Zeitschrift

Polen in Europa




III. Beispiele aus Kunst, Musik, Literatur

4. Pawel Huelle: Weiser Dawidek. Eine Erinnerungsgeschichte

 


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Inhalt

 

»Wie war es eigentlich geschehen, wie war es dazu gekommen, dass wir zu dritt im Zimmer des Direktors standen, die Ohren voll unheilvoller Worte: ›Protokoll‹, ›Verhör‹, ›Eid‹? Wie hatte es geschehen können, dass aus normalen Schülern und Kindern zum ersten Mal und einfach so Angeklagte wurden, kraft welchen Wunders erlegte man uns dieses Erwachsensein auf? Ich weiß es bis heute nicht.«

So beginnt eine Erinnerungsgeschichte, in deren Mittelpunkt Dawid Weiser, mehr spöttisch als liebevoll Dawidek gerufen, und eine Gruppe Jugendlicher stehen. Gdansk und die Umgebung sind die Schauplätze der Handlung, die im Sommer 1957 spielt, als das Baden in der Danziger Bucht wegen eines großen Fischsterbens verboten ist und den Jungen nur Ferienspiele auf einem alten Friedhof übrigbleiben. Dawid Weiser hat ein ehemaliges deutsches Munitionslager entdeckt und führt seinen Schulkameraden kunstvolle Experimente vor, bis er auf geheimnisvolle Weise bei den Vorbereitungen einer besonders großen Explosion verschwindet. Eine Untersuchungskommission verhört daraufhin die anderen Jugendlichen in der Schule - ohne Erfolg.

All das erfahren wir aus der Perspektive des sich erinnernden Ich-Erzählers, der viele Jahre später versucht, den Ereignissen des Sommers 1957 nachzugehen und die ungeklärten Vorgänge aufzuhellen. Die Erzählweise, die Geschehnisse aus den Blickwinkeln verschiedener Zeiten und Lebensabschnitte zu beleuchten, wirkt zunächst etwas verwirrend und wird erst allmählich als notwendiges darstellerisches Mittel erkannt. Bereits die Eingangssätze verraten, daß der Ich-Erzähler auf der Suche nach Erklärungen ist, und dies führt immer wieder zur Verschränkung der verschiedenen Zeitebenen: Im Mittelpunkt des ersten Kapitels steht das Verhör im September 1957, das sich auf die Ereignisse im Sommer desselben Jahres bezieht. Niedergeschrieben werden die Erinnerungen und jahrelangen Bemühungen des Erzählers, den Ereignissen auf den Grund zu gehen, erst 1980. Die genaue Datierung ergibt sich erst im Verlauf des Erzählten, sie bleibt zunächst vage: »damals«, »an jenem Nachmittag im August«, »die Strahlen der Septembersonne«.

Als Leser sind wir immer mit dem Erzähler gleichzeitig in verschiedenen Zeiten, folgen seinen reflektierenden Fragen und erfahren, warum er schließlich schreibt:

»War das Zufall? Hatte sich Weiser aus freien Stücken vor dem Pfarrhaus eingefunden, ähnlich wie an Fronleichnam auf dem Hügel beim Altar? Und wenn nicht, was für eine Kraft hatte ihm dann befohlen, es zu tun, warum hatte er beschlossen, sich uns gerade so zu zeigen? Diese Fragen ließen mich lange nicht schlafen, noch lange nach Beendigung des Verhörs und noch viele Jahre danach, als ich längst ein ganz anderer geworden war. Und falls es eine Antwort gibt, dann nur die, daß ich gerade, weil sie fehlt, die Linien dieses Papiers fülle, über alles im Ungewissen.« (S. 17)2

Schreiben als Vergewisserung

In diesem vielstimmigen und vielschichtigen Buch, das 1987 in Polen erschien und begeistert aufgenommen wurde, geht es um Wahrheit, um Entlarvung von Lügen und Tabus in einer ideologisch verblendeten Zeit, um Erschütterung von Scheinautoritäten. Fiktive und historische Wirklichkeit werden in den zentralen Gestalten verbunden, wobei die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Bildung von Solidarnosc lebendig wird. Die Sympathie des Erzählers für die Arbeiteraufstände 1970 und 1980, seine Distanz zu den gesellschaftlich und politisch Einflussreichen, aber auch die Wahrnehmung von Veränderungen ordnen das Buch in die geistige Strömung ein, die zur Unterstützung von Solidarnosc und damit zu den Umwälzungen 1989 führte (vgl. Kapitel I.1.).

