten. Alle drei Staaten hatten als Teilungsmächte Polens kein Interesse an einem unabhängigen Polen. 1815 erfolgte daher eine erneute Teilung Polens, wenn es auch in den Grenzen von 1772 »einen einheitlichen Wirtschafts- und Kommunikationsraum darstellen sollte«.3 Doch dazu kam es in der politischen Realität nicht. Auch der Plan des Zaren, ganz Polen unter seiner Herrschaft zu vereinen, erfuhr auf dem Wiener Kongress eine eindeutige Absage, sahen doch England und Frankreich das ohnehin labile Gleichgewicht gefährdet, und es wäre beinahe zum Krieg gekommen. Am 9. Juni 1815 wurde dann eine Regelung getroffen, die im Wesentlichen bis zum Ersten Weltkrieg Bestand hatte, die aber die polnische Frage nicht wirklich löste, denn die Reduzierung Polens auf einen geographisch-ethnischen Begriff verschärfte den Freiheitsdrang und den Nationalismus der Polen erheblich. Es war klar, daß ein polnischer Staat nur wieder entstehen konnte, wenn der auf dem Wiener Kongress geschaffene Status quo verändert worden wäre; das aber war nur durch Krieg oder durch eine ganz Europa erfassende Revolution möglich. Dies erklärt zum Teil die zunehmende Gewaltbereitschaft in der polnischen Nationalbewegung. Dabei spielte das traditionelle Selbstverständnis des polnischen Adels - v.a. seine traditionelle Partizipation an der Herrschaft - eine tragende Rolle, zumal der Zar nach 1818 eine reaktionäre Politik betrieb (s. u.). Da dies auch in Deutschland in der ›Ära Metternich‹ geschah, »war es nur folgerichtig, daß, vorbereitet durch eine studentische Phase deutsch-polnischer Zusammenarbeit [...], es in der nächsten revolutionären Krise Europas 1830/32 zu einem [...] deutsch-polnischen Interessenbündnis kam.«4 Andererseits bedeutete gerade der polnische Aufstand von 1830/31 eine Wende. So begann Preußen in seiner Provinz Posen in der Folgezeit eine drastische »Germanisierung« (M10), was sich negativ auf das deutsch-polnische Verhältnis auswirken sollte.

In diesem Kapitel soll Polens Rolle im 19. Jahrhundert exemplarisch am Aufstand gegen das zaristische, autokratische Rußland 1830/31 als Vorbild für den Kampf um Freiheit in ganz Europa gezeigt werden.

»Das Hauptziel der polnischen Nationalbewegung war unbestreitbar [...die] Wiederherstellung des polnischen Staates, der [...] Adelsrepublik in ihren alten Grenzen.«5 Parallel zu den politischen Bemühungen schuf die Romantik mit ihren »kulturellen Bestrebungen um Sprache, Literatur, Geschichte und Folklore [...] die Grundlagen für ein ethnisches Nationalbewusstsein.«6

1815 gab es zwei staatsähnliche Gebilde: das Königreich Polen, auch Kongresspolen genannt, und die Freie Stadt Krakau. Das Königreich Polen erhielt von Zar Alexander I. am 15. Dezember 1815 eine liberale Verfassung, nach der an der Spitze des Königreichs einerseits ein vom Zaren eingesetzter Vizekönig stand, sein Bruder Großfürst Konstantin, der mit einer Polin verheiratet war; andererseits amtierte als Statthalter ein Pole. Der polnische Reichstag, der Sejm, besaß die legislative Gewalt, während ein Verwaltungsrat die Exekutive bildete. Dem Einfluss des Reichstags und des Verwaltungsrates war aber die Kontrolle über die polnische Armee, deren Oberbefehlshaber der Vizekönig war, entzogen. Auch blieb der Wunsch der Polen nach Wiedervereinigung mit dem alten Großherzogtum Litauen unerfüllt.

