Zeitschrift

Polen in Europa




II. Beispiele aus der Geschichte

5. Grenzüberschreitungen: Briefe aus dem Warschauer Ghetto (1941/42)

Materialien


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Inhalt

 

»Polen in Europa« - das heißt im Blick auf die Jahre 1939-1944: »Polen in einem von der NS-Diktatur terrorisierten Europa«. Die kürzlich in einem privaten Nachlass in Göppingen entdeckten Briefe Josef Gelbarts, eines Juden polnisch-deutscher Abstammung (M1), stellen vor diesem Hintergrund einen einzigartigen Quellenbestand dar, der Einblick gibt in den Alltag und die psychische Situation der Menschen im Warschauer Ghetto. Diese Briefe wurden in den Jahren 1941/42 an den Fabrikanten Hans Stockmar in Kaltenkirchen bei Hamburg geschrieben, bei dem Gelbart in den 30er Jahren ein Praktikum als Imkerei-Volontär absolviert hatte (M2). Die Antwortbriefe Stockmars sind mit dem Ghetto untergegangen.

Im Schicksal Polens und seiner Hauptstadt zeichnen sich schon früh die Grundlinien des NS-Herrschaftssystems ab. Die bewusste, massive Zerstörung der Stadt bei der Besetzung und nach der Niederschlagung der beiden Aufstände 1943 und 1944 verursachte auch tiefe seelische und historische Wunden. Der militärischen Niederlage im September 1939 folgte die administrative Zerschlagung des polnischen Staatsgebietes durch die Degradierung Warschaus zum bloßen »Distriktshauptort«, durch die Abtrennung des »Warthegaues« und die Errichtung des von Krakau aus kolonial ausgebeuteten »Generalgouvernements«. Die mit rassistischen Parolen operierende öffentliche Demütigung der Polen, denen »Maßlosigkeit, Verlogenheit, Hinterlist, Grausamkeit und Mordhetze gegen die Deutschen« bescheinigt wurden (so in einer Dokumentation des Oberkommandos der Wehrmacht über den »Sieg in Polen«), sollte mit der polnischen Hauptstadt auch das Nationalbewusstsein der Polen endgültig liquidieren. Den verachteten »Polacken« und der zu Unrecht verspotteten »polnischen Wirtschaft« wurden die deutschen Kardinaltugenden von Ordnung, Disziplin und Leistungskraft entgegengestellt. Im Zuge der veränderten politisch-militärischen Gesamtsituation seit 1940/41 erhielten Warschau und sein Umland eine neue Funktion als Rüstungsschmiede, Waffenplatz und Aufmarschgebiet am Vorabend des Angriffs auf die Sowjetunion.

Von Anfang an aber war Polen zum Experimentierfeld der Rassenideologen im SS-Reichssicherheitshauptamt und im Rassenpolitischen Amt der NSDAP geworden. Deren Pläne zielten auf die Ausrottung der »minderwertigen« Rassen ab, vor allem der Juden und der polnischen »Untermenschen«. Freilich konkurrierten bis ins Jahr 1941 hinein mehrere Optionen (Himmler, Rosenberg) hinsichtlich des den Juden zugedachten Schicksals. Vom Zeitpunkt des Überfalls auf die Sowjetunion 1941 an aber wurde die Vernichtung der »Fremdvölkischen und Minderwertigen« zum strategischen Hauptziel auch der deutschen Kriegführung und der von Einsatzgruppen, SS-Verbänden und Polizeibataillonen praktizierten »Sicherheitsmaßnahmen« hinter der Front. Eine Vorstufe der Vernichtungspolitik gegenüber der jüdischen Bevölkerung Polens war die Errichtung von mehr als tausend Ghettos und jüdischen Arbeitslagern im ehemaligen Polen.

Der »jüdische Wohnbezirk« in Warschau (siehe Ghetto-Plan und  M3) umfasste im Jahre 1940 zum großen Teil die vor Kriegsbeginn dort lebende jüdische Bevölkerung von 375 000 Menschen (29,1% der Gesamtbevölkerung), doch stieg die Bevölkerung im Ghetto durch »Umsiedlungen« auch aus dem Reichsgebiet bis 1942 auf ca. eine halbe Million an. Warschau wurde somit zum größten Ghetto innerhalb des ehemaligen polnischen Staatsgebietes, dessen Auflösung mit der Deportation ins Vernichtungslager Treblinka vom Juli 1942 an einsetzte.