Die Suche nach der Wahrheit

Das Verhör

Vier Erwachsene, der Direktor der Schule, der Biologielehrer M. und »der Mann in Uniform«, später noch der Staatsanwalt, verhören drei zwölfjährige Jungen - Piotr, Szymek und den Erzähler Heller - vom Nachmittag bis Mitternacht des ersten Schultags nach den Sommerferien im Sekretariat der Schule, um die »nackte Wahrheit« über Weiser und sein Verschwinden zu erfahren. Das Verhör strukturiert das ganze Buch, indem die bruchstückhaft wiedergegebenen Teile dem chronologischen Ablauf folgen, immer wieder unterbrochen von Reflexionen und assoziativ hervorgerufenen Erinnerungen, die sich erst im Nachhinein zu einem Mosaik des Geschehens fügen. Entlarvt wird in der Darstellung des Verhörs die Fragemethode der Untersuchenden. Da die Fragen nicht offen sind und vorgefasste Meinungen nur bestätigt werden sollen, gibt es keine »richtigen Antworten«. Die Schüler sagen nur das, »was sie hören wollten«. Psychisch und physisch gequält, greifen sie später selber zu Lüge und Erpressung. Die Wahrheit kommt nicht zutage.

Fragen des Erzählers

Wer war Dawid Weiser? Wo ist er jetzt?

Anfang und Ende seines Lebens bleiben rätselhaft im Ungewissen. Alten Zeugnisbögen entnimmt der Erzähler bei seinen späteren Nachforschungen, dass Dawid Weiser am 10. September 1945 in Brody/UdSSR geboren wurde. Die Zeilen ›Vater‹ und ›Mutter‹ sind mit waagerechten Strichen und dem später hinzugefügten Eintrag ›Waise‹ versehen. Dawid lebt bei Abraham Weiser, der im Jahre 1946 als Repatriant aus der UdSSR nach Danzig kam und zwei Jahre später der Stadtverwaltung meldet, »dass unter seiner Vormundschaft ein Junge polnischer Volkszugehörigkeit und polnischer Staatsangehörigkeit stehe«. (S. 67)

Da Abraham Weiser behauptet, Dawid sei sein Enkel, wundert sich der Erzähler, dass Angaben über die Eltern fehlen und dass Abraham für sich, nicht aber für Dawid die jüdische Volkszugehörigkeit registrieren ließ. Ist Dawid gar nicht der Enkel Abrahams, oder ist die Angabe ›polnische Volkszugehörigkeit‹ ein bewusstes Verschweigen der Wahrheit? Auf jeden Fall erfahren wir, dass Dawid nicht am katholischen Religionsunterricht teilnimmt. Obwohl er mit den anderen Jungen in einem Haus wohnt und dieselbe Schule besucht, sondert er sich von ihnen ab, erscheint schüchtern und ängstlich, beobachtet sie aber von weitem. Wartet er auf den geeigneten Augenblick, die Rolle des Außenstehenden mit der des Befehlenden zu vertauschen? Sein Verhalten bei der Fronleichnamsprozession läßt dies vermuten:

»Und eben da sahen wir Weiser zum ersten Mal in einer für ihn charakteristischen Rolle, einer Rolle, die er selbst gewählt hatte und in der er sich später uns allen aufdrängte, wovon wir natürlich nichts wissen konnten. Dicht vor dem Altar, der Jahr für Jahr bei unserem Haus errichtet wurde, schwenkte Pfarrer Dudak kräftig das Weihrauchfass, dem eine herrliche Wolke entströmte - wir erwarteten sie zitternd vor Spannung. Und als der graue Rauch gesunken war, sahen wir auf der kleinen Anhöhe zur Rechten des Altars Weiser stehen, der mit unverhohlenem Stolz all dies betrachtete. Es war der Stolz eines Generals, der die Parade abnimmt.« (S. 13)