Während sich u.a. durch die Zuwanderung deutscher Fachkräfte die wirtschaftliche Situation in Polen deutlich verbesserte - um Lodz entstand ab 1823 eine bedeutende Textilindustrie -, verschlechterten sich die politischen Verhältnisse zusehends. Zwar kündigte der Zar 1818 bei der Eröffnung des Sejm liberale Reformen an, doch verstärkte sich in der Realität der antiliberale Kurs. Vor allem misstraute man am Zarenhof der Loyalität der Polen, denn in Polen waren viele Geheimgesellschaften entstanden, und Zar Nikolaus I., seit 1825 Nachfolger Alexanders I., sah noch stärker als sein Vorgänger in der Durchsetzung des monarchischen Prinzips in Europa die »Mission Russlands«. So war es nur eine logische Konsequenz der zaristischen Autokratie, daß die polnische Verfassung schrittweise außer Kraft gesetzt wurde, wie der Sejm beklagte (M2). Der Zar ging sogar noch einen Schritt weiter: Er wollte die polnische Armee gegen die liberalen Erhebungen in Westeuropa einsetzen. Dies veranlasste »in Warschau eine Gruppe junger polnischer Militärs und ziviler Verschwörer«7 unter Führung des Leutnants Piotr Wysocki, einen Aufstand zu wagen. Sie überfielen die Residenz des Vizekönigs. Doch Großfürst Konstantin konnte entkommen. Als dieser dann die polnische Armee gegen die Aufrührer einsetzen wollte, meuterten die Truppen; zahlreiche Offiziere, darunter allein acht Generäle, wurden getötet; die russischen Truppen flohen mit dem Vizekönig. Doch nun waren die Aufrührer ratlos, denn sie hatten nach keinem festen Plan gehandelt. Deshalb unterstellten sie sich dem Verwaltungsrat, der zunächst an einer friedlichen Lösung interessiert war. Als aber Zar Nikolaus I. die Forderung nach Wiederherstellung der Verfassung und nach Angliederung Litauens ablehnte, setzte der Sejm am 15. Januar 1831 die Dynastie der Romanows als polnische Könige ab. Eine polnische Nationalregierung mit Fürst Adam Jerzy Czartoryski wurde gebildet; aus der Erhebung war eine Revolution geworden. Zunächst behauptete sich die polnische Armee gegen die russischen Truppen. Hilfe kam aus Litauen, selbst aus den polnischen Gebieten Preußens eilten Freiwillige herbei. Die Polen kämpften unter der Parole »Für unsere und eure Freiheit« und appellierten damit an die Solidarität der Liberalen in ganz Europa.

Doch die Führung der Polen war sich uneins. Besonders die Bauernfrage spaltete sie. Die Radikalen, begeistert von der französischen Juli-Revolution 1830, wollten auch die Bauern durch Abschaffung der Frondienste und durch Landzuteilungen zum Aufstand gegen die Russen bewegen; die Konservativen sahen darin ihre soziale Stellung bedroht. Neben der »offiziellen« Regierung des Fürsten Czartoryski trat General Ch=opicki als »Diktator«. So verbesserte sich die Lage der Polen auch nicht, als das russische Heer durch eine Choleraepidemie, der auch Vizekönig Konstantin zum Opfer fiel, geschwächt wurde. Am 8. 9. 1831 eroberte die russische Armee Warschau und Ende Oktober brach der Aufstand zusammen. Die Reste der polnischen Armee wurden zunächst in Preußen und Österreich interniert. Die meisten, vor allem die Offiziere, wurden zu Emigranten, da sie der Amnestie des Zaren misstrauten. Fürst Czartoryski bildete in Paris eine Exilregierung, die auf diplomatischem Weg einen polnischen Staat errichten wollte, während eine Gruppe um den Historiker Joachim Lelewel weiterhin auf den revolutionären Weg setzte.

Die Vergeltungsmaßnahmen der Russen waren hart. Viele polnische Grundbesitzer wurden enteignet oder nach Sibirien und anderen Teilen Russlands verbannt und mussten z.B. in Bergwerken Zwangsarbeit leisten. Die erst 1816 gegründete Universität in Warschau wurde geschlossen, die Verfassung abgeschafft, die polnische Armee aufgelöst, der Sejm aufgehoben und die Autonomie, die Polen innerhalb des russischen Staatsverbandes besessen hatte, gänzlich beseitigt. Polen wurde wie jede andere russische Provinz der zaristischen Autokratie unterworfen, was sogar der »Kocher- und Jagst-Bote« am 13. April ironisch kommentierte (M7).