Der gescheiterte, aber zeichenhaft fortwirkende Aufstand vom April/Mai 1943 begründet bis heute den singulären historischen Rang des »Jüdischen Wohnbezirkes« der polnischen Hauptstadt. So erscheint rückblickend die NS-Politik gegenüber Polen und Warschau als eine Art Probelauf der später in Frankreich, auf dem Balkan und vor allem in der Sowjetunion rigoros ins Werk gesetzten Unterwerfungs- und Ausrottungspolitik, als Inbegriff nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Dieser physischen und psychischen Vernichtungspolitik gegenüber Polen und seiner Hauptstadt haben die Unterdrückten vor allem in Warschau eine von den Besatzern weithin unentdeckt gebliebene geistige und militärische Widerstandsstrategie entgegengestellt. Der im Jahre 1940 konstituierte »Untergrundstaat« war Sitz der höchsten Vertreter der Londoner Exilregierung, zweier Untergrundparlamente und einer Untergrunduniversität, war Zentrale der illegalen Parteiorganisationen und des Oberkommandos der Heimatarmee (AK) und anderer Widerstandsgruppen, die zusammen mit den in Warschau lebenden Künstlern und Wissenschaftlern zum weitgehenden Erhalt der Hauptstadtfunktion Warschaus und seiner moralischen Autorität beitrugen. Warschau wurde so nicht nur zum Schauplatz der Nazibarbarei, sondern auch zum »Symbol des Heldentums« (Tomasz Szarota) des polnischen und jüdischen Volkes.

Von all dem ist verständlicherweise in den Briefen Josef Gelbarts (M4-M7) keine Rede, musste der Verfasser doch mit der Zensur der NS-Behörden rechnen, die freilich - aus uns unbekannten Gründen - den Briefwechsel in diesem Fall nicht verhindert haben. Gelbart beschränkt sich auf die Schilderung des täglichen Überlebenskampfes, der im Verkauf der aus Kaltenkirchen geschickten und eigener Kleider und Lebensmittel bestand. Alles, was darüber hinausging und die politischen Verhältnisse berührte, wird vorsichtig, in verschlüsselten Wendungen angedeutet, dadurch aber auch tendenziell verharmlost, ja verfälscht. Nur der wachsenden Hoffnungslosigkeit und den existentiellen Ängsten der Menschen im Ghetto gibt Gelbart unmissverständlich Ausdruck. Mit diesen Briefdokumenten erhält das bisher meist auf Tagebücher und Erinnerungen gestützte Bild des Lebens im Ghetto eine zusätzliche Informationsdichte und eine eindringliche, ja erschütternde erzählerische Kraft.

Zum Verständnis dieser Briefe (M4-M7) bedarf es zusätzlicher Informationen. Sie werden in Form einer Zeittafel, einer dokumentarischen Quelle (M3), von Photos vorgelegt. Ein Ghettoplan vervollständigt dieses informative Begleitmaterial. Weitere Hinweise und Erläuterungen befinden sich bei den Materialien.

Das Warschauer Ghetto

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Im Plan des Warschauer Ghettos ist die Milastraße (Wohnung Gelbarts) zu erkennen, dann die Gesiastraße (der große Verkaufsmarkt im Ghetto), der Friedhof als einzige »Grünanlage«; der »Umschlagplatz« ganz im Norden ist Bahnstation Richtung Treblinka.

Aus: Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden (Deutsche Ausgabe hrsg. von Eberhard Jäckel/Peter Longerich/Julius H. Schoeps). Band III. S. 1543;

(c) Argon Verlag, Berlin 1993



Materialien

Warschau im Zweiten Weltkrieg: Überblick

1. September 1939: Warschau: die größte jüdische Gemeinde Europas

(ca. 375 000 Menschen)

2. Oktober 1939: Besetzung durch die deutsche Wehrmacht, Terror gegen die Bevölkerung

26. Oktober 1939: Einführung des Arbeitszwangs für Juden

23. November 1939: Kennzeichnung der jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Geschäfte mit dem Davidsstern

28. November 1939: Einsetzung von Judenräten  (Durchführung der Befehle deutscher Dienststellen)

24. Januar 1940: Anmeldung jüdischen Vermögens

26. Januar 1940: Verbot der Eisenbahnbenutzung für Juden

2. Oktober 1940: Errichtung des Ghettos

18. September 1941: Verkleinerung des Ghettos

ab 22. Juli 1942: Deportation des größten Teiles der jüdischen Bevölkerung nach Treblinka