Seitdem spüren die Jungen »in seinem Blick eine Distanz, schneidend und brennend«. (S. 14) Mit diesem Blick hält Weiser die nach dem Empfang der Religionszeugnisse in die Sommerferien stürmenden Jungen auf, erweckt aber auch ihre Abneigung. Rufe wie »Weiser Dawidek bleibt bei uns in Reli weg« und »Dawid, Dawidek, Weiser ist ein Itzig!« erzeugen eine hasserfüllte Stimmung, die eine Schlägerei auslöst, bis Elka dazwischentritt. Sie ist die erste, die Weiser in seinen Bann zieht und die fortan nicht von seiner Seite weicht.

Die Jungen bindet er an sich, als er sie beim Kriegspielen auf dem alten deutschen Friedhof in BrÍtowo beobachtet und ihnen ein altes Gewehr schenkt. Ihre Neugierde wächst und lässt sie Elka und Weiser nachspüren. Sobald dieser dies bemerkt, geht er auf Distanz und spielt seine Überlegenheit aus. Selten wendet er sich direkt an die Jungen, fast immer über Elka. So bestellt er sie zum Zoo in Oliwa, wo sie Zeugen seiner Fähigkeit werden, einen Panther zu erregen und anschließend zu besänftigen. Von diesem Tag an beherrscht Weiser die Jungen und führt sie einen anderen Weg nach Hause als gewohnt. Viele Jahre später erinnert sich der Erzähler:

»Und obwohl ich den gleichen Weg später in beiden Richtungen durchwanderte, allein und in Gesellschaft, im Sommer zu Fuß oder mit dem Fahrrad, im Winter auf Skiern, und obwohl ich diesen sechseinhalb Kilometer langen Weg den Weg Weisers nannte, konnte ich nie, auch jetzt nicht, da er nur eine blaue Route des im Stadtführer beschriebenen Naturparks ist, konnte ich mich also nie daran erinnern, ob Weiser, als er uns nach Hause zurückführte, uns all dies mit der Hand gezeigt hatte, oder ob er einen knorrigen Stecken bei sich trug, auf den er sich stützen konnte wie auf einen Spazierstock. Denn wir gingen doch nach Hause, und er führte uns, als seien wir von diesem Tag an sein Volk.« (S. 63f.)

Die biblischen Anklänge verraten, wie stark die Wirkung ist, die von Weiser ausgeht. Unbegreiflich erscheint den Jungen deshalb, dass Weiser nicht eingreift, als bei einer Zirkusvorstellung die Frau des Dompteurs von einem Panther lebensgefährlich verletzt wird.

»Und das war das Ende der Vorstellung. Ich heulte. Es tat mir leid um die schöne Dame und ihr nettes Flitterkostüm, aber mehr noch war ich verbittert über Weiser. Denn eines wußte ich jetzt - entweder konnte er doch nicht alles, oder er wollte nicht helfen. Es sah eher so aus, als wollte er nicht helfen, und das war entsetzlich.« (S. 249)

Will Weiser seine geheimnisvollen Fähigkeiten nicht preisgeben? Fürchtet er, dass man zu nahe an ihn herankommt? Dafür spräche auch der angeblich versehentliche Streifschuss, mit dem er, der zielgenau schießen konnte, den Erzähler für einige Zeit aus seinem Gesichtskreis entfernt, nachdem dieser ihm einen Traum erzählte, in dem Weiser schreckliche Ungeheuer besiegt hatte.

Wie nahe ist der Erzähler im Traum der Wahrheit?

