Zeitschrift Polen in Europa
3. Polnische Literatur im Überblick
|
|
| Die polnische Literatur ist in Deutschland relativ wenig bekannt. Warum hat sie es so schwer, den Weg zum deutschen Leser zu finden? Einen wichtigen Grund nennt der Slawist Wolfgang Lettenbauer: »Ihre Stärke - das Verbundensein mit dem nationalen Schicksal - ist zugleich auch ihre Schwäche, ist eine Barriere um außerhalb Polens rezipiert und verstanden zu werden.« Die Anfänge der polnischen Literatur gehen auf das 15.Jahrhundert zurück, als Polnisch das Lateinische als Literatursprache des Landes allmählich verdrängte. Die polnische Literatur war stets mehr als nur Literatur. Stärker als anderswo nahm sie politische Funktionen wahr. Der Schriftsteller nahm seit je eine besondere Stellung in der Gesellschaft ein. Von überragender Bedeutung in der polnischen Literaturgeschichte ist die Epoche der Romantik, als es nach der dritten Teilung Polens keinen polnischen Staat mehr gab. Jetzt wurden die Dichter stellvertretend für den fehlenden eigenen Staat zur »Seelenregierung« der zerstückelten Nation. Seit der Romantik nennt man die Literaten »Seher und Propheten« - und verehrt sie entsprechend. Als größte Dichter dieser Epoche gelten Adam Mickiewicz (1798-1855), Juliusz Slowacki (1809-1849), Zygmunt Krasin´ski (1812-1859). Kennzeichnend für diese Zeit wie auch für spätere Epochen ist die Tatsache, dass ein Großteil der Literatur in der Emigration entstand. »Welcher ist im Augenblick der erste, wichtigste, lebendigste Wunsch der Völker? Wir zögern nicht zu sagen, daß es der Wunsch nach Verständigung, Vereinigung, nach Zusammenschluß der Interessen ist. ... In der Tat, kann es etwas Schändlicheres geben als jenes alte Vorurteil, daß eine von der Hand der Könige quer durchs Land, oft durch eine Stadt gezogene Linie die Bewohner, sogar Verwandte, in Landsleute und Freunde, in natürliche Feinde trennen darf? Es kommt hinzu, daß jeder Europäer, der von einem Ort in einen anderen zieht, nicht nur alle politischen und zivilen Rechte einbüßt, sondern auch, im Voraus der Verbrechen verdächtigt, sich mit Kennzeichen und Zeugnissen ausstatten muß. Die Gewohnheit hatte viele sonst anständige Menschen gefühllos gemacht ...« Adam Mickiewicz: Vom Streben der Völker Europas. In: Pielgrzym Polski, 24. 4. 1833, dt. in: Adam Mickiewicz: Dichtung und Prosa. Ein Lesebuch von Karl Dedecius. Suhrkamp, Frankfurt 1994 (Polnische Bibliothek)
Nach der Niederschlagung des Januaraufstands von 1863 entwickelte sich als Gegenströmung zur Romantik der polnische Positivismus (Realismus), mit Autoren wie Alexander Swietochowski (1849-1938) und Boleslaw Prus (1847-1912). Sie wandten sich gegen die Aufstandsmentalität und wollten durch »organische Arbeit« die staatliche Wiedergeburt voranbringen. Die romantische Strömung blieb freilich virulent und wurde im »Jungen Polen« um die Jahrhundertwende wieder aufgegriffen. Die Zeit nach der Wiedererlangung eines eigenen Staates nach dem Ersten Weltkrieg war wie im übrigen Europa auch in Polen die Zeit der Avantgarden. Doch die Jahre der Freiheit und Souveränität waren zu kurz, als dass sich die Literatur von ihrer nationalen Inanspruchnahme hätte befreien können. Die Zweite Weltkrieg mit dem deutschen und später dem sowjetischen Überfall auf Polen bewirkte eine Hinwendung zur romantischen Tradition. Junge Poeten wie Krzysztof Baczynski (1921-1944) publizierten ihre Gedichte in Untergrundzeitschriften, viele von ihnen starben mit der Waffe in der Hand im Warschauer Aufstand von 1944.