Westeuropa dagegen empfing die Emigranten mit großer Begeisterung. Das damalige Pathos kann an M3 gezeigt werden. Besonders in Deutschland interessierte man sich für das Schicksal des östlichen Nachbarn, was eine Vielzahl an Flugblättern, Dramen und Polengedichten beweisen (M4-M6). »Die Burschenschaften übernahmen [...] den Schnürrock nach dem Vorbild der polnischen Uniform, der Pekesche.«8 Zahlreiche Polenvereine unterstützten die polnischen Emigranten, leisteten sogar humanitäre Hilfe über Mittelsmänner in Polen selbst. Besonders im deutschen Südwesten engagierte sich das Bürgertum für die polnischen Freiheitskämpfer. Noch während der Kämpfe in Polen schickte der Stuttgarter Polenverein drei Ärzte nach Warschau. Die Ärzte, darunter Dr. Scheuffelen, ein begeisterter Freiheitskämpfer, reisten unter dem Motto »Wir fahren für unsere und die polnische Freiheit nach Polen«. Dr. Scheuffelen schrieb an seine Verwandten aus Warschau, daß er glücklich sei, hier den Kampf um das höchste Gut des Menschen, die Freiheit, erleben zu dürfen. Spenden aus Stuttgart, Tübingen, Künzelsau und vielen anderen Orten waren Zeichen einer wahren Euphorie für die polnische Sache in Württemberg und Baden.

Das liberale Bürgertum erkannte, dass in Polen sich die Zukunft Europas entscheiden würde: Siegten die Polen, würde sich das Feuer der Freiheit über ganz Europa ausbreiten; siegten die Russen, bedeutete dies eine empfindliche Schwächung der europäischen, besonders aber der deutschen Freiheitsbewegung. Nach der Niederlage der Polen riss sich das Bürgertum geradezu um die durchziehenden polnischen Emigranten. Ein Stuttgarter Bürger schrieb im Februar 1832: »Endlich erfahren auch wir das Glück, die Trümmer des polnischen Heeres in unserer Mitte gastfreundlich empfangen zu dürfen.«9 Der Dichter Justinus Kerner in Weinsberg war einer von vielen Bürgern, die Polen bei sich beherbergten. In Freiburg setzte sich der liberale Abgeordnete Karl v. Rotteck für die Polen ein; seine Frau gründete einen Verein zur Unterstützung polnischer Hospitäler. Unermüdlich spendeten die Deutschen für die Polen noch lange nach Ende der Kämpfe. Einen Höhepunkt erlebte die Polenfreundschaft ohne Zweifel auf dem Hambacher Fest am 27. Mai 1832, als neben der Schwarz-Rot-Goldenen-Fahne auch die mit dem weißen polnischen Adler auf rotem Grund wehte. Deutsche Redner rühmten Polens Leistungen für die Rettung Europas vor den Türken im 17. Jahrhundert (vgl. Kapitel II.1.) und vor Russlands Expansionismus, die Polen sprachen von der neuen Aufgabe der Deutschen im Kampf um die Freiheit in Europa. »Die Polenfreundschaft der deutschen Liberalen beruhte z.T. auf der Furcht, Russland werde in Deutschland keine liberalen Reformen dulden und versuchen, sie durch Waffengewalt zu verhindern, die Polen aber könnten bei einem russischen Eingreifen willkommene Verbündete sein.«10 Die Polenlieder, von denen hier nur wenige vorgestellt werden können, zeigen eine Solidarität der Völker, die später leider lange in Vergessenheit geriet. Hier erhielt »die Idee der Fraternité, wie sie von der Französischen Revolution geprägt worden war, einen internationalen Charakter.«11

Andererseits wuchs bei vielen Polen wie dem in Paris lebenden Dichter Adam Mickiewicz (s.a. Kapitel III.3.) das Gefühl, die Polen seien »auserwählt«, Vorkämpfer der Freiheit für die europäischen Nationen zu sein und ihr Leiden sei beispielhaft für das aller unterdrückten Völker ( M8 und M9).