Ein anderes Ereignis scheint besonders wichtig für den Versuch zu sein, Weisers Verhalten zu erklären. Als die Jungen Weiser und Elka nachspüren, geraten sie in eine verlassene Ziegelei und werden zunächst unbemerkt Zeugen einer merkwürdigen Szene. Zu den Klängen einer von Elka gespielten Panflöte tanzt Weiser ekstatisch bei Kerzenlicht und scheint schließlich über dem Boden zu schweben.

»Das war nicht mehr Weiser, unser Schulkamerad von der Nummer dreizehn, erster Stock, der Enkel des Herrn Abraham Weiser, des Schneiders. Das war eher ein erschreckend Unbekannter, ein beunruhigend Fremder, jemand, der durch ein Zusammentreffen von Umständen jetzt in menschlicher Gestalt auftrat, die ganz offensichtlich seine auf eine Befreiung von den unsichtbaren Fesseln des Körpers abzielenden Bewegungen hemmte.« (S. 137)

Nach über 20 Jahren spricht Szymek von »verborgenen hypnotischen Fähigkeiten« Weisers, von »einer Phase der Entdeckung seiner ihm nicht bis ins letzte bewussten Möglichkeiten.« (S. 142)

Wenn Weiser Elka braucht, um seine Experimente auszuführen, welche Rolle spielen dann die Jungen? Warum beginnt er mit den Schießübungen, nachdem er weiß, dass sie ihn beobachtet haben? Beim Schießen zeigt er wieder seine Überlegenheit, ebenfalls bei den Explosionen, die er in der nächsten Zeit vorführt. Hier ist er der Befehlende, der die anderen zu Gehorsam und Bewunderung zwingt. Umso ratloser sind die Jungen, als Weiser und Elka zur Vorbereitung einer besonderen Explosion in einem Tunnel verschwinden und nicht wieder auftauchen. Elka wird zwar drei Tage später bewusstlos gefunden, kann oder will sich aber auch später an nichts erinnern, was Weiser betrifft. Und die Jungen - Szymek und Piotr?

Der Erzähler sucht noch nach Jahren Antworten im Gespräch mit ihnen.

Szymek, den der Erzähler 1980 in Südpolen besucht, hat sich über Weisers Verhalten und Verschwinden Erklärungen zurechtgelegt, die in sich unstimmig sind, ist aber an weiteren Überlegungen nicht interessiert, da ihn die politischen Ereignisse in der Danziger Werft mehr als alles andere beschäftigen.

Und Piotr? »Piotr ging 1970 auf die Straße, um zu sehen, was los war, und wurde von einer ganz echten Kugel getroffen.« (S. 35) In jedem Jahr, meist an Allerheiligen, geht der Erzähler an Piotrs Grab, um mit dem Toten über Veränderungen in der Stadt zu sprechen. Im September 1980, kurz nach Szymeks Verhaftung, entschließt er sich, zum erstenmal über Weiser zu reden. Aber Piotr wehrt sich gegen seine Fragen und gibt vor, müde zu sein. Nach diesem Gespräch beginnt Heller zu schreiben, »denn es gab keine andere Möglichkeit, Klarheit zu schaffen, als diese.«

(S. 179)

Gut zwei Jahre später steckt Heller das Manuskript in einen Spalt der Zementplatte auf Piotrs Grab. Am nächsten Tag unterhalten sie sich darüber, wobei Piotr unwichtige Details bemängelt, aber den Fragen nach der Wahrheit über Weiser wiederum ausweicht. Mit der Bemerkung: »Du hast das geschrieben und weißt es nicht?« deutet er an, dass die Antworten auf Hellers Fragen in dem von ihm geschriebenen Buch liegen, dass der Erzähler Heller aus der reflektierenden Erinnerung Weiser mit seinen besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften neu erschaffen hat und damit der Wahrheit so nahe wie möglich gekommen ist.

Wer spricht die Wahrheit?

Der »Gelbflügler« - ein Prophet?