19. April bis 19. Mai 1943: Aufstand im Ghetto, systematische Zerstörung des jüdischen Stadtteiles

1. August bis 2. Oktober 1944: Warschauer Aufstand


M1  Josef Gelbart: Biographische Daten

1913 Einwanderung der jüdischen Eltern aus Polen nach Altona

1914 geboren in Altona

1935 als Imkerei-Volontär bei der Firma Stockmar in Kaltenkirchen (bei Hamburg) tätig

1938 (28.10) als polnischer Jude mit seiner Mutter nach Polen abgeschoben  1

1939 (schon vor dem 5. 2.) in Warschau wohnhaft

1942 verschollen (letzter Brief vom 20. 5.)

Unterlagen Staatsarchiv Hamburg

1 Die Abschiebung von fast 50000 polnischen Juden, unter diesen auch die Familie Grynszpan, veranlasste den jungen Herschel Grynszpan zu seinem Attentat auf den Diplomaten Ernst von Rath in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938. Josef Gelbart hielt sich schon vor dem 1. 9. 1939 in Warschau auf, um dort eine Kerzenfabrik zu übernehmen. (vgl. M7, 7. 5. 42).



M2  Die Belegschaft der Firma Stockmar in den 30er Jahren (Photo)

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J. Gilbert (ganz links), Herr Stockmar (2. Reihe, 3. von rechts)

M3  Rundschreiben des NS-Kommissars des jüdischen Wohnbezirks in Warschau vom 18. September 1941:

Im Oktober 1940 ist der jüdische Wohnbezirk errichtet worden, um die Juden von der arischen Umwelt zu isolieren und die Gefahr der Seuchenübertragung auszuschließen [...] Im Auftrage des Herrn Generalgouverneurs [...] werden deshalb eine Reihe von Maßnahmen durchgeführt werden, die den Zweck haben, den jüdischen Wohnbezirk wirksamer als bisher gegen die Außenwelt abzuschließen. Diese Maßnahmen bestehen im Wesentlichen darin, die Grenzen auf den Straßen verlaufen zu lassen und das Gebiet des jüdischen Wohnbezirks so zu verändern, daß möglichst übersichtliche Grenzen entstehen [...]

Aus: Faschismus-Getto-Massenmord, S. 127



M4 

Josef Gelbart Warschau, Mila 34/52, den 9. Mai 1941

Lieber Herr Stockmar,

Ihren Brief habe ich erhalten u. mir darüber Gedanken gemacht. Man denkt viel nach und grübelt in diesen Nächten.

Wie glücklich waren wir beide, als heute das Päckchen eintraf. Und alles ohne Zoll! Meiner Mutter geht es gar nicht gut. Aber wir verlieren die Hoffnung nicht, schon um derer willen, die von uns erwarten, daß wir es schaffen.

Und das nächste Päckchen [...] Wenn Sie uns ein paar Zwiebeln u. etwas Brot schicken können und vielleicht sonst eine Kleinigkeit, so ist das für uns die schönste Hilfe. Bisher konnten wir immer noch ein Stück von unserer Kleidung, das noch zu entbehren war, für den Unterhalt verkaufen. Nun ist die Grenze erreicht. Auch viele andere decken so den Lebensunterhalt.

Ich befinde mich auf einem Fleck der Erde, der zehntausenden zum Schicksal geworden ist u. werden wird. Ich glaube, daß ich hier mehr gesehen und erlebt habe, als sonst Generationen beschieden ist. Es muß doch einen Sinn haben, daß ich hier bin u. nicht anderswo, denn wenn man sagen würde, daß alles sinnlos sei, was geschah u. geschehen wird, dann erst, erst dann gäbe es nur noch eins: die Verzweiflung!

Mit den herzlichsten Grüßen Ihr Josef Gelbart.


M5

Warschau, den 25. 10. 41

Lieber Herr Stockmar und Familie!

In diesen Tagen ziehen 80 Tausend Menschen aus anderen Teilen dieses Viertels hierher, da dieses verkleinert wird.1 Es fällt ein nasser Schnee und es ist schon recht kalt [...]