Bereits 1832 verschärfte sich auch in Württemberg und Baden die politische Repression, die Polenbegeisterung ebbte ab, im selben Jahr löste sich die Mehrzahl der Polenvereine unter dem Druck der Zensur auf. Doch diese Vereine hatten viel dazu beigetragen, eine breite politische Öffentlichkeit zu schaffen, was für den weiteren Verlauf der Geschichte bedeutsam war. Deutsche Liberale wie Philipp Jacob Siebenpfeiffer (1789-1845) und Johann Georg August Wirth (1798-1848) hielten weiterhin Kontakt zu den Vertretern des polnischen demokratischen Komitees um Lelewel und General Bem.

Der polnische Aufstand war nicht nur an der überlegenen Zahl der russischen Truppen gescheitert. Den Polen fehlte es auch an der massiven Unterstützung aus anderen Staaten, besonders aus Preußen (M10), trotz aller Polenbegeisterung. Zwar konnte sich Metternich ein unabhängiges Polen als Puffer zu Russland vorstellen, aber den Bruch mit Russland wagte er nicht, und der Zar lehnte jeden Vermittlungsversuch ab. Zudem gelang es den polnischen Revolutionären nicht, die Bauern für sich zu gewinnen; die aristokratischen Kräfte wollten zwar einen polnischen Staat, aber keine Freiheit für die Bauern. Ohne soziale Reformbereitschaft aber konnte der Nationalismus nicht integrierend wirken

Anmerkungen

1 Andreas Kappeler: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall, München 1992, S. 179. Zu Mieroslawski während der Revolution von 1848/49 in Baden vgl. Heft 35/1997 der Reihe »DeutschlanD & Europa«, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: »... bis es ein freies Volk geworden ...«. 1848/49. Revolution, S. 10 ff.

2 Karl-Ottmar v. Aretin: Teilung und Länderschacher als Folgen des Gleichgewichtssystem der europäischen Großmächte. Die polnischen Teilungen als europäisches Schicksal. In: Polen und die polnische Frage in der Geschichte der Hohenzollernmonarchie 1701-1871, Berlin 1982, S. 61

3 Ebenda, S. 6 f.

4 v. Aretin, Teilung und Länderschacher, S. 9

5 Kappeler, Rußland als Vielvölkerreich, S. 180

6 Ebenda

7 Kultusministerium Rheinland-Pfalz (Hrsg.): 1832-1982. Hambacher Fest. Freiheit und Einheit, Deutschland und Europa, Neustadt 1982, S. 64

8 Ebenda, S. 65

9 Aus: »Für unsere und eure Freiheit - Polenbegeisterung im Vormärz«, Sendung vom 1. 10. 1997 in S 3

10 Meyer, Grundzüge, S. 65 (s. M2 Quellenangabe)

11 Siegfried Rother: Polen in der deutschen Literatur des Vormärz - Eine didaktisch-methodische Handreichung. in: Peter Ehlen (Hrsg.): Der polnische Freiheitskampf1830/31 und die liberale Polenfreundschaft, München 1982, S. 141



Materialien

M1 Deutsches Werbeblatt für den polnischen Freiheitskampf

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Polens Freiheitskampf. Der Aufstand gegen die russische Herrschaft. Colorierte Radierung, zeitgenössisch.

Orig.: Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin

Der Aufständische, mit einer Litewka bekleidet, steht auf dem Gipfel eines Bergs, unter ihm die gesprengten Ketten. In der Rechten hält er einen Säbel, in der Linken die polnische Nationalfahne. Rechts im Hintergrund fliegt der polnische Doppeladler, in den Schnäbeln hält er ebenfalls gesprengte Ketten.