Dreimal taucht auf dem Friedhof von BrÍtowo ein geistig gestörter Mann auf, der aus einer nahegelegenen Anstalt geflohen ist. Bekleidet mit einem gelben Krankenhausbademantel, der ihm den Namen »Gelbflügler« einträgt, macht er sich nur durch Zeichen verständlich, als die Jungen ihn entdecken, auch später, als sie ihn mit Proviant und Kleidung versorgen. Dennoch ist dieser Mann nicht stumm, denn mehrmals setzt er »mit schöner, weithin vernehmbarer Stimme« zu Klagen und Mahnungen an. Verse der Propheten Jesaia und Zephania verkünden das Weltgericht. Seine Weh-Rufe richten sich an die, »die ihr am Meer wohnt!« Jedesmal läutet er die Glocken des alten Turmes auf dem nicht mehr benutzten Friedhof, und jedesmal wird er verfolgt. Warum? Spricht aus ihm Wahrheit, die erschreckt?

Auf den zwölfjährigen Heller zumindest machen die Worte des Gelbflüglers größeren Eindruck als die des Pfarrers seiner Gemeinde oder des Bischofs von Oliwa bei ihren Bittgottesdiensten zur Abwendung des Fischsterbens in der Danziger Bucht:

»Hätte der Bischof vor den Versammelten das bedrohliche Bild der Vernichtung und des göttlichen Zorns ausgebreitet, hätte er wie jener von Blut, Leichen und Strafe für die Treulosigkeit gesprochen, dann, dachte ich, wären bestimmt mehr Leute auf die Knie gefallen, hätten sich an die Brust geschlagen und bekannt: ›Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!!!‹ Nur - in wessen Namen sprach der Bischof und in wessen der Gelbflügler?« (S. 183)

An anderen Stellen erscheint der Gelbflügler dem Erzähler wie Moses beim Gang durchs Rote Meer und bei der Verfolgung im Einklang mit der schützenden Natur: »Das Gras beugte vor ihm seine Halme, und die Sträucher öffneten sich von selbst, um ihm die Flucht zu erleichtern.« (S. 252) Wo aber diese Natur durch den Eingriff des Menschen verändert wird, droht Gefahr:

»Eines nur hatte er nicht vorausgesehen, wusste er nicht oder hatte er einfach vergessen - dass das Tal nicht mehr dasselbe Tal war, wo kniehohe Gräser wuchsen, Büschel von wilden Disteln und Ginster, wo an sonnigen Tagen leise die Ringelnattern vorbeihuschten und Rebhühner einem an den Füßen vorbeisausten wie geflügelte Geschosse. Er stolperte beim ersten Stacheldraht ...« (S. 252)

Wird hier ein Tabu angesprochen, Verantwortungslosigkeit im Umgang mit der Natur deutlich? Die Hilflosigkeit gegenüber dem Fischsterben in der Danziger Bucht, die unterschiedlichen Erklärungen der Betroffenen sprechen dafür.

Alkoholismus als unbewusster Protest -

Wahrheit im Rausch?

»Etwa gegen zwei sah ich Frau Korotkowa mit einem Korb voller Wäsche. ›O je‹, sagte sie, ›was soll denn nur werden, es ist ein Kreuz mit diesen Kerlen‹, hier stellte sie den Korb auf die Erde, holte aus ihrem Korb die Wäscheklammern aus Holz und hängte die Unterhosen, Hemden und Geschirrtücher auf die Leine. ›Ein Kreuz‹, wiederholte sie, ›er lässt sich wieder vollaufen und bringt kein Geld heim!‹« (S. 183)

In diesen Sätzen ist mit dem Alkoholismus ein weitverbreitetes Problem der Gesellschaft angesprochen. Über den Besuch der Liliput-Bar heißt es an anderer Stelle:

»Alle Männer, die in unserem Teil des oberen Wrzeszcz wohnten, schauten hier mindestens einmal im Monat nach der Arbeit vorbei, um sich für kurze Zeit von den Alltagssorgen, den Gedanken an die Zukunft und unangenehmen Erinnerungen freizumachen.« (S. 185)

Zu diesen Männern gehört auch Herr Korotek. Mehrmals wird er erwähnt, denn er fällt auf, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und, enthemmt durch den Alkohol, unterdrückte Wahrheiten herausschreit. Vor einigen Jahren ist er von »zwei Männern in Mänteln« abgeführt worden, denunziert, da er angeblich Radio London gehört habe.