Warschau, den 18. 11. 41

[...] Das Zeug, das Sie sandten, das ist ja ein wahres Wertstück und ich muß doch einige 400-500 Zl. dafür erzielen. Ich habe nun keine Ängste, um ein paar Zloty anzustehen und kann meine Mutter aufpäppeln. Sie muß schnell wieder hoch, denn das Schicksal wartet nicht und ein grausiger Winter pocht an die Tür. Wir selbst leben in einem wahren Eissarg. Und da fehlen oft die elementarsten Dinge Feuer, Wasser, Licht, da kann man schon deswegen verzweifeln. Ich wollte, ich könnte Ihnen einmal berichten, in welcher Verfassung uns die Päckchen fanden und welchen Mut wir schöpften aus diesem Nicht-verlassen-sein. Ich glaube manchmal, wir alle sehen den Frühling nicht. [...]

1 Die »Verkleinerung« des Ghettos (Gelbart spricht vom »Viertel«, nicht vom »Ghetto«) hat die Situation für die Eingesperrten weiter verschärft. Krankheit, Kälte, Dunkelheit, drohende Zwangsarbeit, menschliches Abgeschnittensein und Todesahnungen treten hinzu. Mut erwächst allein aus der geistig-materiellen Verbindung mit Hans Stockmar.

Warschau, den 24. 11. 41

[...] Vergeblich suche ich in meiner Erinnerung, ob ich jemals schon Wochen durchlebt habe, die so schwer waren wie diese. Meine Mutter ist völlig ausgebrannt vom Fieber und zum Skelett abgemagert. So liegt sie weiter in einem kahlen Zimmer, ohne Möbel, bei einem rauchenden Ofen und das Fenster ist gar nicht zu reparieren, denn dicke Eiszapfen liegen immer auf der Fensterbank. Das Schlimmste, was geschehen könnte und was nicht sein darf, wäre, daß meine Mutter bettlägerig bleibt: dann wären wir beide verloren.

Ich bitte Sie, im Dezember wieder einige Kerzen zu senden. Sie machen sich keinen Begriff, wie qualvoll es ist, auch noch die Elektrizität zu vermissen. Ich kann erst heute verstehen, wieso Finsternis zu den 10 Plagen gehört, die bei uns wahrlich vollzählig sind. [...]

 

Warschau, den 22. 12. 41

[...] Und da ich mich gestern fotografieren ließ (der Anlaß: Registrierung zur Zwangsarbeit, muss nicht unbedingt erfreulich sein), so habe ich gleich einen Abzug machen lassen, [...], damit Sie mich auf diese Weise einmal wieder vor Augen bekommen und behalten, auch posthum. Mit den herzlichsten Grüßen und vielen guten Wünschen

Ihr Jupp


M6

Josef Gelbart Warschau, den 13. 4. 42

Warschau Mila 34/52

Lieber Herr Stockmar!

[...] Sie können sich denken, daß ich im Seuchenspital1 alles andere gehabt habe, als die notwendig gewordene Pflege, so daß ich das Spital verließ auf eigenen Wunsch, sobald sich die Entzündung gebessert hatte. Aber ich verließ es als Skelett und mit einer leichten Halsentzündung. In den nun folgenden Tagen wuchs sich diese aus und brachte mich an den Rand des Grabes. [...] Ich werde wieder auf die Beine kommen, wenn sich die schweren äußeren Bedingungen legen.

Ich kann Ihren Trost nicht nehmen, wenn ich sehe, wie wir beide schuldlos - gewissermaßen aus ›Zufall‹, aus Schwäche und Kranksein der Vernichtung entgegengehen. - Aber ich will es immer und immer noch einmal versuchen, wie Sisyphus. Ich werde Ihren Rat brauchen, denn ich habe die Ruhe, von der Sie schreiben, daß sie Fundament ist, schon lang verloren. Der Boden schwankt unter den Füßen, wie kann ich heute Stellung nehmen. Möchte aber mehr darüber wissen: Wie kann und soll man leben im Angesicht des Todes.

Ich grüße Sie und Ihre Lieben aufs herzlichste und bitte Sie, mir zu schreiben, ob ich noch hoffen soll.

Ihr Josef Gelbart.

1 »Seuchenspital« - Gelbart deutet damit die aufopfernd organisierte medizinische Versorgung im Ghetto durch jüdische Ärzte an. Vor allem aber sieht sich Gelbart in der existentiellen Grenzsituation zwischen Leben und Tod, ausgeliefert, wie Sisyphus, der Vergeblichkeit allen Tuns, gerade im Ghetto.


M7

Warschau, den 4. 5. 1942

Mein lieber getreuer Chef, meine liebe Familie Stockmar!