Krzysztof Kamil Baczynski (1944): Elegie von ... [einem polnischen Jungen] Sie trennten dich von Träumen, Sohn, die wie ein Falter zittern, Sie malten eine Landschaft dir aus Bränden und Gewittern, Sie strickten feuchte Augen dir, mein Sohn, die rot verbluten, Und säumten mit Gehängten dir den Fluss der grünen Fluten. Sie prägten dir die Heimat ein, mein Sohn, mit toten Schritten, Das Eisen deiner Tränen hat sich Wege ausgeschnitten, Sie zogen dich im Dunkel groß mit Angst, die alle aßen, Und du gingst blind die unwürdigste aller Menschenstraßen. Du tratst, die schwarze Waffe in der Hand, mein Sohn ins Dunkel und hörtest, wie Minutenschläge dir das Böse unken. Und deine Hand bekreuzte noch die Welt, bevor sie sank. War es die Kugel, war's das Herz, mein Sohn, was da zersprang? (c) 1996 by Ammann Verlag Zürich (s. S. 42: Anmerkung)
Lasst uns Vergesst uns und unsere generation lebt wie menschen vergesst uns wir beneideten pflanzen und steine beneideten hunde ich wollte ich wär eine ratte sagte ich damals zu ihr ich möchte nicht sein ich möchte einschlafen und nach dem krieg erwachen sagte sie mit geschlossenen augen vergesst uns fragt nicht nach unserer jugend lasst uns (c) Hanser Verlag München Trotz politischer Abkehr vom Tauwetter gab es auch nach 1956 keine Rückkehr zum sozialistischen Realismus.
Zbigniew Herbert (1961): Betrachtungen zum Problem des Volkes Aus der tatsache dass wir die gleichen flüche und ähnliche liebesschwüre gebrauchen werden zu dreiste schlüsse gezogen und die gemeinsame schullektüre reicht als prämisse nicht aus um zu töten ähnlich verhält es sich mit dem land (weiden sandweg weizenacker himmel plus wolkengefieder) ich möchte endlich erfahren wo die verblendung endet und die verbindung beginnt ob wir infolge erlebter geschichte nicht seelisch verstümmelt wurden und nun auf fakten mit der gesetzmäßigkeit von hysterikern reagieren sind wir denn immer noch ein barbarischer stamm zwischen den künstlichen seen und den elektrischen wäldern offen gesagt ich weiß nicht ich stelle nur fest dass dieser zusammenhang da ist der sich zeigt im erblassen in der plötzlichen röte im gebrüll und im auswurf der hände und ich weiß wo das hinführen kann - in ein eilig gegrabenes loch also zum schluss noch testamentarisch damit man es wisse: ich habe auch rebelliert aber ich meine dass dieser blutige knoten der letzte sein sollte welchen der sich befreiende zerreißt Aus: Gedichte. 1962 (c) Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M.
Wislawa Szymborska (1962): Wörtchen »La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort, nicht wahr?« frage sie mich und atmete erleichtert auf. Es gibt jetzt so viele von diesen Ländern, dass es am sichersten ist, über das Klima zu sprechen. »Oh, ja«, möchte ich ihr entgegnen, »die Dichter meines Landes schreiben in Handschuhn. Ich behaupte nicht, sie zögen sie niemals aus; wenn der Mondschein wärmt, dann schon. In ihren Strophen, vom lauten Getöse skandiert, denn nur Getöse dringt durch das Heulen der Stürme, besingen sie das einfache Leben der Seehundhirten. Die Klassiker wühlen mit Tinten- zapfen in den festgetretenen Dünen. Der Rest, die Dekadenten, beweint das Schicksal der kleinen Sterne aus Schnee. Wer sich ertränken will, muß zum Beil greifen, um eine Wake zu schlagen. So ist das, meine Liebe.« So möchte ich ihr antworten. Aber ich vergaß, was Seehund auf französisch heißt. Ich bin mir auch des Zapfens und der Wake nicht ganz sicher. »La Pologne? La Pologne? Schrecklich kalt dort, nicht wahr?« »Pas du tout«, antwortete ich eisig. Aus: Gedichte. (c) Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M. 1962 Polnische Schriftsteller wählten Satire, historische Stoffe und Science Fiction, um die polnische Realität zu beschreiben. Nach dem Jahr »1968« - auch in Polen ein Jahr der Studentenunruhen - allerdings mit anderer Akzentsetzung als in Westeuropa - machte eine neue Schriftstellergeneration, die »Neue Welle«, von sich reden. Sie forderte »direktes Reden«, d.h. mehr Offenheit. Zu dieser Gruppe zählten u.a. Autoren wie Stanislaw Baranczak (1946) und Adam Zagajewski (1945). Nach dem Regierungswechsel im Dezember 1970 - in Folge von Arbeiterprotesten in Danzig - konnten sie für kurze Zeit offen publizieren, wurden dann aber von der wieder schärfer werdenden Zensur zum Schweigen gebracht. Der Ausweg war - wie so oft in der polnischen Geschichte - die Publikation im Exil. Ab 1976 veröffentlichten sie ihre Werke auch in Untergrundpublikationen.