»Und Herr Korotek kam zurück, aber erst nach drei Wochen, mit einem Auge wie eine saftige Pflaume, und als der jüngste Tag der nächsten Lohnzahlung da war, stellte er sich mitten auf den Hof, zog das Hemd aus und zeigte jedem, der es sehen wollte, seinen Rücken, der wie ein gestreiftes Zebra von gelbroter Farbe aussah. Dabei verfluchte er sein Schicksal und beklagte die ganze, von Huren, Gaunern und Schurken regierte Welt.« (S. 54 f.)

Unterdrückung der Wahrheit -

der Umgang mit der Geschichte

Die Zwölfjährigen spüren, dass ihnen in der Schule durch ideologische Erziehung die Wahrheit vorenthalten oder verdeckt wird. Sie besitzen ein sicheres Gefühl, zwischen Redlichkeit und Bevormundung zu unterscheiden. So wie sie den Biologielehrer M. als Parteimann und Lehrer fürchten, als Mensch verachten, lieben sie ihre Polnischlehrerin, die bezeichnenderweise den Namen Regina trägt, wegen ihrer Geradlinigkeit.

»Frau Regina unterrichtet Polnisch, sprach nie von der Ausbeutung, schrie uns nicht an und las so schöne Verse, dass wir immer mit angehaltenem Atem lauschten, wenn Ordon die Festung in die Luft jagte, und mit ihr sich selbst und die anstürmenden Russen, oder wenn General Sowinski sich mit dem Degen gegen die Feinde des Vaterlands verteidigte und sein Leben verlor.« (S. 108)

Auch der Gesang des Gelbflüglers berührt die Jungen stärker als die im Musikunterricht geprobten ›Lieder für die Massen‹.

»Und jetzt sang der Mann im Bademantel unter den bezaubernden Klängen der Glocken von BrÍtowo - denn anders als in unserer Kirche gab es hier drei Glocken, nicht nur eine - sang, als wäre es der Refrain eines Liedes, unter den herrlichen Glockenklängen: ›Wehe denen, die ungerechte Gesetze beschließen, wehe denen, die ungerechte Gesetze beschließen.‹ Und wir standen um ihn herum, und einige von uns wiegten sich sogar im Rhythmus dieses Liedes, denn sicher war es ein Lied, wenn auch kein kirchliches, jedenfalls hatten wir es nie in der Kirche gehört, und auch kein Lied für die Massen, denn im Musikunterricht sangen wir nur Lieder für die Massen, und dieses war dort nie vorgekommen.« (S. 40)

Die Jungen leben in einer Stadt und Umgebung, deren reichhaltige Geschichte ihnen nicht bewusst gemacht wird. Sie stoßen bei ihren Spielen auf historische Spuren, die nicht weiterführen. Eine der vielen Ringelnattern, die Weiser und Heller vor den gewalttätigen Kleingärtnern retten und auf dem Friedhof freilassen wollen, zieht den Blick der Jungen auf einen alten Grabstein.

»›Hier steht etwas geschrieben‹, sagte ich zu Weiser, ›kannst du das lesen?‹ Er beugte den Kopf über den Grabstein und las: ›Hier ruht in Gott Horst Meller. 8. VI. 1925 - 15. I. 1936‹, und weiter buchstabierte er: ›Warst unser Lieb alle Zeit und bleibst es auch in Ewigkeit.‹ Ich kann kein Deutsch, erklärte er, aber das erste heißt, dass hier Horst Meller ruht, und das zweite ist irgendein Vers, denn es reimt sich, schau, er berührte mit den Fingern die eingemeißelte Inschrift aus gotischen Lettern, ›Zeit‹, und in der zweiten Zeile ›Ewigkeit‹. Eit - eit, es ist bestimmt ein Vers. Er war elf, sagte ich, als er starb, so alt wie wir. Nein, er ist nicht 1925 geboren, sondern 1929. Weiser beugte das Gesicht dichter über die Inschrift, schau, das ist keine Fünf, sondern eine Neun! Du redest, als würdest du ihn kennen! Zum ersten Mal stritt ich mich mit Weiser. Das hier ist keine Neun, sondern eine Fünf, also ist er 1925 geboren, und als er starb, war er elf‹« (S. 236 f.)