M2 Aus dem Manifest des polnischen Sejm vom 25. 12. 1830 über die Gründe für den Aufstand:

[...] Die Vereinigung der Krone eines Autokraten mit der eines konstitutionellen Herrschers auf einem einzigen Haupte war einer jener politischen Monstrositäten, die nicht lange währen können. Jeder sah voraus, dass das Königreich Polen entweder eine Keimzelle liberaler Einrichtungen für Russland werden oder unter der eisernen Hand seiner Despoten untergehen mußte. [...] Es scheint, dass der Kaiser Alexander für einen Augenblick geglaubt hat, er könne den ganzen Umfang seiner despotischen Macht mit der Volkstümlichkeit unserer liberalen Gesetze in Einklang bringen und sich dadurch neuen Einfluß auf die Verhältnisse Europas verschaffen. Jedoch überzeugte er sich bald, dass die Freiheit sich niemals dazu erniedrigen würde, das blinde Instrument des Despotismus zu werden, und in der Folge wurde er [...] ihr Verfolger. Russland verlor alle Hoffnung, dass sein Souverän eines Tages das Joch erleichtern würde, das auf ihm lag, und Polen musste nach und nach aller seiner Privilegien beraubt werden. [...] Der öffentliche Unterricht wurde verderbt; man organisierte ein System des Obskurantismus1; man nahm dem Volke alle Mittel, sich zu unterrichten, [...] den Kammern die Möglichkeit, über das Budget zu entscheiden; man führte neue Lasten ein; man schuf Monopole, die geeignet waren, die Quellen des nationalen Reichtums versiegen zu lassen, und der Staatsschatz [...] wurde zum Weidegrund von infamen Lockspitzeln und käuflichen Spionen. [...]

Verleumdung und Spionage waren bis in das Innere der Familien gedrungen und hatten durch ihr Gift die Freiheit des häuslichen Lebens verseucht, und die alte Gastfreundschaft der Polen wurde eine Falle für die Unschuld. Die persönliche Freiheit, feierlich garantiert, wurde verletzt; die Gefängnisse wurden überfüllt; Kriegsgerichte - eingesetzt, um in zivilen Sachen zu entscheiden - verurteilten Bürger, deren ganzer Fehler es gewesen war, sich der Korruption des Geistes [...] entziehen zu wollen, zu schimpflichen Strafen. [...]

d'Angeberg: Recueil des traités ... concernant la Pologne 1762-1862, Paris 1862, S. 772.

Zit. in: Enno Meyer (Hrsg.): Deutschland und Polen. Eine europäische Nachbarschaft im Zeitalter des Nationalstaatsprinzips. Klett, Stuttgart 1989, S. 16

1 Verdummung



M3 »Die letzten Zehn vom 4. Regiment bei ihrem Übergang über die preußische Grenze«  von Julius Mosen

In Warschau schwuren tausend auf den Knien:

Kein Schuss im heil'gen Kampfe sei getan!

Tambour, schlag an! Zum Blachfeld lass uns ziehen!

Wir greifen nur mit Bajonetten an!

Und ewig kennt das Vaterland und nennt

Mit stillem Schmerz sein viertes Regiment!

Und als wir dort bei Praga1 blutig rangen,

Hat kein Kam'rad nur einen Schuss getan,

Und als wir dort den Blutfeind kühn bezwangen,

Mit Bajonetten ging es drauf und dran!

Fragt Praga, das die treuen Polen kennt!

Wir waren dort das vierte Regiment!

Drang auch der Feind mit tausend Feuerschlünden

Bei Ostrolenka2 grimmig auf uns an;

Doch wussten wir sein tückisch Herz zu finden,

Mit Bajonetten brachen wir uns Bahn!

Fragt Ostrolenka, das uns blutig nennt!

Wir waren dort das vierte Regiment!

[...]

O weh! Das heil'ge Vaterland verloren!

Ach! fraget nicht, wer uns dies Leid getan?

Weh allen, die im Polenland geboren!

Die Wunden fangen frisch zu bluten an;

Doch fraget ihr, wo die tiefste Wunde brennt?

Ach, Polen kennt sein viertes Regiment!

[...]

Von Polen her im Nebelgrauen rücken

Zehn Grenadiere in das Preußenland

Mit düstrem Schweigen, gramumwölkten Blicken.