[...] Dieser Winter ist über meine Kraft gegangen. [...] Es ist schwer, gewissenhaft zu berichten, was im Vergangenen geschehen ist. Man müßte schon die Feder eines Dostojewski führen. [...] Es ist ja nicht unmöglich, daß meine Hoffnungslosigkeit ein Produkt des Überstandenen ist und Lebensangst vor dem Kommenden, aber ich glaube doch, daß der Typhus unser Leben zerbrochen hat.

Ich müßte über so viel Faktoren berichten, über meinen Wirt (der in diesen Wochen sein letztes verkauft hat und doch mit seiner Familie verhungern wird in den nächsten Wochen), von Tante und Onkel, die beide in einer Schneiderwerkstatt arbeiten!1 Sie besitzen nur das, was sie auf dem Körper tragen, und obgleich sie fast 12 Stunden auf Arbeit sind (Soldatenkleidung etc.), reicht der Verdienst nicht auf genügend trockenen Brotes. An dem Spätherbst-Tage, da meine Mutter abends von der Suppenküche zurückkam mit den Worten: ›Du, Josef, ich glaube, ich habe Fieber‹, brach alles nieder. [...]

Warschau, den 7. 5. 42

[...] Ich mache mir auch Sorgen um die kommenden Tage, denn ich glaube, daß diese entscheiden werden über Sein oder Nichtsein. Es ist möglich, daß ein Teil der Bevölkerung Warschau wird verlassen müssen, man weiß zwar noch nichts Sicheres, aber man hört oft, daß es sich um jenen handelt, der nach dem Kriege hierher kam. Wir beide sind ja schon 2-3 Monate vor Ausbruch des Krieges hier gemeldet.[...]

Warschau, den 20. 5. 42 (die letzte Nachricht)

[...] Im übrigen ist es gleichgültig, was Sie schicken. Nur ziehen Sie Ihre Hand in diesen dunklen Stunden nicht zurück und verzeihen Sie, daß ich Ihnen so viel Umstände bereite [...]. Lassen Sie mich recht bald von Ihnen hören, Seien Sie mir nicht böse und - nochmals - vertrauen Sie Ihrem alten Jupp.

 

1 Mit dem Hinweis auf die »Schneiderwerkstatt« fällt ein Licht auf das wirtschaftliche Leben im Ghetto. Die in den »Ghettoshops« (vgl. Ghettoplan S. 28) mit Wehrmachtaufträgen beschäftigten und ausgebeuteten Juden und Jüdinnen genossen zunächst ein gewisses Maß an Sicherheit gegenüber dem Terror der NS-Behörden. Die Ahnungen und Anzeichen der heraufziehenden Katastrophe (»Verlassen« = Deportation) aber verdichten sich.

 

Plakat

Aus: Faschismus, Getto, Massenmord, S. 309

Das Plakat mit dem Aufruf soll den Widerstand gegen die »Umsiedlung« durch materielle und persönliche Anreize unwirksam machen. Brot in dieser Menge und Marmelade waren im Ghetto kulinarische Kostbarkeiten.


Literatur

Browning, Christopher R.: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen. Rowohlt, Reinbek 1993.

Broszat, Martin: Nationalsozialistische Polenpolitik 1939- 1945 (Fischer Bücherei). Frankfurt am Main 1965.

Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden (Deutsche Ausgabe hrsg. von Eberhard Jäckel/Peter Longerich/Julius H. Schoeps). Band I-III. Piper, München/Zürich 1995.

Es war einmal - Warschau im Herbst 1939, hrsg. von Stefan Rammler und Peter Steinbach. Neue Presse Fachverlag, Passau 1995.

Faschismus - Getto - Massenmord. Dokumentation über Ausrottung und Widerstand der Juden in Polen während des Zweiten Weltkrieges, hrsg. vom Jüdischen Historischen Institut Warschau. Rütten & Loening, Berlin 2. Auflage 1961.

Kaplan, Chaim Aron: Buch der Agonie. Das Warschauer Tagebuch des Chaim A. Kaplan, hrsg. von I. Katsh. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1967.

Plieninger, Konrad: »Ach, es ist alles ohne Ufer ...«. Briefe aus dem Warschauer Ghetto. Jüdisches Museum Göppingen 1996.

Szarota, Tomasz: Warschau unter dem Hakenkreuz. Leben und Alltag im besetzten Warschau. 1. 10. 1939 bis 31. 7. 1944. Schöningh Verlag, Paderborn 1985.

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