Warum will Weiser nicht wahrhaben, daß der begrabene Junge, als er starb, so alt war wie er? Warum fragt beim letzten Gespräch der tote Piotr: »Horst Meller. Hast du herausbekommen, wer er war?« (S. 279)

Als der Erzähler das letzte Mal zu Piotr geht, sind auch die kärglichen Überreste dieser Geschichte verschwunden.

»Linker Hand müsste ich am Friedhof von BrÍtowo vorbeikommen. Das ist hier. Auf dem großen Platz gibt es keine Grabsteine mit gotischen Buchstaben. Die Bäume sind abgesägt. Ein Bulldozer schiebt, gleich neben der Backsteinkirche, Massen von Steinen und zertrümmerten Platten auf einen Haufen. Er gräbt ein Fundament für eine neue, sehr viel größere Kirche.« (S. 277)

Hinter der scheinbar sachlichen Betrachtung der Veränderungen wird Trauer über das Zudecken und Überbauen vertrauter Orte der Jugend deutlich, gipfelnd in der Aussage: »Ich bin müde wie ein alter Mann.«

Nicht nur die ältere Geschichte der Stadt wird verdrängt oder ideologisch verflacht (»Piastenstadt«), auch die jüngste Vergangenheit unterliegt Tabus, wie die Umstände von Piotrs Tod und Begräbnis zeigen. Mehrmals lesen wir, »daß Piotr 1970 auf der Straße umgekommen ... ist.« (S. 13; 25) Für die Eltern war es Mord, für Augenzeugen Zufall. Aber die Brutalität, mit der 1970 gegen die Demonstranten vorgegangen wurde, zeigt sich im Umgang mit dem Toten. Szymek erkundigt sich zehn Jahre später, ob am geplanten Denkmal vor der Danziger Werft der Name Piotr stehen werde.

Alle Bekannten haben Piotr in einem gemeinsam gestifteten Grabstein ein Denkmal gesetzt, aber »kein Steinmetz wollte die Inschrift ›ermordet‹ einmeißeln, und schließlich blieb es bei ›tragisch umgekommen‹.«

Auch der Beichtvater Dudak flüchtet sich in Floskeln und weicht der Wahrheit aus, als Heller ein Jahr später Fragen nach dem Sinn von Piotrs Tod stellt und seine eigenen Glaubenszweifel bekennt.

Wohin fliegt der weiße Adler?

»Syzmek und Piotr standen an der Seite«, (erinnert sich Heller an das qualvolle Verhör), »ich mit meinem schmerzenden und von der langen Bewegungslosigkeit geschwollenen Bein zwischen ihnen. Sie konnten sich mit Blicken nach links oder nach rechts retten, ich dagegen war allein mit dem Blick des Direktors und dem dunkel gerahmten weißen Adler über seinem Kopf. Manchmal schien es mir so, als bewegte der Adler einen seiner Flügel und wollte auf den Hof hinausfliegen, und ich wartete darauf, dass wir alle das Knirschen zerbrochenen Glases hören würden und der Vogel davonflöge, aber nichts dergleichen geschah.« (S. 9)

Symbolisch mag diese Aussage für viele stehen, die dem Wunsch nach Befreiung aus beklemmender Enge Ausdruck verleihen. Hoffnungen, erfüllte und enttäuschte, Proteste und Kämpfe, erfolgreiche und gescheiterte, leben immer wieder in den Rückblicken auf und machen den Roman auch zu einer Geschichte des Mutes, der den Schleier vor der Wahrheit zerreißt.