Ein »Wer da?« erschallt - sie stehen festgebannt. -

Und einer spricht: »Vom Vaterland getrennt

Die letzten zehn vom vierten Regiment!«

Aus: St. Leonhard: Polenlieder deutscher Dichter. Der Novemberaufstand in den Liedern deutscher Dichter. Krakau 1911, 1917, Bd. 1, S. 100

1 Praga: Vorort von Warschau

2 OstroÍeka: Stadt nördlich Warschaus. Sieg der russischen Armee unter General Diebitsch am 26. Mai 1831.


M4 »An die Polen« von Carl Harlaßsohn (1831)

Ob es recht, daß Ihr Euch losgerungen,

Daß Ihr nicht erst anders es erwägt,

Daß Ihr feindlich gleich das Schwert geschwungen?

Ach, die Kette fühlt nur, wer sie trägt.

[...]

Polen! dies der größte Deiner Tage,

Wirst Du's jetzt nicht, wirst Du niemals frei,

In der Weltgeschichte steht die Frage:

Ob ein Polen noch, ob keines sei. -

[...]

Werdet Alle frei und macht nicht Knechte,

Scheidet Eure Brüder nicht von Euch,

Gebt dem Landmann, gebt dem Volke Rechte,

macht kein feudalistisch, kein leibeigen Reich.

Dann wird Euch den Sieg Europa gönnen,

Kehrt geeint Ihr aus der Flammenglut,

Nie wird fremde Macht Euch zwingen können;

Denn im freien Volke lebt der Mut.

Aus: Politische Gedichte der Neuzeit. Hg. v. H. Marggraff, 1947,

S. 257


M5 Georg Herwegh: Polens Sache, deutsche Sache (März 1846)

[...]

Was gestern Recht war für den Rhein,

Ist's heute nicht auch Recht für Polen?

Soll Polen nicht auch Polen sein,

Weil wir als Räuber mitgestohlen?

[...]

Vergaßet ihr das Einmaleins,

Ihr unergründlich tiefen Denker,

Ihr Zionswächter unsres Rheins

Und jeder fremden Freiheit Henker?!

O du, mein Volk, das hoffend drängt

Sich an der reichen Zukunft Schwelle,

Was auch die Sterne dir verhängt, -

Sei nicht des Zaren Spießgeselle!

[...]

Du suchst ja selbst aus tiefem Grund

Der Knechtschaft dich emporzuringen -

Willst du dein Joch zur selben Stund

Den andern auf den Nacken zwingen?

[...]

Weh über uns in solchem Krieg!

Wir wandeln keine Ruhmesbahnen.

Ich rufe: Den Empörern Sieg

Und jede Schmach auf deutsche Fahnen!

Zit. in: Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte. Katalog der ständigen Ausstellung, Rastatt 1984, S. 289, Nr. 5019


M6  Johannes Fitz: Deutsches Mailied (1832)

1. Hört, deutsche Brüder, Polens Klage!

Sie dringt in jedes Mannes fühlend Herz.

Wem nicht der Polen trauervolle Lage

erpresset ein Gefühl von Scham und Schmerz,

den mag ich nimmer Bruder nennen,

er kann für Edles nie entbrennen; -

er machet Schand´ der deutschen Nation,

ihm zeige jeder Biedre Spott und Hohn!

[...]

Zit. in: Enno Meyer (Hrsg.): Deutschland und Polen, S. 18 f.


M7 Begrabene Revolution

Welthändel

Das Grab der polnischen Revolution ist nun endlich fertig und das Kreuz feierlich aufgerichtet. Am 25. März wurde in Warschau das entscheidende Manifest des Kaisers feierlich verkündet, wodurch eine neue Ordnung der Dinge eingeführt werden soll. Der Fürst Paskewitsch, der vom Kaiser zum Statthalter von Polen ernannt ist, verkündete in einer Rede, [...] daß das Königreich Polen fortan zu einem so hohen Grade von Glück gelangen solle, wie es vorher noch nie gekannt habe. - Die Ingredienzien in dem polnischen Glückstopf sind folgende: Die Polen sollen von nun an eine mit den Russen übereinstimmende Nation bilden, das Königreich Polen soll für immer als untrennbarer Teil mit dem russischen Reich verbunden sein; der Kaiser und König wird von nun an nur mit einer Zeremonie in Moskau gekrönt; wer Kaiser von Russland ist, ist von selbst auch König von Polen; das Land soll eine abgesonderte Verwaltung haben, die Presse einige unerlässliche Beschränkungen erhalten, die Auflagen dieselben bleiben wie vor der Revolution, künftig nur eine Armee für Russland und Polen bestehen [...]