Stanis?aw Baranczak (1977): Was wird bezeugen Nicht unsre Geschichtsbücher, die niemand aufschlagen wird, denn wozu auch, und nicht die Zeitungen, die niemals offen waren für die Wirklichkeit (wenn man von einigen Todesanzeigen absieht und Wetterprognosen), auch nicht die Briefe, die so oft geöffnet wurden, dass wir nichts mehr offen in ihnen schreiben konnten, nicht einmal die Literatur, auch die verschlossen in sich, in den Schubladen der Beamten oder in Pappsärgen der beschnittenen Buchausgaben; wenn etwas bleiben wird, dann die offenen Augen dieses Kindes, das heute unsre verschlossene Welt nicht begreift - und sein Mündchen öffnet, um uns eine Frage zu stellen; und wenn es nicht aufhört, die Frage zu wiederholen, dann wird es unsere Wahrheit einmal offen bezeugen. (c) by Ammann Verlag Zürich
Übersetzung Im Zustrom der polnischen Sprache, im Wortgeraschel, in der Mundart der Wahrheit, der unbegreiflichen Sprache der Würde - sind wir unausgesprochen und lachhaft. Hier, auf diesem Stück Erde, in der Mitte Europas sitzen wir in einem Tiegel, ratlos; auf diesem Schauplatz gilt alles uns. Wir gelten niemandem etwas. Jemand schreibt auf die Mauer: Wir waren, wir sind. Sag es auf Litauisch, auf Grusinisch, auf Ukrainisch. Sag es in einer Sprache, die es nicht gibt, in allen sprachlos gewordenen Sprachen der Welt. (c) by Amman Verlag Zürich
Adam Zagajewski (1979): Gedichte über Polen Ich lese Gedichte über Polen, geschrieben von fremden Dichtern, Deutsche und Russen haben nicht nur Gewehre, auch Tinte, Federn, auch etwas Herz und viel Phantasie. Das Polen in ihren Gedichten erinnert an ein verwegenes Einhorn, das von der Wolle der Gobelins sich nährt, das schön ist, schwach und unvernünftig. Ich weiß nicht, worin der Mechanismus der Täuschung besteht, aber auch mich, den nüchternen Leser, betört dieses märchenhafte, wehrlose Land, von dem sich die schwarzen Adler, die hungrigen Kaiser, das Dritte Reich und das Dritte Rom nähren. (c) Hanser Verlag München
Deutsche Übersetzer haben Vorbildliches geleistet, um die polnische Literatur dem deutschen Leser näherzubringen. Allein nach 1945 sind in den deutschsprachigen Ländern mehr als 2000 Bücher polnischer Autoren erschienen. Der ehemalige Direktor des Deutschen Polen-Instituts, Karl Dedecius, hat in der im Suhrkamp Verlag erschienenen 50-bändigen »Polnischen Bibliothek« eine repräsentative, vorbildlich kommentierte Auswahl der polnischen Literatur vorgelegt. Sein 5000 Seiten umfassendes »Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts« (Ammann Verlag Zürich) bietet einen fundierten Einblick in das Werk von über 200 Schriftstellern (vgl. Anm. 1). Die Bücher sind vorhanden: sie müssen nur noch gelesen werden.
Julia Hartwig (1987): Wir sind für dich Wir sind für dich Europa ein reservat der geschichte mit unseren altväterlichen idealen mit unserem entstaubten schatzkästlein mit den liedern die wir singen Wir werfen alles vom besten zum fraß hin dem drachen von zwang und gewalt Junge männer schöne mädchen die besten geister die vielversprechendsten talente blumengaben wortkreuze Leichtfertige erben der autorität ungeweihte verkünder der hoffnung nachlaßverwalter der väterlichen rhetorik sie paßt uns wie angegossen obwohl sie noch gestern uns ein wenig zu eng schien (c) J. H. 1998; Übersetzung: Karl Dedecius
Anmerkung/Literaturhinweis 1 Alle Gedichte bis auf das von Hartwig sind auch herausgegeben in: »Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts«. Herausgegeben von Karl Dedecius/Deutsches Polen-Institut. 5 Abteilungen in sieben Bänden. Zürich: Ammann Verlag 1996ff. Hier in der Abteilung »Poesie«. Hrsg. und übertragen von Karl Dedecius. Zürich: Ammann 1996. (alle außer Szymborska), Szymborska in der Abteilung »Pointen«. Hrsg. und übertragen von Karl Dedecius. Zürich: Ammann 1997. Das Gedicht von Julia Hartwig ist in der Übersetzung von Karl Dedecius bislang nur in einer Zeitschrift veröffentlicht gewesen. |
|
Copyright © 1998 LpB Baden-Württemberg HOME |
Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de |