Die verspielte Architektur des Hauses, das Schichau, der ehemalige Besitzer der Danziger Werft, bewohnte, regt die Phantasie des zwölfjährigen Heller an, sich die Erzählungen des Biologielehrers M. über Ausbeutung und Klassenkampf auszumalen. Seine kindlich naiven, von ideologischer Beeinflussung geprägten Vorstellungen werden jedoch aus der Sicht des Erwachsenen revidiert:

»Unsere Väter marschierten zwar nie vor dem Haus Herrn Schichaus durch die Jas´kowa Dolina und sangen nicht ›Als das Volk mit Waffen‹, aber 1970 gingen sie am Parteikomitee vorbei und sangen ›Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt‹. Und Piotr ging hinaus auf die Straße, um zu sehen, was los war und bekam eine Kugel in den Kopf.« (S. 77)

1970 gingen die Väter gegen Gomu=ka auf die Straße, obwohl sie 1957, nach dem Posener Aufstand, »begeistert waren von den Reden W=adis=aw Gomu=kas und sagten, solch einen Anführer hätten die Arbeiter noch nie gehabt und würden sie auch nicht wieder haben.« (S. 211 f.)

1980, zehn Jahre später, weisen Transparente auf weiterreichende Ziele hin: »Wir fordern die Anerkennung«; »Die Presse lügt«. »Dieses Mal haben sie nicht geschossen«, freut sich Szymek, und der Erzähler spricht von »einer ganz anderen Zeit« (S. 139), obwohl Szymek kurz danach verhaftet wird.

Im Denkmal vor dem Tor der Danziger Werft, »an derselben Stelle, wo die Schüsse gefallen waren«, haben viele Aussagen des Romans bildhafte Gestalt angenommen.

WEISER DAWIDEK und KATZ und MAUS -

»Bücher führen einen Dialog«  3

Danzig ist die Heimatstadt beider Autoren. Pawe= Huelle wurde dort 1957 - dreißig Jahre nach Günter Grass - geboren. Er kennt Grass persönlich und hat seine Werke gelesen, soweit sie ins Polnische oder Englische übersetzt wurden. In einem Gespräch, das 1991 zwischen den beiden Autoren in Danzig stattfand, betont Huelle ausdrücklich die »Wahlverwandtschaft« mit Grass.

Den Roman »Weiser Dawidek« kann man in mancher Hinsicht mit der Novelle »Katz und Maus« vergleichen. Im Rückblick entlarven die Ich-Erzähler beider Werke be-wusst und unbewusst ideologische Verblendungen und Scheinautoritäten, wobei Erzähler und Hauptgestalten immer mehr zu komplementären Personen werden. Beide Male steht Selbsterlebtes im Kontext historisch-politischer Entwicklungen, wobei historische und fiktive Wirklichkeit ineinandergreift.

Die Schauplätze der Handlungen sind topographisch verankert und teilweise identisch. Die Jugendlichen um Mahlke sind wie die Jugendlichen um Weiser in Langfuhr, heute Wrzeszcz, zu Hause. Die Jugendlichen in »Katz und Maus« verbringen die Sommer der Kriegsjahre in der Bucht, die den Jugendlichen des polnischen Romans versperrt ist.

Somit gewähren beide Werke Einblick in die wechselhafte Geschichte des Raumes und seiner Bewohner. Wo Grass 1945 aufhören musste, erzählt Huelle weiter.

Anmerkung

1 Der Roman »Weiser Dawidek wurde im Leistungskurs Deutsch am Theodor-Heuss-Gymnasium Heilbronn im Schuljahr 1996/97 behandelt.

2 Alle Seitenangaben beziehen sich auf: Pawe= Huelle: Weiser Dawidek,

Fischer-Taschenbuch 12796, Frankfurt/M. 1995

3 Günter Grass und Pawe= Huelle im Gespräch.

In: Deutsche und Polen, München 1992, S. 560

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