(zum besseren Verständnis sind Grammatik und Rechtschreibung angepasst)

Aus ›Kocher- und Jagst-Bote zugleich Amts- und Intelligenz-Blatt für die Oberamtsbezirke Künzelsau und Gerabronn', Nr. 30 vom Freitag, 13. April 1832

Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 146/2 Bü 1916


M8  Adam Mickiewicz schrieb 1832:

Das polnische Volk ist nicht gestorben; sein Leib liegt im Grab, und seine Seele hat die Erde, das öffentliche Leben verlassen, um hinabzusteigen zum Abgrund, das ist: zum häuslichen Leben jener Völker, welche Knechtschaft leiden daheim und in der Ferne, um ihre Leiden zu sehen. Und am dritten Tage wird die Seele in den Leib zurückkehren, und das Volk wird auferstehen, und es wird alle Völker Europas aus der Knechtschaft befreien. [...]

Zit. in: Wolfgang Jacobmeyer: Die deutsch-polnischen Beziehungen in der Neuzeit als Konfliktgeschichte. In: Wochenschau-Verlag [Hrsg.]: Polen und Deutschland, Nachbarn in Europa. Schwalbach/Ts 1996, S. 179


M9  Polak Sumiennny (Der gewissenhafte Pole)

Nr. 48 (12./13.12.1831):

Ganz Deutschland überzeugte sich im letzten Volkskrieg, daß es, wenn es schon in uns kein Bollwerk haben wird, schnell zur Beute des Zaren wird, einer Macht, vor der es sicher Könige nicht schützen werden, die heute schon Russland um Rettung anbetteln. Wenn also die Nachbarvölker jetzt gegen uns Polen zu Kampf antreten, werden sie offen gegen sich selbst kämpfen, gegen ihre eigene Zukunft, gegen das Geschick der eigenen Generation, denen unser Sieg Freiheit, unsere Niederlage schmachvolle Knechtschaft bringen wird.

Zit. in: Henryk Kocoj: Der polnische Novemberaufstand in der öffentlichen Meinung Stuttgarts, Dresdens und Leipzigs. In: Peter Ehlen (Hrsg.): Der polnische Freiheitskampf 1830/31 und die liberale deutsche Polenfreundschaft. Johannes Berchmanns Verlag, München 1982, S. 112


M10  Heinrich Heine: Preußens wahres Gesicht

Endlich, als Warschau fiel, fiel auch der weiche fromme Mantel, worin sich Preußen so schön zu drapieren gewusst, und selbst der Blödsichtigste erblickte die eiserne Rüstung des Despotismus, die darunter verborgen war. Diese heilsame Enttäuschung verdankt Deutschland dem Unglück der Polen. Die Polen! Das Blut zittert mir in den Adern, wenn ich das Wort niederschreibe, wenn ich daran denke, wie Preußen gegen diese edelsten Kinder des Unglücks gehandelt hat, wie feige, wie gemein, wie meuchlerisch. Der Geschichtsschreiber wird vor innerer Abscheu keine Worte finden [...]; jene unehrlichen Heldentaten wird vielmehr der Scharfrichter beschreiben müssen. Und der wird sich schon dazu finden, und ich höre schon das rote Eisen zischen auf dem mageren Rücken des Berliner Kabinetts!

Aus: Heine, Heinrich: Französische Zustände. Vorrede. In: Sämtliche Werke in vier Bänden, hrsg. von Otto F. Lachmann, Reclam, Bd. 4, Leipzig o.J., S. 10 f.

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